Abstiegskandidat Nummer Eins


Ich bin ein Fußballfan mit realistischen Vorstellungen und Erwartungen. Ich bin mir dessen bewusst, dass die SV Ried nur über ein eng bemessenes Budget verfügt und mit den großen Teams aus den Landeshauptstädten unter Normalbedingungen nicht mithalten kann. Daher ist der Kampf um einen Europapokalplatz für mich eine Ausnahme und positive Begleiterscheinung, kein Muss oder Ziel. Dass Spieler mit Potential (zuletzt Lainer und Thomalla) nach einer guten Saison meist bei einem anderen (größeren) Verein landen, ist ebenfalls bekannt und daher verschmerzbar. Dass der schlafende Riese (der sich allerdings seit einem Vierteljahrhundert im Tiefschlaf befindet) aus Linz bei einem Aufstieg einige Sponsoren und auch Fanpotential aus zentalen Bezirken abgraben könnte und würde, ist ebenfalls eine realistische Bedrohung (auch wenn es die meisten Anhänger aus dem Innviertel nur schwer zugeben würden). Ein gesicherter Platz im Mittelfeld ist durch diese vielen Faktoren kein Beinbruch, sondern ein vernünftiges und realistisches Ziel.

Daher würde ich mich auch mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung von Mannschaft und Verein (inkl. Infrastruktur) und dem regelmäßigen Ärgern der großen Teams (RBS, Rapid, Austria, Sturm) vollauf zufrieden geben. Zweiteres passiert jedoch so gut wie überhaupt nicht mehr (in der letzten Saison wurde von diesen 16 Spielen gegen die big4 gerade einmal EINES gewonnen) und ersteres wird zum immer größeren verbalen Ärgernis. Denn das offizielle Saisonziel, die Spieler weiterzuentwickeln, ist zwar realistisch und pragmatisch formuliert, geht dem gemeinen Fan jedoch komplett am Hinterteil vorbei. Ich verstehe nicht, wieso man die Ziele nicht etwas spannender formuliert, z.B. mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben will oder Fußballfeste in der Keine Sorgen Arena feiern will. Mit solchen Zielen lockt man mit Sicherheit mehr Interessenten ins Stadion, unabhängig davon, wie das echte/interne Saisonziel lautet.

Dazu kommt der Umstand, dass andere Teams der gleichen Größenordnung wie Wolfsberg oder Altach seit wenigen Jahren ebenfalls verstehen, wie man einen Verein intelligent und nachhaltig führt und weiterentwickelt. Zudem betreiben die größeren Vereine seit wenigen Jahren auch ein besseres Scouting im Bezug auf junge österreichische Spieler in den unteren Klassen, als Beispiel sei hier Rapid mit Schobesberger genannt. Durch diese beiden Faktoren geht ein ehemaliger Wettbewerbsvorteil nach und nach verloren. Mittlerweile bekommt man high-potential-Spieler (wie einst Royer oder Ulmer) maximal nur mehr auf Leihbasis. Aus dem eigenen Nachwuchs kommt seit Patrick Möschl ebenfalls nur mehr sehr wenig (bis gar nichts) nach, da auch hier lokale Rivalen wie RBS die Gegend aggressiver abgrasen (pun intended) und der Kampf um echte Nachwuchstalents härter denn je scheint.

Wenn es um den langsamen aber stetigen Abwärtstrend der letzten Jahre geht, dann müssen an diesem Punkt auch einmal die Trainerentscheidungen nach der Ära Gludovatz hinterfragt werden. Mit Fuchsbichler wurde ein No-Name installiert, der sich primär damit einverstanden zeigte, mit dem dominanten Co-Trainer Gerhard Schweitzer zusammenzuarbeiten. Dass dies nicht gut gehen würde, war für alle relativ schnell erkennbar und resultierte mit der frühzeitigen Entlassung nach einer 1-6 Blamage in Favoriten. Mit Michael Angerschmid folgte ihm ein Trainer ohne jegliche Erfahrung in den drei höchsten Spielklassen nach, dessen letztes Saisonviertel durch die öffentliche Diskussion um die im Vertrag verankerten 48 Punkte völlig zur Nebensache geriet. Mit O.G. (Name wird vom Autor weder ausgeschrieben noch ausgesprochen) wurde ein Trainer installiert, der von einer Spielphilosophie des Krösus aus Salzburg träumte, infolgedessen wurde die Spielweise (Dreierkette, Offensivpressing usw.) völlig umgekrempelt und der letzte Tabellenplatz nach dem ersten Saisonviertel war die Folge. Zudem gab auch negative Schlagzeilen außerhalb des Spielfeldes, Stichwort Kamingespräch. Nach dem unrühmlichen Abgang zu Pfingsten wurde mit Kolvidsson ein Trainer verpflichtet, der gerade mit einer Mannschaft abgestiegen war und dessen Frühjahresabsturz mit Austria Lustenau vor drei Jahren geradezu spektakulär abgelaufen war.

Ebenso wurde das Spielsystem erneut umgestellt. Von einem 3-5-2, das zumindest regelmäßig defensiv funktionierte, auf ein flaches 4-4-2, mit welchem zwar vielleicht Manchester United in den 90ern Erfolg hatte, dort jedoch auf etwas anderes Spielermaterial zurückgreifen konnte. Und nebenbei wird dieses leicht zu knackende System nicht zu Unrecht schon seit über einem Jahrzehnt international nicht mehr wirklich gespielt. Die Folge? Eine inferiore Vorbereitung mit Niederlagen gegen Hajduk Split, gegen eine wirklich schwache Mannschaft aus Podbrezová sowie mit einem last-minute-Unentschieden gegen Târgu Mureș.

Das erste große Warnsignal sendete jedoch das Testspiel gegen Mlada Boleslav aus, welchem ich unglücklicherweise live in Hinterstoder beiwohnen durfte. Zur Pause stand es glücklicherweise nur 0-4, man hätte sich über ein 0-6 oder gar 0-7 jedoch auch nicht beschweren dürfen. Hätten die Tschechen nach einer Stunde nicht alle Stammspieler gewechselt und zwei Gänge zurückgeschaltet, die Niederlage wäre deutlich heftiger als mit 0-5 ausgefallen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir noch, ein (zu) starker Gegner am Ende des Konditionstrainings wäre ein logischer Ausrutscher gewesen. Das blamable 1-8 gegen Sparta Prag (ohne sechs Stammspieler) eine Woche später bewies jedoch das genaue Gegenteil. Massiv überforderte Außenverteidiger, ungenügende Unterstützung von den Mittelfeldspielern und absolut keine Abstimmung bei Standards versprachen eine Woche vor dem Saisonbeginn eine ungemütliche Zeit für Trainer und Mannschaft.

Mit dem knappen 2-3 gegen Galatasaray (welches wohl auch dem Fitnesszustand der Türken geschuldet war) und dem 15-0 gegen den SV Innsbruck wurde kurzzeitig der Eindruck geweckt, man hätte die Kurve gekratzt und Selbstvertrauen für den Saisonbeginn getankt. Dass diese beiden Ergebnisse (und auch Gegner) jedoch nur über die Schwächen hinwegtäuschen würden, konnte man im ersten Meisterschaftsspiel gegen Rapid recht schnell erkennen. Das 0-3 schmeichelte am Ende, bei einem nachdrücklicheren Ausnutzen der Chancen wäre hier schon ein Ergebnis irgendwo zwischen Mlada Boleslav und Sparta Prag möglich gewesen. Das 0-0 gegen den WAC, welches kämpferisch sehr okay war, war jedoch durch die glasklaren Chancen der Kärntner (dreimal rettete die Latte, einmal Prada auf der Linie, zweimal Gebauer in extremis) auch nur ein kurzzeitiger Moralschub für den gebeutelten Anhang, weil man den letzten Tabellenplatz verlassen konnte. Der schlechte Nachgeschmack der vielen vergebenen Chancen der Wolfsberger blieb jedoch.

Die heutige (bzw. mittlerweile gestrige) Partie gegen Mattersburg hat mir (und vielen anderen) jedoch nun endgültig den Rest gegeben. Es laufen Spieler in dieser Mannschaft herum, die einfach keinerlei Spielintelligenz besitzen. Dass man einen Ball nicht in die Mitte klärt, dass man einen Ball nicht im Fünfer aufspringen lässt, dass man den Gegner bei Standardsituationen nicht aus den Augen lassen soll, das lernt man alles in frühester Jugend. Dennoch passieren seit zwei Monaten genau diese fundamentalen Fehler. Sobald ein Gegner einen konzentrierten Angriff mit 1-2 schnellen Pässen vorträgt, implodiert die Defensive der SVR in geradezu unheimliche Dimensionen. Konkret waren heute Janeczek und Bergmann mehr als nur überfordert, die beiden hätten sich bei mir für die heutige Antileistung sogar eine kurzzeitige Nachdenkpause verdient, schlechter hätten sich Reifeltshammer und Baumgartner auch nicht anstellen können. Neben der Spielintelligenz fehlt jedoch auch jegliche Abstimmung in der Defensive. Ein Punkt, den Kolvidsson im Interview nach dem Match nicht nur anmerken sollte, sondern für den er seit nun knapp zwei Monaten eigentlich hauptverantwortlich ist.

Auch die andauernde Ausrede, dass man elf neue Spieler im Kader hat, zieht bei mir und auch den meisten anderen Fans, mit denen ich mich während der letzten Wochen unterhalten habe, überhaupt nicht. Mit Lainer und Thomalla wurden lediglich zwei Stammspieler abgegeben. Mit Bergmann, Prada, Sikorski (und heute Gavilan) befinden sich gerade einmal drei bis vier neue Spieler in der Startelf, die restlichen Spieler sind Ergänzungsspieler bzw. Backups und haben keinerlei Einfluss auf die Startelf. Mit Gebauer, Trauner, Janeczek, Filipovic, Ziegl, Kragl, Murg, Elsneg und Walch befindet das gesamte Rückgrat der letzten Saison noch im Verein. Man ziehe den direkten Vergleich mit Grödig, bei denen bis auf zwei bis drei Spieler die ganze Mannschaft ausgetauscht wurde, die nach drei Spielen aus einer gesicherten Defensive heraus jedoch mit fünf Punkten exzellent positioniert sind.  

Wenn der Trainer dann auch ernsthaft der Meinung ist, dass man defensiv wie gegen den WAC und offensiv wie gegen Mattersburg spielen müsste und dann alles besser wird, dann ist das für mich krasse Realitätsverweigerung und ein langfristiges tête-à-tête mit der roten Laterne wäre die logische Folge. Sollte sich nicht schleunigst etwas drastisch ändern (die Konsequenzen von einer Trainerentlassung, einer Änderung im Betreuer- oder Funktionärsstab bis hin zur Verpflichtung neuer Spieler oder einer Denkpause bestehender Spieler), dann wird dies vermutlich die unspannendste Saison aller Zeiten, weil dann steht meine/unsere SVR bereits vor der Winterpause als Absteiger fest. Und das behaupte ich wiederum als Realist.

Autor: themanwho83

Zwischen Graz und Ried

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