Der Mann, der mir die Freude am Fußball nahm


… heißt Aloysius Paulus Maria van Gaal, wurde vor 64 Jahren in Amsterdam geboren und ist seit Juli 2014 der Manager von Manchester United. Bei seinem Amtsantritt (als Nachfolger des erfolglosen David Moyes) von vielen als genau der richtige Mann für eine Übergangsphase von 2-3 Jahren angesehen, hat er in der Zwischenzeit allerdings nur eines geschafft: dass ich derzeit fast kein Interesse an Fußball besitze.

Jahrelang, besser gesagt schon jahrzehntelang hatte ich mein Leben rund um die Matches von MUFC geplant. Beispielsweise an Samstagen um 1600 konnte ich nicht auf einen Kaffee mitgehen, an CL-Dienstagen konnte ich nicht zum Pubquiz kommen, jeder wusste um meine beinahe irrwitzige Leidenschaft für United Bescheid. Doch diese Affinität zum Fußball betraf nicht nur United (und meine andere große Liebe, die SV Ried), sondern beinahe jedes x-beliebige Match. Egal ob brasilianische Liga am Sonntagabend, zweite deutsche Liga am Montagabend oder französischer Ligapokal am Dienstagabend, ich konnte mich für jedes Fußballspiel begeistern welches ich zufällig irgendwo im TV aufschnappte.

Seit einigen Wochen ist dies anders. Ich habe die letzten vier Matches von United gänzlich gemieden, und auch andere Spiele nur peripher mitverfolgt. Ich kann mich derzeit nicht mehr für Fußball im Fernsehen motivieren. Ich lege Termine und Treffen bewusst auf Matchtermine, hebe mir meine Lieblingsserien für Fußballabende auf und verfolge auch bei weitem nicht mehr so viele Fußballmedien wie früher (das ASB sei hier stellvertretend genannt).

Ich bin weiß Gott kein Schönwetter- oder Erfolgsfan. Beweis gefällig? Meine Sportteams, welche ich abseits des Fußballs unterstütze (auch die SV Ried hat mehr schwierige als lustige Zeiten durchgemacht) sind folgende: Chicago Bears (NFL), Buffalo Sabres (NHL) und die Chicago Cubs (MLB). Die letzten zwei dieser drei Teams sind statistisch gesehen die erfolglosesten ihrer Ligahistorie und auch die erstgenannten schaffen es stets, die niedrigen Erwartungen der eigenen Fans nochmals zu untertreffen.

Wenn ich also derart leidensfähig bin, wieso schafft es dann ein kurz vor der Pensionierung stehender Holländer, dass ich meinen Spaß am Fußball verloren habe? Weil die Leidenschaft und Beziehung zu United noch viel tiefer geht. Als 8-jähriger Junge (wir schreiben das Jahr 1991) habe ich wöchentlich die Ergebnisse und Torschützen von Manchester United aus dem Teletext auf einen A2-Karton abgeschrieben. Ein originalunterschriebenes Trikot von Eric Cantona (welches mir meine Freunde zum 30. Geburtstag schenkten) ist mein wohl liebstes Geschenk aller Zeiten. Ich besitze ein Dutzend an Trikots und habe insgesamt sechs Spiele von United live gesehen (da gibt es sicherlich größere Hardcorefans, aber die Anzahl ist dennoch ganz okay). Ich schaffe es, beim Sporcle-Quiz knapp 95% aller United-Spieler mit mehr als 10 Ligatoren aufzuzählen. Ich besitze die Biographien von Alex Ferguson (beide), Gary Neville, Rio Ferdinand, Roy Keane und viele weitere Bücher von United-nahen Journalisten. Ich blute sogar rot (you see what I did there).

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Mein geliebtes 30er-Geschenk  – The King.

United war immer mein Fels in der Brandung, mein Leuchtturm am Horizont. Meine eine Mannschaft, bei der ich mich regelmäßig über Siege und gute Spiele freuen konnte, welche ein schlechtes Wochenende retten konnte. Die Tradition von Busby, von Ferguson fortgesetzt. Viele der besten Offensivspieler aller Zeiten, egal ob Charlton, Busby, Law, Robson, Hughes, Cantona, Scholes, Giggs, Beckham, Cole, Yorke, Van Nistelrooy, Ronaldo, Rooney, Tevez oder Van Persie schmückten jahrzehntelang die Ränge dieser Mannschaft. Attack-attack-attack nicht nur ein Chant des legendären Stretford Ends, sondern als Philosophie des Manchester United Football Clubs. Bei United ging es nicht darum, Spiele einfach zu gewinnen, sondern den Gegner zu demontieren und demolieren, auf das Führungstor sogleich das zweite Tor nachzulegen. Kurzum: United hatte einfach Flair und im Old Trafford schlotterten jedem Gegner die Knie, egal ob Norwich City oder Real Madrid.

Seit Van Gaal im Amt ist, ist dieser Flair fast gänzlich verloren gegangen. Offensivspieler wie Di Maria (letzte Saison) oder Martial (heuer) zerstörten zu Beginn ihrer United-Karrieren die gesamte Liga, wurden jedoch immer mehr in das Korsett von Van Gaal eingezwängt und verloren ihre Spielfreude irgendwann gänzlich. Dies ging so weit, dass Di Maria im Frühjahr Bankdrücker war und ihm ein Ashley Young vorgezogen wurde. Bei PSG sieht man aktuell, wie gut dieser Argentinier mit den richtigen Mannschaftskameraden um sich herum sein kann. Fußball lebt vom Kollektiv, aber wenn man einen Weltklassespieler im Kader hat, dann sollte dieser auch seine Freiheiten bekommen (was derzeit nur bei Halbpensionist Rooney der Fall ist, dies ist aber eine andere Story) und auch manchmal das Unerwartete, Kreative, Geniale zeigen dürfen. Beim holländischen Trainer ist dies unmöglich. Pass, Pass, Pass. Nicht nach vorne, sondern seitwärts oder zurück. In fünf der letzten zehn Spiele erzielte man kein Tor, unter anderem beim genickbrechenden 0-0 im Old Trafford gegen die biedere Truppe aus Eindhoven, welche während der letzten drei Transferzeiten keine 330 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben konnte oder durfte.

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Louis Van Gaal’s Red and White (Salvation?) Army

Was die Fans von MUFC auch immer mehr auf die Palme bringt, ist die beinahe schon moyes’sche Realitätsverweigerung des Aloysius: gestern etwa bezeichnete er die heurige Qualifikation von United für die CL-Gruppenphase als Fortschritt gegenüber dem Vorjahr. Ein Mann, der den FC Barcelona und Bayern München coachte, gibt also von sich, dass eine Teilnahme (!) an der Champions League ein gutes Resultat sei. Wie Medien und/oder Fans in Barcelona oder München auf eine solche Aussage reagieren würden? Außerdem hob er den Fortschritt im League Cup hervor. Erstens interessiert den Carling Cup (falls er noch so heißt) wirklich keinen Menschen, zweitens scheiterte man heuer in der 3. Runde nachdem man letzte Saison in der 2. Runde (= erste aktive Runde) scheiterte. Noch Fragen?

Keine Frage, United befindet sich im Umbruch. Viele Legenden und alteingesessene Spieler haben den Verein verlassen oder mussten den Verein verlassen. Aber am Beispiel von Jürgen Klopp bei Liverpool sieht man, dass man keine pralle Transferschatulle und 18-36 Monate für einen Umbruch braucht, sondern dieser auch in deutlich kürzerer Zeit abgewickelt werden kann.

Bei jedem abgebrochenen Überzahl-Konter in der Nachspielzeit, bei jedem unerzwungenen Rückwärtspass eines Stürmers und bei jedem uninspirierten 1-0 gegen einen Abstiegskandidat stirbt ein Teil des Mythos Manchester United. Ich brauche United allerdings wieder als meinen Fels in der Brandung, als meinen Leuchtturm am Horizont, als meinen Wochenendretter. So lange der Holländer jedoch im Amt ist und dies vermutlich nicht der Fall sein wird, werde ich meine Freude am Fußball nicht wiederfinden. Zumindest temporär.

Autor: themanwho83

Zwischen Graz und Ried

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