Der liebe Nachbar


Ausnahmsweise beginne ich einen Blogeintrag mit einem klassischen Zitat:

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.
(Friedrich Schiller)

Ich wohne seit Mai 2014 in einem Mehrparteienhaus im Süden von Geidorf in Graz (ein ehemals nobler Bezirk, der jedoch im Laufe der letzten Jahre durch viele Wohnbauprojekte auch für jüngere Menschen leistbar geworden ist). Meine Wohnung im dritten Stock ist mit einem großen Balkon ausgestattet.

Bei einer kleinen Einweihungsfeier mit ca. 10 Gästen während der WM 2014 kam es zum ersten Kontakt mit dem Nachbarn, dessen Wohnung direkt über meiner gelegen ist. Als um Mitternacht noch genau drei Personen eine Unterhaltung am Balkon in einer gemäßigten Lautstärke führten (mit 30+ sind nicht mal mehr wilde Partys wild), fühlte sich der mir bis dahin unbekannte Nachbar, unvermittelt irgendein Gastronomiegesetz zu zitieren. Von der Sinnhaftigkeit folgendermaßen: „Ab 24:00 ist in der Gastronomie das Musizieren und laute Sprechen untersagt ansonsten besteht der Tatbestand der nächtlichen Ruhestörung„. Ohne Nachsatz. Ein normaler Mensch hätte das vielleicht folgendermaßen formuliert: „Hey Burschen, es ist nach Mitternacht, wir würden gerne schlafen, bitte ein bisserl leiser sein„. Wie auch immer, wir haben weitere Unterhaltungen dann in die Wohnung verlegt. Nachricht angekommen, Tonalität extrem fragwürdig bzw. sogar kurios.

Ziemlich genau zwei Jahre später waren im Mai zwei Freunde aus Ried zum Anlass des Bundesligaspiels Sturm-Ried bei mir zu Besuch. Im Laufe des Fortgehens trennten sich die Wege, zwei Freunde wussten dann zwar meine Adresse, allerdings nicht die Türnummer. In meiner Hausanlage sind die Wohnungen von H1 bis H18 beschriftet, ohne Namen. Wie man es dann nach etwas zu viel Alkohol so macht, hatten meine Freunde um halb vier in der Früh so gut wie alle Türen durchgeläutet nachdem sie mich per Handy nicht erreichen konnten. Keine gute Idee.

Gleich am Montagvormittag wurde ich von meinem Wohnungsvermieter angerufen, einige (anonyme) Parteien hätten sich über mich beschwert. Ich habe mich dann jedenfalls bei Vermieter und Hausverwaltung im Namen meiner Freunde entschuldigt – dumm gelaufen und sicher nicht lustig, wenn man irgendwann mitten in der Nacht durch die Türklingel aufgeweckt wird. Hier kann bzw. konnte ich den Aufruhr verstehen. Dass ich hier wie die Jungfrau zum Kind kam, sei dahingestellt. Bei meinen Nachbarn nebenan und unter mir habe ich mich auch jeweils persönlich entschuldigt.

Im August dieses Jahres hatten vier Hausparteien die feine Idee, eine Sitzgarnitur für den Obstgarten anzuschaffen. Kostenlos und im Sinne der Hausgemeinschaft. 98% aller Menschen würden mir wohl zustimmen, dass dies eine tolle Sache ist und für altruistische Nachbarn spricht. Eine bestimmte Person sah dies naturgemäß anders, wie sie dies am rechten unteren Rand des ausgehängten Zettels kundtun musste.

Aushang Haus
„.. und die dazugehörige Lärmbelastung?! Lg“

Die Handschrift dieses Kommentars stimmt überraschenderweise mit der Handschrift des Namens auf dem Postkasten der von mir beschriebenen Person überein. Im Laufe der nächsten Tage folgten dann noch einige positive Bekundungen auf dem Aushang, wie z.B. „Vielen Dank“ oder „Tolle Idee“ – nicht alle Menschen sehen immer gleich das Schlimmste. Diese Sitzgarnitur ist wie bereits erwähnt im Obstgarten platziert. Ich habe bis dato noch nie Lärm aus dieser Richtung gehört, eigentlich wie schon erwartet (ich meine, was soll man dort schon machen, evtl. Drogenpartys mit Death Metal Untermalung schmeißen?).

Vergangenes Wochenende waren dann zwei Freunde bei mir zu Besuch, wir spielten besäuselt von Gösser Naturradler FIFA17 auf der PS4. Als ich mich dann um ca. 03:30 von den beiden verheirateten Familienvätern im Stiegenhaus mit einigen Sätzen verabschiedete, konnte ich noch gar nicht damit rechnen, was in weiterer Folge passieren würde. Als ich heute um 11:00 aufgrund eines Heizungsablesungstermins kurz nach Hause kam, fand ich folgenden Zettel an meiner Wohnungstüre angebracht:

Anzeige Ruhestörung
Eine schöne Komposition aus fehlender Orthographie, Textmarker und Tixo. Sehr kreativ.

Im ersten Moment wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich bin 33 Jahre alt, lebe derzeit alleine und habe in meinem Leben noch nie irgendwelche Probleme mit Nachbarn gehabt. Ich höre weder laute Musik, noch spiele ich ein Musikinstrument. Ich habe keine Haustiere, ich habe vielleicht 3-4x pro Jahr Gäste bei mir und ich bin an vielen Wochenenden sowieso in Ried (oder auch Salzburg oder Wien). Diesen Zettel habe ich daher heute zum Anlass genommen, mich nun bei der Hausverwaltung und bei meinem Vermieter über diesen Nachbarn zu beschweren. Einfach nur um meinen angeborenen Gerechtigkeitssinn zu befriedigen, denn passieren wird sowieso nichts. Aber ein Mehrparteienhaus ist kein Friedhof. Wenn man Totenstille bevorzugt, sollte man aufs Land ziehen (oder in einen Luftschutzbunker).

Außerdem habe ich im Eingangsbereich einen Zettel mit meinen Kontaktdaten angebracht und den anonymen Nachbarn zu einem konstruktiven Gespräch eingeladen. Ich bin mir relativ sicher, dass der Zettel bald nicht mehr hängen wird und der Nachbar meiner Einladung nicht nachkommen wird. Aber in der heutigen Zeit gibt es schon viel zu viele Hasspostings und unnotwenige Konflikte, deswegen möchte ich diese aus meinen eigenen vier Wänden fern halten.

Update 18. Oktober:

Am frühen Nachmittag hat sich die Hausverwaltung auf meine E-Mail hin gemeldet:

Wesiak Rückmeldung Ruhestörung
Interessant nur der Fakt, dass sich die Hausverwaltung schon mal bei meinem Vermieter gemeldet hat, dies bei mir aber nicht möglich ist.

Als ich vor wenigen Minuten aus dem Büro heimgekommen bin, ist genau jener Fall eingetreten, welchen ich im Grunde erwartet hatte. Mein im Eingangsbereich des Hauses angebrachter Zettel mit dem Angebot zum persönlichen Gespräch war kommentarlos und vollständig abgerissen. Bei mir gemeldet (per Telefon, E-Mail oder persönlich) hat sich natürlich niemand. Das letzte Wort ist jedoch sicher noch nicht gesprochen.

2. Update 18. Oktober 2016

Jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Fast halt. Der Nachbar (wenig überraschend genau der von mir „verdächtigte“) hat meine Notiz doch zur Kenntnis genommen und um 19:15 an meiner Wohnungstüre angeläutet. Er führt mit ziemlicher Sicherheit minutiös Buch über meine Events und Gäste, da er mir Daten bzw. Zeitpunkte von vermeintlicher Störung der Nachtruhe nennen konnte, an die ich mich nicht mal selber erinnern konnte. Ich habe mich meinerseits nochmals für die Ereignisse im Mai 2016 entschuldigt, jedoch wenig Verständnis für diesen Samstag oder die Tonalität des anonymen Zettels gezeigt.

Er hat mir anschließend erklärt, dass er vieles von den Nachbarn über sich (Penthouse) und unter sich (meine Wohnung) hört, jedoch nichts von den direkten Nachbarn – eine Einschätzung, welche ich bestätigen kann. Außerdem, dass er vom Balkon viel hinauf hört – was irgendwie klar ist, wenn sein Balkon direkt über meinem gelegen ist. Er weiß allerdings jetzt auch, dass er sich jederzeit bei mir melden kann, falls es einmal wieder zu laut ist, das anonyme Verpetzen bei der Hausverwaltung aber nicht notwendig ist. Wenn er sich wirklich daran hält, ist diese Sache für mich nach diesem 10-minütigen Gespräch im Stiegenhaus nun erledigt.

To be continued…?
(hoffentlich nicht)

Autor: themanwho83

Zwischen Graz und Ried

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