Und täglich grüßt das SVR-Murmeltier

Freitag, 22:20. Die 1-3 Heimniederlage gegen Wacker Innsbruck ist besiegelt. Die Mannschaft wird von den (verbleibenden) großteils wütenden Fans auf der Westtribüne ziemlich unfreundlich weggeschickt. Vor der Einfahrt zum VIP-Parkplatz kommt es (unter erheblicher Polizeipräsenz) zum Diskurs zwischen verärgerten Fans und später auch einzelnen Spielern sowie Manager Schiemer.

SVR Parkplatz Diskussion
Szenen nach Spielende vor der Einfahrt zm VIP-Parkplatz (c) Gerald Emprechtinger

Sieben Punkte Rückstand auf Wacker Innsbruck und der Rückfall auf den 4. Tabellenplatz machen aus der Ergebniskrise eine veritable Vereinskrise. Die unschöne Tabelle aus dem 3. Saisonviertel ist seit Freitagabend nochmals um ein Stück grauenhafter geworden.

via Formtabelle auf transfermarkt.at

Derzeit belegt man nur aufgrund der Sonderstellung (man kann es auch Sinnlosigkeit nennen) von Liefering noch den Relegationsplatz. Doch auch dieser könnte in zwei Wochen bei einer Niederlage in Hartberg (eine Mannschaft, gegen die man heuer noch sieglos ist) bereits Geschichte sein.

Kein Sieg während der letzten sechs Runden. Sieglos seit sieben Pflichtspielen. Ein negatives Torverhältnis und die drittwenigsten erzielten Tore. In diesem Zeitraum elf Punkte auf Wacker, vier Punkte auf Wiener Neustadt und auch zwei Punkte auf Hartberg verloren. Das ist für den selbsternannten Titelfavoriten einfach nur unwürdig. Durchhalteparolen (wie bereits letzte Saison) sind daher aktuell fehl am Platz. Eine knallharte Analyse der Ist-Situation sollte schon seit Wochen passiert sein.

Nach außen hin kann man dies jedoch nicht feststellen. Daher war es besonders konfus, als sich der Trainer nach dem Spiel gegen BW Linz den Interviewfragen von sky gestellt hat und von einem guten Spiel der Mannschaft gesprochen hat. Pardon my french, aber das ist blanke Realitätsverweigerung. Offenbar traut man dem gemeinen Fußballfan nicht zu, Spiele realistisch bewerten zu können. Denn auf gut innviertlerisch ist das ein totaler Hundskick, was die Jungs in schwarz-grün seit Wochen (bzw. eigentlich Monaten) aufführen.

Waren in der zweiten Halbzeit gegen Liefering sowie in der ersten Halbzeit gegen BW Linz noch Ansätze von Fußball zu erkennnen, so wurde gegen Wacker gleich ab der 1. Minute auf jegliches erkennbares Konzept verzichtet. Ein hoher Ball in die Spitze. Noch ein hoher Ball in die Spitze. Und noch ein hoher Ball in die Spitze. Was ist hier im Winter passiert, dass die Mannschaft offenbar nicht mehr weiß, wie man Fußball spielen kann?

Apropos Mannschaft – auch die Kaderplanung in der Winterpause muss an dieser Stelle kritisiert werden. Gabriel Lüchinger wurde an BW Linz verliehen (der dort ironischerweise aufblüht), obwohl Flavio Dos Santos seit nunmehr knapp vier Monaten in seiner kapverdischen Heimat fest sitzt. 25C° und Sonnenschein sind aber auch ein guter Grund, den österreichischen Boden zu meiden. Constantin Reiner war nach seinem Fehler gegen den FAC gestern erstmals nicht einmal mehr im Matchkader und Philipp Prosenik ähnelt von der Agilität her einer Bahnschranke, bzw. scheint primär eine Prestigeverpflichtung gewesen zu sein („Altach und Wolfsberg wollten den Spieler auch verpflichten“). Fairerweise kam er bislang aber auch nur sporadisch zum Einsatz und die Unform der Mannschaft macht eine Integration aktuell nicht gerade einfach.

Im Grunde entstammen die besten Neuverpflichtungen daher der eigenen Verletztenliste und tragen die Namen Thomas Reifeltshammer und Marcel Ziegl, auch wenn zweiterer bislang nur sporadisch zum Einsatz kam.

Die Verletztenliste ist ein gutes Stichwort, denn bei Verletzten werden Symptome erkannt und dementsprechend behandelt. Dies ist innerhalb der SVR jedoch noch nicht passiert und bringt mich zum derzeit stets wiederkehrenden Motto im Verein: Und täglich grüßt das Murmeltier. Besser gesagt verhalten sich die Spieler der SVR seit geraumer Zeit wie Murmeltiere auf dem Fußballplatz. Nachfolgend aufgelistet findet man alle vergebenen Führungen in der aktuellen Saison der sky Go Erste Liga:

Runde Gegner Führung Endstand Punkte
24. Runde Wacker Innsbruck 1-0 1-3 -3
23. Runde BW Linz 1-0 & 2-1 2-2 -2
22. Runde FC Liefering 1-0 1-1 -2
21. Runde FAC 1-0 1-1 -2
19. Runde Wiener Neustadt 2-0 2-2 -2
9. Runde Kapfenberg 1-0 1-2 -3
7. Runde Hartberg 2-0 2-2 -3
5. Runde BW Linz 1-0 1-1 -2
ÖFB Cup Rapid Wien 1-0 1-2 Out
  -19

Im Gegensatz dazu wurden nach Rückstand nur vier Punkte (3 gegen den FAC sowie 1 gegen Wacker Innsbruck) geholt, was eine Differenz von -15 Punkten (sowie das ÖFB-Cup-Out in Wien-Hütteldorf) ergibt.

Dies scheint erstaunlicherweise eine Spezialität des Trainers zu sein. Nach dem heutigen Spiel zwischen Wolfsburg und Schalke (0-1) wurde ich auf Twitter nämlich an Özgur Özdemir erinnert. Wie im letzten Frühjahr gegen den WAC schaffte es der Werksklub nämlich heute, einen Elfer zu vergeben und dann per Eigentor noch Punkte zu verlieren. Dies hat mich dazu bewogen, nochmals einen kurzen und schmerzhaften Blick zurück auf die vergangene Saison in der tipico Bundesliga zu werfen:

Runde Gegner Führung Endstand Punkte
34. Runde St. Pölten 1-0 1-1 -2
31. Runde RB Salzburg 1-0 1-1 -2
30. Runde WAC 1-0 1-1 -2
27. Runde Mattersburg 1-0 1-2 -3
-9

Mit einer komplett anderen Mannschaft und anderen Gegnern also das gleiche Problem. Die Fahrlässigkeit, vor allem gegen die direkten Gegner im Abstiegskampf, hat letztendlich den Abstieg besiegelt. Der verschossene Elfer von Didi Elsneg beim 0-1 in St. Pölten (beim Stand von 0:0) ist hier nicht einmal eingerechnet, sollte aber zumindest beiläufig erwähnt werden. Ihr stellt euch die Frage, wie viele Punkte unter Chabbi in der Bundesliga nach Rückstand geholt wurden? Zero.

Man sollte sich im Verein somit ganz klar die Frage stellen (bzw. schon lange gestellt haben), wieso man saisonübergreifend in 13 der letzten 37 Spiele (inkl. ÖFB-Pokal) eine Führung verschenkt hat und nur einmal nach Rückstand gewinnen konnte. Wenn sich diese Werte nur einigermaßen ausbalancieren, dann spräche man von Normalität, wenn ein Punkteverlust nach Führung aber in 35% aller Partien (also im Schnitt in jeder dritten Partie) passiert, dann ist dies mehr als bloßer Zufall und ein augenscheinliches Problem.

Ohne Psychologe zu sein, aber diese Mannschaft hat vermutlich ein mentales Problem. Mit einer Führung im Rücken sollte man im Normalfall befreiter und sicherer aufspielen können, aus welchem Grund auch immer passiert bei der SVR aber das exakte Gegenteil. Haarsträubende Konzentrationsfehler, welche unter anderem in dämlichen Elferfouls und last minute Gegentoren resultieren, bringen die Mission Wiederaufstieg in allerhöchste Gefahr. Man sollte dies auch intern mit der Mannschaft ansprechen, wenn notwendig auch mit einem Mentaltrainer. Auch die kolportierte Gruppenbildung und schlechte Grundstimmung im Kader (welche ich aus verschiedenen Quellen vernommen habe) wären ein Fall für einen Mediator, sollten sich diese unbestätigten Gerüchte bewahrheiten.

Nebenbei trägt die Antiform von Leistungsträgern wie Ilkay Durmus (der im Winter durch einen Replikant ohne Fußballfunktion ausgetauscht worden sein dürfte), Seifedin Chabbi (seit 6 Spielen ohne Tor) und  Thomas Fröschl (seit 6 Spielen ohne Tor) auch einen Teil zum Problem bei. In der Herbstsaison konnte man haarsträubende Defensivfehler oft durch die treffsichere Offensive kaschieren, was im Frühjahr nun einfach nicht mehr gelingt. Vielleicht ist der Kader auf manchen Positionen auch zu breit aufstellt (gestern agierte mit Haring und Reifeltshammer die vierte verschiedene Innenverteidigung im Frühjahr) und dieser Konkurrenzkampf scheint so manchen Spieler eher zu hemmen als zu motivieren.

Wie dem auch sei, dies sind nur Vermutungen. Fakt ist allerdings, dass man nur mehr 12 Runden Zeit hat, um das lecke Wikingerschiff wieder flott zu bekommen. Ansonsten könnte die Geschichte des knapp 106 Jahre alten Vereins am 25. Mai 2018 ihr trauriges Ende finden. Ob Lassaad Chabbi dies noch als Steuermann ausüben wird, werden die kommenden Tage zeigen und müssen andere Personen entscheiden.

Wichtig ist, dass permanente Schönrederei und verbale Realitätsfremdheit ihr Ende finden. Wir Fans vertragen die Wahrheit & realistische Einschätzungen von Punkteausbeute und spielerischer Note wären ein erster Weg zur Genesung des Patienten SVR. Doch Realismus ist nur die halbe Miete, auf Worte müssen nun primär Taten folgen. Am besten gleich mit einem überzeugenden Sieg in der Oststeiermark gegen Hartberg.

p.s. Ich wollte nach meinem spätnächtlichen Blogeintrag in der Vorwoche eigentlich so schnell nichts mehr schreiben. Die Entwicklungen der letzten Woche haben dieser Planung jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich würde wirklich viel lieber über Erfolge und Aufstiegseuphorie meines Vereins schreiben.

p.p.s. ist es eine der Lieblingsbeschäftigungen von Murmeltieren, sich Gruben zu graben. Auch deswegen ist die Analogie mit der momentanen Situation bei der SVR leider perfekt.

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Quo vadis SV Ried, Edition 2018

Die SV Ried ist nunmehr seit sechs Spielen sieglos. Zuletzt setzte es in der Liga fünf Unentschieden nacheinander. Man hat im Frühjahr in drei Spielen sechs Punkte auf den härtesten Aufstiegskonkurrenten aus Innsbruck verloren. Außerdem liegt man bereits drei Verlustpunkte hinter dem hartnäckigen Überraschungsteam aus Wiener Neustadt. In der Rückrundentabelle hat man binnen fünf Spielen sogar unglaubliche acht (!) Punkte auf Wacker Innsbruck aufgerissen, wie die Formtabelle (via transfermarkt.at) zeigt:

rückrundentabelle-sv-ried

Der Start in die wohl wichtigste Frühjahressaison der 106-jährigen Vereinsgeschichte ist schlimmer als in den schlimmsten Befürchtungen verlaufen. Und dabei hat man noch nicht einmal gegen zwei der drei Konkurrenten um den Aufstieg (Innsbruck und Hartberg) gespielt (diese Duelle folgen in den beiden kommenden Wochen).

Der Wurm ist drin

Im Herbst noch mit der besten Offensive der Liga ausgestattet, traf man zuletzt fünf Mal en suite nur aus Standardsituationen. Ein Elfer von Julian Wießmeier, noch ein Elfer von Wießmeier, ein Tor nach Ecke von Haring, ein Tor nach Ecke von Reifeltshammer und dann nochmal Wießmeier per Elfer. Aus dem Spiel heraus geht in der Mannschaft von Trainer Lassaad Chabbi seit Monaten überhaupt nichts mehr zusammen. Die hochgelobten Stürmer Seifedfin Chabbi, Thomas Fröschl und der im Winter aus Hütteldorf verpflichtete Philipp Prosenik haben in vier Spielen im Frühjahr noch kein einziges Mal genetzt.

Die Kritik am Trainer selber (knapp ein Jahr nach seinem Wechsel aus Lustenau) wird logischerweise ebenfalls immer lauter. Die Unfähigkeit, auf taktische Umstellungen oder Raffinessen des Gegners zu antworten, wird von Woche zu Woche auch für den Laien augenscheinlicher. Der Floridsdorfer AC (heute sang- und klanglos daheim 0-3 gegen Wiener Neustadt untergegangen) ließ vor zwei Wochen so gut wie keine Torchance in der Keine Sorgen Arena zu. Und dies mit einem relativ einfachen Konzept. Man attackierte die Innenverteidiger und defensiven Mittelfeldspieler hoch und zwang den Gegner auf diese Weise zu unkontrolliert hohen Bällen in die Spitze. Jegliche Reaktion auf diese Taktik der wohl objektiv schlechtesten Mannschaft der Liga war nicht vorhanden.

Ebenso eklatant wurden die taktischen Unzulänglichkeiten des Trainers im heutigen 2-2 im OÖ-Derby gegen BW Linz aufgedeckt. Nach dem (erneuten) Ausgleich der Linzer in der 64. Minute (also knapp 30 Spielminuten vom Abpfiff entfernt) besonn man sich auf ein einziges Offensivmittel: hohe und scheinbar unkontrollierte Bälle auf Fröschl und Prosenik. Feinster englischer kick & rush gegen den Tabellenletzten der Liga. Wobei dieser in der ersten Halbzeit bei jeder schnell herausgespielten Aktion eigentlich nicht wusste, wie ihm geschah. Keinerlei Änderung des taktischen Konzepts durch Umstellungen. Kein sichtbarer Matchplan. Keine Fokussierung auf die Stärken der qualitativ viel hochwertigen Einzelspieler. Mit den Auswechslungen von Chabbi Jun. und Durmus außerdem die gleichen (zumindest fragwürdigen) Wechsel wie am vergangenen Samstag in Grödig gegen Liefering.

Didi Reifeltshammer mit einem beherzten Comeback nach langer Verletzungspause – (c) nachrichten.at

Man kann auswärts bei Liefering durchaus nur Unentschieden spielen. Ebendort setzte es im Spätsommer nämlich sogar eine deftige 0-4 Niederlage. Aber man kann eben nicht ein 2-0 gegen Wiener Neustadt herschenken, daheim gegen den FAC nur remisieren und nun nach zweimaliger Führung ebenfalls nur einen Punkt beim Schlusslicht aus Linz holen. Mit einer solchen Punkteausbeute aus den ersten fünf Spielen der Rückrunde wäre man vielleicht in Wattens oder Kapfenberg zufrieden, für die selbst immer wieder und wieder kommunizierten Ansprüche der SV Ried ist dies jedoch einfach nur katastrophal und ungenügend.

Die Schuld der Spieler

Zig Male hat man in dieser Saison bereits gesehen, dass es auch in der zweithöchsten österreichischen Spielklasse niemals nur mit 80% oder 90% Einsatz geht. Wenn man in der skyGo Erste Liga nicht immer alles gibt, ist auch eine Truppe wie der FAC ständig um einen Gedanken flotter und deswegen um einen Schritt schneller. Umso trauriger, im Cupspiel bei Rapid hat man (nach dem Überstehen einer nervösen Anfangsphase) gesehen, wie diese Mannschaft kicken könnte wenn man von der ersten Minute weg mit 100% Einsatz am Werk ist.

Es läuft natürlich auch schlecht, weil einige Leistungsträger aus dem Herbst nun schon seit Monaten ihrer Form nachlaufen: Ilkay Durmus ist ein Schatten seiner selbst, Lukas Grgic hat seine Form nach dem Transfer vom LASK von Spiel zu Spiel verloren, Thomas Fröschl und Seifedin Chabbi sind seit fünf Spielen ohne Torerfolg und auch von der hochkarätig besetzten Bank mit bundesligaerprobten Kickern, um welche 2-3 Bundesligisten neidisch sein sollten, kommen kaum Impulse.

Vielmehr scheint die Mannschaft ein tiefgreifendes mentales Problem zu haben. Dieses dauerhafte Gebrabbel von „Favorit auf den Meistertitel“ scheint die Spieler immer mehr zu hemmen. Man kommt mit dieser selbst auferlegten Favoritenrolle im Kampf um den Aufstieg ganz einfach nicht zurecht. Mittlerweile wurden bereits 15 (!) Punkte nach einer Führung verschenkt. Zuletzt ging man mit Ausnahme des 0-0 in Lustenau stets in Führung (2-0 gegen Wiener Neustadt, 1-0 gegen den FAC, 1-0 im ÖFB-Cup bei Rapid, 1-0 bei Liefering und heute 1-0 sowie 2-1 in Linz) und schaffte es KEIN einziges Mal, den Sieg über die Runden zu bringen. Vielmehr kassierte man mit Ausnahme von Rapid in jedem Ligaspiel sogar postwendend den Ausgleich. Gegen den FAC nach zwei Minuten, gegen Liefering nach neun Minuten und heute nach drei bzw. vier Minuten.

Dies sind für mich grobe Konzentrationsprobleme. Sir Alex Ferguson hat einmal gesagt, dass der Gegner nach einem Gegentor am verwundbarsten ist. Bei der SVR hingegen tritt der inverse Effekt ein, ein Führungstreffer scheint ein kurzfristiges mentales Abschalten zur Folge zu haben. Ist es voreilige Genugtuung oder das Wiegen in falscher Sicherheit? Das kann man von außen nur schwer beurteilen. Von bloßem Zufall kann man jedoch nicht mehr sprechen, vor allem wenn man sich die gravierenden Fehlerketten vor den letzten Gegentoren nochmals vor das geistige Auge führt.

Ried-Rapid-Cup
Fahrlässige Chancenverwertung (vor allem von Thomas Fröschl) kostete den Aufstieg im ÖFB-Cup – (c) oefb.at

So agiert keine Mannschaft, die von sich selber überzeugt ist und mannschaftlich gefestigt ist. Es gibt gemäß des allgemeinen Tenors auch zu wenige Leaderfiguren auf dem Platz. Thomas Reifeltshammer war durch seine Schambeinentzündung lange out, Thomas Gebauer kann von der Torhüterposition wenig bewirken und ansonsten sehe ich in dieser Mannschaft nicht einmal annähernd einen Typen wie Roy Keane, Patrick Vieira oder John Terry. Das sind natürlich extreme Beispiele. Aber ich sehe aktuell nicht einmal einen Andrzej Lesiak, Michael Angerschmid oder Didi Berchtold im Kader. Jemanden, der stets dort hingeht, wo es weh tut und keine Auseinandersetzung mit Gegner und Schiedsrichter scheut. Ganz im Gegenteil, ein großer Teil der Generation der Instagram-Kicker legt viel Wert auf die Dinge abseits des Platzes, beispielsweise Hiphop, Tattoos und den Gang in die Kraftkammer.

Die Schuld des Trainers

Doch nicht allein das Fehlen von Führungsfiguren innerhalb der Mannschaft scheint ein Problem zu sein, auch der ultra-autoritäre Führungsstil des Trainers dürfte für manche Spieler (zumindest wenn man dem talk of the town Glauben schenkt) auch ein Problem darstellen. Das dauerhafte Reinbrüllen von Anweisungen, welches in der quasi-Fernsteuerung von Spielern gipfelt, welche in der Nähe der Trainerbank agieren (Anm. jeder Besucher des Testspiels in Grieskirchen gegen die Puskas Academy weiß, wovon ich schreibe) kann auf Dauer kein zeitgemäßes Trainermittel sein. Außerdem ist Chabbi absolut erbarmungslos wenn es um das Absägen von Spielern geht. Winter-Neuzugang Constantin Reiner hat nach seinem Fehler gegen den FAC keine Einsatzminute mehr bekommen und auch der verliehene Gabriel Lüchinger, der heutige Torschütze zum 2-2 (oh the irony), hat in Wahrheit in der Hinrunde niemals eine faire Chance erhalten.

Julian Wießmeier ist für mich auch das Exempel einer undurchdachten Transferstrategie. Mit dem Deutschen hat man bereits vor Ende der Vorsaison einen echten Spielmacher geholt (der auch die #10 am Rücken trägt), der aber meistens als rechter Mittelfeldspieler (für diese Position ist er zu langsam) oder als zentraler Mittelfeldspieler (für diese Position ist er zu wenig robust und kann nicht genug Offensivimpulse setzen) agieren muss, weil er sonst nicht in das eingefahrene 4-4-2 System passt.

Umso erstaunlicher, dass Chabbi diesen Spieler bereits aus Lustenau kannte und daher eigentlich genau wissen müsste, wo seine Stärken liegen. Stellt sich nun die Frage: wie oft spielte Lustenau in der Vorsaison mit einem 4-4-2? Exakt einmal. Seine produktivsten Spiele in der Vorsaison hatte Wießmeier als OM in einem 4-3-2-1 und als offensiver zentraler Mittelfeldspieler in einem 4-3-3. Hier spricht also vieles dafür, dass man im Mai des Vorjahres noch kein wirkliches Konzept hatte, wie man in der kommenden Saison agieren würde.

Wie auch immer, ein Team mit einer überdurchschnittlich großen Anzahl an Individualisten (zu denen fraglos auch Wießmeier gehört) sollte im Lauf einer Saison eigentlich immer eingespielter werden und zunehmend kompakt agieren. Dies ist jedoch nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, man merkt (wie schon im Frühjahr der Vorsaison) einfach keine Fortschritte. Schlimmerweise sind eher sogar Rückschritte erkennbar. Die massive Anfälligkeit bei Standards, die Unfähigkeit mit hohen Bällen des Gegners in die Spitze klar zu kommen, das Fehlen eines klaren Spielkonzepts, die Kunst ohne Einzelaktionen offenbar kein Spiel gewinnen zu können – das alles zieht sich wie ein roter Faden durch die bisherige Saison. Und das sind allesamt Dinge, welche ein Trainer proaktiv beheben muss, was ganz einfach nicht der Fall ist.

Lassaad Chabbi sollte das Lachen eigentlich angesichts der schlechten Leistungen seiner Mannschaft schon vergangen sein. – (c) laola1.at

Dies bringt mich auch zu meiner logischen Konsequenz: wenn das Spiel am kommenden Freitag gegen Wacker Innsbruck verloren geht, müssen Roland Daxl und Franz Schiemer reagieren und den Trainer austauschen. Denn nach den heutigen „Wir wollen euch siegen sehen„-Sprechchören nach Spielende würde die Stimmung unter den Fans wohl endgültig kippen. Ein Rückstand von sieben Punkte auf Wacker und vermutlich sechs Verlustpunkten auf Wiener Neustadt würde 12 Spieltage vor Saisonende zwar noch keine unlösbare Aufgabe bedeuten, aber der Trend der letzten Monate muss irgendwie gestoppt werden, damit zumindest der Relegationsplatz nicht in Gefahr gerät (.. so schnell können Ansprüche sinken). Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohn Ende (5€ ins Phrasenschwein).

Wenn man nicht aufsteigt?

Es ist – wenn man mit vereinsnahen Personen spricht – ein offenes Geheimnis, dass die SVR ohne Aufstieg in arge finanzielle Nöte geraten wird und kommende Saison vermutlich nicht in der neuen 2. Liga spielen würde. Roland Daxl hat in einem Interview mit den OON am 22.2. schon erklärt, dass er bei einem Nichtaufstieg das sinkende Schiff in bester Schettino-Manier wohl verlassen wird. Das exakte Zitat dieses Interviews auch hier nochmals zum nachlesen:

Ich muss aber ganz offen sagen, dass ich den Verein im Falle eines Nichtaufstiegs wohl übergeben würde.“

Der Aufstieg der SV Ried ist somit eine wirtschaftliche Notwendigkeit für diesen Verein. Die offensive Herangehensweise an die Aufgabe mit der Zusammenstellung des teuersten Kaders der Liga war ein kalkuliertes Risiko und für mich durch die Ligareform auch legitim. Aber gleichzeitig hinterlässt die Abkehr von der langjährigen Rolle des zurückhaltenden und ausgefuchsten Dorfvereins mit der Transformation zum großmauligen Dorfkaiser auch seine Spuren, vor allem wenn es um die Motivation der Gegner in den direkten Duellen geht. Liebend gerne hat Wacker Innsbruck unsere selbsternannte Favoritenrolle vor der Saison angenommen. Mit Freude bezeichnet Roman Mählich die SVR noch immer als den großen Aufstiegsfavoriten der Ersten Liga. Unser Ex-Co-Trainer Thomas Sageder musste seine Jungs von BW Linz gestern wohl kaum zusätzlich motivieren als diverse Zeitungsausschnitte und Interviews an die Kabinentür zu heften.

Aber zurück zur SVR – falls es irgendwelche Menschen mit Affinität zu diesem geilen Verein noch immer nicht kapiert haben, dann will ich dies hier schwarz auf weiß festhalten: wenn man den Wiederaufstieg in die Bundesliga nicht schafft, wird man kommende Saison mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in der zweithöchsten Spielklasse Österreichs agieren, sondern einige Stufen darunter. Das ist keine Schwarzmalerei sondern die bittere Realität.

Daher will ich am Ende meines ersten nach-mitternächtlichen Blogeintrags folgenden Appell starten: JEDER Spieler, JEDER aus dem Trainerteam, JEDER Funktionär und JEDER aus der Vereinsführung muss sich schnellstmöglich darauf besinnen, dass aktuell NICHT alles in Ordnung ist. Dass es NICHT nur Kleinigkeiten sind, welche uns von Sieg und Unentschieden trennen. Dass diese Probleme offen ausgesprochen werden müssen und an einer schnellen Behebung gearbeitet werden muss, bevor es zu spät ist.

Denn eines kann ich (auf Basis vieler Gespräche mit vielen langjährigen Fans) garantieren – die größtenteils zurückhaltende und teilweise aufmunternde Reaktion der Fans nach dem Bundesligaabstieg wird sich bei einem möglichen Nichtwiederaufstieg ganz sicher nicht wiederholen. Wenn dieses ultimative (weil überlebensnotwendige) Ziel heuer verbockt wird, dann werden alle beteiligten Personen (egal ob Spieler oder Funktionäre) für immer und ewig mit dem dunkelsten Kapitel der Rieder Vereinsgeschichte in Verbindung stehen. Und das will hoffentlich niemand. Also daher auf gut Innviertlerisch: reißt’s euch zsam, owa schnell.

9Oscars – Langeweile & Vorhersehbarkeit

Ich gehe direkt in medias res. So berechenbar und langweilig wie heuer war die Oscarverleihung – ausgerechnet an ihrem 90. Jubiläum – wohl überhaupt noch nie. Warum dies so ist – mehr dazu später.

Auf alle Fälle habe ich in meinem Tipp vom 8. Jänner bereits 14 von 20 Kategorien richtig getippt (Documentary, Documentary Short, Animated Short und Live Action Short habe ich damals ausgelassen). Im Abgleich mit meinem Spreadsheet vom gestrigen Abend wären sogar 19 von 20 Kategorien richtig gewesen. Lediglich die Special Effects haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, dafür hätte ich auch Documentary & Documentary Short richtig gehabt).

Deswegen war es nachwirkend betrachtet auch die absolut richtige Entscheidung, die Oscars heuer zum zweiten Mal in Folge nur „as live“ anzusehen. Also per Aufnahme der ORF-Übertragung um 07:00 in der Früh, ohne Schlafdefizit, ohne Spoiler und mit der Fähigkeit, die gefühlten 72 Werbeblöcke [bzw. am ORF Zwischenanalysen] per Knopfdruck überspringen zu können. Bis auf weiteres werde ich daher wohl auch bei dieser Art des Academy-Award-Watchings bleiben.

Die Gewinner (sagen wir mal so)

Wer waren die großen Gewinner und Verlierer des Abends? Nun, durch die extrem breite Verteilung der Statuetten gibt es heuer eigentlich mehr Verlierer als Gewinner. The Shape Of Water ist mit vier Oscars, darunter in den Hauptkategorien Bester Film und Beste Regie (Guillermo del Toro) unter die Gewinner zu zählen, obwohl die Gesamtquote mit 4 aus 13 eigentlich ziemlich schlecht ist. Darkest Hour ist mit zwei von sechs Oscars (Gary Oldman als Bester Hauptdarsteller sowie für das Beste Makeup) ebenfalls einer der Gewinner.

Del-Toro-Oscar
Oscar nach Mexico! – (c) telemetro.com, all rights reserved

Coco, der neueste Film von Pixar/Disney, ist mit einer 100%igen Quote – zwei von zwei – ebenfalls ein klarer Gewinner. Vermutlich sogar der größte Gewinner des Abends (¡Viva México!). Neben dem erwarteten Sieg in der Kategorie Bester Animationsfilm konnte die Taschentuchfraktion von Pixar auch in der Kategorie Bester Song die höher eingeschätzte Konkurrenz von The Greatest Showman besiegen. Blade Runner 2049 darf sich durch den Oscar für Roger Deakins (endlich, nach 13 Nominierungen ohne Sieg) als Bester Kameramann und den Sieg in der Kategorie Special Effects (gegen das leicht höher eingestufte War For The Planet Of The Apes) ebenfalls noch unter die Gewinner zählen.

Dunkirk ging als haushoher Favorit in die Awards Saison, strauchelte jedoch zunehmend und wurde nach und nach von Three Billboards sowie The Shape Of Water aus den Hauptkategorien verdrängt. Nach dem Ausgang der Globes, SAG Awards und BAFTAs war schon klar, dass sich das Kriegsepos von Christopher Nolan mit technischen Awards zufrieden geben wird müssen. Und mit den Triumphen in Sound Editing, Sound Mixing und Editing passierte dann im Endeffekt genau dies. Hoyte van Hoytema hätte, wie schon in meinem Artikel aus dem Jänner angemerkt, in jedem anderen Jahr mit 99%iger Sicherheit den Oscar für die Beste Kamera nach Hause getragen, scheiterte jedoch heuer (zurecht) an Deakins. Im Endeffekt sind die drei Oscars (die nummerisch zweitbeste Ausbeute des Abends) aber das Maximum welches herausgeholt werden konnte.

Die Verlierer

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri startete mit einem hauchdünnen Vorsprung in die Zielgerade, musste jedoch am Ende in einem Fotofinish den Vortritt an The Shape Of Water geben. Diese Entscheidung war kurioserweise die spannendste der gesamten Zeremonie. Vor allem, weil es in den letzten Jahren fast ständig einen Split zwischen Best Director und Best Picture gab. Zwei Darstelleroscars (für Frances McDormand als Beste Hauptdarstellerin und Sam Rockwell als Bester Nebendarsteller) sind zwar nie zu verachten, im Endeffekt jedoch eine Enttäuschung für das in Alabama (und amüsanterweise nicht in Missouri) gedrehte Drama. The Phantom Thread (mit Daniel Day Lewis in seinem angeblich letzten Film) ging etwas überraschend mit sechs Nominierungen in den Abend, konnte am Ende aber (erwartungsgemäß) nur den Oscar für das Beste Kostümdesign mit nach Hause nehmen.

Nun zu den Indie-Filmen bzw. Newcomern. Lady Bird ist wohl der große Verlierer des Abends. Als einziger Mitfavorit konnte das Coming-of-Age-Drama von Greta Gerwig keinen einzigen Oscar gewinnen. Laurie Metcalf startete bei der Besten Nebendarstellerin aus der Pole Position, wurde jedoch nach und nach von Allison Janney (als harte bzw. bösartige Mutter von Tonya Harding in I, Tonya) überrundet und konnte gestern auch nicht mit einem Gewinn rechnen.

Nicht viel besser erging es Call Me By Your Name – das jedoch mit dem Oscar für das Adaptierte Drehbuch des 89-jährigen James Ivory zumindest einen Trostpreis gewinnen konnte. Ivory ist nun auch der älteste Oscargewinner aller Zeiten. Christopher Plummer (88) war für All The Money In The World bereits der älteste Schauspieler, der jemals für einen Oscar nominiert wurde. Ähnliches wie für Call Me By Your Name gilt auch für Get Out – hier konnte Jordan Peele den Academy Award für das Beste Originaldrehbuch für sich entscheiden, ging jedoch für den Besten Film und die Beste Regie leer aus. Bemerkenswert allerdings, dass es vor ihm nur drei andere Personen gab, welche in einem Jahr für diese drei Preise nominiert waren.

Mudbound, Star Wars: The Last Jedi, Baby Driver, The Beauty And The Beast, The Post und Victoria & Abdul gingen jeweils (fast durchgehend erwartungsgemäß) leer aus. Vor allem für das Journalismusdrama von Steven Spielberg ist dies nach nur zwei Nominierungen der nächste Schlag ins Gesicht, da das Gesamtrezept aus Spielberg + Streep + Hanks + Journalismus + US-Geschichte eigentlich für einen großangelegten Oscar-Push gesprochen hatte. Wenn man der öffentlichen Meinung jedoch Glauben schenkt, fehlt des dem Film ganz einfach an Substanz.

Die Langeweile

Die Awards-Season selber wird immer mehr zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Durch das Zusammenspiel an Vorpreisen (Globes, SAGs, BAFTAs etc.), Buchmacherquoten und Awards-Seiten (wie z.B. goldderby.com) werden Überraschungen nicht nur immer unwahrscheinlicher. Ich vertrete sogar mittlerweile die These, dass viele Mitglieder der Academy auch nicht annähernd alle Filme anschauen (müssen sie auch nicht), sondern teilweise auf Basis des allgemeinen Tenors entscheiden. Denn man wird [als Mitglied der Academy] im Gegensatz zu früher nicht nur nach seiner Meinung gefragt, sondern auch vielerorts konkret darauf angesprochen, was man von großen Favoriten hält und wie die historischen Chancen für bestimmte Konstellationen sind.

Nicht nur der Mangel an Überraschungen sondern auch der Mangel an bemerkenswerten Momenten oder Reden macht für mich die Summe aus meinem persönlichen Hashtag #OscarsSoBoring aus. Klar wurden diverse Bewegungen wie #MeToo oder #TimesUp in den Fokus gestellt, Harvey Weinstein kritisiert und die Diversity von Hollywood (im Bezug auf Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Neigung) bei jeder Gelegenheit ins Licht gerückt. Aber wirklich neue Erkenntnisse wurden auch nicht gewonnen. Keine Brandreden gegen Trump, keine geheimen Offenbarungen und auch keine Fauxpas (looking at you, Warren & Faye) rundeten den Abend der Langeweile (bzw. für mich den Morgen der Langeweile) perfekt ab.

Der Ausblick

Wird das Oscarrennen kommendes Jahr spannender werden? Man weiß es nicht. Langweiliger wird es allerdings kaum werden können. Black Panther ist auf alle Fälle der erste ernstzunehmende Kandidat für 2019. Abgesehen davon wird First Man von Oscar-Gewinner Damien Chazelle mit Ryan Gosling als Neil Armstrong und Claire Foy als starker Kandidat gehandelt. Neue Filme von den ehemaligen Best-Picture-Siegern Steve McQueen (12 Years A Slave) sowie Barry Jenkins (Moonlight) sind logische Eintragungen auf der Watchlist. Auch ein neuer Film von Altmeister Scorsese namens The Irishman (mit dem alten Traumduo DeNiro & Pacino) wird in die Kinos kommen.

Matthias Schoenaerts als Franz Jagerstätter – (c) imdb.com, all rights reserved

Aus österreichischer Sicht wird Radegund von Terrance Malick (The Thin Red Line, The Tree Of Life) höchstinteressant werden, welches die Geschichte von Franz Jagerstätter erzählt und mit Matthias Schoenaerts, Bruno Ganz, Michael Nyqvist, August Diehl, Tobias Moretti und Karl Markovics auch hochkarätig besetzt ist. Abgerundet wird der Notizzettel von neuen Filmen von Alfonso Cuaron (Gravity), Adam McKay (The Big Short) sowie Steven Spielberg.

Nach diesem kurzen Ausblick in das Filmjahr 2018  gilt für uns selbsternannten Oscarologen nun wieder folgendes Motto: Die Awards Season ist tot, lang lebe die Awards Season.