SV Ried: 7 Gründe für den sportlichen Rückfall seit 2012

Artikel am 16. August 2016 mit Punkt 7) aktualisiert.

Und jährlich grüßt das Murmeltier. Erneut ist die SV Ried nicht unbedingt gut aus den Startblöcken gekommen. Nach einem inferioren 0-5 bei Rapid und dem doch etwas überraschenden 1-0 gegen den SK Sturm Graz musste man nach einem leistungsgerechten 0-1 beim Wolfsberger AC eine mutlose 0-2 Heimniederlage gegen RB Salzburg (ohne Ried-Schreck Soriano) hinnehmen. Wie schon im Vorjahr ziert man damit gleich im ersten Saisonviertel das Tabellenende und hat nach 360 Minuten noch immer nicht aus dem Spiel heraus getroffen. Das einzige Tor gegen Sturm resultierte aus einem herrlichen Freistoßtrick.

Aus diesem Anlass habe ich daher sieben Teilaspekte betrachtet, welche das ihre dazu beitragen, dass die SV Ried im Laufe der letzten Jahre von einem beständigen Kandidaten für die Europacup-Plätze zu einem legitimen Abstiegskandidaten (ähnlich wie zu Beginn des „Fußballwunders Ried“ in den 90er-Jahren) abgedriftet ist.

1) Der Trainerverschleiß

Im vergangenen August wurde bereits nach der fünften Runde reagiert und Helgi Kolvidsson nach einem desaströsen 1-3 in der Südstadt beurlaubt (5 Spiele – 0 Siege, 1 Unentschieden, 4 Niederlagen bei 3:14 Toren). Altmeister Paul Gludovatz konnte die Wende herbeiführen und die Sportvereinigung in der tipico Bundesliga halten.

Doch grundsätzlich ist die SVR in den vergangenen Jahren am Trainersektor nie richtig zur Ruhe gekommen. Dies signalisiert auch der nachfolgende grafische Überblick über die Trainerhistorie der vergangenen viereinhalb Jahre:

Trainerhistorie SV Ried

Seit dem Ende der Ära Paul Gludovatz I ist Christian Benbennek aktuell der neunte Trainer binnen vier Jahren, was (fairerweise aufgrund diverser Interimstrainer) einen Schnitt von mehr als zwei Spielleitern pro Saison ergibt. Fuchsbichler war (höflich formuliert) eine Schnapsidee (und Notlösung für Peter Stöger, der stattdessen zur Austria wechselte). Die (Nicht-)Verlängerung des Vertrags mit Michael Angerschmid wurde dank einer ominösen Punktevorgabe zum medialen Politikum. Oliver G. (die Zweitlösung für Adi Hütter) verließ den Verein in einer Nacht- und Nebelaktion und wechselte zum Erzrivalen. Kolvidsson war bereits nach den Sommertestspielen (0-5 gegen Mlada Boleslav und 1-8 gegen Sparta Prag) zum Scheitern verurteilt (Anm. dazu: ich war bei beiden Spielen vorort).

Änderungen in der Spielanlage (unter Oliver G.) oder Systemumstellungen (wie unter Kolvidsson oder heuer beim Saisonauftakt unter Benbennek) haben haben stets zu gravierenden Problemen geführt. Daher wäre es aus Vereinssicht umso wichtiger, wenn man einmal wieder zwei volle Saisonen nacheinander mit dem gleichen Trainer beginnen könnte. Zuletzt war dies im Juni 2011 – also vor fünf Jahren – der Fall.


2) Die Nachwuchsspieler-Ebbe

Die SV Ried hat seit Jahren ein massives Nachwuchsproblem, welches durch die hervorragende Vergangenheit in diesem Sektor nicht so im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht. Konnten während der letzten 15 Jahre mit u.a. Manuel Ortlechner, Franz Schiemer, Emin Sulimani, Peter Hackmair, Anel Hadzic, Thomas Reifeltshammer, Philipp Huspek, Kevin Stöger oder Marcel Ziegl noch regelmäßig Nachwuchskräfte zu gestandenen Bundesligaprofis oder Legionären geformt werden, so herrscht seit dem Durchbruch von Patrick Möschl in der Saison 2013/2014 eine alarmierende Dürreperiode.

Die vergangenes Jahr in den Profikader hochgezogenen Niklas Kölbl, Sebastian Dirnberger und Albin Ramadani kamen zusammen auf 0 Einsatzminuten (in Bundesliga und Cup). Lag/liegt es am Talent? Das müssen und können andere beurteilen. Vielmehr kann man von einem Teufelskreislauf sprechen, wenn man von Beginn an (und dann sehr lange) gegen den Abstieg spielt. Je brenzliger die Situation, desto weniger vertraut man im Normalfall auf unerfahrene Nachwuchsspieler. Dies gilt freilich nicht nur für die SV Ried sondern für 95% aller Fußballmannschaften.

In der nachfolgenden Auflistung werden als faktische Untermalung alle Bundesligaeinsätze von Eigenbauspielern zwischen den Saisonen 2011/2012 und 2015/2016 betrachtet. Als Eigenbauspieler wird dabei zur Simplifizierung jeder Spieler deklariert, der vor seinem Bundesligadebüt Einsätze in der AKA 16, AKA 18 oder bei den Amateuren von Neuhofen/Ried vorweisen kann:

SAISON SPIELER MINUTEN TORE
2015/2016 Reifeltshammer Thomas* 2734 3
Möschl Patrick* 1027 2
Ziegl Marcel* 1004 0
Kreuzer Jakob 690 1
GESAMT 5455 6
2014/2015 Ziegl Marcel* 2217 0
Möschl Patrick* 1433 3
Reifeltshammer Thomas* 1329 1
Burghuber Thomas 267 0
Kreuzer Jakob 24 0
Baumgartner Julian 4 0
Mayr-Fälten Luca 2 0
GESAMT 5276 4
2013/2014 Reifeltshammer Thomas* 2607 0
Möschl Patrick* 1839 4
Riegler Jan-Marc 1410 0
Ziegl Marcel* 1213 0
Baumgartner Julian 1165 0
Kreuzer Jakob 297 0
Burghuber Thomas 114 0
Lucic Ivan 88 0
GESAMT 8733 4
2012/2013 Reifeltshammer Thomas* 3060 2
Zulj Robert 2842 11
Hadzic Anel 2589 6
Ziegl Marcel* 2573 1
Riegler Jan-Marc 2348 2
Hammerer Markus 497 2
Möschl Patrick* 40 0
Ibrahimovic Edin 7 0
GESAMT 13956 24
2011/2012 Reifeltshammer Thomas* 3150 3
Hadzic Anel 2908 7
Riegler Jan-Marc 2734 1
Ziegl Marcel* 1696 0
Zulj Robert 1242 6
Gabriel Lukas 270 0
Hammerer Markus 86 0
Burghuber Thomas 75 0
Baumgartner Julian 16 0
GESAMT 12177 17

n = 5 Jahre // Datenquelle = transfermarkt.at
Ein * signalisiert, dass sich ein Spieler noch im aktuellen Kader der Saison 2016/2017 befindet. 

Die Gesamtübersicht über die vergangenen fünf Saisonen ergibt folgendes Bild:

Saison Spieler Minuten Tore
2011/2012 9 12177 17
2012/2013 8 13956 24
2013/2014 8 8733 4
2014/2015 7 5276 4
2015/2016 4 5455 6

Hier ist ein eindeutiger Abwärtstrend über alle analysierten Kategorien hinweg erkennbar. So hat sich die Anzahl der eingesetzten Eigenbauspieler im Vergleich zur Saison 2012/2013 mehr als halbiert. Der Einsatzminutenwert hat sich fast gedrittelt und die erzielten Tore haben sich sogar geviertelt. In der letzten Saison gab es etwa (zum ersten Mal in der jüngeren Vergangenheit) keinen einzigen Debütanten aus dem eigenen Nachwuchs.

Vor allem durch die Nähe zur Akademie von RB Salzburg ist es – wie immer wieder aus Interviews herauszuhören ist –  immer schwieriger geworden, große Nachwuchstalente in die eigene Akademie zu holen (oder in weiterer Folge zu halten). Sind dann einmal Riesentalente vorort – wie etwa der gebürtige Rieder Denis Omic (der letztes Jahr in die U17 der AS Roma wechselte) – dann werden diese bereits im jugendlichen Alter von global agierenden Vereinen abgeworben, welche ihr Scoutingnetz mittlerweile über fast alle Teile der erforschten Fußballwelt ausgebreitet haben.

Doch es gibt auch positive Nachrichten. Die NMS Ried (welche aus Nachwuchsspielern der SVR besteht) wurde beim Bundesfinale des Schülerligaturniers 2015/2016 erst im Halbfinale gestoppt. Die AKA U18 belegte in der Saison 2015/2016 den 5. Tabellenrang in der U18 ÖFB Jugendliga, die AKA U16 beendete die Saison auf dem 6. Tabellenrang (von je 12 Teams). Somit besteht in diesem Aspekt durchaus Hoffnung auf Besserung der Situation im Laufe der kommenden Jahre.


3) Der Talente-Engpass

Vor noch wenigen Jahren galt die SVR als das Sprungbrett schlechthin für österreichische Nachwuchsspieler aus der Regionalliga / Erste Liga zu einem der Topvereine (Salzburg, Rapid, Austria, Sturm) oder ins Ausland.

Daniel Royer wurde von Pasching aus der RLM geholt und verließ den Verein 14 Monate später um eine kolportierte Million nach Hannover. Robert Zulj wurde ablösefrei von der FAL Linz verpflichtet und vier Jahre später zu RB Salzburg verkauft. Andreas Ulmer wurde ablösefrei aus Wien geholt und nur ein halbes Jahr später ebenfalls nach Salzburg verkauft. Thomas Schrammel kam ablösefrei von Rapid und wurde eine Saison später an ebendiese zurückverkauft. Marco Meilinger und Stefan Lainer konnten sich bei ihrer Zwischenstation in Ried für höhere Aufgaben empfehlen.

Zuletzt konnte man Thomas Murg nach eineinhalb Jahren im Verein an Rapid weiterverkaufen. Wie viel man letztendlich für ihn erhalten hat, ist aufgrund der nicht-bekannten Ablösedetails mit der Austria aus Wien nicht bekannt.

Anel Hadzic und Daniel Royer im Dress der SV Ried
Anel Hadzic und Daniel Royer als jubelnde tipp3 Bundesliga-Tabellenführer im Herbst 2010. – Quelle: http://www.n-tv.de

Diese Taktik blieb jedoch nicht ewig unentdeckt oder nachgeahmt. Auch die großen Vereine haben erkannt, dass man nicht nur fast-fertige Talente aus der Bundesliga kaufen kann, sondern auch halb-fertige Talente aus der Ersten Liga oder Regionalliga für wenig(er) Geld in den eigenen Verein holen und anschließend selber entwickeln kann. Die Scoutingnetzwerke der Großklubs wurden stufenweise ausgebaut.

Noch vor 5-10  Jahren wäre es meiner Meinung nach relativ undenkbar gewesen, dass sich ein Verein wie Rapid in der Regionalliga Mitte nach einem Spieler umschaut und Philipp Schobesberger von Pasching verpflichtet. Der aktuell im medialen Fokus stehende Maximilian Entrup ist ein weiteres Beispiel für diese These. Sturm Graz setzt ebenso (auch finanziell bedingt) schon seit Jahren auch auf Spieler aus unteren Ligen (z.B. Huspek, Edomwonyi, Piesinger).

Dahingehend ist es für die weniger finanzstarken Vereine der Bundesliga viel schwieriger geworden, jungen Spielern ein ein- oder zweijähriges Gastspiel im Mittelfeld der Tabelle (oder darunter) anzubieten, wenn zum gleichen Zeitpunkt bereits anderswo Einsatzminuten und ein mögliches Europacupabenteuer herausschauen können. Diesbezüglich hat man heuer bereits eine Reaktion der SVR gesehen. Vor Beginn der Saison 2016/2017 hat man größtenteils auf junge Spieler aus Deutschland (Chessa, Marcos, Özdemir) und nicht primär aus Österreich (Zulj, Egho) gesetzt.

Für Legionäre gilt übrigens das gleiche Prinzip. Wenn ein interessanter Spieler dazu bereit ist, einen Vertrag zu unterschreiben, dann meistens nur über eine Laufzeit von einem Jahr, meistens mit Option (z.B. Petar Filipovic). Um Spieler nicht ablösefrei zu verlieren (z.B. Anel Hadzic), müssen diese spätestens ein halbes Jahr vor Vertragsende verkauft werden (z.B. Oliver Kragl), weil man keine gute Verhandlungsposition gegenüber dem anfragenden Verein besitzt (ein halbes Jahr später könnte der Spieler doch kostenlos wechseln).


4) Der fehlende 15-Tore-Stürmer

Wie schon vor einem Jahr ging die SVR ohne einen klaren Einserstürmer in die Saison. Mit den völlig hinter jeglichen Erwartungen gebliebenen Manuel Gavilan und Daniel Sikorski wurden die Verträge jeweils einvernehmlich aufgelöst. Jakob Kreuzer – unter Paul Gludovatz im Frühjahr noch öfters in der Startelf aufgeboten – wurde für viele etwas überraschend ablösefrei an BW Linz abgegeben.

Thomas Fröschl ist objektiv gesehen nach wie vor jener Stürmer im Kader, bei dem das Gesamtpaket aus Torgefahr, Arbeitseinsatz und niedriger Verletzungsanfälligkeit am besten passt. Bzw. leider seit gestern gepasst hat (Achtung, Blut). Der zwischenzeitlich zum Mittelstürmer umgewandelte Clemens Walch ist im Gegensatz dazu verletzungsanfällig wie kaum ein anderer und hat zuletzt im April 2015 (!) drei Spiele nacheinander über 90 Minuten absolviert. Der neu geholte Marvin Egho kann nach seinen Leistungen bei Wiener Neustadt durchaus als Talent bezeichnet werden, wurde jedoch im ersten Saisonspiel nach zwei übermotivierten Fouls noch in der 1. Halbzeit des Feldes verwiesen.

Fabian Schubert konnte in der Vorbereitung (erneut) aufzeigen und hat unter dem Neo-Trainer schon jetzt mehr Einsatzminuten bekommen als unter Gludovatz (der augenscheinlich überhaupt nicht mit ihm klar kam). Er fällt jedoch auch in die Kategorie Talent und kann mit Sicherheit noch keine Bundesligamannschaft (an)führen. Bleibt noch Dieter Elsneg, der unter dem ehemaligen Trainer öfters als Solospitze (oder falsche Neun) eingesetzt wurde – und zum torgefährlichsten Riedstürmer der letzten Spielsaison avancierte.

Ein Stürmer mit der Qualität eines Gerald Strafner, Ronald Brunmayr, Sanel Kuljic (im Aufstiegsjahr sogar Bundesligatorschützenkönig), Hamdi Salihi, Rene Gartler, Robert Zulj oder Denis Thomalla (also der vielgepriesene 15-Tore-Mann) ist dennoch nicht in Sichtweite. Qualität wird weiterhin versucht durch Quantität wettzumachen. Dies ist schon in der vergangenen Saison nicht wirklich geglückt und wird daher auch in der Saison 2016/2017 zum Glücksspiel avancieren.

Sanel Kuljic, SV Ried-Legende trotz Inhaftierung
Sanel Kuljic – aufgrund seiner Leistungen für den Verein trotz aller Geschehnisse abseits des Feldes noch immer abgöttisch verehrt. (c) sportnet.at

5) Der Auswärts-Komplex

Das Faktum ist hinlänglich bekannt: seit 1995 ist die SV Ried 39x zu Rapid gefahren (ins Hanappi Stadion, ins Ernst Happel Stadion und in das Allianz Stadion) und hat dabei nie gewonnen. Doch wer der Meinung ist, dass man nur bei Rapid eine horrende Bilanz vorzuweisen hat, den wird folgender (Auswärts-)Überblick überraschen:

Gegner S U N Punkte
Rapid Wien 0 8 31 8 von 117
Sturm Graz 3 5 30 14 von 114
Austria Wien 3 8 27 14 von 114
Salzburg 3 10 25 19 von 114

Von 153 Auswärtsspielen gegen die „Big4“ konnte man 9 Spiele gewinnen und nur 40x nicht verlieren (ca. jede vierte Partie). Bereinigt man die Statistik von Salzburg um die Spiele der Austria Salzburg, dann ist man in der RB Arena seit 2005/2006 ebenfalls noch komplett sieglos.

Zum aktuellen Zeitpunkt (7. August 2016) ist man insgesamt gesehen 249 Tage ohne Auswärtssieg. In der gesamten vergangenen Saison konnte man auswärts nur einmal dreifach anschreiben (ein 3-1 in Altach, das lange vom Nebelabbruch bedroht war und deswegen besonders ironisch gewesen wäre). Doch wie steht dieser eine Sieg im Langzeitvergleich mit der eigenen Historie? Hier der Überblick über die Platzierungen der SV Ried in der Bundesliga-Auswärtstabelle seit 1995/1996 (2004 und 2005 fehlen aufgrund der Zugehörigkeit zur Red Zac Erste Liga):

Saison Platzierung S U N TV Punkte
2016 10. 1 7 10 19:35 10
2015 5. 5 3 10 17:29 18
2014 7. 3 8 7 22:33 17
2013 6. 5 3 10 27:36 18
2012 6. 3 9 6 19:21 18
2011 4. 6 5 7 26:21 23
2010 6. 2 5 11 11:27 11
2009 6. 3 5 10 18:29 14
2008 8. 3 2 13 12:37 11
2007 2. 4 9 5 20:24 21
2006 8. 3 6 9 18:35 15
2003 10. 2 4 12 14:38 10
2002 7. 5 3 10 19:31 18
2001 5. 4 6 8 24:28 18
2000 5. 4 5 9 20:25 17
1999 8. 2 3 13 12:32 9
1998 8. 3 4 11 12:30 13
1997 10. 1 3 14 14:40 6
1996 5. 5 5 8 24:28 20

Dieser einzelne Sieg und der letzte Platz in der Auswärtstabelle haben demnach Negativrekorde der Vereinsgeschichte egalisiert. Punktemäßig war man lediglich in den Saisonen 98/99 sowie 96/97 noch schlechter.

Wie kann man diese Auswärtsmisere erklären? Die Statistik mag teilweise täuschen, da auch vergleichbare Vereine (wie etwa Altach, Kapfenberg oder Mattersburg) eine schlechte Auswärtsbilanz (bei den Top4) vorzuweisen haben. Dennoch ist die inferiore Auswärtsbilanz der SVR (zuletzt konnte man nicht einmal mehr bei den Lieblingsgegnern in der Südstadt und in Wolfsberg anschreiben) ein weiterer Grund für den tabellarischen Rückfall, der durch eine umso bessere Heimbilanz kompensiert werden muss um hier nicht in Nöte zu geraten.


6) Das Infrastruktur-Paradoxon

Im Laufe der vergangenen Jahre wurde in der Keine Sorgen Arena eine Rasenheizung eingebaut, das Flutlicht auf 1.200 LUX erhöht und ein Familienbereich auf der Osttribüne eingerichtet. Außerdem wird derzeit das Trainingszentrum neu gebaut. Dennoch holt man sich damit komischerweise keinen markanten infrastrukturellen Vorsprung gegenüber den Bundesligakonkurrenten heraus.

Rapid hat das Allianz Stadion mit dem 5-0 gegen die SV Ried eröffnet, die Austria baut derzeit die Generali Arena aus, Altach ist ebenfalls mit der Erweiterung der Cashpoint Arena beschäftigt. Wolfsberg und die Admira haben im Sommer eine Rasenheizung eingebaut und mit St. Pölten ist sowieso ein Verein mit topmodernem Stadion in die Bundesliga aufgestiegen. RB Salzburg muss an dieser Stelle nicht erwähnt werden und auch Sturm Graz hat infrastrukturell nur kleinere Probleme (Alter der Merkur-Arena) .

Die Zeiten mit mehreren Infrastruktur-Rückständlern in der Bundesliga (wie etwa Kapfenberg, Wiener Neustadt oder Grödig) sind vorbei. Lediglich Mattersburg fällt für mich noch in diese Kategorie, wenn man an deren Widerstand gegenüber dem Rasenheizungseinbau denkt (Anm.: und wie zum Teufel kann die Wiese hinter dem östlichen Tor bundesligakonform sein?). Dementsprechend wird der infrastrukturelle Wettbewerbsvorteil primär dank der strenger gewordenen Bundesliga-Lizenzkriterien immer geringer.


7) Der Zuschauerrückgang und das liebe Budget

Last but not least (und zuvor nicht Teil dieses Artikels): am vergangenen Samstag waren bei der handzahmen und völlig verdienten 0:2 Heimniederlage der SV Ried gegen RB Salzburg gerade einmal 4.600 Zuschauer in der Keine Sorgen Arena. Bei einer Partie, die in den vergangenen Jahren immer für Zuschauerzahlen über 6.000 oder gar über 7.000 garantiert hat. Grund genug für mich, den totalen Zuschauerschnitt seit dem Wiederaufstieg in der Saison 2005/2006 zu betrachten.

Zuschauerentwicklung SV Ried 2005-2016
Keine Sorgen Arena oder doch bald eher Viele Sorgen Arena? Quelle für die Daten: transfermarkt.at

Wie man gleich erkennen kann, geht der Zuschauerschnitt nur in eine Richtung: abwärts. Waren in der ersten Saison nach dem Wiederaufstieg (2005/2006) noch durchschnittlich 7.350 (!) Zuschauer bei den Heimpartien (davon 10 von 18 ausverkauft), so waren es vergangene Saison knapp 3.200 Zuschauer weniger. Pro Partie.

Kurze Ausschläge nach oben waren nur 2010/2011 (in der Herbstmeister- und Cupsiegersaison) und 2013/2014 (unter Michael Angerschmid, als man die ersten sieben Saisonspiele ungeschlagen bleiben konnte und zur Winterpause noch Tabellenplatz 4 belegte) erkennbar. Seit 2014 geht der Trend jedoch stark nach unten. Der Schnitt von 3.990 in der aktuellen Saison mag nach zwei Spielen noch nicht aussagekräftig oder statistisch signifikant sein, jedoch waren dies zwei Spiele gegen Sturm Graz und RB Salzburg, also zwei der vier potentiell zuschauerstärksten Spiele (nebst Rapid und Austria). Daher mag es zum derzeitigen Zeitpunkt also nicht unrealistisch sein, dass man Anfang Dezember gegen Mattersburg (in einer notorisch schwach-besuchten Jahreszeit gegen einen notorisch uninteressanten Gegner) maximal 2.500 Zuschauer im Stadion hat. Ried hat immer von der Heimstärke gelebt – bei einem Stadion, das nur zu 1/3 gefüllt ist, geht diese jedoch trotz der aktiven Fanszene relativ schnell verloren. Viel drastischer jedoch das Loch, welches diese niedrigen Zuschauerzahlen in das Budget reißt.

Daher sei an dieser Stelle eine Milchmädchenrechnung erlaubt. Ein Ticket für die West (Stehplatz) kostet EUR 18. Ein Sitzplatz auf den Längsseiten EUR 22 bzw. EUR 25 und auf der Gegenseite ebenfalls EUR 22. Würde man pro Spiel 500 Stehplatzkarten, 500 Sitzplatzkarten auf Süd/Nord und 500 Sitzplatzkarten in den Ecksektoren bzw. auf der Gegenseite mehr verkaufen, so würde dies bei einem Zuschauerschnitt von knapp 5.500 (also wie in der Saison 2011/2012) Mehreinnahmen von EUR 585.000 pro Saison bedeuten ((500*18+500*22+500*25)*18).

Mit diesem Betrag alleine würde man die Lücken im Sturm und im zentralen Mittelfeld mehr als nur schließen können. Dazu kommt auch der kolportierte Faktor, dass der neue Hauptsponsor Guntamatic weniger zahlt als ehemals Josko und auch die Oberösterreichischen Versicherungen weniger für die Namensrechte für die Keine Sorgen Arena zahlen als in den Jahren zuvor. Diese Behauptungen schreibe ich jedoch unter Vorbehalt, da die genauen Sponsorensummen nicht öffentlich bekannt sind und wohl auch nie bekannt gemacht werden.

Dennoch ergibt sich hier ein Teufelskreislauf. Fehlende Kontinuität und Erfolglosigkeit haben sinkende Zuschauerzahlen und abnehmendes Sponsoreninteresse zur Folge. Daher gibt es weniger Einnahmen aus Kartenverkäufen und Sponsorengeldern. Dies wiederum zieht Budgetcuts mit sich. In weiterer Folge bedeutet dies einen schlankeren, qualitativ nicht so hochwertigen Kader mit dem man aufgrund der Ausgeglichenheit der Liga in den Abstiegskampf gerät. Durch den Abstiegskampf kann man erneut nicht auf Kontinuität (und z.B. auch Nachwuchsspieler) setzen und alles beginnt von vorne. Für diesen Trend ist leider trotz diverser Aktionen (neue Website, Kids-Corner etc.) vonseiten des Vereins kein Ende in Sicht.


Zusammenfassung und Ausblick

Für kleine Vereine wie Ried oder auch Mattersburg wird das Überleben in der höchsten österreichischen Spielklasse zunehmend schwieriger. Eine zunehmende Fußballübersättigung (wie etwa heuer durch einen nahtlosen Übergang von Bundesliga zu Europameisterschaft und wieder retour) hält außerdem weitere Fans aus den Stadien fern.

Natürlich genieße ich (und wohl jeder andere SVR-Fan) jedes Jahr mit Bundesliga-Zugehörigkeit. In der heurigen Jubiläumssaison (#20) wäre es außerdem besonders tragisch, am Ende den schweren Gang in die skyGo Erste Liga antreten zu müssen. Ein Weltuntergang wäre es jedoch keiner, da man fast allen Teams in der zweithöchsten Spielklasse infrastrukturell überlegen ist, über eine Akademie verfügt die gerade (hoffentlich) wieder am Aufschwung ist, über Rückendeckung aus der Region verfügt und auf eine aktive, über 25 Jahre hinweg gewachsene Fanszene bauen kann.

Zudem könnte das (erneute) Intermezzo in der Ersten Liga denkbar kurz sein, steigen doch in der Saison 2017/2018 aufgrund der Ligaaufstockung gleich zweieinhalb Teams in die Bundesliga auf. Zu den zwei Fixaufsteigern wird eine Relegation zwischen dem Letzten der Bundesliga und dem Dritten der Erste Liga ausgetragen. Und mit Relegationen hat die SV Ried ziemlich gute Erfahrungen.


Über den Autor // Disclaimer

Ich wurde 1983 in Ried im Innkreis geboren und besuche die Spiele der SVR seit 1989. Seit 2003 bin ich durchgehend Dauerkartenbesitzer auf der Westtribüne obwohl mein Lebensmittelpunkt seit Ende 2007 in Graz liegt (und davor zwischen 2002 und 2006 in Salzburg lag). 

Die Inhalte dieses Blogartikels drücken einzig meine persönliche Sichtweise aus. Diese wurde versucht, mit diversen Fakten und Statistiken zu untermauern. Positives (und auch negatives) Feedback wird abgesehen von der Kommentarfunktion auch gerne unter der E-Mail-Adresse gerald@emprechtinger.com entgegengenommen.

Der Befreiungsschlag

Der Fußballsport ist kurzlebig. Rechnete man nach dem inferioren 1-3 bei der Admira vielerorts noch mit dem Fixabstieg der SV Ried, so denkt man seit dem gestrigen Spiel gegen Sturm Graz schon wieder an die Qualifikation für die Europa League (natürlich bloß überspitzt formuliert). Doch die Erleichterung nach diesem gestrigen Sieg war und ist noch immer immens. Für mich persönlich war es sogar der wichtigste Sieg seit dem Cupfinale im Jahre 2011 (den man durch die Favoritenstellung gegenüber Austria Lustenau einfach einfahren musste). Auch die knapp 5000 Zuschauer sind eine positive Überraschung und sollten in naher Zukunft wieder zur Norm und nicht zur Ausnahme werden.

Paul Gludovatz hat es binnen fünf Tagen geschafft, einer am Boden liegenden Mannschaft wieder Leben einzuhauchen. Die Stabilisierung der Defensive war dabei Hauptaugenmerk. Ließ man in den bisherigen Saisonspielen immer mindestens fünf Großchancen zu, so kam Sturm trotz Offensivpower durch Avdijaj, Tadic, Schick und Co. gestern nur zu insgesamt zwei gefährlichen Torabschlüssen (wenn man die Volley-Schussflanke von Schick nicht dazurechnet).

Ich bin kein Taktikfreak, diese Analyse überlasse ich daher den Kollegen von ballverliebt, die eine großartige Analyse des Comebacks des berühmt-berüchtigten 3-3-3-1 verfasst haben. An dieser Stelle möchte ich stattdessen Körpersprache und Einstellung der Spieler hervorheben. Gludovatz sprach im sky-Interview nach dem Spiel davon, dass man im Training primär versucht hat, alles mit Kinn und Nase nach oben zu agieren. Dass diese Maßnahme bereits im ersten Spiel gefruchtet hat, war dennoch nicht abzusehen. Erstaunlich ist nämlich, dass einige Spieler wie ausgewechselt spielten, egal ob Gavilan (der den Ball gut abschirmen und verteilten konnte), Janeczek (der als Wingback sogar eine Maßflanke auf Elsneg anbrachte) oder auch Trauner (der gestern endlich wieder den souveränen Abwehrchef mimte) – nur um jetzt einige Beispiele zu nennen. Positiv überrascht konnte man auch über das Comeback von Thomas Reifeltshammer sein, der ohne jegliche Matchpraxis wohl seine beste Leistung seit der Ära Gludovatz I ablieferte und zweifelsohne einer der großen Gewinner des Trainerwechsels ist.

Auch wenn es nur eine Momentaufnahme darstellt, aber mit einer kompakten und aggressiven Spielweise wie gestern sollte diese Mannschaft im Laufe der Saison nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Nicht nur fünf Gelbe Karten, sondern auch die meisten Fouls einer Mannschaft in einem Spiel dieser Saison sind Beweis dafür, dass man gestern eine aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft agieren sah (bei der man gerade in der 1. Halbzeit kaum glauben konnte, dass es sich um die SVR handelte). Der Funke vom Spielfeld sprang gestern auch auf die Tribüne(n) über, denn ich kann mich bei bestem Willen nicht erinnern, wann die Stimmung bei einem Heimspiel zuletzt so gut war (für mich als Rieder in Graz sind die Duelle mit Sturm natürlich auch von besonderer Bedeutung und ich kann morgen ebenso mit erhobenem Kinn durch die Stadt gehen).

Eine (weitere) richtungsweisende Partie wird es allerdings kommende Woche in Grödig geben. Gewinnt man diese Partie, so überholt man einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf und die Tabellensituation bessert sich nochmals. Grödig hat zuletzt dreimal in Folge verloren (und muss auch ohne das ehemalige SVR-Rauhbein und Abwehrstabilisator Hari Pichler antreten) und nimmt nach einem überraschenden Saisonstart so langsam die Position ein, welche ihnen die meisten Experten vor Saisonbeginn eingeräumt hatten. Doch die bisherige Bilanz der SVR am Untersberg ist schlecht, denn nur einem Sieg sowie einem torlosen Unentschieden stehen zwei Niederlagen gegenüber.

Auch ein Rückschlag wäre kein Weltuntergang, denn mit dem gestrigen Sieg hat man sich für’s Erste einiges an überraschender Luft verschafft und anschließend haben Gludovatz/Schweitzer durch die Länderspielpause auch zwei Wochen Zeit, um System und Spielweise weiter voranzutreiben und in die Köpfe der Spieler zu bekommen. Die Lernbereitschaft und den Willen spreche ich den Spielern mittlerweile zu, denn Siege machen Spaß – eine Tatsache, welche die aktuelle Mannschaft bereits größtenteils vergessen hatte. Die SV Ried ist wieder da wurde gestern während der zweiten Halbzeit intoniert. Dies verdankt man primär einem Mann, der als Sir Paul geadelt wurde und kein Messias sein will, aber in diesem Bezug einfach ignoriert wird. Denn Ried und Gludovatz, Gludovatz und Ried – das hat gepasst und passt noch immer.

Paul Gludovatz: Die richtige (Zwischen-)Lösung

Gestern mittags habe ich an dieser Stelle noch davon geschrieben, dass ein Trainerwechsel bei der SV Ried aufgrund der angespannten Lage wohl unausweichlich sein würde. Wie sooft im modernen Fußball haben sich die Ereignisse dann am gestrigen Nachmittag sprichwörtlich überschlagen. Chefcoach Helgi Kolvidsson wurde nach einem langen Gespräch mit Manager Reiter vom Dienst freigestellt. Der erfolglose (aber auch unglückliche) Isländer hatte es während der letzten Wochen nicht geschafft, Stabilität in die Defensive zu bringen oder generell einen erkennbaren Fortschritt am Platz erkennen zu lassen.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass die (vereinzelten) persönlichen Beschimpfungen und Beleidigungen vom Samstagsspiel in der Südstadt in keiner Weise angebracht waren. Kolvidsson mag zwar als Trainer für den zwischenzeitlichen letzten Tabellenplatz verantwortlich gewesen sein, man darf allerdings nicht vergessen, dass er vor allem auch ein (Familien-)Mensch ist, der mit Sicherheit alles nur Erdenkliche für die SV Ried gegeben hat und deswegen wohl mit sich selber am unzufriedensten gewesen ist. Wie man am engagierten Facebook-Statement seiner Tochter Anna erkennen konnte, steht seine Familie zu 100% hinter ihm, was für den ehemaligen Coach von Wiener Neustadt wohl vor allem in den kommenden schwierigen Wochen von großer Wichtigkeit sein wird.

Manager Reiter sprach gestern im Telefonat bei Talk & Tore (#skyTuT) von (s)einer folgenschweren Fehlentscheidung, dass er Kolvidsson von Beginn weg keinen (vereins-)erfahrenen Co-Trainer zur Seite gestellt hatte, der ihm den Start beim neuen Verein hätte erleichtern können. Thomas Sageder ist Sportwissenschaftler, hat allerdings als Co-Trainer mit nur 31 Jahren noch kaum Erfahrung im Profibereich. In der Vergangenheit gab es mit Gerhard Schweitzer, Helmut Kronjäger oder Alfred Tatar stets erfahrene Herrschaften auf dieser Position.

Viele (ich inkludiere mich hierbei selber) hatten mit Gerhard Schweitzer (in seiner fünften Regentschaft) als Interimstrainer (bis zum Jahresende oder gar bis zum Saisonende) gerechnet, nur wenige hatten jedoch ein Comeback der Innviertler Lichtgestalt Paul Gludovatz auf der Rechnung. Durch den Cupsieg 2011, die beiden Herbstmeistertitel 10/11 und 11/12, den Titel des Winterkönigs 10/11 und die vielen wahrhaft fantastischen Leistungen gegen die Topteams der Bundesliga (u.a. 3-0 gegen RB Salzburg, 3-0 gegen Rapid) erreicht der Ehrenbürger der Stadtgemeinde Ried im Innkreis ein Beliebtheitslevel unter den Rieder Fans, welches wohl nicht einmal Kim Jong-il in Nordkorea erreicht.

Der alte Schilfschneider, Winzer, Taktikfuchs und AMS-Trainer (die Auflistung an Spitznamen kann noch beliebig fortgesetzt werden) ist vor allem auch der von mir gestern vehement geforderte Pädagoge. Zum aktuellen Zeitpunkt brauchen die verunsicherten Spieler nämlich vor allem Einzelgespräche mit einer Respektsperson. Außerdem weiß Gludovatz durch seine jahrzehntelange Erfahrung im Jugendbereich auch, wie man mit jungen Spielern richtig umgeht und deren angeschlagene Psychen wieder aufbauen kann.

Wer je eine Trainingseinheit mit dem Duo Gludovatz/Schweitzer beobachtet hat, der weiß, dass der Burgenländer dort mehrheitlich die Rolle des Beobachters übernimmt. Taktische Anweisungen und Trainingsübungen kommen von Gerhard Schweitzer, der vor mittlerweile sieben Jahren auch das vielzitierte 3-3-3-1 System eingeführt hatte, welches der ehemalige Rapid-Coach Peter Pacult vermutlich noch immer nicht ganzheitlich durchschaut hat. Weil die Aufgaben unter dem eingespielten Gespann klipp und klar verteilt sind, gibt es auch keine Auffassungsunterschiede oder Reibereien.

Duo Gludovatz & Schweitzer, (c) nachrichten.at, all rights reserved
Gludovatz & Schweitzer nach dem Cupsieg 2011, (c) nachrichten.at, all rights reserved

Eine Aufbruchsstimmung ist schon jetzt erkennbar. Ich habe seit gestern mit vielen Personen über die Bestellung von Gludovatz gesprochen, die Befürwortung hinsichtlich dieser Entscheidung fällt mit 100% einstimmig aus. Diese Zustimmung, gepaart mit der aktuellen Situation, gibt dem Trainerteam die notwendige Rückendeckung gegenüber Vorstand, Sponsoren und Fans, auch wenn es in den kommenden Wochen nicht schnell nach Wunsch laufen sollte. Bei keiner anderen Konstellation (Heinz Hochhauser mal ausgenommen) wäre eine derartige Rückendeckung vorstellbar. Vor allem sind viele davon überzeugt, dass das wahrgenommen lasche Verhalten der Spieler auf (und auch neben) dem Platz ein baldiges Ende haben wird. Denn Mannschaften von Paul Gludovatz laufen immer mehr als der Gegner.

Morgen wird Paul Gludovatz bereits seine erste Trainingseinheit leiten, anschließend wird der 69-jährige Eberauer als neuer Cheftrainer offiziell präsentiert werden. Bei den OON wird auch ein vormittäglicher Liveticker direkt aus den heiligen Hallen der Keine Sorgen Arena angeboten werden. Übrigens: mit Thomas Gebauer, Thomas Reifeltshammer, Marcel Ziegl und Julian Baumgartner (der damals allerdings zu keinem Einsatz kam) stehen nur mehr vier Spieler im Kader, die bereits zwischen Juli 2008 und März 2012 unter Paul Gludovatz arbeiten durften.

Gepaart mit dem prognostizierten Schönwetter, dem attraktiven Gegner aus Graz-Liebenau und dem Samstagabendtermin erwarte ich mir eine angemessene Zuschauerzahl für das Comeback des früheren U20-Erfolgscoaches. Pikanterweise ist Sturm Graz auch jene Mannschaft, für die Gludovatz im März 2012 das Ruder am Wikingerschiff verlassen hatte, um im schwarzen Graz als Sportdirektor anzuheuern. Der Erfolg blieb ihm damals aus, wohl auch aufgrund der großen Menge an Mitredner und Mitbestimmer in der steirischen Landeshauptstadt. Sollte der Erfolg bei seinem Comeback in Ried nun ebenfalls ausbleiben, kratzt er jedoch an seinem Denkmal. Für das Wohlbefinden aller Anhänger der SV Ried bleibt zu hoffen, dass sich nach Angerschmid und Oliver G. nicht noch eine dritte Vereinsikone innerhalb kürzester Zeit das eigene Andenken demoliert. Aber dazu wird es nicht kommen, denn: in Paul we trust.

Quo vadis, SV Ried?

Wenn man das 15-0 gegen den inferioren Fünftligisten aus Innsbruck abzieht, dann hält Helgi Kolvidsson zum aktuellen Zeitpunkt bei folgender Bilanz (inkl. Vorbereitungsspiele):

11 Spiele – 0 Siege – 2 Unentschieden – 9 Niederlagen – 6:34 Tore (3,09 Gegentore pro Spiel)

Mit einem Wort: verheerend. Im gesamten Kalenderjahr konnte der Isländer überhaupt nur zwei Spiele gewinnen (ein Match mit Wiener Neustadt sowie das Cupmatch gegen den SV Innsbruck). Gesichtsausdruck und Körpersprache wirkten gestern ratlos und wurden nur mehr durch den Umstand getoppt, dass er während des Spiels mit den aufgebrachten Fans am Zaun zu diskutieren begann.

Die Stehsätze nach einer verlorenen Partie bleiben die gleichen („Fortschritt in der 2. Halbzeit“, „Jeder Fehler wird bestraft“ etc.). Und dennoch hält nach fünf Spielen nur ein Kicker bei zwei Gelben Karten. Man gewinnt nicht zu zu wenige Zweikämpfe, man bestreitet auch zu wenige Zweikämpfe. Ein klassisches Alarmsignal für eine Mannschaft, die nicht realisieren will, dass sie sich im Abstiegskampf befindet bzw. sogar der Topfavorit auf den Abstieg ist.

Das bringt mich zur aktuellen Kaderstruktur, die einfach nicht passt. Mit Gebauer steht der größte Routinier im Tor. Mit Polverino hat der zweite Routinier bislang auf jeder Linie enttäuscht und ist zumeist nur Ergänzungsspieler. Im Sommer wären einige Routiniers auf dem Markt verfügbar gewesen (als Beispiel sei hier Thomas Pichlmann genannt, der bei Wacker voll eingeschlagen hat), man hat allerdings erneut nur Spieler mit Perspektive verpflichtet. Um Jonatan Soriano zu zitieren, in Ried wird Kinderfußball gespielt. Es fehlen Typen am Platz, an dieser Stelle seien Standfest beim WAC oder Aigner in Altach genannt.

In der Vergangenheit war der Mix aus Routiniers und aufstebenden Kickern in Ried immer nahezu optimal (z.B. Angerschmid, Drechsel, Lexa vs. Royer, Ulmer, Reifeltshammer usw.). Seit man von dieser Struktur abgewichen ist, geht es stetig bergab. Es gibt von außen betrachtet keine Leader auf dem Platz, die ordentlich dazwischen gehen oder für die jüngeren Spieler auch abseits des Platzes da sind. Das Geld für Routiniers oder Kicker mit Auslandserfahrung fehlt, wohl auch durch die Infrastrukturoffensive (für mich das Unwort der letzten Jahre). Vielleicht hat man demnächst den tollsten VIP-Club und das beste Trainingsgelände der zweiten Liga. Der rigide Sparkurs der letzten Jahre wurde schon in der vergangenen Saison fast zum Verhängnis, einzig durch die späte Verpflichtung von Thomalla konnte man das Schlimmste hier noch rechtzeitig abwenden. Aus meiner Sicht muss man alle heiligen Jahre auch in den Kader investieren, ansonsten fällt man hier meilenweit hinter Teams wie Wolfsberg oder Altach zurück, die eigentlich teilweise nur das Rieder System erfolgreich kopiert haben.

Doch es fehlen auch jegliche Identifikationsfiguren, zwei Drittel des aktuellen Kaders sind gesichtslose Legionäre (in der ursprünglichen und negativen Bedeutung des Wortes), die überspitzt formuliert den halben Tag nur damit beschäftigt sind, einen neuen Style auszuprobieren oder die Wochenendplanungen (Stichwort Sugarfree, Shisha-Bar et al.) voranzutreiben. Es fehlt schlichtweg die Identifikation mit dem Verein, den Fans und der Region. Ausnahmen wie Thomas Reifeltshammer oder Thomas Gebauer bestätigen die Regel. Kämpfen und siegen war immer ein Qualitätskriterium für die SV Ried, man hatte nie die Möglichkeiten, den Topteams mit spielerischen Qualitäten Paroli zu bieten, dies wurde mit Einsatz und Kampfgeist wettgemacht. Aktuell wird weder gekämpft noch gesiegt und bei einem Abstieg wechselt der halbe Kader sowieso einfach anderswo hin, das moderne Fußballbusiness ist unromantisch.

Miese Leistungen auf dem Platz, negative Schlagzeilen von der Tribüne – eine Abwärtsspirale die sich immer weiter dreht. Man verliert seit den goldenen Zeiten unter Paul Gludovatz immer mehr Zuschauer, was eine Reduzierung des Budgets bedeutet, was eine schlechtere Kaderdichte (in Sachen Qualität) bedeutet, was eine sinkende Kompetitivität zur Folge hat. Wie schon beim ersten Abstieg in der Saison 2002/2003 sinkt das Zuschauerinteresse nahezu ins Bodenlose, die 4600 Zuschauer gegen Salzburg sind um 2000-2500 Zuschauer weniger als dies noch vor 2-3 Jahren der Fall war.

Reicht es, dass man den Trainer entlässt, um diesen Negativtrend zu stoppen? Nein, denn die Spieler sind genau so für die schlechten Leistungen verantwortlich. Allerdings spürt der Trainer die Konsequenzen immer zuerst. Sollte das Spiel gegen Sturm Graz verloren werden, befürchte ich eine ziemlich brenzliche Situation auf der West, die Stimmung unter den Fangruppierungen ist auf dem Siedepunkt und droht jederzeit endgültig zu explodieren (der Platzsturm in der Südstadt war wohl nur ein Vorgeschmack). Sollte Kolvidsson jedoch auch dieses Spiel überleben, dann wird das Duell mit Grödig ganz sicher zu seinem Schicksalsspiel. Aus aktueller Sicht sind die Salzburger der einzige realistische Gegner im Abstiegskampf. Bei einer Niederlage muss der Reset-Knopf gedrückt werden, zudem der neue Trainer dann aufgrund der Länderspielpause auch gleich zwei Wochen Zeit am Trainingsplatz hat.

Beim Nachfolger für den Isländer wünsche ich mir einen Pädagogen, mit diesen ist Ried in der Vergangenheit nämlich immer sehr gut gefahren. Roitinger, Hochhauser, Kraft und Gludovatz waren allesamt Lehrer bevor sie Cheftrainer in der Bundesliga wurden. Man muss wissen, wie man mit jungen Spielern (teilweise noch im Teenageralter) umgeht und bei diesen genannten Personen war das allesamt der Fall. Daher sollte man sich auf alte Tugenden besinnen, auf dem Platz und auch neben dem Platz. Hier sind alle Personen gefragt: Manager, Vorstand, Trainerteam und Spieler. Ziehen alle nicht am gleichen Strang, dann gibt es bei SV Ried in der Saison 16/17 den nächsten Reboot in der #skyGoEL – nur sehe ich die realistische Chance auf einen baldigen Wiederaufstieg diesmal deutlich geringer als vor zehn Jahren.

Die Talfahrt geht weiter

Nach acht Runden befinden sich nur sieben Punkte am Konto der SV Ried.
Seit der 1. Runde ist man sieglos.
Saisonübergreifend konnten im Kalenderjahr nur 20 Punkte in 24 Spielen eingefahren werden.

Die logische Konsequenz ist nun die Rote Laterne, die man zum ersten Mal seit der Saison 2006/2007 wieder inne hat. In den folgenden Zeilen möchte ich einige subjektive Gedanken dazu in Worte fassen, wie es zu dieser bedrohlichen Lage kommen konnte.

Offensivpressing

Ein Wort, auf welches die meisten Fans mittlerweile allergisch reagieren. Jede Mannschaft soll jenes System spielen, welches am besten auf das Stärke/Schwächeprofil des Kaders passt. Diese Aussage stammt von Paul Gludovatz, der dies vor wenigen Jahren perfekt erkannt hatte und mit seinem 3-3-3-1 System beeindruckende Erfolge einfahren konnte.

Oliver Glasner hingegen hat mich hingegen schon vor Saisonbeginn mit der Aussage irritiert, dass man „wie Salzburg spielen wolle“. Die Qualität beider Kader ist nicht ansatzweise vergleichbar, egal in welchem Mannschaftsteil. Im Spiel gegen die Austria hatte das punktuelle und nicht durchdacht wirkende Pressing zur Folge, dass man nach der Pause stehend KO war. Wurde der Ball einmal gewonnen, so wurde er innerhalb weniger Momente wieder verloren, zumeist nach langen, planlos wirkenden Bällen nach vorne. Wenn man keinen Ball hat, kann man kein auch Spiel gewinnen, 36% Ballbesitz in Favoriten und 36% Ballbesitz in Altach sind zwei Werte, welche zu Denken geben sollen.  Dazu kommt, dass man gegen die Austria nur 42% aller Zweikämpfe gewinnen konnte, ein unterirdischer Wert.

Ein Spielsystem ist selbst beim besten Willen nicht erkennbar. Mit Ausnahme der ersten 15 Minuten im Auftaktspiel gegen Wiener Neustadt lässt die Mannschaft jegliche Kreativität und Spielfreude vermissen. Man schafft es in vielen Situationen nicht einmal, Pässe über kürzeste Distanzen anzubringen, die so genannten Basics fehlen, ohne die man kein Fußballspiel gewinnen kann.

Defensivschwäche

Drei Gegentore in Favoriten, zwei Gegentore in Altach, zwei Gegentore gegen Grödig, vier Gegentore in Wolfsberg. Der sich munter wechselnde Defensivverband (Lainer als einzige Konstante) ist löchrig und in vielen Situationen heillos überfordert. Gestern hat man es für meinen Geschmack geschafft, Damari wie einen Weltklassestürmer aussehen zu lassen, selber hingegen hat man wie eine FIFA-Mannschaft ausgesehen, bei der die Sprint-Taste kaputt ist. 16 Gegentore in acht Spielen sind der zweitschwächste Wert der Liga, lediglich Wiener Neustadt hat (vor allem bedingt durch das Debakel gegen Salzburg) mehr Tore kassiert.

Thomas Reifeltshammer ist in seiner aktuellen Verfassung leider einfach kein Bundesligaspieler, seine spielerische Entwicklung der letzten Jahre ist durchwegs negativverlaufend. Janeczek, Burghuber und Lainer, also die anderen drei Teile der Viererkette, bringen es zusammen (!) auf 42 Bundesligaspiele. Mangelnde Qualität kann manchmal durch Routine wettgemacht werden, in diesem Punkt wirkt sich die Unerfahrenheit jedoch als Multiplikator aus. Erneut hat man es verpasst, einen Routinier zu verpflichten, das Durchschnittsalter der Mannschaft ist einfach zu niedrig, gestern war Thomas Fröschl mit 25 Jahren der Senior unter den Feldspielern.

Ladehemmung

Viel zu lange hatte man den Ernst der Lage in der Offensivabteilung nach den Abgängen von Zulj und Gartler unterschätzt, mit der Leihe von Thomalla hat man sich diesen Fehler knapp vor Ende der Transferfrist eingestanden. Clemens Walch ist dauerverletzt, Patrick Möschl kann an seine Leistungen der vergangenen Saison in keinster Weise anknüpfen und bei Thomas Murg kann ich es mittlerweile verstehen, wieso ihn Austria verkauft hat, er ist bisher ein Non-Faktor im Offensivspiel dieser Saison. Lichtblick bis dato nur Didi Elsneg, ohne dessen Tore und Assists man den letzten Tabellenplatz wohl schon einzementiert hätte.

Undiszipliniertheiten

Man führt die Ligastatistik der Gelben und Gelb-Roten Karten an. 18 Gelbe Karten für Kritik und Unsportlichkeiten sind ein deutliches Zeichen dafür, dass die Disziplin nicht stimmt. Wenn dann einer der Hauptverantwortlichen für eine solche Statistik auf seiner Facebook-Seite auch noch gegen Kritiker schimpft, dann sehe ich dies als Bestätigung für meine These.

Summa summarum ist die SV Ried für mich zu diesem Zeitpunkt (und war es bereits vor der aktuellen Runde) Abstiegskandidat Nummer 1, zum einen weil Teams wie Wiener Neustadt in diesem Bezug erfahrener sind, zum anderen weil man sich offensichtlich nicht eingestehen will, dass das Projekt „Offensivpressing“ gnadenlos gescheitert ist. Solange man sich nicht auf die eigenen, wirklich vorhandenen Stärken konzentriert, wird sich die sieglose Serie fortsetzen. Oliver Glasner hat den Vorteil, dass er eine Spielerlegende ist, denn ein Trainer ohne Kredit bei den Fans würde bereits mächtig in den Seilen liegen. Nach der Demontage von Michael Angerschmid (der mit einem deutlich schwächeren Kader arbeiten musste, Gartler und Zulj ausgenommen) muss man trotzdem um die Demontage einer weiteren Vereinslegende fürchten, denn spätestens nach Ende der Herbstsaison sollte man reagieren, ansonsten droht der zweite Abstieg der Vereinsgeschichte nach 2003.