Zweitklassig

Am 11. März habe ich darüber geschrieben, wie sich ein Abstieg anfühlt. Die bittere Realität nach dem gestrigen Tag ist allerdings noch viel schlimmer. Das Gefühl der absoluten Leere ist demoralisierend und niederschmetternd. Beim letzten Abstieg war ich 19 Jahre als. Damals gab’s kein Facebook, kein Twitter, kein Instagram und auch kein WhatsApp – genau über diese Kanäle wird man seit gestern 18:25 ständig daran erinnert, dass die SV Ried nach knapp 12 Jahren nicht mehr Bestandteil der tipico Bundesliga ist.

Ich wurde während der letzten 19 Stunden unzählige Male gefragt, wie es mir geht. Es geht mir scheiße. Wie Bill Shankly einst sagte: „Some people think football is a matter of life and death. I assure you, it’s much more serious than that“. Fußball und mein Verein sind viel mehr als nur ein Hobby, sie sind ein Teil meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und somit meiner Persönlichkeit.

Ein sichtlich niedergeschlagener Thomas Reifeltshammer
Ein sichtlich niedergeschlagener Thomas Reifeltshammer – (c) skysportaustria.at

Eigentlich war gestern alles für das vielzitierte Wunder von Ried angerichtet. Ein ausverkauftes Haus, prächtiges Sommerwetter und sogar die spielerische Unterstützung von Rapid. Nur die eigene Mannschaft konnte dem Druck und den gesteckten Erwartungen in keiner Weise standhalten. Gerade in der ersten Halbzeit wirkte die Partie wie auf schiefer Ebene. Die Rieder agierten zögerlich und überhastet zugleich und hatten keine Ideen um die Mattersburger Defensive zu gefährden.

Mattersburg wiederum hatte nichts mehr zu verlieren und spielte eigentlich unösterreichisch motiviert voll auf Sieg. Weil im Frühjahr sowieso alles schief gegangen ist was schief gehen konnte, ermöglichte die frühe Verletzung von Florian Hart das Gegentor durch Perlak, der auf der zwischenzeitlich vakanten Seite viel zu viel Platz hatte. Das 0:2 muss man Thomas Gebauer anhängen, der in dieser Saison gerade im Herbst mit einigen Patzern nicht sein bestes Jahr hatte.

Nach dem 1:2 kehrte die Hoffnung wieder zurück, welche nach dem 1:3 durch Seidl bei manchen Individuen schlagartig in Aggression umgewandelt wurde. Persönliche Anmerkung: bei einem Spieler wie Stefan Maierhofer ist es nie geschickt, diesen während einer Partie auch noch mit Schmähgesängen heißer zu machen als er ohnehin schon ist. Die Spielunterbrechung durch die hirnverbrannten Bengalenwürfe nahm den letzten Wind aus dem Spiel der Rieder Mannschaft, nach der Wiederaufnahme ergab man sich dem eigenen Schicksal.

Nach Spielende trugen sich dann beschämende Szenen zu. Hooligans mit Sturmhauben (… bei denen aufgrund Körperbau und/oder Tattoos sowieso jeder aus der Fanszene und dem Vereinsumfeld weiß, wer sie sind) attackierten eigene Fans auf der West welche es wagten, der Mannschaft nach Spielende zu applaudieren. Vielen Frauen und Kindern konnte man die Angst in den Augen ansehen. Viele traten auch schlagartig die Flucht aus dem Zentrum der West an. Als Elternteil müsste ich nach dem gestrigen Tage stark überlegen, ob ich mein Kind nochmal auf die Fantribüne lassen würde.

Unterbrechung durch den Wurf von pyrotechnischen Gerät
Szenen einer Eskalation – (c) krone.at

Ich hoffe inständig, dass der Verein hier hart durchgreift und langfristige Stadionverbote erteilt. Der Ruf des Vereins wird durch diese Radaubrüder geschädigt, für die Spielunterbrechung und die mehrfachen Würfe von pyrotechnischem Gerät wird der Verein harte Strafen aufgebrummt bekommen. Ich hoffe ebenfalls stark, dass man sich hier an den Verantwortlichen schadlos halten kann. Einzelne Personen kommen und gehen und sind ersetzbar, aber der Verein bleibt bestehen. „No individual is bigger than the club“ ist hier ein weiteres Zitat, welches ich an dieser Stelle einwerfe.

Um einen Bogen zurück zum sportlichen Aspekt zu spannen: der Abstieg an sich ist hochverdient. Man hat die meisten Niederlagen am Konto, war die längste Zeit Tabellenschlusslicht, hat die wenigsten Tore erzielt, die wenigsten Auswärtspunkte geholt und in entscheidenden Momenten (0-1 in St. Pölten, 1-2 in Mattersburg, 1-1 gegen Wolfsberg, 1-1 gegen St. Pölten, 2-3 gegen Mattersburg) IMMER versagt.

Die Schuld dafür kann man vielen Personen in die Schuhe schieben: Stefan Reiter für seine Kaderplanung ohne einen bundesligatauglichen Stürmer, Christian Benbennek für die konditionellen Versäumnisse und seinen passiv-langweiligen Spielstil, Roland Daxl für seine Imperatorgebärden in der Winterpause, Franz Schiemer für sein aktives Einwirken auf den/die Trainer (welche meinen Quellen nach definitiv und massiv stattgefunden hat), Lassaad Chabbi für einige taktische Fehlgriffe (u.a. Durakovic gegen den WAC, die Einwechslung von Brandner gegen St. Pölten) und schlussendlich der Mannschaft selber.

Wenn man nur einen (oder vereinzelte) Fehler macht, steigt man nicht ab. Dieser Abstieg ist das Produkt einer Verkettung grober Fehler, Nachlässigkeiten und persönlicher Eitelkeiten. Ried hat immer davon gelebt, dass man diese Nebengeräusche den Großclubs und Lokalrivalen überlassen hat. Daher sollte man die Zweitklassigkeit nun dazu nutzen, um eine selbstreinigende Wirkung zu erzielen. Der Kader kann überholt bzw. neu aufgebaut werden, einzelne Vorstandsmitglieder können sich selbst hinterfragen und einige erlebnisorientierte Menschen können ihren Drang zum Radau zukünftig außerhalb der Keine Sorgen Arena (oder wie auch immer dieser aktuell zynische Stadionname kommende Saison lauten mag) ausleben.

Fakt ist: kommende Saison ist man kein Bestandteil der österreichischen Fußballelite. Man muss sich auf den Spieltermin am Freitagabend umgewöhnen. Es gibt keine HD-Spiele oder Einzellivespiele (abgesehen von der wöchentlichen 20:30-Partie) mehr. Man wird die besten Spieler verlieren (wie etwa Möschl an Dynamo Dresden). Die Zuschauerzahlen im Stadion werden wieder nach unten gehen. Es wird finanzielle Einbußen geben – egal ob im Bezug auf Fernsehgelder, Sponsorengelder oder Eintrittsgelder. Der LASK (mitsamt ehemaliger Rieder Vereinslegenden im Trainerstab) ist zum ersten Mal seit 1994 (!) eine Spielklasse über der SV Ried angesiedelt. Auch das wurmt (auch wenn es nicht jeder zugeben wird).

2003 ist das lähmende Gefühl der Ohnmacht erst vergangen, als die neue Saison mit einem 2:1 gegen den FC Lustenau eröffnet wurde. Heuer wird es wohl ebenso lange dauern, bis wieder eine gewisse Normalität einkehrt. Wenn ich mir unsere künftigen Gegner ansehe, dann sind die Auswärtsspiele in Kapfenberg, Hartberg und Wiener Neustadt für mich als Grazer äußerst anreisefreundlich gelegen. Wenn man beim FAC antreten muss, ist man wohl zum ersten Mal überhaupt Favorit bei einem Auswärtsspiel in Wien. Mit BW Linz bekommt man ein Derby in der Landeshauptstadt. Bei den Matches gegen Wacker und Wattens kann ich meine Schwester in Tirol besuchen. Und auch nach Grödig kann man nach einjähriger Pause wieder fahren um gegen die Wettbewerbsverzerrer aus Liefering zu spielen.

Abgesehen davon werde ich mir selbstverständlich auch wieder eine Abokarte sichern. Nächste Saison steigen dank der Ligaaufstockung zwei oder gar drei Vereine in die Bundesliga auf. Es gibt zwar aktuell noch keine Quoten, aber im Normalfall sollten Wacker Innsbruck und die SVR die beiden Topfavoriten auf den Aufstieg sein. Und wenn es wirklich so kommen sollte, dann kann ich in naher Zukunft nach Monaten von Depression und Abstiegsangst auch endlich einmal wieder über positive Dinge schreiben. In der Zwischenzeit trifft man hoffentlich die richtigen Schlüsse und auch wenn man es derzeit noch nicht so recht begreifen kann, beende ich meinen finalen Blogeintrag in dieser Saison mit einem letzten Zitat:

Das Rieder Abstiegsszenario

Seit Anfang März wurde im Innviertel öfters von Endspielen gesprochen. Das erste definitive Endspiel findet allerdings erst kommenden Samstag in der Keine Sorgen Arena statt. Verliert die SV Ried das Heimspiel gegen St. Pölten und der WAC gewinnt zwei Stunden später das Heimspiel gegen Austria Wien, stünde man zwei Spieltage vor Saisonende bereits als Absteiger in die skyGo Erste Liga fest. Man würde ausgerechnet im 20. Jahr der Bundesligazugehörigkeit (1995-2003; 2005-2017) zum zweiten Mal den Gang in die zweithöchste Spielklasse antreten müssen.

Patrick Möschl am Boden nach der 0:3 Niederlage gegen Austria Wien
Patrick Möschl als Sinnbild für die aktuelle Lage (c) skysportaustria bzw. GEPA

Zweigleisige Kaderplanung und Transfers

Aufgrund der Tatsache, dass der Abstieg allerdings auch erst im letzten Moment (konkret gesagt am letzten Mai-Wochenende) entschieden werden könnte, gestaltet sich die Kaderplanung für Franz Schiemer derzeit wohl äußerst schwierig. Er muss zweigleisig planen, einzelne Spielerverträge gelten wohl nur für die Bundesliga. Zwei Spieler haben ihren Abschied bereits bekannt gegeben: Stefan Nutz wechselt nach Altach, Gernot Trauner muss/wird den Verein verlassen. Er wechselt aber nicht zu Sturm Graz, daher erscheint der LASK nun als wahrscheinlichste Variante.

Zudem läuft eine Vielzahl an Verträgen aus – mit Dieter Elsneg, Clemens Walch, Florian Hart, Alberto Prada, Nico Antonitsch, Thomas Bergmann, Orhan Ademi und Patrick Möschl ist die Zukunft von acht weiteren Spielern derzeit (zumindest nach außen hin) noch komplett offen. Allerdings sind hier nicht nur die Spieler am Zug. Schiemer selber muss sich folgende Fragen stellen: Wollen diese Spieler auch in der zweiten Liga spielen? Kann man sich diese Spieler in der zweiten Liga überhaupt leisten? Will der Verein diese Spieler überhaupt im Verein halten?

Die dritte Frage ganz sicher mit „ja“ kann man im Fall von Patrick Möschl beantworten. Er spielt im Frühjahr seine beste Saisonhälfte überhaupt im Dress der SVR und ist daher angeblich konkretes Thema bei der Austria aus Wien. Özgür Özdemir, Dieter Elsneg und Peter Zulj sind drei weitere Spieler, welche von der Qualität und vom Gehalt her in der zweiten Spielklasse wohl kaum zu halten sind.

Vieles spricht also für einen drastischen Kaderumbruch. Ein solcher wirkt sich erfahrungsgemäß gerade während der ersten zwei bis drei Monate einer neuen Saison negativ auf die Homogenität der Mannschaft und eine fluide Spielweise aus. Die Absteiger der letzten Jahre hatten im ersten Jahr in der Erste Liga sogar teilweise mit (erneuten) Abstiegssorgen zu kämpfen weil die Spielweise dort eine andere ist und viele Mechanismen aus der Bundesliga nicht greifen. Zudem sind die Plätze (teilweise viel) schlechter und Zweikämpfe sind ein viel größerer Faktor.

Daher müsste Schiemer bei der Kaderplanung neben Klasse/Ligatauglichkeit auch auf die Komponenten Routine/Erfahrung achten. Ein Joachim Standfest (dessen Vertrag in Wolfsberg nicht verlängert werden soll) wäre für mich ein absolut denkbarer Leithammel für eine Mission Wiederaufstieg. Grandios aber wohl nicht umsetzbar wäre eine Rückkehr von Anel Hadzic aus Ungarn zu seinem Stammverein. Dagegen sprechen aber sein relativ junges Alter von 27 sowie Gehalt – und eben auch die Liga.

Spieler gehen, Spieler kommen – in Sachen Neuverpflichtungen wurde zuletzt über den Namen Thomas Mayer gemunkelt. Der LASK-Spieler, welcher sich beim Spiel gegen die Admira im Rieder VIP-Club befand, ist bei Goodwin Sportmanagement unter Vertrag, jener Agentur welche u.a. auch Marcel Ziegl betreut. Schiemer kennt ihn aus seiner Zeit in Liefering und ist wohl von der Mischung aus Schnelligkeit und Giftigkeit überzeugt.

Laut Vorarlberger Nachrichten ist aber auch Pius Grabher ein heißer Kandidat für eine Reunion mit seinem ehemaligen Trainer. Heute wurde verlautbart, dass er den Verein zu Saisonende auf alle Fälle verlassen wird. Dagegen spricht, dass man ihm auch Interesse von fixen Bundesligamannschaften (u.a. Admira) nachsagt. Der Schweizer Gabriel Lüchinger, welcher derzeit als Spielmacher der Altach Amateure in der Regionalliga West (heuer 15 Tore und 6 Assists in 25 Spielen) agiert, soll ebenfalls ein Thema sein.

Grabher ist übrigens 170 cm, Mayer 171 cm und Lüchinger 172 cm „groß“ – ein Indiz dafür auf welche Art von Fußball Schiemer und Chabbi in der kommende Saison setzen wollen, unabhängig von der Ligazugehörigkeit.

Wiederaufstiegsfaktoren Stürmer, Vereinstreue & Trainer

Das wichtigste Kriterium in einem skyGoEL-Meisterkader ist allerdings ein Topstürmer. Ried hatte vor 12 Jahren den überragenden Sanel Kuljic, welcher mit 34 Toren in 34 Spielen bis heute den Zweitligatorrekord hält. Der LASK konnte heuer auf die Tore von René Gartler bauen, St. Pölten wurde im Vorjahr von Daniel Segovia getragen. Ein Jahr zuvor wurde Markus Pink Torschützenkönig bei Mattersburg und wiederum ein Jahr davor Hannes Aigner in Altach.

Das Toreschießen war heuer auch das Hauptproblem der SV Ried. Orhan Ademi konnte den in ihn gesteckten Erwartungen in keinem Aspekt gerecht werden, Thomas Fröschl erzielte sein erstes Saisontor im Mai und auch Dieter Elsneg (in den letzten beiden Jahren der Topscorer in Ried) erwischte heuer eine Seuchensaison. Hier müsste Schiemer also auf alle Fälle nachlegen um diese Schlüsselposition mit einem geeigneten Mann zu besetzen. Man würde wohl keinen Sanel Kuljic mehr finden, aber ein Überraschungsmann wie heuer Rafael Dwamena in Lustenau erscheint im Bereich des Möglichen.

Ein wichtiges und aus Fansicht sogar beeindruckendes Zeichen war die gestrige Vertragsverlängerung von Marcel Ziegl bis 2020. Dieser Vertrag ist sowohl in der Bundesliga als auch in der Ersten Liga gültig. Kapitän Thomas Gebauer sowie Vize-Kapitän Thomas Reifeltshammer haben beide ebenfalls bereits angedeutet, auch bei einem Abstieg die Treue halten zu wollen. Daher könnte man im Falle des schlimmsten Szenarios auf die wohl drei größten Identifikationsfiguren bauen. Sie stammen nicht nur aus der Region (bzw. gehören schon lange dort hin), sondern sind auch die drei längst dienenden Spieler im Rieder Kader. Thomas Gebauer ist seit 2006 in Ried, Thomas Reifeltshammer und Marcel Ziegl haben ihr Bundesligadebüt für Ried beide im Jahr 2009 gefeiert.

Mit Lassaad Chabbi hat man im Frühjahr einen Trainer verpflichtet, der die Erste Liga bestens kennt und mit Austria Lustenau lange im Aufstiegskampf war, bis der bereits genannte Topstürmer Rafael Dwamena in der Winterpause in die Schweiz verkauft wurde. Seine Akribie und unbändige Leidenschaft für den Fußball (welche man Augenzeugen zufolge in jedem einzelnen Training sieht) sind ein Hauptgrund dafür, dass sich die SV Ried Mitte Mai überhaupt noch im Abstiegskampf befindet. Die aktive, zweikampforientierte Spielweise scheint nicht nur den meisten Spielern besser zu liegen, sie ist auch deutlich attraktiver für die Fans. Kein Vergleich zur langweilig-passiven Spielweise unter Christian Benbennek, bei der die Stärken einiger Spieler (Paradebeispiel: Patrick Möschl) überhaupt nicht zur Geltung kamen.

Infrastruktur und Ticketpreise

In Sachen Infrastruktur wäre die SV Ried in der ersten Liga allen anderen Vereinen haushoch überlegen. Ein Stadion mit 7600 überdachten Plätzen im Eigenbesitz, eine innovative Rasenheizung, ein kürzlich eröffnetes state-of-the-art Trainingszentrum inkl. Kunstrasenplatz und ein für HD-Spiele ausreichendes Flutlicht kann in Kombination keine andere Mannschaft bieten, nicht einmal Wacker Innsbruck.

Aufgrund der Infrastrukturgegebenheiten kommen die meisten Teams, welche kommende Saison in der skyGoEL spielen werden, auch gar nicht für den Aufstieg in Frage. Im Endeffekt würde sich der Aufstiegskampf auf Wacker, Austria Lustenau sowie eventuell BW Linz und Wattens beschränken. Alle anderen Vereine haben finanzielle Probleme oder grobe infrastrukturelle Einschränkungen. Und Liefering darf sowieso seit Jahren nur den großen Wettbewerbsverzerrer mimen.

Hauptsponsor Guntamatic hat laut diverser Insider bereits signalisiert, auch in der 2. Liga auf alle Fälle an Bord bleiben zu wollen. Dennoch müsste die SVR gemäß einem Interview mit Finanzvorstand Daxl das Budget im Falle des Abstiegs um rund 30% reduzieren, was aber noch immer für eines der absoluten Topbudgets in der skyGoEL ausreichen würde. Hauptfaktor hier wohl die markant niedrigeren Bezüge aus den TV-Geldern. Als Rieder Fan müsste man sich zudem daran gewöhnen, nicht jedes Spiel live über 90 Minuten sehen zu können. Aber aufgrund der (zumindest derzeit) abgeschlossenen Infrastrukturoffensive könnte wohl ein Großteil der finanziellen Ressourcen in die dringend nötige Kaderplanung investiert werden.

Die Eintrittspreise müssten zwangsweise nach unten angepasst werden. Derzeit bezahlt man 18€ (17€ im VVK) für einen Stehplatz. Bei Gegnern wie Rapid oder Sturm Graz ist das noch absolut okay, gegen Hartberg oder Wattens wäre es dies jedoch nicht mehr. Daher sollte man alles daran setzen, so viele Abos wie möglich zu verkaufen. Je mehr Abos an den Mann (und die Frau) gebracht werden, desto größere Planungssicherheit würde der SVR beim Kampf um den Wiederaufstieg ermöglicht werden.

Der 12. Mann

Weil ich gerade die Abos angesprochen habe – last but not least könnte die SV Ried auch in der skyGoEL auf einen Fansupport bauen, welcher derzeit in der Bundesliga für den subjektiven fünften Platz hinter den „big4“ reicht. Szenen wie nach dem erkämpften 1-0 Heimsieg gegen die Admira sind mehr als nur bundesligareif. Die absolute Mehrheit der Fans würde auch in der Zweitklassigkeit zu ihrer Mannschaft stehen – gemäß dem Motto „Wir für euch – ihr für uns – wir gegen alle“.

Die Rieder Mannschaft beim Abklatschen mit den Fans nach dem 1:0 Sieg gegen die Admira.
Abklatschen nach dem 1-0 gegen die Admira (c) 90minuten.at via GEPA

Aufgrund der Spieltermine von Unterhauskickern (größtenteils Samstag und Sonntag) könnte sogar der Fall eintreten, dass man am Freitag um 18:30 (oder 20:30) wieder Zuschauer im Stadion begrüßen darf, welche aktuell während der Unterhausligasaison kaum Zeit für den Besuch von Bundesligaspielen haben. Im Gegensatz dazu ist der Freitagstermin natürlich weniger kinder- und familienfreundlich. Und auch für Menschen mit längerer Anreisezeit (Anm.: darunter befinde mich auch ich) wäre der Ankicktermin jedoch ein klarer Nachteil.

Ausblick in eine (un)sichere Zukunft

Zusammenfassend kann man konstatieren: ein Abstieg würde vieles ändern, schwieriger machen und natürlich sehr weh tun. Auch viele Fans anderer Teams sehen die SV Ried als Bereicherung für die Bundesliga und würden den Verein daher (zumindest ein bisschen) vermissen. Der gleichzeitige Aufstieg des LASK (inkl. seinem wirtschaftlichem Potential) würde den Abstiegsschmerz unter den Ried-Fans außerdem potenzieren.

Allerdings müsste man um die SV Ried sicher keine Angst und Sorge haben. Trainer und Manager stehen bereits fest und dienen der Planungssicherheit. Man hat beste infrastrukturelle Ausgangsbedingungen um talentierte Spieler auch in die 2. Liga zu locken. Außerdem würde der Zwischenstopp in der zweiten Spielklasse aufgrund der zuvor genannten Fakten hoffentlich auch nur eine Saison lang andauern, da nächste Saison durch die Aufstockung auf die 12er-Bundesliga zwei (oder aufgrund der Relegation gar drei) Teams in die Bundesliga aufsteigen werden.

Und wenn über alle Teile des Vereins (inkl. Fans) der gleiche selbstreinigende Effekt wie 2003 eintreten würde (die Langzeitfans wissen wovon ich spreche), dann wäre der Abstieg ein lehrreiches Kapitel gewesen, dass man als Dorfverein (im Sinne des Begriffes) im österreichischen Spitzenfußball nichts für gegeben oder dauerhaft beständig erachten darf. Denn auch Prototypen verlieren irgendwann einmal ihren Wettbewerbsvorteil und ihre Magie.

 


Disclaimer: ich bin kein Journalist sondern primär langjähriger Anhänger der SV Ried, der bereits einen schmerzvollen Abstieg miterlebt hat. Sollte mir also jemand Subjektivität vorwerfen wollen, dann wohl weil ich einige Dinge ziemlich subjektiv sehe ;- )

Wie erklärt man einen Abstieg?

Ich versuche das Gefühl dieser niederschmetternden und wirklich schwer zu verdauenden Niederlage in St. Pölten (der ich nicht selbst beiwohnen konnte) durch einige niedergeschriebene Worte zu verarbeiten. Warnung: ich hab wohl noch nie einen Text mit so vielen Konjunktiven geschrieben. Und der Grundtenor ist ebenfalls ziemlich schwarz, obwohl noch (nur mehr?) 11 Spiele zu absolvieren sind.

Elsneg wird von Ambichl am Elfernachschuss gehindert
Der zu früh in den Strafraum laufende Ambichl hindert die tragische Figur Dieter Elsneg am Elfernachschuss. (c) GEPA via Laola1

Wie kann man jemandem das Gefühl eines Abstiegs beschreiben, der dies noch nie erlebt hat (beispielsweise Rapid- und Austria-Anhänger sowie die jüngeren Salzburger und Blackies)?  Ich versuche es mit einer Annäherung: Man nehme ein verlorenes Cupfinale (hab ich schon erlebt), multipliziere es mit einer Klatsche in einem Derby und addiere noch eine Niederlage in der Nachspielzeit dazu (hat beides wohl schon jeder erlebt). Und dieses ungute, deprimierende, unsichtbar schleichende Gefühl verfolgt dich ein Jahr lang (oder noch länger, wenn der Direktaufstieg nicht sofort glückt, wie in unserem Fall damals).

Als die SV Ried in der Saison 2003 abgestiegen ist, konnte man dies bis zum letzten Spiel nicht wirklich erahnen oder damit rechnen. Durch den Punktepolster aus dem Herbst schien selbst die Negativserie aus dem Frühjahr nicht viel auszumachen. Selbst bei einer Heimniederlage am letzten Spieltag gegen die Admira hätte es ausgereicht, wenn der Tabellenletzte aus Bregenz nicht beim Meister aus Favoriten gewonnen hätte. Wie man aber weiß, kam es am Ende dann doch ganz anders.

Unmittelbar nach diesem Abstieg war das prädominante Gefühl (zumindest bei mir) ein Gefühl der Leere. Ich konnte nicht weinen, ich konnte nicht schreien, ich konnte nicht reden. Niemand wusste so wirklich, was gerade passiert war. Ein kleines Beispiel dafür, wie lange ich diesen Abstieg nicht realisieren konnte: als einen Monat nach dem Abstieg der Rahmenterminplan für die Bundesligasaison 2003/2004 veröffentlicht wurde, hab ich nach unserem ersten Spiel gesucht. Bis ich es dann endlich realisiert habe.

Ich schaue am Freitagabend gerne die Spiele aus der #skyGoEL – aber beim Gedanken daran, dass wir kommende Saison ein Bestandteil dieser Liga sein könnten – und Rapid sowie Sturm gegen Floridsdorf und Kapfenberg (nichts für ungut) austauschen müssen, wird mir schlecht. Zu sehr habe ich mich daran gewöhnt, dass meine Mannschaft ein Fixbestandteil der obersten österreichischen Spielklasse ist. Während 20 meiner 33 Lebensjahre (das sind 60%) agiert die SV Ried aus dem schönen Innviertel in der Bundesliga.

Ich habe viele andere Vereine kommen und gehen gesehen (Kärnten, nochmal Kärnten, Altach, Mattersburg, Kapfenberg, Wacker, LASK, Wiener Neustadt, Grödig, und und und) und daher schon vor Jahren gesagt, ich würde eine Garantie bzw. ein Dauerabo auf den 6. Platz sofort unterschreiben, auch wenn wir dafür nie wieder international vertreten sein würden. Damals wurde ich noch belächelt, derzeit sehe ich mich leider bestätigt.

Das pikante Detail an der heurigen Gesamtsituation ist, dass der Supergau eines Abstiegs diesmal mit dem fast sicheren Aufstieg des Erzrivalen unter dem Ex-Trainer potenziert werden könnte. Mir fällt akut kein anderes Beispiel ein, ob es sowas in der Art schon mal gegeben hat und bin daher gerne für jeden Hinweis dankbar. Die Häme die aus dem Linzer Raum kommen würden, sind so sicher wie das Amen im Gebet. Ich verbringe fast den gesamten Juni in den USA und bin (aus Selbstschutz) derzeit ziemlich froh darüber, dass ich (zumindest anfänglich) spürbar weniger von den Nachwehen dieser potentiell verheerenden Situation mitbekommen würde.

Und sollte (dies ist mein liebster Konjunktiv in diesem Text) es trotz aller derzeitigen Anzeichen dafür am Ende (wie auch immer) doch nicht zum Abstieg kommen, dann sollte diese Saison einen großen Denkzettel für alle Beteiligten aus der Vereinsführung darstellen. Eben weil die derzeitige Situation im Vergleich mit 2003 nicht aus dem Nichts gekommen ist, sondern das Produkt der letzten drei Jahre darstellt.

Aber: Natürlich würde ich mir Anfang Juli ein Abo für die zweite Liga kaufen und meinen Arbeitsfreitag in Graz spätestens um 15:00 beenden, damit ich rechtzeitig um 18:30 vor dem Parkplatz der Keine Sorgen Arena (der Name dann nicht mehr zutreffend) ankommen könnte. Egal ob es gegen Floridsdorf oder Kapfenberg, Hartberg oder Ritzing geht. Und auch auswärts trifft man endlich wieder auf andere Gegner. Auf die möglichen Spiele im Franz Fekete Stadion freue ich mich aus irgendeinem perfiden Grund sogar wieder. In guten Zeiten mag jeder zu seinem Verein halten. Aber nur in schlechten Zeiten kommt es wirklich darauf an. Ich werde (aus bekannten Gründen) zwar nie bei „You’ll never walk alone“ mitsingen, aber der Grundgedanke gilt natürlich.

 

Quo vadis, SV Ried?

Wenn man das 15-0 gegen den inferioren Fünftligisten aus Innsbruck abzieht, dann hält Helgi Kolvidsson zum aktuellen Zeitpunkt bei folgender Bilanz (inkl. Vorbereitungsspiele):

11 Spiele – 0 Siege – 2 Unentschieden – 9 Niederlagen – 6:34 Tore (3,09 Gegentore pro Spiel)

Mit einem Wort: verheerend. Im gesamten Kalenderjahr konnte der Isländer überhaupt nur zwei Spiele gewinnen (ein Match mit Wiener Neustadt sowie das Cupmatch gegen den SV Innsbruck). Gesichtsausdruck und Körpersprache wirkten gestern ratlos und wurden nur mehr durch den Umstand getoppt, dass er während des Spiels mit den aufgebrachten Fans am Zaun zu diskutieren begann.

Die Stehsätze nach einer verlorenen Partie bleiben die gleichen („Fortschritt in der 2. Halbzeit“, „Jeder Fehler wird bestraft“ etc.). Und dennoch hält nach fünf Spielen nur ein Kicker bei zwei Gelben Karten. Man gewinnt nicht zu zu wenige Zweikämpfe, man bestreitet auch zu wenige Zweikämpfe. Ein klassisches Alarmsignal für eine Mannschaft, die nicht realisieren will, dass sie sich im Abstiegskampf befindet bzw. sogar der Topfavorit auf den Abstieg ist.

Das bringt mich zur aktuellen Kaderstruktur, die einfach nicht passt. Mit Gebauer steht der größte Routinier im Tor. Mit Polverino hat der zweite Routinier bislang auf jeder Linie enttäuscht und ist zumeist nur Ergänzungsspieler. Im Sommer wären einige Routiniers auf dem Markt verfügbar gewesen (als Beispiel sei hier Thomas Pichlmann genannt, der bei Wacker voll eingeschlagen hat), man hat allerdings erneut nur Spieler mit Perspektive verpflichtet. Um Jonatan Soriano zu zitieren, in Ried wird Kinderfußball gespielt. Es fehlen Typen am Platz, an dieser Stelle seien Standfest beim WAC oder Aigner in Altach genannt.

In der Vergangenheit war der Mix aus Routiniers und aufstebenden Kickern in Ried immer nahezu optimal (z.B. Angerschmid, Drechsel, Lexa vs. Royer, Ulmer, Reifeltshammer usw.). Seit man von dieser Struktur abgewichen ist, geht es stetig bergab. Es gibt von außen betrachtet keine Leader auf dem Platz, die ordentlich dazwischen gehen oder für die jüngeren Spieler auch abseits des Platzes da sind. Das Geld für Routiniers oder Kicker mit Auslandserfahrung fehlt, wohl auch durch die Infrastrukturoffensive (für mich das Unwort der letzten Jahre). Vielleicht hat man demnächst den tollsten VIP-Club und das beste Trainingsgelände der zweiten Liga. Der rigide Sparkurs der letzten Jahre wurde schon in der vergangenen Saison fast zum Verhängnis, einzig durch die späte Verpflichtung von Thomalla konnte man das Schlimmste hier noch rechtzeitig abwenden. Aus meiner Sicht muss man alle heiligen Jahre auch in den Kader investieren, ansonsten fällt man hier meilenweit hinter Teams wie Wolfsberg oder Altach zurück, die eigentlich teilweise nur das Rieder System erfolgreich kopiert haben.

Doch es fehlen auch jegliche Identifikationsfiguren, zwei Drittel des aktuellen Kaders sind gesichtslose Legionäre (in der ursprünglichen und negativen Bedeutung des Wortes), die überspitzt formuliert den halben Tag nur damit beschäftigt sind, einen neuen Style auszuprobieren oder die Wochenendplanungen (Stichwort Sugarfree, Shisha-Bar et al.) voranzutreiben. Es fehlt schlichtweg die Identifikation mit dem Verein, den Fans und der Region. Ausnahmen wie Thomas Reifeltshammer oder Thomas Gebauer bestätigen die Regel. Kämpfen und siegen war immer ein Qualitätskriterium für die SV Ried, man hatte nie die Möglichkeiten, den Topteams mit spielerischen Qualitäten Paroli zu bieten, dies wurde mit Einsatz und Kampfgeist wettgemacht. Aktuell wird weder gekämpft noch gesiegt und bei einem Abstieg wechselt der halbe Kader sowieso einfach anderswo hin, das moderne Fußballbusiness ist unromantisch.

Miese Leistungen auf dem Platz, negative Schlagzeilen von der Tribüne – eine Abwärtsspirale die sich immer weiter dreht. Man verliert seit den goldenen Zeiten unter Paul Gludovatz immer mehr Zuschauer, was eine Reduzierung des Budgets bedeutet, was eine schlechtere Kaderdichte (in Sachen Qualität) bedeutet, was eine sinkende Kompetitivität zur Folge hat. Wie schon beim ersten Abstieg in der Saison 2002/2003 sinkt das Zuschauerinteresse nahezu ins Bodenlose, die 4600 Zuschauer gegen Salzburg sind um 2000-2500 Zuschauer weniger als dies noch vor 2-3 Jahren der Fall war.

Reicht es, dass man den Trainer entlässt, um diesen Negativtrend zu stoppen? Nein, denn die Spieler sind genau so für die schlechten Leistungen verantwortlich. Allerdings spürt der Trainer die Konsequenzen immer zuerst. Sollte das Spiel gegen Sturm Graz verloren werden, befürchte ich eine ziemlich brenzliche Situation auf der West, die Stimmung unter den Fangruppierungen ist auf dem Siedepunkt und droht jederzeit endgültig zu explodieren (der Platzsturm in der Südstadt war wohl nur ein Vorgeschmack). Sollte Kolvidsson jedoch auch dieses Spiel überleben, dann wird das Duell mit Grödig ganz sicher zu seinem Schicksalsspiel. Aus aktueller Sicht sind die Salzburger der einzige realistische Gegner im Abstiegskampf. Bei einer Niederlage muss der Reset-Knopf gedrückt werden, zudem der neue Trainer dann aufgrund der Länderspielpause auch gleich zwei Wochen Zeit am Trainingsplatz hat.

Beim Nachfolger für den Isländer wünsche ich mir einen Pädagogen, mit diesen ist Ried in der Vergangenheit nämlich immer sehr gut gefahren. Roitinger, Hochhauser, Kraft und Gludovatz waren allesamt Lehrer bevor sie Cheftrainer in der Bundesliga wurden. Man muss wissen, wie man mit jungen Spielern (teilweise noch im Teenageralter) umgeht und bei diesen genannten Personen war das allesamt der Fall. Daher sollte man sich auf alte Tugenden besinnen, auf dem Platz und auch neben dem Platz. Hier sind alle Personen gefragt: Manager, Vorstand, Trainerteam und Spieler. Ziehen alle nicht am gleichen Strang, dann gibt es bei SV Ried in der Saison 16/17 den nächsten Reboot in der #skyGoEL – nur sehe ich die realistische Chance auf einen baldigen Wiederaufstieg diesmal deutlich geringer als vor zehn Jahren.

Interessiert keinen mehr.

Als Anhänger der SV Ried 1912 ist man leidgeprüft. Ich war (verhältnismäßig) zarte 19 Jahre alt, als man damals völlig unerwartet am letzten Spieltag der Saison 2002/2003 den Gang in die Unterklassigkeit antreten musste. Durch eine 0-3 Heimniederlage gegen Admira Wacker bei einem gleichzeitigen 2-0 Sieg von SW Bregenz beim Meister aus Favoriten war das Unerwartete tatsächlich wahr geworden. Den Mattersburgern sollte ein ähnliches, vermutlich noch unerwartetes Schicksal in der Saison 2012/2013 drohen, also genau zehn Jahre später. Aufsteiger damals, als die SVR in die Erste Liga musste? Richtig, der SV Mattersburg.

Dies war mit Sicherheit die dunkelste Phase der ansonsten märchenhaften Geschichte des Dorfes aus dem Innviertel, und wäre damals nicht Onkel Frank mit seinem Tigerteam-Geldkoffer gekommen (dafür verloren wir in Folge halt Schiemer, Lasnik und Sulimani an dessen Stammverein), ich bin mir nicht sicher ob der Wiederaufstieg in der Zwischenzeit geglückt wäre. Warnende Beispiele für Vereine mit Daueraufenthalt in der zweithöchsten Spielklasse gibt es ja (I am looking at you, Austria Lustenau).

Das Frühjahr 2007/2008 war eine andere sinistre Periode. Heli Kraft war dem Ruf aus seiner Heimat erlegen (er wurde Sportdirektor bei Wacker) und das undynamische Duo Weissenböck/Schimpl schaffte es in einer halbjährigen Amtszeit beinahe, den Verein wieder in die Zweitklassigkeit zu führen. In den letzten vier Saisonspielen musste dann Ex-Kapitän Michael Angerschmid (damals Coach bei den Ried Amateuren) als gallionsfigurenartiger Interimstrainer herhalten, man beendete die Saison im Endeffekt auf einem unzufriedenstellenden 7. Endrang mit nur 38 Punkten. Im letzten Saisonviertel wurde kein einziger Sieg eingefahren und es wurden auch nur drei Unentschieden geholt. Damals noch schwächer? Altach, die Austria aus Kärnten sowie Wacker Innsbruck (autsch, Heli Kraft).

Einem gewissen Georg Zellhofer war dieser fast abgestiegene Kader am Beginn der kommenden Saison zu schwach. Dies wusste er allerdings erst nach vier Wochen im Traineramt. Wie es das Schicksal so wollte, war dem Paul Gludovatz der selbe Kader nicht zu schwach. Er führte sein mystisches 3-3-3-1 (zumindest in den Augen von Peter Pacult) ein und stülpte einer nicht-so-tollen Mannschaft ein funktionierendes Korsett über. Man bekam nicht viele Gegentore und konnte in der Offensive mit gezielten Nadelstichen immer wieder anschreiben. Mit Drechsel und Lexa hatte man damals für Rieder Verhältnisse natürlich auch Spitzenkicker im Team. Höhepunkt dann sicher der Cupsieg im Jahre 2011, auf dem Weg dorthin wurden der LASK, Sturm Graz und Rapid ausgeschaltet, im Finale im Prater ging es dann gegen die Austria aus Lustenau, über 12.000 SVR-Fans pilgerten mit und erlebten bei ungetrübtem Sonnenschein eine weitere Sternstunde der SV Ried aus 1912.

Nun aber der Bezug zum Hier und Heute. Führungsspieler wie Drechsel, Lexa, Brenner, Glasner oder Stocklasa sind weg. Das damals so erfolgreiche System wurde abgeschafft, weil man sich „weiterentwickeln wollte“. Die Mannschaft wurde von Jahr zu Jahr jünger, in der aktuellen Saison lag das Durchschnittsalter einige Male bei unter 23 Jahren. Der älteste Feldspieler (Gartler) ist 27 Jahre alt. Man hat sich den wohl verletzungsanfälligsten Kader der Bundesligageschichte zusammengestellt (Reiter, Wieser und Riegler sind seit November out, Walch und Ziegl sind dauerverletzt, Trauner hat sich zweimal das Gesicht gebrochen, Reifeltshammer hat ewig lange fitgespritzt gespielt, Janeczek fiel mit einem Nasenbeinbruch aus, Gartler ist jetzt an der Schulter verletzt) und bekommt dadurch keine Automatismen in die Mannschaft.

Dennoch haben sich beim gestrigen Cup-Out gegen St. Pölten elf (Profi-)Spieler blamiert. Es gibt keine jungen oder alten Spieler, nur gute oder schlechte Spieler. Wenn man es in 30+ Minuten nicht schafft, gegen einen unterklassigen Verein klare Torchancen herauszuspielen, dann stimmt etwas nicht. Wenn dann der letzte Stürmer erst nach 85:56 eingewechselt wird (totale Offensive also für die letzten 4 Minuten), dann fragt man sich ob auch beim Trainerteam etwas nicht stimmt. Baumgartner (der Gerald aus St. Pölten) hat vor der Partie von einem Matchplan gesprochen. Bei der SVR bin ich mir nicht sicher, ob dieses Wort so wirklich geläufig ist. Vieles basiert auf Zufall, am besten hohe, weite Bälle nach vorne, der Gartler wird schon irgendwas draus machen. Achja, der Gartler spielt ja heute nicht. Na dann. Man könnte auch einmal hinterfragen, wieso man schon wieder im Frühjahr zurückfällt. Wieso man in nahezu jeder zweiten Halbzeit einbricht. Ist das Training zu intensiv aber wird gleichzeitig zu wenig Augenmerk auf die Kondition gelegt?

Worauf ich hinaus will? Im Frühjahr gingen vier der sieben Heimspiele verloren:

1-3 gegen Salzburg,
1-4 gegen Grödig (Pausenstand 0-0),
1-2 gegen Wacker (Pausenstand 0-0),
1-2 gegen St. Pölten (Pausenstand 1-1).

Dazu kamen:

eine gefühlte Niederlage (das 2-2 gegen die Austria, bei dem man das Kunststück vollbrachte, mit einem Mann mehr in der 94. Minute bei eigenem Ballbesitz den Ausgleich zu kassieren),
ein glückliches Unentschieden (ein 2-2 gegen Sturm mit Hilfestellung von Pliquett)
sowie ein mickriger Sieg, ein zittriges 2-1 gegen Wiener Neustadt (durch ein spätes Siegtor von Oliva).

Ich erwarte mir definitiv nicht, dass man jedes Heimspiel gewinnt. Aber wenn man dann innerhalb von vier Tagen gegen einen gefühlten Zweitligisten (Wacker) und einen echten Zweitligisten (St. Pölten) verliert, dann reißt auch mir der Geduldsfaden. Umso mehr, wenn man dann vernehmen muss, dass vier Spieler am Abend vorher noch ein bisserl die Wasserpfeife konsultiert haben. Profihaftes Verhalten? Fehlanzeige. Ich verlange von unseren Profis nicht, dass sie jeden Abend um 22:00 ins Bett gehen und vorher nicht mehr außer Haus gehen, aber wenn man sich dann am Vorabend eines Matches (des wohl wichtigsten der Saison) zu einigermaßen später Stunde in ein öffentliches Lokal begibt, dann ist das einfach nur dämlich. Gestern gab es 90 Minuten lange positiven Support für die Mannschaft, logischerweise brachen im Anschluss aber die Dämme, eine fataler Mix aus Enttäuschung, Unzufriedenheit und Wut entlud sich in Richtung der Mannschaft, inklusive Trainer. Löblich hervorheben möchte ich hier nur Thomas Gebauer und Thomas Reifeltshammer (der nicht mal gespielt hat!), welche versucht haben mit den Fans zu reden bzw. dies auch getan haben.

Ich selber werde sogar von meinem Vater ab und zu verarscht, weil ich mir jedes noch so unbedeutende Spiel der Rieder im Stadion anschaue, 16-18x pro Saison für Heimspiele die 244km aus Graz rauffahre (und nach dem Wochenende dann wieder runterfahre) .. aber das macht es halt aus, wenn man Anhänger (s)einer Mannschaft ist. Aber nach dem gestrigen Unspiel ist für mich der Punkt erreicht, an dem sogar ich sage: in den letzten zwei Heimspielen der Saison muss ohne mich gespielt werden. Mein Geld (in Form der Dauerkarte) hat die SVR bereits, aber physisch werde ich mir dies heuer nicht mehr antun. Um einen großen italienischen Philosophen zu zitieren: ich habe fertig mit dieser Saison (und Teilen dieser Mannschaft).

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