Zweitklassig

Am 11. März habe ich darüber geschrieben, wie sich ein Abstieg anfühlt. Die bittere Realität nach dem gestrigen Tag ist allerdings noch viel schlimmer. Das Gefühl der absoluten Leere ist demoralisierend und niederschmetternd. Beim letzten Abstieg war ich 19 Jahre als. Damals gab’s kein Facebook, kein Twitter, kein Instagram und auch kein WhatsApp – genau über diese Kanäle wird man seit gestern 18:25 ständig daran erinnert, dass die SV Ried nach knapp 12 Jahren nicht mehr Bestandteil der tipico Bundesliga ist.

Ich wurde während der letzten 19 Stunden unzählige Male gefragt, wie es mir geht. Es geht mir scheiße. Wie Bill Shankly einst sagte: „Some people think football is a matter of life and death. I assure you, it’s much more serious than that“. Fußball und mein Verein sind viel mehr als nur ein Hobby, sie sind ein Teil meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und somit meiner Persönlichkeit.

Ein sichtlich niedergeschlagener Thomas Reifeltshammer
Ein sichtlich niedergeschlagener Thomas Reifeltshammer – (c) skysportaustria.at

Eigentlich war gestern alles für das vielzitierte Wunder von Ried angerichtet. Ein ausverkauftes Haus, prächtiges Sommerwetter und sogar die spielerische Unterstützung von Rapid. Nur die eigene Mannschaft konnte dem Druck und den gesteckten Erwartungen in keiner Weise standhalten. Gerade in der ersten Halbzeit wirkte die Partie wie auf schiefer Ebene. Die Rieder agierten zögerlich und überhastet zugleich und hatten keine Ideen um die Mattersburger Defensive zu gefährden.

Mattersburg wiederum hatte nichts mehr zu verlieren und spielte eigentlich unösterreichisch motiviert voll auf Sieg. Weil im Frühjahr sowieso alles schief gegangen ist was schief gehen konnte, ermöglichte die frühe Verletzung von Florian Hart das Gegentor durch Perlak, der auf der zwischenzeitlich vakanten Seite viel zu viel Platz hatte. Das 0:2 muss man Thomas Gebauer anhängen, der in dieser Saison gerade im Herbst mit einigen Patzern nicht sein bestes Jahr hatte.

Nach dem 1:2 kehrte die Hoffnung wieder zurück, welche nach dem 1:3 durch Seidl bei manchen Individuen schlagartig in Aggression umgewandelt wurde. Persönliche Anmerkung: bei einem Spieler wie Stefan Maierhofer ist es nie geschickt, diesen während einer Partie auch noch mit Schmähgesängen heißer zu machen als er ohnehin schon ist. Die Spielunterbrechung durch die hirnverbrannten Bengalenwürfe nahm den letzten Wind aus dem Spiel der Rieder Mannschaft, nach der Wiederaufnahme ergab man sich dem eigenen Schicksal.

Nach Spielende trugen sich dann beschämende Szenen zu. Hooligans mit Sturmhauben (… bei denen aufgrund Körperbau und/oder Tattoos sowieso jeder aus der Fanszene und dem Vereinsumfeld weiß, wer sie sind) attackierten eigene Fans auf der West welche es wagten, der Mannschaft nach Spielende zu applaudieren. Vielen Frauen und Kindern konnte man die Angst in den Augen ansehen. Viele traten auch schlagartig die Flucht aus dem Zentrum der West an. Als Elternteil müsste ich nach dem gestrigen Tage stark überlegen, ob ich mein Kind nochmal auf die Fantribüne lassen würde.

Unterbrechung durch den Wurf von pyrotechnischen Gerät
Szenen einer Eskalation – (c) krone.at

Ich hoffe inständig, dass der Verein hier hart durchgreift und langfristige Stadionverbote erteilt. Der Ruf des Vereins wird durch diese Radaubrüder geschädigt, für die Spielunterbrechung und die mehrfachen Würfe von pyrotechnischem Gerät wird der Verein harte Strafen aufgebrummt bekommen. Ich hoffe ebenfalls stark, dass man sich hier an den Verantwortlichen schadlos halten kann. Einzelne Personen kommen und gehen und sind ersetzbar, aber der Verein bleibt bestehen. „No individual is bigger than the club“ ist hier ein weiteres Zitat, welches ich an dieser Stelle einwerfe.

Um einen Bogen zurück zum sportlichen Aspekt zu spannen: der Abstieg an sich ist hochverdient. Man hat die meisten Niederlagen am Konto, war die längste Zeit Tabellenschlusslicht, hat die wenigsten Tore erzielt, die wenigsten Auswärtspunkte geholt und in entscheidenden Momenten (0-1 in St. Pölten, 1-2 in Mattersburg, 1-1 gegen Wolfsberg, 1-1 gegen St. Pölten, 2-3 gegen Mattersburg) IMMER versagt.

Die Schuld dafür kann man vielen Personen in die Schuhe schieben: Stefan Reiter für seine Kaderplanung ohne einen bundesligatauglichen Stürmer, Christian Benbennek für die konditionellen Versäumnisse und seinen passiv-langweiligen Spielstil, Roland Daxl für seine Imperatorgebärden in der Winterpause, Franz Schiemer für sein aktives Einwirken auf den/die Trainer (welche meinen Quellen nach definitiv und massiv stattgefunden hat), Lassaad Chabbi für einige taktische Fehlgriffe (u.a. Durakovic gegen den WAC, die Einwechslung von Brandner gegen St. Pölten) und schlussendlich der Mannschaft selber.

Wenn man nur einen (oder vereinzelte) Fehler macht, steigt man nicht ab. Dieser Abstieg ist das Produkt einer Verkettung grober Fehler, Nachlässigkeiten und persönlicher Eitelkeiten. Ried hat immer davon gelebt, dass man diese Nebengeräusche den Großclubs und Lokalrivalen überlassen hat. Daher sollte man die Zweitklassigkeit nun dazu nutzen, um eine selbstreinigende Wirkung zu erzielen. Der Kader kann überholt bzw. neu aufgebaut werden, einzelne Vorstandsmitglieder können sich selbst hinterfragen und einige erlebnisorientierte Menschen können ihren Drang zum Radau zukünftig außerhalb der Keine Sorgen Arena (oder wie auch immer dieser aktuell zynische Stadionname kommende Saison lauten mag) ausleben.

Fakt ist: kommende Saison ist man kein Bestandteil der österreichischen Fußballelite. Man muss sich auf den Spieltermin am Freitagabend umgewöhnen. Es gibt keine HD-Spiele oder Einzellivespiele (abgesehen von der wöchentlichen 20:30-Partie) mehr. Man wird die besten Spieler verlieren (wie etwa Möschl an Dynamo Dresden). Die Zuschauerzahlen im Stadion werden wieder nach unten gehen. Es wird finanzielle Einbußen geben – egal ob im Bezug auf Fernsehgelder, Sponsorengelder oder Eintrittsgelder. Der LASK (mitsamt ehemaliger Rieder Vereinslegenden im Trainerstab) ist zum ersten Mal seit 1994 (!) eine Spielklasse über der SV Ried angesiedelt. Auch das wurmt (auch wenn es nicht jeder zugeben wird).

2003 ist das lähmende Gefühl der Ohnmacht erst vergangen, als die neue Saison mit einem 2:1 gegen den FC Lustenau eröffnet wurde. Heuer wird es wohl ebenso lange dauern, bis wieder eine gewisse Normalität einkehrt. Wenn ich mir unsere künftigen Gegner ansehe, dann sind die Auswärtsspiele in Kapfenberg, Hartberg und Wiener Neustadt für mich als Grazer äußerst anreisefreundlich gelegen. Wenn man beim FAC antreten muss, ist man wohl zum ersten Mal überhaupt Favorit bei einem Auswärtsspiel in Wien. Mit BW Linz bekommt man ein Derby in der Landeshauptstadt. Bei den Matches gegen Wacker und Wattens kann ich meine Schwester in Tirol besuchen. Und auch nach Grödig kann man nach einjähriger Pause wieder fahren um gegen die Wettbewerbsverzerrer aus Liefering zu spielen.

Abgesehen davon werde ich mir selbstverständlich auch wieder eine Abokarte sichern. Nächste Saison steigen dank der Ligaaufstockung zwei oder gar drei Vereine in die Bundesliga auf. Es gibt zwar aktuell noch keine Quoten, aber im Normalfall sollten Wacker Innsbruck und die SVR die beiden Topfavoriten auf den Aufstieg sein. Und wenn es wirklich so kommen sollte, dann kann ich in naher Zukunft nach Monaten von Depression und Abstiegsangst auch endlich einmal wieder über positive Dinge schreiben. In der Zwischenzeit trifft man hoffentlich die richtigen Schlüsse und auch wenn man es derzeit noch nicht so recht begreifen kann, beende ich meinen finalen Blogeintrag in dieser Saison mit einem letzten Zitat:

Toni Polster: From Hero to Zero

Als Anton Polster im Jahre 1993 von Rayo Vallecano zum 1. FC Köln in die Deutsche Bundesliga wechselte, war ich knapp 10 Jahre alt. Damals gab es drei Möglichkeiten, etwas über diese Liga mitzubekommen: über die Radiokonferenz auf Antenne Bayern, über den Teletextticker des ORF (throwback monday: Tore von österreichischen Legionären wurden bläulich und nicht weiß angezeigt) und über die SAT1-Sendungen ran (am Samstag) bzw. ranissimo (am Sonntag).

Ich hatte mir damals eine Art Fußballtagebuch angelegt, in welchem ich minutiös die Leistungen von Polster (und auch von Andi Herzog bei Bremen) und die Ergebnisse vom Effzeh mitdokumentierte. Bei jedem [über Radio oder Teletext mitverfolgten] Treffer wurde die Vorfreude auf die abendliche Fußballsendung noch größer. Selbsterklärend, dass Social Media, YouTube oder gar Internet damals noch in weiter Ferne waren.

Toni Polster
Toni Polster als Kapitän der Österreichischen Nationalmannschaft. (c) FIFA.com

Spätestens als Polster dann 1997 mit seinen zwei Toren beim 4-0 gegen Weißrussland die Qualifikation für die WM in Frankreich 1998 fixierte und dort mit seinem Gewaltschuss aus nächster Nähe ein 1-1 gegen Kamerun in der Nachspielzeit sicherte, genoss er (bei mir persönlich) so etwas wie Heldenstatus. Ein österreichischer Stürmer von internationalem Format, bei Fans und Medien gleichermaßen beliebt, sogar mit einem Hit in den Charts („Toni, lass es polstern“ – mit den Fabulösen Thekenschlampen) und stets gut gelaunt mit einem lockeren Spruch auf den Lippen.

Nach fünf Jahren in Köln folgte ein überraschender und kontroversiell diskutierter Wechsel zum rheinischen Rivalen nach Mönchengladbach, bei denen er jedoch ebenfalls noch (zumindest kurzzeitig) reüssieren konnte, bevor ihn Hans Meyer dann eineinhalb Jahre später (im Alter von 36 Jahren) altersbedingt abmontierte. An dieser Stelle sei noch folgendes Zitat von Meyer erwähnt:

„In Köln haben sie vier Tage lang die Geschäftsstelle abgeschlossen und jede halbe Stunde eine Flasche Sekt entkorkt, als sie den Toni Polster für 1,8 Millionen Mark (= 0,9 Millionen Euro, Anm.) nach Gladbach verkauft hatten.“

Polster ließ seine aktive Karriere dann noch ein halbes Jahr lang per Leihe bei Austria Salzburg ausklingen, wo er jedoch in 12 Spielen nur zwei Tore erzielen konnte. Seine Nationalteamkarriere unter der Ägide von Otto Baric endete im gleichen Jahr, nach insgesamt 95 Spielen und 44 Toren, was ihn nach wie vor zum österreichischen Rekordteamtorschützen macht (Anm.: Marc Janko liegt mit 28 Toren auf Platz vier, seine Torquote ist sogar leicht besser als jene von Polster).

Zwischen 2000 und 2004 wurde es dann ruhig um Polster, er war im Marketingbereich von Mönchengladbach tätig und daher in den heimischen Medien weniger präsent als in den 15-20 Jahren zuvor. Anschließend wurde er Teammanager bei seinem Stammclub, der Austria aus Wien. Dort kam es zum ersten dunklen Kapitel seiner Karriere im Fußballbusiness. Nach nicht einmal einem halben Jahr wurde er nach Differenzen mit Big Spender Frank Stronach fristlos enlassen. Er selber sprach im Nachhinein davon, dass das Dienstverhältnis aufgelöst wurde.

„Von einer fristlosen Entlassung kann keine Rede sein, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen, gute Arbeit geleistet […] Ich hätte weitergemacht. Ich gehe erhobenen Hauptes, habe alles versucht. Unter dem Strich war ich zu wenig biegsam. Wir haben nicht zusammengepasst, aber ich möchte keine Schmutzwäsche waschen.“ 

Während der nachfolgenden vier Jahre wurde es (bis auf regelmäßigen Auftritten als Adabei in den Seitenblicken) erneut ruhig um Polster, bis er 2010 (medienwirksamer) Berater beim LASK aus Linz wurde. Zudem trainierte er die Amateurmannschaft und schaffte mit dieser auch umgehend den Aufstieg von der OÖ Liga (4. Spielklasse) in die Regionalliga Mitte. Um jedoch die Lizenz erhalten zu können, trennten sich die finanziell schwer angeschlagenen Linzer nach dem Aufstieg von (dem wohl nicht so schlecht verdienenden) Polster.

Ein halbes Jahr später übernahm Polster das Traineramt bei der Wiener Viktoria in der Oberliga A (5. Spielklasse). Nur wenige Wochen nach seiner dortigen Bestellung folgte er einen Einladung zu einer Sondersendung (sic) von Sport am Sonntag. Die Creme de la Creme der österreichischen Hawarapartie (u.a. Prohaska, Gregoritsch) diskutierte über die Bestellung von Nobody Marcel Koller zum ÖFB-Teamchef, bei der Polster (augenscheinlich unter der Einwirkung der Nachbesprechung einer Ligapartie der Wiener Viktoria) folgendes Statement von sich gab:

„Ja die Leute halten das für eine total unglückliche Entscheidung, sie sind total enttäuscht und frustriert .. zum Teil .. und ich kann das auch nachvollziehen, denn .. ich glaube nicht, dass es [die Bestellung von Marcel Koller zum Teamchef] eine glückliche Entscheidung war.“ 

Ohne über die Taktik, die Spielanlage oder das langfristige Konzept des Schweizer Trainers Bescheid zu wissen, wurde also ein spontaner hatchet job durchgeführt.

Beinahe fünf Jahre (die Ernennung folge am 1. November 2011), einen Punkteschnitt von 1.67/Partie (zum Vergleich: bei Prohaska lag dieser bei 1.65) und die erstmalige sportliche Qualifikation für eine Europameisterschaft 2016 in Frankreich später wirken diese Worte (und generell diese Sendung) komischer denn je. Marcel Koller hat eine Nationalmannschaft aufgebaut, auf die man wieder stolz sein konnte, die von 35.000 Menschen zum Spiel gegen Island nach Saint Denis begleitet wurde und Ausnahmeleistungen wie etwa beim 4-1 in Stockholm abgeliefert hat. Doch nach diesem kurzen Exkurs nun wieder zurück zu Anton Polster.

Zur Saison 2013/2014 wurde er bei der Admira zum neuen Cheftrainer bestellt. Dort wurde er bereits nach rekordverdächtigen drei Spielen (drei Niederlagen) und einem Torverhältnis von 2:11 entlassen. Das damalige Statement der Admira im Wortlaut:

„Aufgrund des unglücklichen Saisonstarts mit null Punkten in den ersten drei Runden, einer negativen Tordifferenz von 2:11 sowie diverser Auffassungsunterschiede hat der FC Admira Wacker Mödling den Entschluss gefasst Trainer Toni Polster mit sofortiger Wirkung zu beurlauben“

Wenn man als Verein von der Statur der Admira einen Trainer nach nur drei Partien entlässt, muss man zwangsweise das Gefühl haben, einen schweren Fehler gemacht zu haben. Polster seinerseits kommentierte seine Entlassung wie folgt:

„Es wäre schön, wenn ich ein bisschen mehr Zeit gehabt hätte. Hätte ich ein bisschen mehr Zeit gehabt, hätte ich die Admira gerettet [… ] Dass meine Tätigkeit schon nach sieben Wochen wieder zu Ende ist, macht mich traurig. Aber das muss ich akzeptieren. Es bringt nichts, wenn man Schmutzwäsche wäscht, das hilft niemandem weiter“

Detail am Rande – auch hier (wie schon bei der Entlassung bei der Austria) sprach Polster wieder davon, dass er „keine Schmutzwäsche waschen wolle“, als ob dies sonst Usus wäre. Warum er im Bezug auf die Admira schon nach drei von 36 Spieltagen von „Rettung“ sprach, sei an dieser Stelle ebenfalls fragend erwähnt. Seine Karriere als professioneller Trainer in Österreich (und wohl auch sonst wo) ist seit dieser Entlassung gescheitert.

Daraufhin folge eine Rückkehr zur Wiener Viktoria und eine Fokussierung auf seine „Expertenkolumne“ bei einer ÖSTERREICHischen Gratiszeitung. In dieser Rolle zeichnete er sich im Juli 2016 für den nächsten hatchet job verantwortlich. Die Bestellung von Christian Benbennek als Chefcoach bei der SV Ried kommentierte er wie folgt:

„Auf die Idee zu kommen, in der österreichischen Bundesliga einen Trainer zu holen, der in Deutschland in der 4. Liga gefeuert wurde und vorher nicht aufgefallen ist, muss man erst kommen. Was Sportdirektor Stefan Reiter da geritten hat, ist mir ein Rätsel.

Auf alle Fälle ist die Installierung von Christian Benbennek ein Schlag ins Gesicht der heimischen Trainer. Und für Ried ein Rückschritt. In Aachen, wo Benbennek zuletzt gearbeitet hatte, meuterten die Spieler, bis er die Papiere bekam. Und dieser Coach soll Ried auf Vordermann bringen? Ich sage: Reiter wird bald einen Canossa-Gang ins Burgenland antreten müssen, um Paul Gludovatz noch einmal zu überreden, Ried als Trainer zu übernehmen. „

In diesem Fall hatte Polster – wohl im Gegensatz zu Koller, den er aus seiner Zeit in Deutschland zumindest namentlich kannte – wohl nicht mal eine nackte Idee darüber, wer Christian Benbennek denn überhaupt sei. Die Info über Aachen wurde unreflektiert aus dem Internet (oder von einem Redakteur) übernommen – irgendeine ansatzweise Ahnung von Spielkonzept, Taktik oder Kaderplanung müssen an dieser Stelle nicht einmal erwähnt werden.

Benbennek & Reiter
Christian Benbennek (Trainer) und Stefan Reiter (Sportdirektor) im Gespräch. (c) OON/Daniel Scharinger

Die Retourkutsche von Stefan Reiter folgte postwendend, nur einen Tag später kommentierte er Polsters Kolumne in den Oberösterreichischen Nachrichten und sprach damit vielen Fußballfans aus der Seele bzw. brachte auf den Punkt, was die eigentliche Grundaussage dieses Blogartikels ist:

„Polster war ein großer Fußballer, der tolle Leistungen für Österreich erbracht hat, aber auf diesem Niveau macht er sich nur noch lächerlich […] Polster ist fachlich überhaupt nicht auf Augenhöhe, es ist eigentlich schade, dass er das nötig hat. Seine eher bescheidenen Erfolge als Trainer sprechen für sich.“

Nach 10 Spielen hält Ried bei 14 Punkten, einem gesicherten Platz im Mittelfeld, erzielte zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte vier Tore in einem Spiel gegen Rapid und schaffte sogar, die Viererkette im Innviertel wieder salonfähig zu machen. Es ist zwar nur eine Momentaufnahme, aber der Canossa-Gang ins Burgenland wird wohl bis auf Weiteres nicht stattfinden.

Doch zu guter Letzt noch ein Exkurs in Richtung Marcel Koller. Nach dem gestrigen 2-3 des Nationalteams in Serbien war Polster sogleich mit einem Statement zur Stelle, welche ich nachfolgend aus dem Video bei SkySportAustria transskribiert habe:

„Es wäre auf alle Fälle mehr drinnen gewesen, wenn wir .. diese .. äh .. Laufwege zurück gemacht hätten .. das haben sich einige Spieler erspart .. äh, die Mannschaft hat viel zu äh äh offensiv gespielt, viel zu offensiv, auch ihre jeweilige Position interpretiert .. unterm Strich haben wir dann in drei Spielen sechs Gegentore bekommen und das ist einfach zu viel wenn man zur WM fahren möchte.“

Somit wurde also gleich die erste Gelegenheit genutzt, um dem unbeliebten Trainer verbal eins auszuwischen. Toni Polster – der Spieler – wird für mich für immer ein Held bleiben. Vor Toni Polster –  dem Trainer und Menschen – habe ich jedoch schon längst keinen Respekt (mehr).

An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich ihn natürlich nicht persönlich kenne, daher muss ich anhand seiner Medienergüsse urteilen. Aber seine Kolumnen und Kommentare sind primär polemisch und untergriffig. Das macht ihn unsympathisch. Das hätte er nach einer verdienten Karriere als Spieler auch nicht notwendig. Kann man aber wohl nicht mehr ändern. Schade darum.

 

Turnaround durch Benbennek?!

Erneut handelt es sich nur um eine Momentaufnahme, aber nach einer Serie von fünf ungeschlagenen Spielen, dem ersten Auswärtssieg seit Ewigkeiten und der Premiere eines Sieges mit vier Toren gegen Rapid kann man als Ried-Anhänger zwischenzeitlich ruhig schlafen und keine Gedanken an Rote Laternen verschwenden. Manager Stefan Reiter (der mit Özdemir, Zulj, Nutz und Ademi seine beste Transferzeit seit einigen Jahren hinter sich gebracht hat) kann mit seiner Trainerbestellung ebenfalls zufrieden sein. Doch wie konnte Neo-Trainer Christian Benbennek binnen weniger Wochen diesen Turnaround schaffen? Nach nur drei Punkten (und einem Tor) nach fünf Spielen bei einigen Fans (ehrlicherweise auch bei mir) schon angezählt, haben verschiedene Faktoren dazu beigetragen, dass man sich zwischenzeitlich aus dem Abstiegskampf verabschiedet hat.

Christian Benbennek SV Ried
Trainer Christian Benbennek schwimmt derzeit mit der SV Ried auf der Erfolgswelle. (c) meinbezirk.at

Benbennek hat nach dem blamablen 0-5 in Wien sofort erkannt, dass das in der gesamten Vorbereitung praktizierte 4-4-2 in der Bundesliga mit bestehendem Kader nicht anwendbar ist und auf ein 4-2-3-1 um gestellt. Zugleich war allgemeiner Tenor, dass Ried keine Viererkette (mehr) spielen könne und Reifeltshammer nur in einer Dreierkette bundesligatauglich wäre. Der nunmehrige LASK-Trainer ist bei der Umstellung auf eine Viererkette gescheitert. Der glücklose Helgi Kolvidsson ist ebenfalls gescheitert. Christian Benbennek hat beharrlich weitergearbeitet, nachgebessert und nach einem Saisonviertel erreicht, dass das Defensivgebilde größtenteils stabil agiert. Thomas Reifeltshammer hat gegen Rapid seine beste Partie seit Jahren gespielt und bildet mit dem Topneuzugang Ögun Özdemir eine absolut bundesligataugliche Innenverteidigung. Die Außenverteidiger Dennis Chessa und Florian Hart sind zwar (gerade offensiv gesehen) keine Weltkicker, machen allerdings defensiv nur wenige Fehler und wissen genau, was sie spielen können.

Der Trainer hat keine Angst davor, Wechsel bereits in der Halbzeit durchzuführen (wie im Fall vom überforderten Ronny Marcos beim 1-1 gegen die Austria). Er hat erkannt, dass Brandner auf der 6er-Position (noch?) zu blass ist und Peter Zulj kurzum zum defensiven Mittelfeldspieler umgemodelt. Dieser spielt diese Rolle nun seit einigen Spielen so, als ob er nie etwas anderes gelernt hätte. Auch wenn sich mittlerweile eine klare Stammelf herauskristallisiert hat, so hält er die Motivation bei einzelnen Spielern hoch, indem er sie bei guten Trainingsleistungen mit einem Einsatz in der Startelf belohnt (Prada gegen Rapid) oder Spieler von der Tribüne auf die Ersatzbank rutschen (Brandner und Antonitsch gegen Altach).

Er ist der erste Trainer seit Jahren, der das Beste aus Clemens Walch herauszuholen vermag (bereits 3 Tore und 3 Assists in der Liga). In einem Interview vor wenigen Wochen sprach er davon, dass der Tiroler viel Zuneigung braucht und von sich aus sagen solle, falls sein Körper streikt oder er angeschlagen ist. Er hat zur Deadline mit Nutz und Ademi zwei – für Rieder Verhältnisse – famose Neuzugänge in die Mannschaft bekommen. Durch den verstärkten Konkurrenzkampf finden sich letztjährige Leistungsträger wie Fröschl oder Elsneg teilweise nur auf der Bank wieder, Spieler wie Egho oder Brandner sogar nur auf der Tribüne oder bei den Amateuren in der OÖ-Liga.

Er hat Ried bei Standards absolut unberechenbar und brandgefährlich gemacht und damit so etwas wie einen Roitinger-Spirit entfacht. Gegen Sturm hat ein Freistoßtrick perfekt funktioniert, gegen die Austria wurde aus einer direkten Ecke getroffen, gegen Rapid hat eine einstudierte Eckballvariante zum 3-1 geführt.

Von seiner Persönlichkeit her wirkt er absolut authentisch, spricht Fehler (auch eigene) und schlechte Leistungen glasklar an und hebt bei Topleistungen auch nicht sofort ab (wie gestern etwa durch die Aussage, dass man weiter bescheiden bleiben müsse und es trotz alledem nur drei Punkte waren). Aber ein Kritikpunkt muss doch noch sein (vor allem für die Kulinarik des Innviertels sehr wichtig): kann unserem Trainer jemand ausrichten, dass es im Stadion Würste in Hülle und Fülle gibt?