Franz Schiemer: Konsequenz hat einen Namen

März 1986. Frühlingsbeginn. Binnen weniger Tage werden Manuel Neuer, Sergio Ramos, Mirna Jukic und Lady Gaga geboren. So unterschiedlich diese Persönlichkeiten und Karrieren auch sind, so sehr werden ihre Lebensläufe von gemeinsamen Eigenschaften maßgeblich geprägt: Konsequenz und unbedingter Wille. Und wie es der Zufall so will, kommt am 21. März in Haag am Hausruck auch Franz Schiemer auf die Welt, der heute als neuer Sportmanager der SV Ried vorgestellt wurde und damit der Nachfolger von Langzeitmanager Stefan Reiter ist.

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Die Symbolik dieses Fotos kann man wie folgt deuten: a) Die Zeit des Franz Schiemer hat geschlagen. b) Licht am Ende des Tunnels. – (c) GEPA

Der Beginn einer erfolgreichen Karriere

Im Sommer 1996 wechselt er aus seinem Heimatort Taufkirchen an der Trattnach in den Rieder Nachwuchs, damals im ersten Jahr nach dem Bundesligaaufstieg noch ein weitestgehend unstrukturiertes Konstrukt. Als er im Sommer 2002 mit nur 16 Jahren bereits in die U19 des BNZ Ried aufrückt, wird er vielerorts bereits als das „beste Rieder Nachwuchstalent aller Zeiten“ bezeichnet. Bei einem Lokalgespräch mit einem Freund, der zum damaligen Zeitpunkt seine Fußballschuhe bei den Ried Amateuren zerriss und auf dessen Meinung ich daher vertraute, stelle ich ihm die Frage, „ob dieser Schiemer denn wirklich so gut sei, wie alle sagen“. Ohne viel Überlegung fiel seine Antwort in etwa folgendermaßen aus: „Schiemer ist der beste Spieler, den wir je im Nachwuchs hatten. Er wird der erste Spieler aus Ried sein, der im Nationalteam spielen wird“.

Am 5. August 2003 gibt er im Alter von 17 Jahren sein Debüt in der Red Zac Erste Liga. Bei einer 0-2 Niederlage bei der Austria aus Lustenau wechselt ihn Petar Segrt 29 Minuten vor Spielende für Johannes Lamprecht ein. Am 12. September erzielt er sein erstes Profitor bei einer 2-3 Heimniederlage gegen den Kapfenberger SV. An sein Kopftor zum frühen 1-0 (damals noch im alten Stadion) kann ich mich erstaunlicherweise noch genau erinnern. Er festigt seinen Stammplatz im Frühjahr unter Andrzej Lesiak, in der Nachfolgesaison kommt er unter Heinz Hochhauser standardmäßig als rechter Verteidiger zum Einsatz.

Von Favoriten nach Salzburg

Unmittelbar nach dem Aufstieg in die Bundesliga wechselt er nach Favoriten – zu groß sein Talent für einen Bundesligaaufsteiger, zu nachhaltig die Argumente von Frank Stronach (der mit seinem Investment im Innviertler Tigerteam in weiterer Folge nicht nur die Dienste von Schiemer, sondern auch von Andreas Lasnik und Emin Sulimani sichern konnte). Am 13. Oktober 2007 debütiert er unter Josef Hickersberger bei einem 1-3 gegen die Schweiz im ÖFB-Team, er kommt nach 40 Minuten für den verletzten Sebastian Prödl aufs Feld. Und macht damit im Alter von 21 Jahren die Prophezeiung wahr, dass er der erste Rieder Nationalspieler werden würde.

Nach vier Jahren (und einem Double) bei der Austria wechselt er im Sommer 2009 zu Red Bull Salzburg, wo er vier weitere Meistertitel und Cupsiege einfahren kann. Seinen Weg von Ried über Favoriten nach Salzburg geht er konsequent. Jeder Vereinswechsel hat eine klare sportliche Verbesserung zur Folge und über kurz oder lang etabliert er sich in jeder Mannschaft. Im Nationalteam absolviert er 25 Spiele und hält sich dabei unter Marcel Koller oft als einziger Nicht-Legionär in der Stammformation.

Ein atypischer Charakter

Seine kompromisslose und sehr oft schmerzvolle (Kopfball-)Zweikampfbereitschaft verhilft ihm zum Spitznamen „Turban-Fränky“ und hat unzählige Verletzungen zur Folge. Dennoch gibt es in seinem Spiel nach jedem Comeback sofort wieder nur hundertprozentigen Einsatz, was ihn bei Fans zum Publikumsliebling macht.

Im Alter von nur 28 Jahren beendet er im Dezember 2014 für viele dennoch überraschend seine aktive Karriere. Mit seiner Aussage in einem Interview, dass sein schönster Meistertitel nicht etwa einer seiner fünf Bundesligatitel, sondern jener Zweitligatitel mit der SV Ried sei, trifft er vielen Riedfans mitten ins (Fußball-)Herz.

So unkonventionell wie diese Aussage ist auch seine akademische Laufbahn. Anders als ein Großteil der Spieler der österreichischen Bundesliga hat Franz Schiemer eine AHS-Matura am BG/BRG Ried im Innkreis vorzuweisen. Dort lernt er auch seine heutige Ehefrau kennen. Durch eine gemeinsame Freundin wurde mir oftmals versichert, dass Schiemer zu keinem Zeitpunkt seiner erfolgreichen Karriere in der großen Welt von Red Bull seine Wurzeln vergessen hat. Schon während seiner aktiven Karriere beginnt er mit einem berufsbegleitenden Studium für Sport- und Projektmanagement auf der KMU Akademie, welches er mit einem Mastertitel abschließt.

Während Schiemers aktiver Karriere gibt es zu keinem Zeitpunkt negativen Schlagzeilen. Bis auf einen (eher selten gewarteten) Facebook-Auftritt hält er sein Privatleben weitestgehend privat. Instagram-Storys würden auch nicht zum Image des Vaters eines 3-jährigen Sohns passen. Das Leben nach der aktiven Karriere beginnt er nach einer Auszeit im Jahre 2016 als Co-Trainer bei Liefering, wo er tagtäglich mit hochtalentierten Nachwuchsakteuren arbeiten und die Prozessabläufe einer Profimannschaft näher kennen lernen kann. Bereits am Tag der Trennung von Stefan Reiter geistert der Name Schiemer durch die Rieder Fußball-Insiderkreise. Nur einen Tag später wird er vom Präsidium bestätigt und mit einem 3-Jahresvertrag ausgestattet.

Unerfahrenheit und andere Bedenken

Stefan Reiter hat die SV Ried in den 90er-Jahren im Alter von 32 Jahren übernommen. Dennoch ist dieser alterstechnische Vergleich nur teilweise zulässig. Reiter konnte nämlich zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine langjährige Karriere als Vereinsfunktionär bei der TSV Utzenaich zurückgreifen und wusste daher schon gut, welche mannigfaltigen Aufgabenbewältigung diese Position erfordert.

Und hier setzt auch der Hauptkritikpunkt der meisten Fans an: Schiemer wisse nicht, worauf er sich einlasse. Die Kampfmannschaft, die Amateure, der Nachwuchs, die Sponsoren, die Medien, das Präsidium, die Journalisten. Ja-Sager auf der einen Seite, Einflüsterer auf der anderen Seite. Er hat überhaupt keine Zeit zur Eingewöhnung, er wird ins februarkalte Wasser geworfen und muss sofort wissen, auf wen er wirklich vertrauen kann.

Schiemer wurde nahezu während seiner gesamten aktiven Karriere von Stars & Friends betreut, welche ihm in Person von Jürgen Werner auch (beim Wechsel zu Salzburg) den besten Vertrag seiner Karriere bescheren konnten. Dieser Jürgen Werner ist gleichzeitig auch einflussreicher LASK-Präsident. Es gibt mancherorts Befürchtungen, dass Werner mit der Bestellung von Schiemer zum Sportdirektor in Ried nun beträchtlich hohen Einfluss bei beiden oberösterreichischen Topclubs erlangen könnte.

Eine andere Befürchtung ist die Fortsetzung einer unrühmlichen Legendenzerstörung im Verein. Nach der Trainerposse rund um Michael Angerschmid und dem unrühmlichen Abgang von Oliver G. zum Erzrivalen nach Linz könnte Schiemer bei einem Totalflop der nächste Rieder sein, der mit seiner Funktionärskarriere einen Schatten über seine Spielerkarriere legen könnte.

Bereits unmittelbar nach seiner Bestellung hat Schiemer auch eine verbale Breitseite vom Fußballjournalisten der oberösterreichischen Krone kassiert (der seinen Zugang zur Mannschaft aufgrund seiner vielen Freiheiten unter dem Vorgänger wohl stark gefährdet sieht – zum großen Gefallen der Fans). Hier muss er mit Sicherheit mit weiteren untergriffigen Kommentaren umgehen lernen und der völlig jenseitige Vergleich mit Melania Trump war wohl erst der Anfang. Je besser es jedoch im Frühjahr bei der SV Ried laufen sollte, desto substanzloser würden diese ausfallen.

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„Sieht attraktiv aus, kann aber nix.“ – nur 50% davon treffen auf den Autor dieses Kommentars zu. (c) Printausgabe Krone

Ein kalkuliertes Risiko

Bedenken hin oder her. Die Bestellung eines gänzlich unerfahrenen Mannes auf dieser Position bezeichne ich als kalkuliertes Risiko. Schiemer hat sich meinen Informationen zufolge bereits in jungen Jahren ein eigenes Netzwerk aufgebaut. Dieses ist zwar mit großer Wahrscheinlich nicht annähernd so groß wie jenes von Reiter, aber mit etwas Glück kann man das Paretoprinzip auch hier anwenden. Und eine unbeeinflusste Herangehensweise an den Job (welche bei einer dreimonatigen Einschulung durch Stefan Reiter nicht garantiert gewesen wäre) kann manchmal viel frischen Wind in ein Aufgabengebiet bringen (Anm.: hier spreche ich auch aus eigener wenn auch nicht vergleichbarer Berufserfahrung).

Seine Person genießt in sämtlichen Teilen des Vereins (und auch bei den Fans) großen Kredit. In der aktuellen Lage wäre die Bestellung eines innviertelfremden Mannes (wie beispielsweise Peter Schöttel) kritisch aufgenommen wurden – egal ob dieser grundsätzlich kompetent gewesen wäre oder nicht. Diesbezüglich gelten im Innviertel einfach andere Gesetze. Die Vorgehensweise kann mit der Bestellung von Paul Gludovatz nach der Ära Kolvidsson verglichen werden, als nur ein Mann mit absolutem Vertrauen bei den Fans auch bei initialen Misserfolgen hätte ruhig arbeiten können. Und selbst wenn es im Mai zum Abstieg kommen sollte, würde die Hauptschuld wohl Daxl, Wagner und Konsorten zugesprochen werden. Zudem Schiemer auch durch keine Transferperiode auf die Mannschaft hätte Einfluss ausüben können.

Lasst ihn arbeiten!

Die Aussicht auf brutalen Abstiegskampf mit einer maximal durchschnittlichen Rieder Bundesligamannschaft haben Franz Schiemer nicht daran gehindert, dieses Jobangebot abzulehnen. Er hätte genau so gerne seinen gemütlichen Job als Co-Trainer in Liefering behalten können, der quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Er weiß mit Sicherheit genau, welche Größe die Fußstapfen von Stefan Reiter haben.

Er weiß jedoch auch, dass die Fanclubs der SVR wie bereits erwähnt zu 100% hinter ihm stehen, wie das nachfolgende Statement von West Stand Ried im Innkreis besagt.

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Quelle = https://www.facebook.com/weststandried/posts/1840196869583549

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es alles andere als einfach wird. Aber aufgrund seiner Arbeitsmoral, seiner Persönlichkeit und seiner eingangs erwähnten Konsequenz bin ich davon überzeugt, dass er einen guten Job machen wird. Es wäre doch schön, wenn man in knapp 20 Jahren von den Managerlegenden Reiter und Schiemer sprechen könnte.