Eine dramatische Komödie mit Schlupfloch


In gewisser Hinsicht sind die Regeln der amerikanischen Television Academy – besser bekannt durch ihren jährlichen Preis, den Primetime Emmy Award – wie das österreichische Raucherschutzgesetz aus dem Jahre 2008. Wieso dies in meinen Augen der Fall ist, werde ich mit den folgenden Zeilen zu erklären versuchen.

Früher (noch Mitte der 2000er) war es ziemlich klar, ob eine TV-Serie ein Drama oder eine Komödie ist. Die vier großen US-amerikanischen Networks (ABC, NBC, CBS, FOX) mussten nach strikten Regeln handeln: Nacktheit, schockierende Bilder oder Schimpfworttiraden waren auch nach 23:00 nicht erlaubt. Dank Pay-TV wie HBO (Game of Thrones, The Wire) oder Showtime (Homeland, Showtime), Cable-TV wie AMC (Breaking Bad, The Walking Dead) und Streaming-Plattformen wie Netflix (House of Cards, Orange Is The New Black) oder Amazon Instant Video (Transparent, Bosch) wurde der Horizont der Fernsehkonsumenten in den letzten zehn Jahren jedoch laufend um verschiedenste neue Aspekte erweitert und ergänzt.

Primetime Emmy Awards
Aaron Paul, Anna Gunn & Bryan Cranston (c) emmys.com

Dank der künstlerischen Freiheit (im Nicht-Network-TV sind Nacktheit, Fluchen und härtere Gewalt nicht nur erlaubt, sondern gleichsam ein Mittel zum Zweck) entstanden in den letzten Jahren auch immer mehr mutigere Genremixes, welche teilweise weder von den Erfindern, Produzenten oder Auftraggebern (in diesem Falle z.B. HBO / AMC / Netflix / Amazon) selber klar eingeordnet werden konnten.

So geschah es, dass bei den heurigen Golden Globes die von Amazon produzierte Serie Transparent den Preis für die beste Komödie gewann. Wer die erste Staffel dieser Serie gesehen hat, wird mir beipflichten, dass Transparent wohl nur zu maximal 10% amüsant ist, die restlichen 90% eher schwer zu verdauen sind und Melancholie vorherrscht.

Wieso aber kann eine offensichtlich „unlustige“ Serie nun einen Preis für eine Komödie gewinnen? Ganz einfach, weil bis vor kurzem der jeweilige Auftraggeber bestimmt hat, in welches der beiden Rennen eine Serie geschickt wird. Deswegen kämpfte auch Orange Is The New Black zuletzt zweimal um den Emmy für die beste Komödie – eine Serie die ähnlich wie Transparent nur mitunter amüsant ist, vom Charakter her jedoch eindeutig Dramaform besitzt.

Transparent
Jeffrey Tambor (c) abcnews.com, all rights reserved

Zuletzt konnte übrigens im Jahre 2006 eine Serie aus dem Network-TV („24“; FOX) den Emmy für das beste Drama gewinnen. Gerade für das Prestige der Networks ist dies alles andere als angenehm, weil immer mehr Zuseher wegbrechen, die Quoten in den Keller gehen und gleichermaßen weniger Werbeeinnahmen generiert werden können. Aus diesem Grund wurde vor wenigen Monaten (unter dem Einfluss der Network-Mitglieder in der Television Academy) miterwirkt, dass ab 2015 nur mehr Serien mit einer Länge von unter 30 Minuten als Komödie eingereicht werden können.

Diese Änderung hat ins Besondere vier kommerziell und kritisch erfolgreiche Serien betroffen: Glee (FOX), Shameless (Showtime), Jane the Virgin (CW) und O.I.T.N.B. (Netflix). Nun spanne ich den Bogen zurück zu meinem Eingangssatz. Den Verantwortlichen dieser Serien wurde gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, Petitionen einzureichen, um eine Ausnahmeregelung zu erhalten und trotz der Länge von über 30 Minuten dennoch als Komödie antreten zu können.

Glee, Shameless und Jane the Virgin haben dies gemacht. Und wie man sich schon denken kann, haben auch alle drei Serien diese Genehmigung erhalten. Regeln wurden also geschaffen, um ebendiese relativ leicht umgehen zu können, ähnlich wie bei den Ausnahmegenehmigungen für Raucherbereiche in kleineren Lokalen. Aber im Gegensatz zu Zigarettenrauch sind Serien nicht gesundheitsschädigend, man kann sie einfach ausschalten, wenn man sie nicht (mehr) ausstehen kann.

Autor: themanwho83

Zwischen Graz und Ried

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