Quo vadis SV Ried, Edition 2018


Die SV Ried ist nunmehr seit sechs Spielen sieglos. Zuletzt setzte es in der Liga fünf Unentschieden nacheinander. Man hat im Frühjahr in drei Spielen sechs Punkte auf den härtesten Aufstiegskonkurrenten aus Innsbruck verloren. Außerdem liegt man bereits drei Verlustpunkte hinter dem hartnäckigen Überraschungsteam aus Wiener Neustadt. In der Rückrundentabelle hat man binnen fünf Spielen sogar unglaubliche acht (!) Punkte auf Wacker Innsbruck aufgerissen, wie die Formtabelle (via transfermarkt.at) zeigt:

rückrundentabelle-sv-ried

Der Start in die wohl wichtigste Frühjahressaison der 106-jährigen Vereinsgeschichte ist schlimmer als in den schlimmsten Befürchtungen verlaufen. Und dabei hat man noch nicht einmal gegen zwei der drei Konkurrenten um den Aufstieg (Innsbruck und Hartberg) gespielt (diese Duelle folgen in den beiden kommenden Wochen).

Der Wurm ist drin

Im Herbst noch mit der besten Offensive der Liga ausgestattet, traf man zuletzt fünf Mal en suite nur aus Standardsituationen. Ein Elfer von Julian Wießmeier, noch ein Elfer von Wießmeier, ein Tor nach Ecke von Haring, ein Tor nach Ecke von Reifeltshammer und dann nochmal Wießmeier per Elfer. Aus dem Spiel heraus geht in der Mannschaft von Trainer Lassaad Chabbi seit Monaten überhaupt nichts mehr zusammen. Die hochgelobten Stürmer Seifedfin Chabbi, Thomas Fröschl und der im Winter aus Hütteldorf verpflichtete Philipp Prosenik haben in vier Spielen im Frühjahr noch kein einziges Mal genetzt.

Die Kritik am Trainer selber (knapp ein Jahr nach seinem Wechsel aus Lustenau) wird logischerweise ebenfalls immer lauter. Die Unfähigkeit, auf taktische Umstellungen oder Raffinessen des Gegners zu antworten, wird von Woche zu Woche auch für den Laien augenscheinlicher. Der Floridsdorfer AC (heute sang- und klanglos daheim 0-3 gegen Wiener Neustadt untergegangen) ließ vor zwei Wochen so gut wie keine Torchance in der Keine Sorgen Arena zu. Und dies mit einem relativ einfachen Konzept. Man attackierte die Innenverteidiger und defensiven Mittelfeldspieler hoch und zwang den Gegner auf diese Weise zu unkontrolliert hohen Bällen in die Spitze. Jegliche Reaktion auf diese Taktik der wohl objektiv schlechtesten Mannschaft der Liga war nicht vorhanden.

Ebenso eklatant wurden die taktischen Unzulänglichkeiten des Trainers im heutigen 2-2 im OÖ-Derby gegen BW Linz aufgedeckt. Nach dem (erneuten) Ausgleich der Linzer in der 64. Minute (also knapp 30 Spielminuten vom Abpfiff entfernt) besonn man sich auf ein einziges Offensivmittel: hohe und scheinbar unkontrollierte Bälle auf Fröschl und Prosenik. Feinster englischer kick & rush gegen den Tabellenletzten der Liga. Wobei dieser in der ersten Halbzeit bei jeder schnell herausgespielten Aktion eigentlich nicht wusste, wie ihm geschah. Keinerlei Änderung des taktischen Konzepts durch Umstellungen. Kein sichtbarer Matchplan. Keine Fokussierung auf die Stärken der qualitativ viel hochwertigen Einzelspieler. Mit den Auswechslungen von Chabbi Jun. und Durmus außerdem die gleichen (zumindest fragwürdigen) Wechsel wie am vergangenen Samstag in Grödig gegen Liefering.

Didi Reifeltshammer mit einem beherzten Comeback nach langer Verletzungspause – (c) nachrichten.at

Man kann auswärts bei Liefering durchaus nur Unentschieden spielen. Ebendort setzte es im Spätsommer nämlich sogar eine deftige 0-4 Niederlage. Aber man kann eben nicht ein 2-0 gegen Wiener Neustadt herschenken, daheim gegen den FAC nur remisieren und nun nach zweimaliger Führung ebenfalls nur einen Punkt beim Schlusslicht aus Linz holen. Mit einer solchen Punkteausbeute aus den ersten fünf Spielen der Rückrunde wäre man vielleicht in Wattens oder Kapfenberg zufrieden, für die selbst immer wieder und wieder kommunizierten Ansprüche der SV Ried ist dies jedoch einfach nur katastrophal und ungenügend.

Die Schuld der Spieler

Zig Male hat man in dieser Saison bereits gesehen, dass es auch in der zweithöchsten österreichischen Spielklasse niemals nur mit 80% oder 90% Einsatz geht. Wenn man in der skyGo Erste Liga nicht immer alles gibt, ist auch eine Truppe wie der FAC ständig um einen Gedanken flotter und deswegen um einen Schritt schneller. Umso trauriger, im Cupspiel bei Rapid hat man (nach dem Überstehen einer nervösen Anfangsphase) gesehen, wie diese Mannschaft kicken könnte wenn man von der ersten Minute weg mit 100% Einsatz am Werk ist.

Es läuft natürlich auch schlecht, weil einige Leistungsträger aus dem Herbst nun schon seit Monaten ihrer Form nachlaufen: Ilkay Durmus ist ein Schatten seiner selbst, Lukas Grgic hat seine Form nach dem Transfer vom LASK von Spiel zu Spiel verloren, Thomas Fröschl und Seifedin Chabbi sind seit fünf Spielen ohne Torerfolg und auch von der hochkarätig besetzten Bank mit bundesligaerprobten Kickern, um welche 2-3 Bundesligisten neidisch sein sollten, kommen kaum Impulse.

Vielmehr scheint die Mannschaft ein tiefgreifendes mentales Problem zu haben. Dieses dauerhafte Gebrabbel von „Favorit auf den Meistertitel“ scheint die Spieler immer mehr zu hemmen. Man kommt mit dieser selbst auferlegten Favoritenrolle im Kampf um den Aufstieg ganz einfach nicht zurecht. Mittlerweile wurden bereits 15 (!) Punkte nach einer Führung verschenkt. Zuletzt ging man mit Ausnahme des 0-0 in Lustenau stets in Führung (2-0 gegen Wiener Neustadt, 1-0 gegen den FAC, 1-0 im ÖFB-Cup bei Rapid, 1-0 bei Liefering und heute 1-0 sowie 2-1 in Linz) und schaffte es KEIN einziges Mal, den Sieg über die Runden zu bringen. Vielmehr kassierte man mit Ausnahme von Rapid in jedem Ligaspiel sogar postwendend den Ausgleich. Gegen den FAC nach zwei Minuten, gegen Liefering nach neun Minuten und heute nach drei bzw. vier Minuten.

Dies sind für mich grobe Konzentrationsprobleme. Sir Alex Ferguson hat einmal gesagt, dass der Gegner nach einem Gegentor am verwundbarsten ist. Bei der SVR hingegen tritt der inverse Effekt ein, ein Führungstreffer scheint ein kurzfristiges mentales Abschalten zur Folge zu haben. Ist es voreilige Genugtuung oder das Wiegen in falscher Sicherheit? Das kann man von außen nur schwer beurteilen. Von bloßem Zufall kann man jedoch nicht mehr sprechen, vor allem wenn man sich die gravierenden Fehlerketten vor den letzten Gegentoren nochmals vor das geistige Auge führt.

Ried-Rapid-Cup
Fahrlässige Chancenverwertung (vor allem von Thomas Fröschl) kostete den Aufstieg im ÖFB-Cup – (c) oefb.at

So agiert keine Mannschaft, die von sich selber überzeugt ist und mannschaftlich gefestigt ist. Es gibt gemäß des allgemeinen Tenors auch zu wenige Leaderfiguren auf dem Platz. Thomas Reifeltshammer war durch seine Schambeinentzündung lange out, Thomas Gebauer kann von der Torhüterposition wenig bewirken und ansonsten sehe ich in dieser Mannschaft nicht einmal annähernd einen Typen wie Roy Keane, Patrick Vieira oder John Terry. Das sind natürlich extreme Beispiele. Aber ich sehe aktuell nicht einmal einen Andrzej Lesiak, Michael Angerschmid oder Didi Berchtold im Kader. Jemanden, der stets dort hingeht, wo es weh tut und keine Auseinandersetzung mit Gegner und Schiedsrichter scheut. Ganz im Gegenteil, ein großer Teil der Generation der Instagram-Kicker legt viel Wert auf die Dinge abseits des Platzes, beispielsweise Hiphop, Tattoos und den Gang in die Kraftkammer.

Die Schuld des Trainers

Doch nicht allein das Fehlen von Führungsfiguren innerhalb der Mannschaft scheint ein Problem zu sein, auch der ultra-autoritäre Führungsstil des Trainers dürfte für manche Spieler (zumindest wenn man dem talk of the town Glauben schenkt) auch ein Problem darstellen. Das dauerhafte Reinbrüllen von Anweisungen, welches in der quasi-Fernsteuerung von Spielern gipfelt, welche in der Nähe der Trainerbank agieren (Anm. jeder Besucher des Testspiels in Grieskirchen gegen die Puskas Academy weiß, wovon ich schreibe) kann auf Dauer kein zeitgemäßes Trainermittel sein. Außerdem ist Chabbi absolut erbarmungslos wenn es um das Absägen von Spielern geht. Winter-Neuzugang Constantin Reiner hat nach seinem Fehler gegen den FAC keine Einsatzminute mehr bekommen und auch der verliehene Gabriel Lüchinger, der heutige Torschütze zum 2-2 (oh the irony), hat in Wahrheit in der Hinrunde niemals eine faire Chance erhalten.

Julian Wießmeier ist für mich auch das Exempel einer undurchdachten Transferstrategie. Mit dem Deutschen hat man bereits vor Ende der Vorsaison einen echten Spielmacher geholt (der auch die #10 am Rücken trägt), der aber meistens als rechter Mittelfeldspieler (für diese Position ist er zu langsam) oder als zentraler Mittelfeldspieler (für diese Position ist er zu wenig robust und kann nicht genug Offensivimpulse setzen) agieren muss, weil er sonst nicht in das eingefahrene 4-4-2 System passt.

Umso erstaunlicher, dass Chabbi diesen Spieler bereits aus Lustenau kannte und daher eigentlich genau wissen müsste, wo seine Stärken liegen. Stellt sich nun die Frage: wie oft spielte Lustenau in der Vorsaison mit einem 4-4-2? Exakt einmal. Seine produktivsten Spiele in der Vorsaison hatte Wießmeier als OM in einem 4-3-2-1 und als offensiver zentraler Mittelfeldspieler in einem 4-3-3. Hier spricht also vieles dafür, dass man im Mai des Vorjahres noch kein wirkliches Konzept hatte, wie man in der kommenden Saison agieren würde.

Wie auch immer, ein Team mit einer überdurchschnittlich großen Anzahl an Individualisten (zu denen fraglos auch Wießmeier gehört) sollte im Lauf einer Saison eigentlich immer eingespielter werden und zunehmend kompakt agieren. Dies ist jedoch nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, man merkt (wie schon im Frühjahr der Vorsaison) einfach keine Fortschritte. Schlimmerweise sind eher sogar Rückschritte erkennbar. Die massive Anfälligkeit bei Standards, die Unfähigkeit mit hohen Bällen des Gegners in die Spitze klar zu kommen, das Fehlen eines klaren Spielkonzepts, die Kunst ohne Einzelaktionen offenbar kein Spiel gewinnen zu können – das alles zieht sich wie ein roter Faden durch die bisherige Saison. Und das sind allesamt Dinge, welche ein Trainer proaktiv beheben muss, was ganz einfach nicht der Fall ist.

Lassaad Chabbi sollte das Lachen eigentlich angesichts der schlechten Leistungen seiner Mannschaft schon vergangen sein. – (c) laola1.at

Dies bringt mich auch zu meiner logischen Konsequenz: wenn das Spiel am kommenden Freitag gegen Wacker Innsbruck verloren geht, müssen Roland Daxl und Franz Schiemer reagieren und den Trainer austauschen. Denn nach den heutigen „Wir wollen euch siegen sehen„-Sprechchören nach Spielende würde die Stimmung unter den Fans wohl endgültig kippen. Ein Rückstand von sieben Punkte auf Wacker und vermutlich sechs Verlustpunkten auf Wiener Neustadt würde 12 Spieltage vor Saisonende zwar noch keine unlösbare Aufgabe bedeuten, aber der Trend der letzten Monate muss irgendwie gestoppt werden, damit zumindest der Relegationsplatz nicht in Gefahr gerät (.. so schnell können Ansprüche sinken). Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohn Ende (5€ ins Phrasenschwein).

Wenn man nicht aufsteigt?

Es ist – wenn man mit vereinsnahen Personen spricht – ein offenes Geheimnis, dass die SVR ohne Aufstieg in arge finanzielle Nöte geraten wird und kommende Saison vermutlich nicht in der neuen 2. Liga spielen würde. Roland Daxl hat in einem Interview mit den OON am 22.2. schon erklärt, dass er bei einem Nichtaufstieg das sinkende Schiff in bester Schettino-Manier wohl verlassen wird. Das exakte Zitat dieses Interviews auch hier nochmals zum nachlesen:

Ich muss aber ganz offen sagen, dass ich den Verein im Falle eines Nichtaufstiegs wohl übergeben würde.“

Der Aufstieg der SV Ried ist somit eine wirtschaftliche Notwendigkeit für diesen Verein. Die offensive Herangehensweise an die Aufgabe mit der Zusammenstellung des teuersten Kaders der Liga war ein kalkuliertes Risiko und für mich durch die Ligareform auch legitim. Aber gleichzeitig hinterlässt die Abkehr von der langjährigen Rolle des zurückhaltenden und ausgefuchsten Dorfvereins mit der Transformation zum großmauligen Dorfkaiser auch seine Spuren, vor allem wenn es um die Motivation der Gegner in den direkten Duellen geht. Liebend gerne hat Wacker Innsbruck unsere selbsternannte Favoritenrolle vor der Saison angenommen. Mit Freude bezeichnet Roman Mählich die SVR noch immer als den großen Aufstiegsfavoriten der Ersten Liga. Unser Ex-Co-Trainer Thomas Sageder musste seine Jungs von BW Linz gestern wohl kaum zusätzlich motivieren als diverse Zeitungsausschnitte und Interviews an die Kabinentür zu heften.

Aber zurück zur SVR – falls es irgendwelche Menschen mit Affinität zu diesem geilen Verein noch immer nicht kapiert haben, dann will ich dies hier schwarz auf weiß festhalten: wenn man den Wiederaufstieg in die Bundesliga nicht schafft, wird man kommende Saison mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in der zweithöchsten Spielklasse Österreichs agieren, sondern einige Stufen darunter. Das ist keine Schwarzmalerei sondern die bittere Realität.

Daher will ich am Ende meines ersten nach-mitternächtlichen Blogeintrags folgenden Appell starten: JEDER Spieler, JEDER aus dem Trainerteam, JEDER Funktionär und JEDER aus der Vereinsführung muss sich schnellstmöglich darauf besinnen, dass aktuell NICHT alles in Ordnung ist. Dass es NICHT nur Kleinigkeiten sind, welche uns von Sieg und Unentschieden trennen. Dass diese Probleme offen ausgesprochen werden müssen und an einer schnellen Behebung gearbeitet werden muss, bevor es zu spät ist.

Denn eines kann ich (auf Basis vieler Gespräche mit vielen langjährigen Fans) garantieren – die größtenteils zurückhaltende und teilweise aufmunternde Reaktion der Fans nach dem Bundesligaabstieg wird sich bei einem möglichen Nichtwiederaufstieg ganz sicher nicht wiederholen. Wenn dieses ultimative (weil überlebensnotwendige) Ziel heuer verbockt wird, dann werden alle beteiligten Personen (egal ob Spieler oder Funktionäre) für immer und ewig mit dem dunkelsten Kapitel der Rieder Vereinsgeschichte in Verbindung stehen. Und das will hoffentlich niemand. Also daher auf gut Innviertlerisch: reißt’s euch zsam, owa schnell.

Autor: themanwho83

Zwischen Graz und Ried

2 Kommentare zu „Quo vadis SV Ried, Edition 2018“

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