6 Schritte für Local SEO am Beispiel eines Fahrradgeschäfts in Graz

Google will, dass den Menschen überall (daheim, unterwegs, im Büro, im Urlaub,…) die für sie relevantesten Suchergebnisse angezeigt werden. Daher führt das Unternehmen im Laufe der kommenden Monate auch einen separaten Suchindex für mobile Geräte ein. Mobile Suchergebnisse sollen demnach in Zukunft aktueller als Desktop-Suchergebnisse sein.

Der mobile Index soll vielmehr sogar zum primären Index werden. Derzeit bezieht Google die Suchergebnisse noch aus dem Desktop-Index und generiert daraus dann das Mobile-Ranking. Dieser Umbruch wird im SEO-Bereich einiges verändern. Der Trend, dass Google immer mehr lokal und mobil denkt, setzt sich damit immer weiter fort.

Passend dazu die folgende Situation. Erst vergangene Woche hat mich ein Agenturkunde wieder darum ersucht, man solle ihm doch bitte ein Angebot für Local SEO zukommen lassen. Was genau er sich darunter vorstelle, bzw. was er sich davon erwarte, war meine Gegenfrage. „Dass das Unternehmen auf Google in seiner Region besser gefunden wird“ war die hier grob zusammengefasste Antwort. Eine Antwort, die im Grunde nicht wirklich verkehrt ist. Doch der Weg zu diesem Ziel ist alles andere als einfach und vor allem nicht punktuell oder einmalig.

Wieso dies so ist, möchte ich an einer kleinen selbst ausgedachten Case Study erklären, welche ich mit „Local SEO am Beispiel eines Fahrradgeschäfts in Graz“ betitelt habe. Wieso nun aber Fahrräder? Weil diese in Graz allgegenwärtig sind. Graz gilt als eine der Radhauptstädte Österreichs, der Anteil der Radfahrer am Verkehr wächst stetig und betrug vor acht Jahren bereits knapp 16% und liegt derzeit bei etwa 19%.

Radverkehrsanteil in Graz
Quelle: https://www.bmvit.gv.at/verkehr/ohnemotor/riz.html

Nehmen wir also an, ich besitze ein Fahrradgeschäft in 8010 Graz. Ich verkaufe dort Fahrräder und Fahrradzubehör, außerdem biete ich Service und Reparaturen an. Das Budget ist eher knapp und ich will nicht in AdWords oder Facebook Ads investieren, aber mein Ziel ist es dennoch, bei Google unter den ersten Suchergebnissen zu erscheinen, sobald jemand das Keyword „Fahrrad Graz 8010“ oder noch besser „Fahrrad Graz“ eingibt.

Fahrrad Graz 8010
Suche ich bei Google nach einem lokalen Unternehmen, stechen vor allem die besten Ergebnisse aus den Maps hervor.

Nehmen wir an, ich habe eine neue (oder gut gewartete) Website, die zum Übungszweck die meisten wichtigeren SEO-Kriterien erfüllt (z.B. interne Verlinkungen, sprechende URLs, laufende Inhaltsaktualisierungen, Meta Beschreibungen sowie eine Übersicht über meine Produkte inkl. Produktbeschreibungen mit relevanten Keywords). Darauf aufbauend habe ich nachfolgend sechs Punkte zusammengetragen, welche das lokale Ranking der Unternehmenswebsite bei Google langfristig verbessern können.

1) Optimierung von Google MyBusiness

Wenn ich ein lokales Unternehmen bin (bzw. überhaupt ein Unternehmen bin), dann ist ein Auftritt bei Google MyBusiness unumgänglich. Durch die Daten, welche ich bei der dortigen Anmeldung angebe, wird mein Unternehmensstandort mit meinem Geschäft verknüpft. Besonders wichtig ist die Angabe der korrekten Unternehmenskategorie, in diesem Fall „Fahrradgeschäft“. Mit dieser Kategorie steht und fällt mehr als man denkt.

Um potentiellen Kunden einen zusätzlichen Service bieten zu können, sollen bei natürlich auch Öffnungszeiten und eine Telefonnummer für Kontaktzwecke angegeben werden. Was bei MyBusiness (früher übrigens als Google Places bekannt) ebenso für Relevanz sorgt, ist das Hinzufügen von aussagekräftigen Bildern. Hier können bzw. sollen folgende Fotos hochgeladen werden:

  • Profilbild
  • Hintergrundbild
  • Unternehmenslogo
  • Innenaufnahmen
  • Außenaufnahmen
  • Fotos bei der Arbeit
  • Fotos von den Mitarbeitern

Je mehr Fotos man bei MyBusiness hochlädt, umso stärker das Signal an Google und die Relevanz des Unternehmens. Zusätzlich soll auch eine kurze Unternehmensbeschreibung angegeben werden, in welcher die Key Facts des Unternehmens hinterlegt werden.

Zusätzlich zur MyBusiness-Seite soll auch die Google+ Seite nicht vernachlässigt werden. Google+ wird zwar derzeit im Schnitt nur mehr als 3/5* Rankingfaktor bezeichnet, dennoch wird Google die Relevanz der eigenen Produkte niemals zu stark abwerten. Und wenn jemand zufällig auf der Google+ Seite landen sollte, so soll diese nicht wie ein Friedhof wirken, sondern aktuelle Unternehmensinformationen und aktuelle Neuigkeiten (Produkte, Services usw.) über das Unternehmen wiedergeben.

2) Strukturierte Daten (schema.org) und NAP

schema.org ist eine Auszeichnungssprache, die in Zusammenarbeit von Google, Bing, Yahoo und Yandex (der größten russischen Suchmaschine) entwickelt wurde. Sie dient der Kennzeichnung und Strukturierung von Inhalten auf Webseiten, sodass sie leichter durch Suchmaschinen indexiert werden können. Insbesondere werden die Typisierungen von schema.org eingesetzt, um Rich Snippets zu erzeugen. Rich Snippets kennt jeder, der bei Google z.B. schon einmal nach Konzertkarten gesucht hat:

Coldplay Tickets
Datum, Band und Location sind semantische Auszeichnungen strukturierter Daten der Website ticketmaster.at

Datum (11. Juni 2017), Veranstaltung (Coldplay) und Ort (Ernst Happel Stadion, Wien) sind strukturierte Daten, welche auf der Website ticketmaster.at durch eine Auszeichnung mit schema.org hinterlegt sind. Diese werden bei einer Google Suche in den SERPs angezeigt um die individuelle Qualität eines Suchergebnisses für den Nutzer zu steigern.

Das NAP aus der Überschrift steht für Name, Address & Phone Number, also aus den drei Kerninformationen jedes Unternehmens, das eine Dienstleistung am Firmenort anbietet. Wichtig dabei ist auch Konsistenz, also dass diese Kerninformationen überall genau exakt angeführt werden, wie auch SearchEngineLand in einem Artikel aus dem April 2015 schreibt. Im Bezug auf lokale Unternehmen gibt es bei schema.org eine eigene Kategorie namens Local Business. Der Code dafür sieht beispielsweise wie folgt aus:
Code schema.orgAuf diese Art kann Google nun also aus der Website auslesen, wie der Unternehmensname ist (z.B. Fahrrad Graz), was die genaue Adresse (z.B. Korösistraße 1, 8010, Graz, Steiermark) und Geo-Location (Latitude & Longitude) ist und unter welcher Telefonnummer (0316/123456) man das Unternehmen erreichen kann. Der Nachteil an einer Implementierung von schema.org ist mit Sicherheit, dass diese ohne Know-how (bzw. Entwicklerressourcen) kaum umsetzbar ist. Hier muss also etwas in die Tasche gegriffen werden, wobei die Einbindung des Codes in die Website für einen Entwickler keine große Herausforderung darstellt und daher auch kein Budget sprengen wird.

3) Optimierung der Meta Beschreibungen

Bei der optimalen Länge der wichtigsten Meta Beschreibungen hat Google im Laufe der letzten Jahre und Monate die Begrenzung immer weiter nach oben korrigiert. Beim Meta Title (der Text, welcher oben im Browser-Tab angezeigt wird) sind es derzeit 70 Zeichen, bei der Meta Description (jener Text, der bei einem Suchergebnis auf Google angezeigt wird) sind es aktuell 175 Zeichen.

In diesen Elementen sollen die relevantesten Keywords eingebaut sein. Habe ich nun also einen Fahrrad Reparaturservice in Graz/Geidorf, so sollen alle diese (Haupt-) Informationen über Geographie und Service sowohl im Titel als auch in der Beschreibung z.B. auf der Unterseite http://www.meinedomain.at/reparatur vermerkt sein. Das Hinzufügen von Bezirk (Geidorf), Stadt (Graz) oder Bundesland (Steiermark) ist hier die Local SEO Maßnahme. Je nachdem ob ich mein Kerngeschäft auf den Bezirk, die Stadt oder das Bundesland abziele, dementsprechend sollen die geographischen Phrasen verwendet werden. Wiederum auf unser konkretes Beispiel bezogen könnten die Meta Informationen hier wie folgt aufgebaut sein:

Meta Title (70 Zeichen):
Fahrrad Graz | Geidorf – Korösistraße 1 | Verkauf, Service & Reparatur

Meta Description (170 Zeichen):
Fahrrad Graz | Graz Geidorf – Korösistraße 1 | Ihr langjähriger und zuverlässiger Partner rund ums Fahrrad | Rennrad-Verkauf, Fahrradschläuche,  Reparatur und Ersatzräder

Wichtig ist dabei, dass die Seitentitel und Seitenbeschreibungen einer jeder Unterseite mit (verschiedenen) passenden Keywords angepasst werden und nicht einfach global für jede (Unter-)Seite verwendet werden. Bei einer WordPress-Seite kann dies einsteigerfreundlich mit einem SEO-Plugin wie etwa Yoast gemacht werden, auch bei TYPO3 gibt es mittlerweile immer mehr benutzerfreundliche SEO-Plugins, falls man die Meta Beschreibungen nicht über die normale CMS-Struktur in den Seiteneigenschaften anlegen will.

4) Opimierung des Websitecontents

Schon etwas schwieriger bzw. langfristiger gestaltet sich die lokale Optimierung des Website-Inhalts. Abgesehen von der regelmäßigen Erwähnung der regionalen Gegebenheiten in den Texten funktioniert hier so genannter unique content am besten.

Im Beispiel unseres Fahrradgeschäfts in Graz/Geidorf könnte dies etwa eine der folgenden Ideen bzw. Maßnahmen sein:

  • Eine Skizzierung der historischen Entwicklung des Radfahrens in Graz
  • Ein Überblick über die wichtigsten, gefährlichsten oder sichersten Radwege in Graz und Tipps für das sichere Radfahren
  • Eine Checkliste, wie das Fahrrad winterfest gemacht werden kann (wenn man wagemutig genug ist um es im Winter zu benutzen) oder diebstahlsicher gemacht werden kann (wenn man doch die Einwinterung bevorzugt).
  • Man kann über spannende Projekte an der TU Graz schreiben, welche zum Ziel haben das Fahrrad(fahren) der Zukunft zu skizzieren. Kontakte mit Personen von der TU Graz bekommt man durch die eigenen Hauptkunden wohl genügend 😉
  • Außerdem kann man z.B. die Radfahrerdichte in Graz mit jener aus bekannten Radmetropolen wie etwa Kopenhagen oder Amsterdam vergleichen und hier spannende Infografiken oder Diagramme zusammenbasteln.

Alles, was den eigenen Content vom Content des Radgeschäfts drei Straßen weiter abhebt ist hier erlaubt und vielmehr gewünscht. Abgesehen davon ist es natürlich auch wichtig, die Inhalte auf der Seite so aktuell wie möglich zu halten. Dies kann man entweder durch das Betreiben eines Blogs (z.B. wieder zu den oben genannten Themen) oder durch regelmäßige Newsupdates bewerkstelligen (z.B. zu Produktneuheiten, speziellen Öffnungszeiten, neuartigen Serviceleistungen wie etwa ein Fahrradschlauchautomat für die Zeit außerhalb der Öffnungszeiten).

Testimonials sind ein anderer nützlicher Weg, um lokales Interesse zu erzeugen. Ein Sponsoring des lokalen Radnachwuchses alleine wird wohl nicht reichen, um breites Medieninteresse zu entfachen. Eine Zusammenarbeit mit einem regional bekannten Promi jedoch schon. Man profitiert hier nicht nur durch den Content, den man über die Zusammenarbeit verfassen und sharen kann, sondern auch von Mundpropaganda und Berichterstattung in (über-)regionalen Medien.

Auch lokale Events wie z.B. ein Tag der Offenen Tür oder ein (gerne auch selbst erfundener) Mottotag erzeugen Interesse. Am 3. Juni jedes Jahres findet der Europäische Tag des Fahrrades statt – diese Gelegenheit sollte man nicht auslassen, sondern hier spezielle Rabatte oder Sonderangebote anbieten und diese rechtzeitig via Website, Newsletter, Facebook und Google+ teilen.

5) Generierung von Reviews und Listings

Extrem wichtig für Local SEO sind Reviews und Bewertungen für die (Service-)Qualität des eigenen Unternehmens. Durch die Präsenz bei Google MyBusiness können Menschen hier Bewertungen schreiben und Sterne vergeben (* bis *****). Die Durchschnittsbewertung wird dann auch bei der Unternehmensinformation auf Google angezeigt und sticht sofort ins Auge. Am bekanntesten und relevantesten ist diese Durchschnittsbewertung mit Sicherheit bei Restaurants und Lieferservices.

MyBusiness Bewertungen
Je mehr positive Reviews bei Google, desto wahrscheinlicher eine Weiterempfehlung.

Jedoch kann auch gerade bei unserem Beispiel des Fahrradgeschäfts eine positive (Gesamt-)Bewertung den Ausschlag dafür geben, dass ein Kunde mein Geschäft jenem Konkurrenten in gleicher Distanz vorzieht. Nimmt man nun das Beispiel von „Fahrrad Graz“ her, so ist „Lemur Bike & Bones“ mit einer Durchschnittsbewertung von 4.9/5 aus acht Reviews vorne dabei. Im Gegensatz hinterlässt Radsport Kotnik mit einer Gesamtnote von 2.8/5 bei sogar 21 Bewertungen keinen optimalen Eindruck.

Bewertungen MyBusiness
Die Bewertungen auf Google – ein wichtiges Indiz für ein lokales Geschäft. Stand: 19. Oktober 2016

Abgesehen von Google spießen in letzter Zeit jedoch auch viele andere Bewertungsportale aus dem Boden. Das in den USA extrem populäre Yelp erfreut sich in Österreich nicht ganz so großer Verbreitung, dafür sind mit gutgemacht.at oder herold.at in letzter Zeit zwei Portale dazu gekommen, welche ständig interessanter für österreichische Unternehmen werden. So gibt es auf letzterem Portal etwa mit Local HERO(LD)S eine herausgehobene Selektion von sehr empfehlenswerten Firmen, die von Besuchern auf herold.at besonders positiv bewertet wurden.

Wie gelange ich nun aber zu einer relevanten Anzahl von Reviews oder Rezensionen? Familie, Freunde und Bekannte (z.B. eben auf Facebook) sind immer eine erste Möglichkeit, welche man zumindest erwägen sollte. Denn hier soll jedoch darauf geachtet werden, dass die Reviews nicht zu rosig ausfallen oder das Unternehmen über den grünen Klee gelobt wird, denn eine Durchschnittsbewertung von 5/5 aus 25 Bewertungen macht ebenfalls stutzig – perfekte Unternehmen gibt es in der Realität nur selten. Daher soll eher darauf gedachtet werden, realistische und ehrlich gemeinte Bewertungen zu generieren.

Wenn ich einen Newsletter betreibe, kann ich meinen bestehenden Kundenstamm darauf hinweisen, das Unternehmen nach einer getätigten Dienstleistung (Fahrradkauf, Fahrradservice, Beratung) doch bitte online zu bewerten. Um den Anreiz für die Kunden zu erhöhen, sind Goodies (Dinge, die wenig in der Anschaffung kosten, aber dennoch einen bestimmten Will-haben-Reiz erzeugen) oder Gutscheine (z.B. -10% beim nächsten Radservice) ein sehr beliebter und auch gut funktionierender Weg. Quid pro quo – du bewertest mich, erhöhst dadurch meine Relevanz im WWW und bekommst dafür etwas von mir.

Wenn man die Kunden direkt im Geschäft nach getätigtem Kauf darauf hinweist, sie sollen doch so nett sein und das Einkaufserlebnis im Internet bewerten, dann wird zumindest ein kleiner Anteil der Kunden dies ebenfalls machen: „Eine positive Erfahrung erzählt man drei Leuten weiter, eine negative Erfahrung zehn“ – diesen Satz kennt wohl jeder. Im Falle einer positiven Erfahrung sind drei Reviews dennoch sehr beachtlich und brauchbar.

Der Aufbau von Bewertungen soll jedoch immer organisch erfolgen. Organisch bedeutet hierbei, dass die Gesamtanzahl langsam und stetig wachsen soll und immer realistisch bleibt. Man sollte niemals Bewertungen kaufen oder sich selber bewerten, da dies irgendwann auffliegt und man dann doppelt bestraft wird – von Google und in weiterer Folge auch von den Kunden, die davon erfahren und das Geschäft meiden.

6) Linkbuilding durch Linktausch und Kooperationen

Linkbuilding ist schon seit den Ahnenzeiten ein großes SEO-Stichwort. Von vielen gehasst (da ziemlich aufwändig und ohne genaues Konzept auch schwammig in der Umsetzung), bekam es im Lauf der Jahre immer mehr den Ruf einer überholten SEO-Aufgabe. Doch dieser Ruf ist unberechtigt. Anrey Lipattsev von Google gab im März 2016 in einem Interview mit SearchEngineLand bekannt, dass Links (neben Content und RankBrain) noch immer eine der drei relevantesten SEO-Kriterien sind.

Doch wie bekomme ich als lokaler bzw. regionaler Fahrradshop nun an einen akzeptablen Linkpool? Von dunklen Machenschaften wie Linkkauf wird an dieser Stelle natürlich wieder dringend abgeraten. Google wird einen Betrüger irgendwann garantiert erwischen – und dann ist die Domain unwiderruflich beschädigt. Daher sollte man sich nur an Aktivitäten halten, welche nicht im Bereich des Black-Hat-SEO liegen.

Als regionaler Radverkäufer hat man Räder von verschiedensten Herstellern im Angebot. Auch die Utensilien und das Zubehör stammt von vielen verschiedenen Unternehmen, Zulieferern und Lieferanten. Man kann hier im Laufe der Zeit durch Gespräche (oder E-Mails) darum bitten, den Link zur eigenen Website auf der Unternehmens-Website einzubinden. Im Gegenzug bindet man natürlich auch den Link zur Website des Partners auf der eigenen Website ein. Natürlich kann man auch Familie und Freunde (vielleicht führt jemand einen Blog?) darum bitten, das Unternehmen zu verlinken und/oder zu erwähnen. Auch hier greift wieder „quid pro quo“ – je mehr Links auf diese Art und Weise zur eigenen Website entstehen, desto relevanter wird die Website. Nicht nur im Bezug auf lokales SEO, sondern auch auf den PageRank an sich. Man sollte jedoch wieder darauf achten, dass man nicht auf zwielichtige Seiten oder Linksammlungen gelangt – Verlinkungen von dort können einer Website ebenso schaden.

Abgesehen davon sind auch Kooperationen mit lokalen und regionalen Plattformen der Lokalpresse sehr hilfreich. Im Falle von Graz wären dies zum Beispiel Der Grazer, Die WOCHE oder die Grazetta. In anderen Bundesländern seien an dieser Stelle RMA (Regionalmedien Austria), Bezirksblätter, Bezirkszeitung, Rundschau oder TIPS genannt. Man kann sich beispielsweise kostengünstige Möglichkeiten für Kooperationen überlegen (z.B. ein Sponsoring eines autofreien Tages),  Interviews geben oder sich für redaktionelle Artikel zur Verfügung stellen. Im Gegenzug kann man auf der eigenen Website, im eigenen Newsletter oder im Radgeschäft für die Regionalzeitung werben.

Zusammenfassung

Local SEO ist nicht einfach, ist nicht punktuell und ist nicht einmalig. Local SEO ist (wie eigentlich alle SEO-Maßnahmen) ein laufender und langfristiger Prozess. Nur wer stets am Ball bleibt und ständig nach weiteren Möglichkeiten sucht, die Sichtbarkeit der eigenen Website (und damit des eigenen Geschäfts) zu verbessern, wird über kurz oder lang Erfolg haben. Kreativität siegt – gerade wenn das Budget für digitale Werbemaßnahmen begrenzt oder gar nicht vorhanden ist. Für einen Einzelunternehmer ohne technisches Knowhow mögen manche dieser Maßnahmen jedoch kaum durchführbar sein. Dafür gibt es allerdings mittlerweile viele Experten (nicht nur Agenturen, sondern auch Freelancer), welche bei einzelnen vorher genannten Schritten weiterhelfen können.

Betreibst du schon Local SEO? Wenn ja, wie viel Aufwand betreibst du dabei?
Welche Local-SEO-Maßnahmen hältst du für besonders interessant?
Und was hältst du für überbewertet oder was funktioniert gar nicht?

Ich freue mich über eine kleine Diskussion oder Feedback zu meinem Blogeintrag in den Kommentaren oder per E-Mail an gerald@emprechtinger.com.

Der liebe Nachbar

Ausnahmsweise beginne ich einen Blogeintrag mit einem klassischen Zitat:

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.
(Friedrich Schiller)

Ich wohne seit Mai 2014 in einem Mehrparteienhaus im Süden von Geidorf in Graz (ein ehemals nobler Bezirk, der jedoch im Laufe der letzten Jahre durch viele Wohnbauprojekte auch für jüngere Menschen leistbar geworden ist). Meine Wohnung im dritten Stock ist mit einem großen Balkon ausgestattet.

Bei einer kleinen Einweihungsfeier mit ca. 10 Gästen während der WM 2014 kam es zum ersten Kontakt mit dem Nachbarn, dessen Wohnung direkt über meiner gelegen ist. Als um Mitternacht noch genau drei Personen eine Unterhaltung am Balkon in einer gemäßigten Lautstärke führten (mit 30+ sind nicht mal mehr wilde Partys wild), fühlte sich der mir bis dahin unbekannte Nachbar, unvermittelt irgendein Gastronomiegesetz zu zitieren. Von der Sinnhaftigkeit folgendermaßen: „Ab 24:00 ist in der Gastronomie das Musizieren und laute Sprechen untersagt ansonsten besteht der Tatbestand der nächtlichen Ruhestörung„. Ohne Nachsatz. Ein normaler Mensch hätte das vielleicht folgendermaßen formuliert: „Hey Burschen, es ist nach Mitternacht, wir würden gerne schlafen, bitte ein bisserl leiser sein„. Wie auch immer, wir haben weitere Unterhaltungen dann in die Wohnung verlegt. Nachricht angekommen, Tonalität extrem fragwürdig bzw. sogar kurios.

Ziemlich genau zwei Jahre später waren im Mai zwei Freunde aus Ried zum Anlass des Bundesligaspiels Sturm-Ried bei mir zu Besuch. Im Laufe des Fortgehens trennten sich die Wege, zwei Freunde wussten dann zwar meine Adresse, allerdings nicht die Türnummer. In meiner Hausanlage sind die Wohnungen von H1 bis H18 beschriftet, ohne Namen. Wie man es dann nach etwas zu viel Alkohol so macht, hatten meine Freunde um halb vier in der Früh so gut wie alle Türen durchgeläutet nachdem sie mich per Handy nicht erreichen konnten. Keine gute Idee.

Gleich am Montagvormittag wurde ich von meinem Wohnungsvermieter angerufen, einige (anonyme) Parteien hätten sich über mich beschwert. Ich habe mich dann jedenfalls bei Vermieter und Hausverwaltung im Namen meiner Freunde entschuldigt – dumm gelaufen und sicher nicht lustig, wenn man irgendwann mitten in der Nacht durch die Türklingel aufgeweckt wird. Hier kann bzw. konnte ich den Aufruhr verstehen. Dass ich hier wie die Jungfrau zum Kind kam, sei dahingestellt. Bei meinen Nachbarn nebenan und unter mir habe ich mich auch jeweils persönlich entschuldigt.

Im August dieses Jahres hatten vier Hausparteien die feine Idee, eine Sitzgarnitur für den Obstgarten anzuschaffen. Kostenlos und im Sinne der Hausgemeinschaft. 98% aller Menschen würden mir wohl zustimmen, dass dies eine tolle Sache ist und für altruistische Nachbarn spricht. Eine bestimmte Person sah dies naturgemäß anders, wie sie dies am rechten unteren Rand des ausgehängten Zettels kundtun musste.

Aushang Haus
„.. und die dazugehörige Lärmbelastung?! Lg“

Die Handschrift dieses Kommentars stimmt überraschenderweise mit der Handschrift des Namens auf dem Postkasten der von mir beschriebenen Person überein. Im Laufe der nächsten Tage folgten dann noch einige positive Bekundungen auf dem Aushang, wie z.B. „Vielen Dank“ oder „Tolle Idee“ – nicht alle Menschen sehen immer gleich das Schlimmste. Diese Sitzgarnitur ist wie bereits erwähnt im Obstgarten platziert. Ich habe bis dato noch nie Lärm aus dieser Richtung gehört, eigentlich wie schon erwartet (ich meine, was soll man dort schon machen, evtl. Drogenpartys mit Death Metal Untermalung schmeißen?).

Vergangenes Wochenende waren dann zwei Freunde bei mir zu Besuch, wir spielten besäuselt von Gösser Naturradler FIFA17 auf der PS4. Als ich mich dann um ca. 03:30 von den beiden verheirateten Familienvätern im Stiegenhaus mit einigen Sätzen verabschiedete, konnte ich noch gar nicht damit rechnen, was in weiterer Folge passieren würde. Als ich heute um 11:00 aufgrund eines Heizungsablesungstermins kurz nach Hause kam, fand ich folgenden Zettel an meiner Wohnungstüre angebracht:

Anzeige Ruhestörung
Eine schöne Komposition aus fehlender Orthographie, Textmarker und Tixo. Sehr kreativ.

Im ersten Moment wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich bin 33 Jahre alt, lebe derzeit alleine und habe in meinem Leben noch nie irgendwelche Probleme mit Nachbarn gehabt. Ich höre weder laute Musik, noch spiele ich ein Musikinstrument. Ich habe keine Haustiere, ich habe vielleicht 3-4x pro Jahr Gäste bei mir und ich bin an vielen Wochenenden sowieso in Ried (oder auch Salzburg oder Wien). Diesen Zettel habe ich daher heute zum Anlass genommen, mich nun bei der Hausverwaltung und bei meinem Vermieter über diesen Nachbarn zu beschweren. Einfach nur um meinen angeborenen Gerechtigkeitssinn zu befriedigen, denn passieren wird sowieso nichts. Aber ein Mehrparteienhaus ist kein Friedhof. Wenn man Totenstille bevorzugt, sollte man aufs Land ziehen (oder in einen Luftschutzbunker).

Außerdem habe ich im Eingangsbereich einen Zettel mit meinen Kontaktdaten angebracht und den anonymen Nachbarn zu einem konstruktiven Gespräch eingeladen. Ich bin mir relativ sicher, dass der Zettel bald nicht mehr hängen wird und der Nachbar meiner Einladung nicht nachkommen wird. Aber in der heutigen Zeit gibt es schon viel zu viele Hasspostings und unnotwenige Konflikte, deswegen möchte ich diese aus meinen eigenen vier Wänden fern halten.

Update 18. Oktober:

Am frühen Nachmittag hat sich die Hausverwaltung auf meine E-Mail hin gemeldet:

Wesiak Rückmeldung Ruhestörung
Interessant nur der Fakt, dass sich die Hausverwaltung schon mal bei meinem Vermieter gemeldet hat, dies bei mir aber nicht möglich ist.

Als ich vor wenigen Minuten aus dem Büro heimgekommen bin, ist genau jener Fall eingetreten, welchen ich im Grunde erwartet hatte. Mein im Eingangsbereich des Hauses angebrachter Zettel mit dem Angebot zum persönlichen Gespräch war kommentarlos und vollständig abgerissen. Bei mir gemeldet (per Telefon, E-Mail oder persönlich) hat sich natürlich niemand. Das letzte Wort ist jedoch sicher noch nicht gesprochen.

2. Update 18. Oktober 2016

Jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Fast halt. Der Nachbar (wenig überraschend genau der von mir „verdächtigte“) hat meine Notiz doch zur Kenntnis genommen und um 19:15 an meiner Wohnungstüre angeläutet. Er führt mit ziemlicher Sicherheit minutiös Buch über meine Events und Gäste, da er mir Daten bzw. Zeitpunkte von vermeintlicher Störung der Nachtruhe nennen konnte, an die ich mich nicht mal selber erinnern konnte. Ich habe mich meinerseits nochmals für die Ereignisse im Mai 2016 entschuldigt, jedoch wenig Verständnis für diesen Samstag oder die Tonalität des anonymen Zettels gezeigt.

Er hat mir anschließend erklärt, dass er vieles von den Nachbarn über sich (Penthouse) und unter sich (meine Wohnung) hört, jedoch nichts von den direkten Nachbarn – eine Einschätzung, welche ich bestätigen kann. Außerdem, dass er vom Balkon viel hinauf hört – was irgendwie klar ist, wenn sein Balkon direkt über meinem gelegen ist. Er weiß allerdings jetzt auch, dass er sich jederzeit bei mir melden kann, falls es einmal wieder zu laut ist, das anonyme Verpetzen bei der Hausverwaltung aber nicht notwendig ist. Wenn er sich wirklich daran hält, ist diese Sache für mich nach diesem 10-minütigen Gespräch im Stiegenhaus nun erledigt.

To be continued…?
(hoffentlich nicht)

Toni Polster: From Hero to Zero

Als Anton Polster im Jahre 1993 von Rayo Vallecano zum 1. FC Köln in die Deutsche Bundesliga wechselte, war ich knapp 10 Jahre alt. Damals gab es drei Möglichkeiten, etwas über diese Liga mitzubekommen: über die Radiokonferenz auf Antenne Bayern, über den Teletextticker des ORF (throwback monday: Tore von österreichischen Legionären wurden bläulich und nicht weiß angezeigt) und über die SAT1-Sendungen ran (am Samstag) bzw. ranissimo (am Sonntag).

Ich hatte mir damals eine Art Fußballtagebuch angelegt, in welchem ich minutiös die Leistungen von Polster (und auch von Andi Herzog bei Bremen) und die Ergebnisse vom Effzeh mitdokumentierte. Bei jedem [über Radio oder Teletext mitverfolgten] Treffer wurde die Vorfreude auf die abendliche Fußballsendung noch größer. Selbsterklärend, dass Social Media, YouTube oder gar Internet damals noch in weiter Ferne waren.

Toni Polster
Toni Polster als Kapitän der Österreichischen Nationalmannschaft. (c) FIFA.com

Spätestens als Polster dann 1997 mit seinen zwei Toren beim 4-0 gegen Weißrussland die Qualifikation für die WM in Frankreich 1998 fixierte und dort mit seinem Gewaltschuss aus nächster Nähe ein 1-1 gegen Kamerun in der Nachspielzeit sicherte, genoss er (bei mir persönlich) so etwas wie Heldenstatus. Ein österreichischer Stürmer von internationalem Format, bei Fans und Medien gleichermaßen beliebt, sogar mit einem Hit in den Charts („Toni, lass es polstern“ – mit den Fabulösen Thekenschlampen) und stets gut gelaunt mit einem lockeren Spruch auf den Lippen.

Nach fünf Jahren in Köln folgte ein überraschender und kontroversiell diskutierter Wechsel zum rheinischen Rivalen nach Mönchengladbach, bei denen er jedoch ebenfalls noch (zumindest kurzzeitig) reüssieren konnte, bevor ihn Hans Meyer dann eineinhalb Jahre später (im Alter von 36 Jahren) altersbedingt abmontierte. An dieser Stelle sei noch folgendes Zitat von Meyer erwähnt:

„In Köln haben sie vier Tage lang die Geschäftsstelle abgeschlossen und jede halbe Stunde eine Flasche Sekt entkorkt, als sie den Toni Polster für 1,8 Millionen Mark (= 0,9 Millionen Euro, Anm.) nach Gladbach verkauft hatten.“

Polster ließ seine aktive Karriere dann noch ein halbes Jahr lang per Leihe bei Austria Salzburg ausklingen, wo er jedoch in 12 Spielen nur zwei Tore erzielen konnte. Seine Nationalteamkarriere unter der Ägide von Otto Baric endete im gleichen Jahr, nach insgesamt 95 Spielen und 44 Toren, was ihn nach wie vor zum österreichischen Rekordteamtorschützen macht (Anm.: Marc Janko liegt mit 28 Toren auf Platz vier, seine Torquote ist sogar leicht besser als jene von Polster).

Zwischen 2000 und 2004 wurde es dann ruhig um Polster, er war im Marketingbereich von Mönchengladbach tätig und daher in den heimischen Medien weniger präsent als in den 15-20 Jahren zuvor. Anschließend wurde er Teammanager bei seinem Stammclub, der Austria aus Wien. Dort kam es zum ersten dunklen Kapitel seiner Karriere im Fußballbusiness. Nach nicht einmal einem halben Jahr wurde er nach Differenzen mit Big Spender Frank Stronach fristlos enlassen. Er selber sprach im Nachhinein davon, dass das Dienstverhältnis aufgelöst wurde.

„Von einer fristlosen Entlassung kann keine Rede sein, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen, gute Arbeit geleistet […] Ich hätte weitergemacht. Ich gehe erhobenen Hauptes, habe alles versucht. Unter dem Strich war ich zu wenig biegsam. Wir haben nicht zusammengepasst, aber ich möchte keine Schmutzwäsche waschen.“ 

Während der nachfolgenden vier Jahre wurde es (bis auf regelmäßigen Auftritten als Adabei in den Seitenblicken) erneut ruhig um Polster, bis er 2010 (medienwirksamer) Berater beim LASK aus Linz wurde. Zudem trainierte er die Amateurmannschaft und schaffte mit dieser auch umgehend den Aufstieg von der OÖ Liga (4. Spielklasse) in die Regionalliga Mitte. Um jedoch die Lizenz erhalten zu können, trennten sich die finanziell schwer angeschlagenen Linzer nach dem Aufstieg von (dem wohl nicht so schlecht verdienenden) Polster.

Ein halbes Jahr später übernahm Polster das Traineramt bei der Wiener Viktoria in der Oberliga A (5. Spielklasse). Nur wenige Wochen nach seiner dortigen Bestellung folgte er einen Einladung zu einer Sondersendung (sic) von Sport am Sonntag. Die Creme de la Creme der österreichischen Hawarapartie (u.a. Prohaska, Gregoritsch) diskutierte über die Bestellung von Nobody Marcel Koller zum ÖFB-Teamchef, bei der Polster (augenscheinlich unter der Einwirkung der Nachbesprechung einer Ligapartie der Wiener Viktoria) folgendes Statement von sich gab:

„Ja die Leute halten das für eine total unglückliche Entscheidung, sie sind total enttäuscht und frustriert .. zum Teil .. und ich kann das auch nachvollziehen, denn .. ich glaube nicht, dass es [die Bestellung von Marcel Koller zum Teamchef] eine glückliche Entscheidung war.“ 

Ohne über die Taktik, die Spielanlage oder das langfristige Konzept des Schweizer Trainers Bescheid zu wissen, wurde also ein spontaner hatchet job durchgeführt.

Beinahe fünf Jahre (die Ernennung folge am 1. November 2011), einen Punkteschnitt von 1.67/Partie (zum Vergleich: bei Prohaska lag dieser bei 1.65) und die erstmalige sportliche Qualifikation für eine Europameisterschaft 2016 in Frankreich später wirken diese Worte (und generell diese Sendung) komischer denn je. Marcel Koller hat eine Nationalmannschaft aufgebaut, auf die man wieder stolz sein konnte, die von 35.000 Menschen zum Spiel gegen Island nach Saint Denis begleitet wurde und Ausnahmeleistungen wie etwa beim 4-1 in Stockholm abgeliefert hat. Doch nach diesem kurzen Exkurs nun wieder zurück zu Anton Polster.

Zur Saison 2013/2014 wurde er bei der Admira zum neuen Cheftrainer bestellt. Dort wurde er bereits nach rekordverdächtigen drei Spielen (drei Niederlagen) und einem Torverhältnis von 2:11 entlassen. Das damalige Statement der Admira im Wortlaut:

„Aufgrund des unglücklichen Saisonstarts mit null Punkten in den ersten drei Runden, einer negativen Tordifferenz von 2:11 sowie diverser Auffassungsunterschiede hat der FC Admira Wacker Mödling den Entschluss gefasst Trainer Toni Polster mit sofortiger Wirkung zu beurlauben“

Wenn man als Verein von der Statur der Admira einen Trainer nach nur drei Partien entlässt, muss man zwangsweise das Gefühl haben, einen schweren Fehler gemacht zu haben. Polster seinerseits kommentierte seine Entlassung wie folgt:

„Es wäre schön, wenn ich ein bisschen mehr Zeit gehabt hätte. Hätte ich ein bisschen mehr Zeit gehabt, hätte ich die Admira gerettet [… ] Dass meine Tätigkeit schon nach sieben Wochen wieder zu Ende ist, macht mich traurig. Aber das muss ich akzeptieren. Es bringt nichts, wenn man Schmutzwäsche wäscht, das hilft niemandem weiter“

Detail am Rande – auch hier (wie schon bei der Entlassung bei der Austria) sprach Polster wieder davon, dass er „keine Schmutzwäsche waschen wolle“, als ob dies sonst Usus wäre. Warum er im Bezug auf die Admira schon nach drei von 36 Spieltagen von „Rettung“ sprach, sei an dieser Stelle ebenfalls fragend erwähnt. Seine Karriere als professioneller Trainer in Österreich (und wohl auch sonst wo) ist seit dieser Entlassung gescheitert.

Daraufhin folge eine Rückkehr zur Wiener Viktoria und eine Fokussierung auf seine „Expertenkolumne“ bei einer ÖSTERREICHischen Gratiszeitung. In dieser Rolle zeichnete er sich im Juli 2016 für den nächsten hatchet job verantwortlich. Die Bestellung von Christian Benbennek als Chefcoach bei der SV Ried kommentierte er wie folgt:

„Auf die Idee zu kommen, in der österreichischen Bundesliga einen Trainer zu holen, der in Deutschland in der 4. Liga gefeuert wurde und vorher nicht aufgefallen ist, muss man erst kommen. Was Sportdirektor Stefan Reiter da geritten hat, ist mir ein Rätsel.

Auf alle Fälle ist die Installierung von Christian Benbennek ein Schlag ins Gesicht der heimischen Trainer. Und für Ried ein Rückschritt. In Aachen, wo Benbennek zuletzt gearbeitet hatte, meuterten die Spieler, bis er die Papiere bekam. Und dieser Coach soll Ried auf Vordermann bringen? Ich sage: Reiter wird bald einen Canossa-Gang ins Burgenland antreten müssen, um Paul Gludovatz noch einmal zu überreden, Ried als Trainer zu übernehmen. „

In diesem Fall hatte Polster – wohl im Gegensatz zu Koller, den er aus seiner Zeit in Deutschland zumindest namentlich kannte – wohl nicht mal eine nackte Idee darüber, wer Christian Benbennek denn überhaupt sei. Die Info über Aachen wurde unreflektiert aus dem Internet (oder von einem Redakteur) übernommen – irgendeine ansatzweise Ahnung von Spielkonzept, Taktik oder Kaderplanung müssen an dieser Stelle nicht einmal erwähnt werden.

Benbennek & Reiter
Christian Benbennek (Trainer) und Stefan Reiter (Sportdirektor) im Gespräch. (c) OON/Daniel Scharinger

Die Retourkutsche von Stefan Reiter folgte postwendend, nur einen Tag später kommentierte er Polsters Kolumne in den Oberösterreichischen Nachrichten und sprach damit vielen Fußballfans aus der Seele bzw. brachte auf den Punkt, was die eigentliche Grundaussage dieses Blogartikels ist:

„Polster war ein großer Fußballer, der tolle Leistungen für Österreich erbracht hat, aber auf diesem Niveau macht er sich nur noch lächerlich […] Polster ist fachlich überhaupt nicht auf Augenhöhe, es ist eigentlich schade, dass er das nötig hat. Seine eher bescheidenen Erfolge als Trainer sprechen für sich.“

Nach 10 Spielen hält Ried bei 14 Punkten, einem gesicherten Platz im Mittelfeld, erzielte zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte vier Tore in einem Spiel gegen Rapid und schaffte sogar, die Viererkette im Innviertel wieder salonfähig zu machen. Es ist zwar nur eine Momentaufnahme, aber der Canossa-Gang ins Burgenland wird wohl bis auf Weiteres nicht stattfinden.

Doch zu guter Letzt noch ein Exkurs in Richtung Marcel Koller. Nach dem gestrigen 2-3 des Nationalteams in Serbien war Polster sogleich mit einem Statement zur Stelle, welche ich nachfolgend aus dem Video bei SkySportAustria transskribiert habe:

„Es wäre auf alle Fälle mehr drinnen gewesen, wenn wir .. diese .. äh .. Laufwege zurück gemacht hätten .. das haben sich einige Spieler erspart .. äh, die Mannschaft hat viel zu äh äh offensiv gespielt, viel zu offensiv, auch ihre jeweilige Position interpretiert .. unterm Strich haben wir dann in drei Spielen sechs Gegentore bekommen und das ist einfach zu viel wenn man zur WM fahren möchte.“

Somit wurde also gleich die erste Gelegenheit genutzt, um dem unbeliebten Trainer verbal eins auszuwischen. Toni Polster – der Spieler – wird für mich für immer ein Held bleiben. Vor Toni Polster –  dem Trainer und Menschen – habe ich jedoch schon längst keinen Respekt (mehr).

An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich ihn natürlich nicht persönlich kenne, daher muss ich anhand seiner Medienergüsse urteilen. Aber seine Kolumnen und Kommentare sind primär polemisch und untergriffig. Das macht ihn unsympathisch. Das hätte er nach einer verdienten Karriere als Spieler auch nicht notwendig. Kann man aber wohl nicht mehr ändern. Schade darum.

 

Review Fargo S01 & S02

Achtung: keine Spoiler. Ich habe die letzten (kränklichen) Tage unter anderem dafür aufgewendet, endlich die MGM/FX-Serie Fargo (basierend auf dem gleichnamigen oscarprämierten Film der Coen-Brüder aus den 90ern) zu bingen und damit endlich den Kommentaren zu entgehen, ich solle die Serie doch endlich schauen.

Zunächst ist zu sagen, dass Fargo (sowohl S01 als auch S02) als Limited Series vom Schauspielerensemble lebt. Und dieses ist wirklich beeindruckend. Bis in die kleinsten Nebenrollen agieren hochkarätige Schauspieler wie Bob Odenkirk (der Saul Goodman aus Breaking Bad und Better Call Saul), Elizabeth Marvel (wird in der nächsten Staffel von House of Cards die US Präsidentin spielen), Nick Offerman (der „King of Breakfast“, der für mich untrennbar mit Ron Swanson aus Parks & Rec verbunden ist), Adam Goldberg (den ich optisch stets mit Jason Schwartzman verwechsle), Keegan-Michael Key (als schusseliger FBI-Agent in der ersten Staffel) oder Kieran Culkin (der die Story von S02 in der ersten Folge ins Rollen bringt).

Billy Bob Thornton und Martin Freeman in Fargo
Billy Bob Thronton und Martin Freeman aus der ersten Staffel von Fargo (MGM/FX). (c) usatoday.com

(Noch) beeindruckender als die Nebendarsteller sind jedoch die Hauptcharaktere. Weil ich neben Serien auch Rankings aller Art liebe, habe ich nachfolgend versucht, die schauspielerischen Leistungen derer in Punkteform (von 10/10 bis 00/10) in eine gesammelte Liste zu bringen, was sich als äußerst schwierige Aufgabe herausstellte.

10/10 – Billy Bob Thornton (Staffel 01)
09/10 – Kirsten Dunst (Staffel 02)
09/10 – Martin Freeman (S01)
09/10 – Allison Tolman (S01)
08/10 – Colin Hanks (S01)
07/10 – Bokeem Woodbine (S02)
07/10 – Joan Smart (S02)
06/10 – Jesse Plemons (S02)
05/10 – Patrick Wilson (S02)
04/10 – Ted Danson (S02)

Der von Billy Bob Thornton (sozusagen der Ex-Ex-Mann von Angelina Jolie) dargestellte Lorne Malvo ist eindeutig der großartigste Charakter im Fargo-Universum. Selten kam (trotz der job description) ein Auftragskiller derart ruchlos, gefühlskalt und soziopathisch rüber. Als Belohnung für seine Leistung wurde er u.a. mit einem Golden Globe für den besten Darsteller in einer Mini-Serie oder TV Film ausgezeichnet. Kirsten Dunst – den meisten wohl als Mary Jane aus dem 00er-Spiderman-Reboot ein Begriff – folgt knapp dahinter. Da die zweite Staffel noch nicht jeder gesehen hat, verzichte ich hier bewusst auf eine nähere Charakterbeschreibung.

Patrick Wilson, der eigentliche Hauptdarsteller der zweiten Staffel (der auch in S01 vorkommt – auch hier wird auf einen Spoiler verzichtet), leidet etwas an seiner Rolle als State Trooper und hat keine wirklich großartigen Momente, was auch für Ted Danson als seinen Schwiegervater (und Sheriff) gilt. Dieses vorangegangene Ranking ist Kritik auf allerhöchstem Niveau, denn selbst die weiter hinten platzierten Schauspieler würden in den meisten network series (CBS, NBC, ABC, FOX) immer noch alle gnadenlos an die Wand spielen.

Eine spannende Storyline, kombiniert mit einer überragenden Cast, einem nicht alltäglichen winterlichen Serienszenario (zwischen den US-Bundesstaaten Minnesota, North Dakota und Kansas angesiedelt) kombinieren sich zu einem Pflichttipp für alle Serien-Aficionados. Alles in allem ist Fargo eine der besten Serien des letzten Jahrzehnts. Daher gibt es meine uneingeschränkte Empfehlung, welche als Gradmesser für Personen gelten soll, die die Serie bislang ebenfalls noch nicht gesehen haben.

Fargo gibt es in 1080p im Programm von Netflix (auch im Originalton). Die beiden Staffeln spielen zwar im gleichen Fargo-Universum, haben jedoch (fast) keine Verbindung miteinander, können daher auch getrennt voneinander geschaut werden. Im Jahre 2017 kommt die dritte Staffel ins TV, u.a. mit Ewan McGregor, Mary-Elizabeth Winstead und Carrie Coon.

Turnaround durch Benbennek?!

Erneut handelt es sich nur um eine Momentaufnahme, aber nach einer Serie von fünf ungeschlagenen Spielen, dem ersten Auswärtssieg seit Ewigkeiten und der Premiere eines Sieges mit vier Toren gegen Rapid kann man als Ried-Anhänger zwischenzeitlich ruhig schlafen und keine Gedanken an Rote Laternen verschwenden. Manager Stefan Reiter (der mit Özdemir, Zulj, Nutz und Ademi seine beste Transferzeit seit einigen Jahren hinter sich gebracht hat) kann mit seiner Trainerbestellung ebenfalls zufrieden sein. Doch wie konnte Neo-Trainer Christian Benbennek binnen weniger Wochen diesen Turnaround schaffen? Nach nur drei Punkten (und einem Tor) nach fünf Spielen bei einigen Fans (ehrlicherweise auch bei mir) schon angezählt, haben verschiedene Faktoren dazu beigetragen, dass man sich zwischenzeitlich aus dem Abstiegskampf verabschiedet hat.

Christian Benbennek SV Ried
Trainer Christian Benbennek schwimmt derzeit mit der SV Ried auf der Erfolgswelle. (c) meinbezirk.at

Benbennek hat nach dem blamablen 0-5 in Wien sofort erkannt, dass das in der gesamten Vorbereitung praktizierte 4-4-2 in der Bundesliga mit bestehendem Kader nicht anwendbar ist und auf ein 4-2-3-1 um gestellt. Zugleich war allgemeiner Tenor, dass Ried keine Viererkette (mehr) spielen könne und Reifeltshammer nur in einer Dreierkette bundesligatauglich wäre. Der nunmehrige LASK-Trainer ist bei der Umstellung auf eine Viererkette gescheitert. Der glücklose Helgi Kolvidsson ist ebenfalls gescheitert. Christian Benbennek hat beharrlich weitergearbeitet, nachgebessert und nach einem Saisonviertel erreicht, dass das Defensivgebilde größtenteils stabil agiert. Thomas Reifeltshammer hat gegen Rapid seine beste Partie seit Jahren gespielt und bildet mit dem Topneuzugang Ögun Özdemir eine absolut bundesligataugliche Innenverteidigung. Die Außenverteidiger Dennis Chessa und Florian Hart sind zwar (gerade offensiv gesehen) keine Weltkicker, machen allerdings defensiv nur wenige Fehler und wissen genau, was sie spielen können.

Der Trainer hat keine Angst davor, Wechsel bereits in der Halbzeit durchzuführen (wie im Fall vom überforderten Ronny Marcos beim 1-1 gegen die Austria). Er hat erkannt, dass Brandner auf der 6er-Position (noch?) zu blass ist und Peter Zulj kurzum zum defensiven Mittelfeldspieler umgemodelt. Dieser spielt diese Rolle nun seit einigen Spielen so, als ob er nie etwas anderes gelernt hätte. Auch wenn sich mittlerweile eine klare Stammelf herauskristallisiert hat, so hält er die Motivation bei einzelnen Spielern hoch, indem er sie bei guten Trainingsleistungen mit einem Einsatz in der Startelf belohnt (Prada gegen Rapid) oder Spieler von der Tribüne auf die Ersatzbank rutschen (Brandner und Antonitsch gegen Altach).

Er ist der erste Trainer seit Jahren, der das Beste aus Clemens Walch herauszuholen vermag (bereits 3 Tore und 3 Assists in der Liga). In einem Interview vor wenigen Wochen sprach er davon, dass der Tiroler viel Zuneigung braucht und von sich aus sagen solle, falls sein Körper streikt oder er angeschlagen ist. Er hat zur Deadline mit Nutz und Ademi zwei – für Rieder Verhältnisse – famose Neuzugänge in die Mannschaft bekommen. Durch den verstärkten Konkurrenzkampf finden sich letztjährige Leistungsträger wie Fröschl oder Elsneg teilweise nur auf der Bank wieder, Spieler wie Egho oder Brandner sogar nur auf der Tribüne oder bei den Amateuren in der OÖ-Liga.

Er hat Ried bei Standards absolut unberechenbar und brandgefährlich gemacht und damit so etwas wie einen Roitinger-Spirit entfacht. Gegen Sturm hat ein Freistoßtrick perfekt funktioniert, gegen die Austria wurde aus einer direkten Ecke getroffen, gegen Rapid hat eine einstudierte Eckballvariante zum 3-1 geführt.

Von seiner Persönlichkeit her wirkt er absolut authentisch, spricht Fehler (auch eigene) und schlechte Leistungen glasklar an und hebt bei Topleistungen auch nicht sofort ab (wie gestern etwa durch die Aussage, dass man weiter bescheiden bleiben müsse und es trotz alledem nur drei Punkte waren). Aber ein Kritikpunkt muss doch noch sein (vor allem für die Kulinarik des Innviertels sehr wichtig): kann unserem Trainer jemand ausrichten, dass es im Stadion Würste in Hülle und Fülle gibt?