Danke, Mr. SVR


Seit kurzer Zeit ist es nun Gewissheit: SV Ried Manager Stefan Reiter wurde im Zuge einer Präsidiumssitzung am 6. Februar 2017 dienstfrei gestellt und wird per 31. Mai 2017 aus seinem Dienstverhältnis ausscheiden.

In den letzten Jahren geriet Reiter zunehmend in Kritik. An dieser Stelle seien der mitternächtliche Abgang von Oliver G. zum LASK oder die unglückliche Bestellung von Helgi Kolvidsson zum Chefcoach erwähnt. Aber auch vermehrte (sowie ungewohnte) Transferfehlgriffe zehrten stark an seiner Aura. Auch von meiner Seite gab es regelmäßig Kritik, wie etwa in meinen früheren Artikeln Quo Vadis SV Ried? oder im quasi-Manifest SV Ried: 7 Gründe für den sportlichen Rückfall seit 2011. Doch in meiner Stadionrunde gab es seit Jahren ein Sprichwort, welches trotz dieses stetig wachsenden Gegenwinds auch bis zuletzt noch allgegenwärtig war: „In Reiter we trust„.

In der knapp 25-jährigen Profigeschichte der SV Ried gibt es nämlich viele verdiente Personen aber nur eine Handvoll echter Legenden: auf dem Trainerposten sind dies „Jahrhunderttrainer“ Klaus Roitinger sowie „Sir“ Paul Gludovatz. Unter den Spielern freilich „Jahrhundertspieler“ Herwig Drechsel, der 98er-Cupheld Goran Stanisavljevic, der 05er-Aufstiegsheld Sanel Kuljic oder der langjährige Kapitän Thomas Gebauer.

Es gibt jedoch nur eine Person, welche all diese zuvor genannten Persönlichkeiten verbindet – und diese trägt den Namen Stefan Reiter. Mit seiner proaktiven Art, seinem oft zitierten Fußball-Netzwerk und seinem out-of-the-box Denken und Handeln hat er es im Laufe von drei verschiedenen Jahrzehnten (90er, 00er, 10er) geschafft, aus einem kleinen Dorfverein aus dem 12.000-Einwohnerstädtchen Ried im Innkreis einen langjährigen Bundesligisten zu formen, der heuer seine 20. Saison in der Bundesliga spielt, bundesweit anerkannt ist und die Blaupause für Vereine wie Altach oder Wolfsberg geliefert hat.

Stefan Reiter SVR Logo
Stefan Reiter und das Vereinswappen – im Herzen und im Geist untrennbar miteinander verbunden. (c) meinbezirk.at

Die Verpflichtung von vielversprechenden Nachwuchstalenten aus der zweiten Liga und Regionalliga, die Förderung von jungen Talenten aus dem eigenen Nachwuchs, die Initiierung der „spanischen Welle“ in Österreich, das systematische Investment in die Infrastruktur des Vereins (u.a. Stadion, Nachwuchszentrum, VIP-Club, Trainingszentrum) – dies alles hat man (mal weniger, aber meistens eher mehr) Stefan Reiter zu verdanken. Nebenbei sei auch seine langjährige Arbeit als Obmann bei der PRO SV Ried (welche der Förderung des Nachwuchses dient) erwähnt.

Als die SVR zuletzt im Mai 2003 den bitteren Gang in die zweite Spielklasse antreten musste, war Stefan Reiter nicht mit beteiligt. Stattdessen war er zeitgleich als erfolgreicher Manager in Pasching unterwegs. Erst seine Rückholung (verbunden mit der Verpflichtung von Heinz Hochhauser) ermöglichten den zweiten (und sogar erfolgreicheren) Teil der Bundesliga-Erfolgsgeschichte made im Innviertel.

Der Ausblick in eine ungewohnt ungewisse Zukunft gepaart mit dem Abstiegskampf in der Bundesliga nagt an den Gemütern vieler treuer SVR-Anhänger. Der Vorstand hat sich mit der Beurlaubung unmittelbar vor dem Frühjahresauftakt eine zentnerschwere Hypothek auferlegt. Denn sollte es zum nicht ganz unrealistischen Abstieg im Mai kommen, dann wird man sich diesen an das eigene Revers heften lassen müssen. Auf Worte und Taten müssen nun rasch ein kluges Konzept und ein geeigneter Nachfolger folgen.

Ein persönlicher Seitenhieb sei an dieser Stelle noch angebracht: wenn behauptet wird, dass die Trennung „freundschaftlich“ erfolgt ist, dann ist dies für ein Gros der SVR-Familie nur schwer glaubwürdig. Denn immer wieder wurden im Laufe der letzten Monate und Jahre durch SVR-Insider von schweren Spannungen zwischen Präsidiumsmitglied Roland Daxl und Stefan Reiter berichtet.

Das am Samstag in Oberösterreich Heute ausgestrahlte Interview mit ersterem lässt vor allem eines vermissen: Klasse. Denn ich will an dieser Stelle stark bezweifeln, dass ein privates Detail wie ein Kuraufenthalt im Sommer etwas darstellt, was man in einer landesweiten Nachrichtensendung zur Primetime ausposaunen sollte. Auch die öffentlichen Aussagen, dass Reiter „die Vitalität und Kraft fehle“ und „Ablöseerscheinungen erkennbar seien“, sind unangebracht und sogar stillos für den Verantwortlichen eines Vereins, der sich selber immer wieder als „familiär“ und „bodenständig“ bezeichnet.

Was man seit Freitag u.a. auf Facebook, im Austrian Soccer Board oder in diversen WhatsApp-Gruppen mitbekommt, sind die Fronten unter den treuen SVR-Fans der Westtribüne klar abgesteckt. Roland Daxl wird aufgrund seiner Kommentare und seiner aktiven Handschrift im Ablöseprozess von Reiter im Frühjahr genauer denn je beobachtet werden. Denn selbst wenn er noch 20 Jahre im Verein aktiv ist, wird es für ihn äußerst schwierig werden, an die Erfolge von Stefan Reiter bei der SVR auch nur ansatzweise anzuknüpfen.

Eigentlich hätte sich Stefan Reiter zu seinem Abschied nicht 789 sondern 1912 Wörter von meiner Seite verdient. Denn eine in Österreich nahezu unvergleichliche Ära ist zu Ende. Mit meinen 33 Jahren weiß ich, woher wir als Verein gekommen sind und wo wir jetzt stehen – und niemand in der Vereinshistorie hat einen größeren Anteil daran. Wenn man an die SVR denkt, denkt man an Stefan Reiter. Wenn man an Stefan Reiter denkt, denkt man an die SVR. Das Dankeschön, welches ich daher an dieser Stelle in seine Richtung schicken will, könnte nicht größer und herzlicher sein.

Mach’s gut, lieber Stefan. Danke für alles.

reiter-abgang
Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. (c) nachrichten.at

 

Autor: themanwho83

Zwischen Graz und Ried

Ein Gedanke zu „Danke, Mr. SVR“

  1. S.g. Redakteur,
    tut mir leid das ich sie nicht persönlich kenne.
    Ich, der mit Stefan Reiter befreundet und wahrscheinlich mit am längsten im Verein zusammen gearbeitet hat, kann ihre Worte bzw. die Zusammenfassung seiner Arbeit die sie so treffend beschrieben haben nicht nur bestätigen sondern mit größtem Respekt nur noch bewundern!
    Danke für den Artikel
    G. Schweitzer

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