Das Rieder Abstiegsszenario


Seit Anfang März wurde im Innviertel öfters von Endspielen gesprochen. Das erste definitive Endspiel findet allerdings erst kommenden Samstag in der Keine Sorgen Arena statt. Verliert die SV Ried das Heimspiel gegen St. Pölten und der WAC gewinnt zwei Stunden später das Heimspiel gegen Austria Wien, stünde man zwei Spieltage vor Saisonende bereits als Absteiger in die skyGo Erste Liga fest. Man würde ausgerechnet im 20. Jahr der Bundesligazugehörigkeit (1995-2003; 2005-2017) zum zweiten Mal den Gang in die zweithöchste Spielklasse antreten müssen.

Patrick Möschl am Boden nach der 0:3 Niederlage gegen Austria Wien
Patrick Möschl als Sinnbild für die aktuelle Lage (c) skysportaustria bzw. GEPA

Zweigleisige Kaderplanung und Transfers

Aufgrund der Tatsache, dass der Abstieg allerdings auch erst im letzten Moment (konkret gesagt am letzten Mai-Wochenende) entschieden werden könnte, gestaltet sich die Kaderplanung für Franz Schiemer derzeit wohl äußerst schwierig. Er muss zweigleisig planen, einzelne Spielerverträge gelten wohl nur für die Bundesliga. Zwei Spieler haben ihren Abschied bereits bekannt gegeben: Stefan Nutz wechselt nach Altach, Gernot Trauner muss/wird den Verein verlassen. Er wechselt aber nicht zu Sturm Graz, daher erscheint der LASK nun als wahrscheinlichste Variante.

Zudem läuft eine Vielzahl an Verträgen aus – mit Dieter Elsneg, Clemens Walch, Florian Hart, Alberto Prada, Nico Antonitsch, Thomas Bergmann, Orhan Ademi und Patrick Möschl ist die Zukunft von acht weiteren Spielern derzeit (zumindest nach außen hin) noch komplett offen. Allerdings sind hier nicht nur die Spieler am Zug. Schiemer selber muss sich folgende Fragen stellen: Wollen diese Spieler auch in der zweiten Liga spielen? Kann man sich diese Spieler in der zweiten Liga überhaupt leisten? Will der Verein diese Spieler überhaupt im Verein halten?

Die dritte Frage ganz sicher mit „ja“ kann man im Fall von Patrick Möschl beantworten. Er spielt im Frühjahr seine beste Saisonhälfte überhaupt im Dress der SVR und ist daher angeblich konkretes Thema bei der Austria aus Wien. Özgür Özdemir, Dieter Elsneg und Peter Zulj sind drei weitere Spieler, welche von der Qualität und vom Gehalt her in der zweiten Spielklasse wohl kaum zu halten sind.

Vieles spricht also für einen drastischen Kaderumbruch. Ein solcher wirkt sich erfahrungsgemäß gerade während der ersten zwei bis drei Monate einer neuen Saison negativ auf die Homogenität der Mannschaft und eine fluide Spielweise aus. Die Absteiger der letzten Jahre hatten im ersten Jahr in der Erste Liga sogar teilweise mit (erneuten) Abstiegssorgen zu kämpfen weil die Spielweise dort eine andere ist und viele Mechanismen aus der Bundesliga nicht greifen. Zudem sind die Plätze (teilweise viel) schlechter und Zweikämpfe sind ein viel größerer Faktor.

Daher müsste Schiemer bei der Kaderplanung neben Klasse/Ligatauglichkeit auch auf die Komponenten Routine/Erfahrung achten. Ein Joachim Standfest (dessen Vertrag in Wolfsberg nicht verlängert werden soll) wäre für mich ein absolut denkbarer Leithammel für eine Mission Wiederaufstieg. Grandios aber wohl nicht umsetzbar wäre eine Rückkehr von Anel Hadzic aus Ungarn zu seinem Stammverein. Dagegen sprechen aber sein relativ junges Alter von 27 sowie Gehalt – und eben auch die Liga.

Spieler gehen, Spieler kommen – in Sachen Neuverpflichtungen wurde zuletzt über den Namen Thomas Mayer gemunkelt. Der LASK-Spieler, welcher sich beim Spiel gegen die Admira im Rieder VIP-Club befand, ist bei Goodwin Sportmanagement unter Vertrag, jener Agentur welche u.a. auch Marcel Ziegl betreut. Schiemer kennt ihn aus seiner Zeit in Liefering und ist wohl von der Mischung aus Schnelligkeit und Giftigkeit überzeugt.

Laut Vorarlberger Nachrichten ist aber auch Pius Grabher ein heißer Kandidat für eine Reunion mit seinem ehemaligen Trainer. Heute wurde verlautbart, dass er den Verein zu Saisonende auf alle Fälle verlassen wird. Dagegen spricht, dass man ihm auch Interesse von fixen Bundesligamannschaften (u.a. Admira) nachsagt. Der Schweizer Gabriel Lüchinger, welcher derzeit als Spielmacher der Altach Amateure in der Regionalliga West (heuer 15 Tore und 6 Assists in 25 Spielen) agiert, soll ebenfalls ein Thema sein.

Grabher ist übrigens 170 cm, Mayer 171 cm und Lüchinger 172 cm „groß“ – ein Indiz dafür auf welche Art von Fußball Schiemer und Chabbi in der kommende Saison setzen wollen, unabhängig von der Ligazugehörigkeit.

Wiederaufstiegsfaktoren Stürmer, Vereinstreue & Trainer

Das wichtigste Kriterium in einem skyGoEL-Meisterkader ist allerdings ein Topstürmer. Ried hatte vor 12 Jahren den überragenden Sanel Kuljic, welcher mit 34 Toren in 34 Spielen bis heute den Zweitligatorrekord hält. Der LASK konnte heuer auf die Tore von René Gartler bauen, St. Pölten wurde im Vorjahr von Daniel Segovia getragen. Ein Jahr zuvor wurde Markus Pink Torschützenkönig bei Mattersburg und wiederum ein Jahr davor Hannes Aigner in Altach.

Das Toreschießen war heuer auch das Hauptproblem der SV Ried. Orhan Ademi konnte den in ihn gesteckten Erwartungen in keinem Aspekt gerecht werden, Thomas Fröschl erzielte sein erstes Saisontor im Mai und auch Dieter Elsneg (in den letzten beiden Jahren der Topscorer in Ried) erwischte heuer eine Seuchensaison. Hier müsste Schiemer also auf alle Fälle nachlegen um diese Schlüsselposition mit einem geeigneten Mann zu besetzen. Man würde wohl keinen Sanel Kuljic mehr finden, aber ein Überraschungsmann wie heuer Rafael Dwamena in Lustenau erscheint im Bereich des Möglichen.

Ein wichtiges und aus Fansicht sogar beeindruckendes Zeichen war die gestrige Vertragsverlängerung von Marcel Ziegl bis 2020. Dieser Vertrag ist sowohl in der Bundesliga als auch in der Ersten Liga gültig. Kapitän Thomas Gebauer sowie Vize-Kapitän Thomas Reifeltshammer haben beide ebenfalls bereits angedeutet, auch bei einem Abstieg die Treue halten zu wollen. Daher könnte man im Falle des schlimmsten Szenarios auf die wohl drei größten Identifikationsfiguren bauen. Sie stammen nicht nur aus der Region (bzw. gehören schon lange dort hin), sondern sind auch die drei längst dienenden Spieler im Rieder Kader. Thomas Gebauer ist seit 2006 in Ried, Thomas Reifeltshammer und Marcel Ziegl haben ihr Bundesligadebüt für Ried beide im Jahr 2009 gefeiert.

Mit Lassaad Chabbi hat man im Frühjahr einen Trainer verpflichtet, der die Erste Liga bestens kennt und mit Austria Lustenau lange im Aufstiegskampf war, bis der bereits genannte Topstürmer Rafael Dwamena in der Winterpause in die Schweiz verkauft wurde. Seine Akribie und unbändige Leidenschaft für den Fußball (welche man Augenzeugen zufolge in jedem einzelnen Training sieht) sind ein Hauptgrund dafür, dass sich die SV Ried Mitte Mai überhaupt noch im Abstiegskampf befindet. Die aktive, zweikampforientierte Spielweise scheint nicht nur den meisten Spielern besser zu liegen, sie ist auch deutlich attraktiver für die Fans. Kein Vergleich zur langweilig-passiven Spielweise unter Christian Benbennek, bei der die Stärken einiger Spieler (Paradebeispiel: Patrick Möschl) überhaupt nicht zur Geltung kamen.

Infrastruktur und Ticketpreise

In Sachen Infrastruktur wäre die SV Ried in der ersten Liga allen anderen Vereinen haushoch überlegen. Ein Stadion mit 7600 überdachten Plätzen im Eigenbesitz, eine innovative Rasenheizung, ein kürzlich eröffnetes state-of-the-art Trainingszentrum inkl. Kunstrasenplatz und ein für HD-Spiele ausreichendes Flutlicht kann in Kombination keine andere Mannschaft bieten, nicht einmal Wacker Innsbruck.

Aufgrund der Infrastrukturgegebenheiten kommen die meisten Teams, welche kommende Saison in der skyGoEL spielen werden, auch gar nicht für den Aufstieg in Frage. Im Endeffekt würde sich der Aufstiegskampf auf Wacker, Austria Lustenau sowie eventuell BW Linz und Wattens beschränken. Alle anderen Vereine haben finanzielle Probleme oder grobe infrastrukturelle Einschränkungen. Und Liefering darf sowieso seit Jahren nur den großen Wettbewerbsverzerrer mimen.

Hauptsponsor Guntamatic hat laut diverser Insider bereits signalisiert, auch in der 2. Liga auf alle Fälle an Bord bleiben zu wollen. Dennoch müsste die SVR gemäß einem Interview mit Finanzvorstand Daxl das Budget im Falle des Abstiegs um rund 30% reduzieren, was aber noch immer für eines der absoluten Topbudgets in der skyGoEL ausreichen würde. Hauptfaktor hier wohl die markant niedrigeren Bezüge aus den TV-Geldern. Als Rieder Fan müsste man sich zudem daran gewöhnen, nicht jedes Spiel live über 90 Minuten sehen zu können. Aber aufgrund der (zumindest derzeit) abgeschlossenen Infrastrukturoffensive könnte wohl ein Großteil der finanziellen Ressourcen in die dringend nötige Kaderplanung investiert werden.

Die Eintrittspreise müssten zwangsweise nach unten angepasst werden. Derzeit bezahlt man 18€ (17€ im VVK) für einen Stehplatz. Bei Gegnern wie Rapid oder Sturm Graz ist das noch absolut okay, gegen Hartberg oder Wattens wäre es dies jedoch nicht mehr. Daher sollte man alles daran setzen, so viele Abos wie möglich zu verkaufen. Je mehr Abos an den Mann (und die Frau) gebracht werden, desto größere Planungssicherheit würde der SVR beim Kampf um den Wiederaufstieg ermöglicht werden.

Der 12. Mann

Weil ich gerade die Abos angesprochen habe – last but not least könnte die SV Ried auch in der skyGoEL auf einen Fansupport bauen, welcher derzeit in der Bundesliga für den subjektiven fünften Platz hinter den „big4“ reicht. Szenen wie nach dem erkämpften 1-0 Heimsieg gegen die Admira sind mehr als nur bundesligareif. Die absolute Mehrheit der Fans würde auch in der Zweitklassigkeit zu ihrer Mannschaft stehen – gemäß dem Motto „Wir für euch – ihr für uns – wir gegen alle“.

Die Rieder Mannschaft beim Abklatschen mit den Fans nach dem 1:0 Sieg gegen die Admira.
Abklatschen nach dem 1-0 gegen die Admira (c) 90minuten.at via GEPA

Aufgrund der Spieltermine von Unterhauskickern (größtenteils Samstag und Sonntag) könnte sogar der Fall eintreten, dass man am Freitag um 18:30 (oder 20:30) wieder Zuschauer im Stadion begrüßen darf, welche aktuell während der Unterhausligasaison kaum Zeit für den Besuch von Bundesligaspielen haben. Im Gegensatz dazu ist der Freitagstermin natürlich weniger kinder- und familienfreundlich. Und auch für Menschen mit längerer Anreisezeit (Anm.: darunter befinde mich auch ich) wäre der Ankicktermin jedoch ein klarer Nachteil.

Ausblick in eine (un)sichere Zukunft

Zusammenfassend kann man konstatieren: ein Abstieg würde vieles ändern, schwieriger machen und natürlich sehr weh tun. Auch viele Fans anderer Teams sehen die SV Ried als Bereicherung für die Bundesliga und würden den Verein daher (zumindest ein bisschen) vermissen. Der gleichzeitige Aufstieg des LASK (inkl. seinem wirtschaftlichem Potential) würde den Abstiegsschmerz unter den Ried-Fans außerdem potenzieren.

Allerdings müsste man um die SV Ried sicher keine Angst und Sorge haben. Trainer und Manager stehen bereits fest und dienen der Planungssicherheit. Man hat beste infrastrukturelle Ausgangsbedingungen um talentierte Spieler auch in die 2. Liga zu locken. Außerdem würde der Zwischenstopp in der zweiten Spielklasse aufgrund der zuvor genannten Fakten hoffentlich auch nur eine Saison lang andauern, da nächste Saison durch die Aufstockung auf die 12er-Bundesliga zwei (oder aufgrund der Relegation gar drei) Teams in die Bundesliga aufsteigen werden.

Und wenn über alle Teile des Vereins (inkl. Fans) der gleiche selbstreinigende Effekt wie 2003 eintreten würde (die Langzeitfans wissen wovon ich spreche), dann wäre der Abstieg ein lehrreiches Kapitel gewesen, dass man als Dorfverein (im Sinne des Begriffes) im österreichischen Spitzenfußball nichts für gegeben oder dauerhaft beständig erachten darf. Denn auch Prototypen verlieren irgendwann einmal ihren Wettbewerbsvorteil und ihre Magie.

 


Disclaimer: ich bin kein Journalist sondern primär langjähriger Anhänger der SV Ried, der bereits einen schmerzvollen Abstieg miterlebt hat. Sollte mir also jemand Subjektivität vorwerfen wollen, dann wohl weil ich einige Dinge ziemlich subjektiv sehe ;- )

Autor: themanwho83

Zwischen Graz und Ried

Ein Gedanke zu „Das Rieder Abstiegsszenario“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: