Serienrückblick 2015

Top10:

  1. Mr. Robot S1 (USA)
  2. The Leftovers S2 (HBO)
  3. Better Call Saul S1 (AMC)
  4. Jessica Jones S1 (Netflix)
  5. Suits S5 (USA)
  6. Bloodline S1 (Netflix)
  7. The Affair S2 (Showtime)
  8. Homeland S5 (Showtime)
  9. Ray Donovan S3 (Showtime)
  10. Unbreakable Kimmy Schmidt S1 (Netflix)

Flop5:

  1. True Detective S2 (HBO)
  2. The Brink S1 (HBO)
  3. Aquarius S1 (NBC)
  4. The Following S3 (FOX)
  5. Two And A Half Men S45345 (CBS)

Eine dramatische Komödie mit Schlupfloch

In gewisser Hinsicht sind die Regeln der amerikanischen Television Academy – besser bekannt durch ihren jährlichen Preis, den Primetime Emmy Award – wie das österreichische Raucherschutzgesetz aus dem Jahre 2008. Wieso dies in meinen Augen der Fall ist, werde ich mit den folgenden Zeilen zu erklären versuchen.

Früher (noch Mitte der 2000er) war es ziemlich klar, ob eine TV-Serie ein Drama oder eine Komödie ist. Die vier großen US-amerikanischen Networks (ABC, NBC, CBS, FOX) mussten nach strikten Regeln handeln: Nacktheit, schockierende Bilder oder Schimpfworttiraden waren auch nach 23:00 nicht erlaubt. Dank Pay-TV wie HBO (Game of Thrones, The Wire) oder Showtime (Homeland, Showtime), Cable-TV wie AMC (Breaking Bad, The Walking Dead) und Streaming-Plattformen wie Netflix (House of Cards, Orange Is The New Black) oder Amazon Instant Video (Transparent, Bosch) wurde der Horizont der Fernsehkonsumenten in den letzten zehn Jahren jedoch laufend um verschiedenste neue Aspekte erweitert und ergänzt.

Primetime Emmy Awards
Aaron Paul, Anna Gunn & Bryan Cranston (c) emmys.com

Dank der künstlerischen Freiheit (im Nicht-Network-TV sind Nacktheit, Fluchen und härtere Gewalt nicht nur erlaubt, sondern gleichsam ein Mittel zum Zweck) entstanden in den letzten Jahren auch immer mehr mutigere Genremixes, welche teilweise weder von den Erfindern, Produzenten oder Auftraggebern (in diesem Falle z.B. HBO / AMC / Netflix / Amazon) selber klar eingeordnet werden konnten.

So geschah es, dass bei den heurigen Golden Globes die von Amazon produzierte Serie Transparent den Preis für die beste Komödie gewann. Wer die erste Staffel dieser Serie gesehen hat, wird mir beipflichten, dass Transparent wohl nur zu maximal 10% amüsant ist, die restlichen 90% eher schwer zu verdauen sind und Melancholie vorherrscht.

Wieso aber kann eine offensichtlich „unlustige“ Serie nun einen Preis für eine Komödie gewinnen? Ganz einfach, weil bis vor kurzem der jeweilige Auftraggeber bestimmt hat, in welches der beiden Rennen eine Serie geschickt wird. Deswegen kämpfte auch Orange Is The New Black zuletzt zweimal um den Emmy für die beste Komödie – eine Serie die ähnlich wie Transparent nur mitunter amüsant ist, vom Charakter her jedoch eindeutig Dramaform besitzt.

Transparent
Jeffrey Tambor (c) abcnews.com, all rights reserved

Zuletzt konnte übrigens im Jahre 2006 eine Serie aus dem Network-TV („24“; FOX) den Emmy für das beste Drama gewinnen. Gerade für das Prestige der Networks ist dies alles andere als angenehm, weil immer mehr Zuseher wegbrechen, die Quoten in den Keller gehen und gleichermaßen weniger Werbeeinnahmen generiert werden können. Aus diesem Grund wurde vor wenigen Monaten (unter dem Einfluss der Network-Mitglieder in der Television Academy) miterwirkt, dass ab 2015 nur mehr Serien mit einer Länge von unter 30 Minuten als Komödie eingereicht werden können.

Diese Änderung hat ins Besondere vier kommerziell und kritisch erfolgreiche Serien betroffen: Glee (FOX), Shameless (Showtime), Jane the Virgin (CW) und O.I.T.N.B. (Netflix). Nun spanne ich den Bogen zurück zu meinem Eingangssatz. Den Verantwortlichen dieser Serien wurde gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, Petitionen einzureichen, um eine Ausnahmeregelung zu erhalten und trotz der Länge von über 30 Minuten dennoch als Komödie antreten zu können.

Glee, Shameless und Jane the Virgin haben dies gemacht. Und wie man sich schon denken kann, haben auch alle drei Serien diese Genehmigung erhalten. Regeln wurden also geschaffen, um ebendiese relativ leicht umgehen zu können, ähnlich wie bei den Ausnahmegenehmigungen für Raucherbereiche in kleineren Lokalen. Aber im Gegensatz zu Zigarettenrauch sind Serien nicht gesundheitsschädigend, man kann sie einfach ausschalten, wenn man sie nicht (mehr) ausstehen kann.

The Jinx

„jinx – a person afflicted with a similar curse, who, while not directly subject to a series of misfortunes, seems to attract them to anyone in his vicinity.“ (via Wikipedia)

Robert „Bob“ Durst (71) ist der älteste Sohn eines Immobiliengiganten in New York City, mit Bürogebäuden am Times Square, in der Avenue of the Americas und in anderen Locations in Midtown. Robert Durst ist auch gleichzeitig ein – ab jetzt besteht massiver Spoileralarm – (mindestens) dreifacher Mörder.

Robert Durst
Robert Durst (c) Huffington Post, all rights reserved

Die Dokumentation „The Jinx – The Life and Deaths of Robert Durst“ (Trailer bei YouTube) wurde während der letzten sechs Wochen in sechs Teilen (mit einer Länge zwischen 37 und 50 Minuten) auf HBO ausgestrahlt und sorgte (unabsichtlich) Gewissheit in einer skurrilen Serie von nie aufgeklärten Verbrechen. Zunächst verschwand die Ehefrau von Robert Durst im Jahre 1982 spurlos und wurde auch nie gefunden. Für Familienmitglieder der verschwundenen Frau namens Kathie bestand zu keinem Zeitpunkt ein Zweifel, dass der Täter eine andere Person sein könnte als der Ehemann, mit welchem sie über die Jahre hinweg immer ärgere und wildere Streitigkeiten hatte. Jedoch gab es keine Zeugen und auch keine Beweise für ein gewaltsames Verschwinden, deswegen wurde Durst in dieser Sache auch nie vor Gericht gebracht oder gar angeklagt.

Im Jahre 2003 gestand Durst in einem Mordprozess, einen Mann namens Morris Black in einem Handgemenge umgebracht zu haben. Aus Angst vor einer Medienkampagne gegen seine Person zersägte er die Leiche und versuchte die Körperteil im Golf von Mexico in der texanischen Stadt Galveston zu versenken, was ihm jedoch aufgrund der Ströung misslang. Dieser Morris Black war sein Nachbar, als er als Frau verkleidet tausende Kilometer von Manhattan entfernt in einem 300$ Apartment untergetaucht war, um dem erneuten Aufrollen des spurlosen Verschwindens seiner Ehefrau zu entkommen. Für die Anklage war klar, dass er Black in cold blood erschossen hatte. Doch seine Verteidiger schafften die Jury davon zu überzeugen, dass es in einem Handgemenge passierte, keine Absicht dahintersteckte und so wurde er letztendlich freigesprochen. Dies hängte natürlich auch mit dem Umstand zusammen, dass er sich durch sein Milliardenerbe zwei der besten Staranwälte aus Texas leisten konnte, welche durch ihre sentimentale Darstellung der Geschehnisse rund um den Angeklagten ein fragiles Bild der Person Robert Durst zeichnen konnten.

Im Jahre 2000 wurde bereits die beste Freundin von Robert Durst erschossen in ihrem Apartment in 90210 Beverly Hills aufgefunden. Am nächsten Tag traf bei der Polizei ein Brief ein, welcher anonym über einen „cadaver“ in besagter Adresse informierte. Susan Berman wäre kurze Zeit später von der Polizei über das Verschwinden von Kathie Durst befragt worden, weil sie als enge Freundin und Spokesperson von Robert Durst eventuell Informationen ans Tageslicht hätte bringen können, welche bis dato unbekannt waren. Auffällig war dabei die falsche Schreibweise von Beverley Hills in der Adresszeile, welche dem Milliardenerben im Endeffekt zum Verhängnis wurde.

Denn im Zuge der Recherchen für die Dokumentation über Durst fand das Produktionsteam beim Sohn von Berman einen Brief mit dem Briefkopf von Robert Durst, welcher in der Adresszeile den genau gleichen Fehler bei der Schreibweise von Beverley aufwies. Auch die einzelnen Blockbuchstaben waren sich ähnlich bzw. gleich, was auch von einem Schriftforensiker mithilfe weiterer Schriftbeispiele von Durst bestätigt werden konnte. Bei einem Interview befragte Andrew Jarecki (der Regisseur der Dokureihe) Durst nach der enormen Ähnlichkeit beider Handschriften, worauf Durst ihm antwortete, dass er den Brief mit dem cadaver nie geschrieben hatte, den anderen jedoch schon, aber sich nicht erklären könne, wieso die Handschrift so ähnlich ist.

Susan Berman
Susan Berman, (c) TheJinxHBO.com, all rights reserved

Drei Tage später, beim Schnitt des Interviews, der große Knalleffekt. Durst hatte sein Mikrofon bei einem WC-Gang nach Ende des Interviews nicht heruntergenommen und gestand in wirrer Manier sich selber (oder dem Klospiegel?) folgendes: „… What have I done? … I killed them all.“ Bereits am Tag vor der Ausstrahlung der letzten Folge der Dokumentation wurde Durst von der Polizei festgenommen und die Story schaffte es aufgrund ihrer Skurrilität bzw. Brisanz auch auf die andere Seite des Atlantiks (z.B. hier auf ORF.at).

The Jinx ist eine hochspannende investigative Dokumentationsreihe, welche durch eine beklemmende Atmosphäre überzeugt. Interviews mit Zeitzeugen, Beteiligten an den Ermittlungen und mit Durst selber versetzen den Zuseher in die wirre Welt des Immobilienerben. Mit Fresh Blood von Eels wurde auch für das Intro ein perfektes Lied gewählt („I’m so tired of the same old crud. Sweet baby, I need fresh blood„). Zu manchem Zeitpunkt empfindet man sogar Mitleid mit Durst, welches jedoch am Ende gänzlich ausgeräumt wird, als er wie ein menschlicher Gollum das entscheidende Selbstgespräch führt und daher nach über 30 Jahren wohl endgültig überführt werden kann. Im Endeffekt bleibt zu hoffen, dass Durst im Zuge des wohl folgenden Prozesses davon überzeug werden kann, den Ort der Leiche seiner Ehefrau preiszugeben, um der Familie die verdiente Ruhe und Gewissheit geben zu können.