Der Befreiungsschlag

Der Fußballsport ist kurzlebig. Rechnete man nach dem inferioren 1-3 bei der Admira vielerorts noch mit dem Fixabstieg der SV Ried, so denkt man seit dem gestrigen Spiel gegen Sturm Graz schon wieder an die Qualifikation für die Europa League (natürlich bloß überspitzt formuliert). Doch die Erleichterung nach diesem gestrigen Sieg war und ist noch immer immens. Für mich persönlich war es sogar der wichtigste Sieg seit dem Cupfinale im Jahre 2011 (den man durch die Favoritenstellung gegenüber Austria Lustenau einfach einfahren musste). Auch die knapp 5000 Zuschauer sind eine positive Überraschung und sollten in naher Zukunft wieder zur Norm und nicht zur Ausnahme werden.

Paul Gludovatz hat es binnen fünf Tagen geschafft, einer am Boden liegenden Mannschaft wieder Leben einzuhauchen. Die Stabilisierung der Defensive war dabei Hauptaugenmerk. Ließ man in den bisherigen Saisonspielen immer mindestens fünf Großchancen zu, so kam Sturm trotz Offensivpower durch Avdijaj, Tadic, Schick und Co. gestern nur zu insgesamt zwei gefährlichen Torabschlüssen (wenn man die Volley-Schussflanke von Schick nicht dazurechnet).

Ich bin kein Taktikfreak, diese Analyse überlasse ich daher den Kollegen von ballverliebt, die eine großartige Analyse des Comebacks des berühmt-berüchtigten 3-3-3-1 verfasst haben. An dieser Stelle möchte ich stattdessen Körpersprache und Einstellung der Spieler hervorheben. Gludovatz sprach im sky-Interview nach dem Spiel davon, dass man im Training primär versucht hat, alles mit Kinn und Nase nach oben zu agieren. Dass diese Maßnahme bereits im ersten Spiel gefruchtet hat, war dennoch nicht abzusehen. Erstaunlich ist nämlich, dass einige Spieler wie ausgewechselt spielten, egal ob Gavilan (der den Ball gut abschirmen und verteilten konnte), Janeczek (der als Wingback sogar eine Maßflanke auf Elsneg anbrachte) oder auch Trauner (der gestern endlich wieder den souveränen Abwehrchef mimte) – nur um jetzt einige Beispiele zu nennen. Positiv überrascht konnte man auch über das Comeback von Thomas Reifeltshammer sein, der ohne jegliche Matchpraxis wohl seine beste Leistung seit der Ära Gludovatz I ablieferte und zweifelsohne einer der großen Gewinner des Trainerwechsels ist.

Auch wenn es nur eine Momentaufnahme darstellt, aber mit einer kompakten und aggressiven Spielweise wie gestern sollte diese Mannschaft im Laufe der Saison nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Nicht nur fünf Gelbe Karten, sondern auch die meisten Fouls einer Mannschaft in einem Spiel dieser Saison sind Beweis dafür, dass man gestern eine aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft agieren sah (bei der man gerade in der 1. Halbzeit kaum glauben konnte, dass es sich um die SVR handelte). Der Funke vom Spielfeld sprang gestern auch auf die Tribüne(n) über, denn ich kann mich bei bestem Willen nicht erinnern, wann die Stimmung bei einem Heimspiel zuletzt so gut war (für mich als Rieder in Graz sind die Duelle mit Sturm natürlich auch von besonderer Bedeutung und ich kann morgen ebenso mit erhobenem Kinn durch die Stadt gehen).

Eine (weitere) richtungsweisende Partie wird es allerdings kommende Woche in Grödig geben. Gewinnt man diese Partie, so überholt man einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf und die Tabellensituation bessert sich nochmals. Grödig hat zuletzt dreimal in Folge verloren (und muss auch ohne das ehemalige SVR-Rauhbein und Abwehrstabilisator Hari Pichler antreten) und nimmt nach einem überraschenden Saisonstart so langsam die Position ein, welche ihnen die meisten Experten vor Saisonbeginn eingeräumt hatten. Doch die bisherige Bilanz der SVR am Untersberg ist schlecht, denn nur einem Sieg sowie einem torlosen Unentschieden stehen zwei Niederlagen gegenüber.

Auch ein Rückschlag wäre kein Weltuntergang, denn mit dem gestrigen Sieg hat man sich für’s Erste einiges an überraschender Luft verschafft und anschließend haben Gludovatz/Schweitzer durch die Länderspielpause auch zwei Wochen Zeit, um System und Spielweise weiter voranzutreiben und in die Köpfe der Spieler zu bekommen. Die Lernbereitschaft und den Willen spreche ich den Spielern mittlerweile zu, denn Siege machen Spaß – eine Tatsache, welche die aktuelle Mannschaft bereits größtenteils vergessen hatte. Die SV Ried ist wieder da wurde gestern während der zweiten Halbzeit intoniert. Dies verdankt man primär einem Mann, der als Sir Paul geadelt wurde und kein Messias sein will, aber in diesem Bezug einfach ignoriert wird. Denn Ried und Gludovatz, Gludovatz und Ried – das hat gepasst und passt noch immer.

Paul Gludovatz: Die richtige (Zwischen-)Lösung

Gestern mittags habe ich an dieser Stelle noch davon geschrieben, dass ein Trainerwechsel bei der SV Ried aufgrund der angespannten Lage wohl unausweichlich sein würde. Wie sooft im modernen Fußball haben sich die Ereignisse dann am gestrigen Nachmittag sprichwörtlich überschlagen. Chefcoach Helgi Kolvidsson wurde nach einem langen Gespräch mit Manager Reiter vom Dienst freigestellt. Der erfolglose (aber auch unglückliche) Isländer hatte es während der letzten Wochen nicht geschafft, Stabilität in die Defensive zu bringen oder generell einen erkennbaren Fortschritt am Platz erkennen zu lassen.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass die (vereinzelten) persönlichen Beschimpfungen und Beleidigungen vom Samstagsspiel in der Südstadt in keiner Weise angebracht waren. Kolvidsson mag zwar als Trainer für den zwischenzeitlichen letzten Tabellenplatz verantwortlich gewesen sein, man darf allerdings nicht vergessen, dass er vor allem auch ein (Familien-)Mensch ist, der mit Sicherheit alles nur Erdenkliche für die SV Ried gegeben hat und deswegen wohl mit sich selber am unzufriedensten gewesen ist. Wie man am engagierten Facebook-Statement seiner Tochter Anna erkennen konnte, steht seine Familie zu 100% hinter ihm, was für den ehemaligen Coach von Wiener Neustadt wohl vor allem in den kommenden schwierigen Wochen von großer Wichtigkeit sein wird.

Manager Reiter sprach gestern im Telefonat bei Talk & Tore (#skyTuT) von (s)einer folgenschweren Fehlentscheidung, dass er Kolvidsson von Beginn weg keinen (vereins-)erfahrenen Co-Trainer zur Seite gestellt hatte, der ihm den Start beim neuen Verein hätte erleichtern können. Thomas Sageder ist Sportwissenschaftler, hat allerdings als Co-Trainer mit nur 31 Jahren noch kaum Erfahrung im Profibereich. In der Vergangenheit gab es mit Gerhard Schweitzer, Helmut Kronjäger oder Alfred Tatar stets erfahrene Herrschaften auf dieser Position.

Viele (ich inkludiere mich hierbei selber) hatten mit Gerhard Schweitzer (in seiner fünften Regentschaft) als Interimstrainer (bis zum Jahresende oder gar bis zum Saisonende) gerechnet, nur wenige hatten jedoch ein Comeback der Innviertler Lichtgestalt Paul Gludovatz auf der Rechnung. Durch den Cupsieg 2011, die beiden Herbstmeistertitel 10/11 und 11/12, den Titel des Winterkönigs 10/11 und die vielen wahrhaft fantastischen Leistungen gegen die Topteams der Bundesliga (u.a. 3-0 gegen RB Salzburg, 3-0 gegen Rapid) erreicht der Ehrenbürger der Stadtgemeinde Ried im Innkreis ein Beliebtheitslevel unter den Rieder Fans, welches wohl nicht einmal Kim Jong-il in Nordkorea erreicht.

Der alte Schilfschneider, Winzer, Taktikfuchs und AMS-Trainer (die Auflistung an Spitznamen kann noch beliebig fortgesetzt werden) ist vor allem auch der von mir gestern vehement geforderte Pädagoge. Zum aktuellen Zeitpunkt brauchen die verunsicherten Spieler nämlich vor allem Einzelgespräche mit einer Respektsperson. Außerdem weiß Gludovatz durch seine jahrzehntelange Erfahrung im Jugendbereich auch, wie man mit jungen Spielern richtig umgeht und deren angeschlagene Psychen wieder aufbauen kann.

Wer je eine Trainingseinheit mit dem Duo Gludovatz/Schweitzer beobachtet hat, der weiß, dass der Burgenländer dort mehrheitlich die Rolle des Beobachters übernimmt. Taktische Anweisungen und Trainingsübungen kommen von Gerhard Schweitzer, der vor mittlerweile sieben Jahren auch das vielzitierte 3-3-3-1 System eingeführt hatte, welches der ehemalige Rapid-Coach Peter Pacult vermutlich noch immer nicht ganzheitlich durchschaut hat. Weil die Aufgaben unter dem eingespielten Gespann klipp und klar verteilt sind, gibt es auch keine Auffassungsunterschiede oder Reibereien.

Duo Gludovatz & Schweitzer, (c) nachrichten.at, all rights reserved
Gludovatz & Schweitzer nach dem Cupsieg 2011, (c) nachrichten.at, all rights reserved

Eine Aufbruchsstimmung ist schon jetzt erkennbar. Ich habe seit gestern mit vielen Personen über die Bestellung von Gludovatz gesprochen, die Befürwortung hinsichtlich dieser Entscheidung fällt mit 100% einstimmig aus. Diese Zustimmung, gepaart mit der aktuellen Situation, gibt dem Trainerteam die notwendige Rückendeckung gegenüber Vorstand, Sponsoren und Fans, auch wenn es in den kommenden Wochen nicht schnell nach Wunsch laufen sollte. Bei keiner anderen Konstellation (Heinz Hochhauser mal ausgenommen) wäre eine derartige Rückendeckung vorstellbar. Vor allem sind viele davon überzeugt, dass das wahrgenommen lasche Verhalten der Spieler auf (und auch neben) dem Platz ein baldiges Ende haben wird. Denn Mannschaften von Paul Gludovatz laufen immer mehr als der Gegner.

Morgen wird Paul Gludovatz bereits seine erste Trainingseinheit leiten, anschließend wird der 69-jährige Eberauer als neuer Cheftrainer offiziell präsentiert werden. Bei den OON wird auch ein vormittäglicher Liveticker direkt aus den heiligen Hallen der Keine Sorgen Arena angeboten werden. Übrigens: mit Thomas Gebauer, Thomas Reifeltshammer, Marcel Ziegl und Julian Baumgartner (der damals allerdings zu keinem Einsatz kam) stehen nur mehr vier Spieler im Kader, die bereits zwischen Juli 2008 und März 2012 unter Paul Gludovatz arbeiten durften.

Gepaart mit dem prognostizierten Schönwetter, dem attraktiven Gegner aus Graz-Liebenau und dem Samstagabendtermin erwarte ich mir eine angemessene Zuschauerzahl für das Comeback des früheren U20-Erfolgscoaches. Pikanterweise ist Sturm Graz auch jene Mannschaft, für die Gludovatz im März 2012 das Ruder am Wikingerschiff verlassen hatte, um im schwarzen Graz als Sportdirektor anzuheuern. Der Erfolg blieb ihm damals aus, wohl auch aufgrund der großen Menge an Mitredner und Mitbestimmer in der steirischen Landeshauptstadt. Sollte der Erfolg bei seinem Comeback in Ried nun ebenfalls ausbleiben, kratzt er jedoch an seinem Denkmal. Für das Wohlbefinden aller Anhänger der SV Ried bleibt zu hoffen, dass sich nach Angerschmid und Oliver G. nicht noch eine dritte Vereinsikone innerhalb kürzester Zeit das eigene Andenken demoliert. Aber dazu wird es nicht kommen, denn: in Paul we trust.

Quo vadis, SV Ried?

Wenn man das 15-0 gegen den inferioren Fünftligisten aus Innsbruck abzieht, dann hält Helgi Kolvidsson zum aktuellen Zeitpunkt bei folgender Bilanz (inkl. Vorbereitungsspiele):

11 Spiele – 0 Siege – 2 Unentschieden – 9 Niederlagen – 6:34 Tore (3,09 Gegentore pro Spiel)

Mit einem Wort: verheerend. Im gesamten Kalenderjahr konnte der Isländer überhaupt nur zwei Spiele gewinnen (ein Match mit Wiener Neustadt sowie das Cupmatch gegen den SV Innsbruck). Gesichtsausdruck und Körpersprache wirkten gestern ratlos und wurden nur mehr durch den Umstand getoppt, dass er während des Spiels mit den aufgebrachten Fans am Zaun zu diskutieren begann.

Die Stehsätze nach einer verlorenen Partie bleiben die gleichen („Fortschritt in der 2. Halbzeit“, „Jeder Fehler wird bestraft“ etc.). Und dennoch hält nach fünf Spielen nur ein Kicker bei zwei Gelben Karten. Man gewinnt nicht zu zu wenige Zweikämpfe, man bestreitet auch zu wenige Zweikämpfe. Ein klassisches Alarmsignal für eine Mannschaft, die nicht realisieren will, dass sie sich im Abstiegskampf befindet bzw. sogar der Topfavorit auf den Abstieg ist.

Das bringt mich zur aktuellen Kaderstruktur, die einfach nicht passt. Mit Gebauer steht der größte Routinier im Tor. Mit Polverino hat der zweite Routinier bislang auf jeder Linie enttäuscht und ist zumeist nur Ergänzungsspieler. Im Sommer wären einige Routiniers auf dem Markt verfügbar gewesen (als Beispiel sei hier Thomas Pichlmann genannt, der bei Wacker voll eingeschlagen hat), man hat allerdings erneut nur Spieler mit Perspektive verpflichtet. Um Jonatan Soriano zu zitieren, in Ried wird Kinderfußball gespielt. Es fehlen Typen am Platz, an dieser Stelle seien Standfest beim WAC oder Aigner in Altach genannt.

In der Vergangenheit war der Mix aus Routiniers und aufstebenden Kickern in Ried immer nahezu optimal (z.B. Angerschmid, Drechsel, Lexa vs. Royer, Ulmer, Reifeltshammer usw.). Seit man von dieser Struktur abgewichen ist, geht es stetig bergab. Es gibt von außen betrachtet keine Leader auf dem Platz, die ordentlich dazwischen gehen oder für die jüngeren Spieler auch abseits des Platzes da sind. Das Geld für Routiniers oder Kicker mit Auslandserfahrung fehlt, wohl auch durch die Infrastrukturoffensive (für mich das Unwort der letzten Jahre). Vielleicht hat man demnächst den tollsten VIP-Club und das beste Trainingsgelände der zweiten Liga. Der rigide Sparkurs der letzten Jahre wurde schon in der vergangenen Saison fast zum Verhängnis, einzig durch die späte Verpflichtung von Thomalla konnte man das Schlimmste hier noch rechtzeitig abwenden. Aus meiner Sicht muss man alle heiligen Jahre auch in den Kader investieren, ansonsten fällt man hier meilenweit hinter Teams wie Wolfsberg oder Altach zurück, die eigentlich teilweise nur das Rieder System erfolgreich kopiert haben.

Doch es fehlen auch jegliche Identifikationsfiguren, zwei Drittel des aktuellen Kaders sind gesichtslose Legionäre (in der ursprünglichen und negativen Bedeutung des Wortes), die überspitzt formuliert den halben Tag nur damit beschäftigt sind, einen neuen Style auszuprobieren oder die Wochenendplanungen (Stichwort Sugarfree, Shisha-Bar et al.) voranzutreiben. Es fehlt schlichtweg die Identifikation mit dem Verein, den Fans und der Region. Ausnahmen wie Thomas Reifeltshammer oder Thomas Gebauer bestätigen die Regel. Kämpfen und siegen war immer ein Qualitätskriterium für die SV Ried, man hatte nie die Möglichkeiten, den Topteams mit spielerischen Qualitäten Paroli zu bieten, dies wurde mit Einsatz und Kampfgeist wettgemacht. Aktuell wird weder gekämpft noch gesiegt und bei einem Abstieg wechselt der halbe Kader sowieso einfach anderswo hin, das moderne Fußballbusiness ist unromantisch.

Miese Leistungen auf dem Platz, negative Schlagzeilen von der Tribüne – eine Abwärtsspirale die sich immer weiter dreht. Man verliert seit den goldenen Zeiten unter Paul Gludovatz immer mehr Zuschauer, was eine Reduzierung des Budgets bedeutet, was eine schlechtere Kaderdichte (in Sachen Qualität) bedeutet, was eine sinkende Kompetitivität zur Folge hat. Wie schon beim ersten Abstieg in der Saison 2002/2003 sinkt das Zuschauerinteresse nahezu ins Bodenlose, die 4600 Zuschauer gegen Salzburg sind um 2000-2500 Zuschauer weniger als dies noch vor 2-3 Jahren der Fall war.

Reicht es, dass man den Trainer entlässt, um diesen Negativtrend zu stoppen? Nein, denn die Spieler sind genau so für die schlechten Leistungen verantwortlich. Allerdings spürt der Trainer die Konsequenzen immer zuerst. Sollte das Spiel gegen Sturm Graz verloren werden, befürchte ich eine ziemlich brenzliche Situation auf der West, die Stimmung unter den Fangruppierungen ist auf dem Siedepunkt und droht jederzeit endgültig zu explodieren (der Platzsturm in der Südstadt war wohl nur ein Vorgeschmack). Sollte Kolvidsson jedoch auch dieses Spiel überleben, dann wird das Duell mit Grödig ganz sicher zu seinem Schicksalsspiel. Aus aktueller Sicht sind die Salzburger der einzige realistische Gegner im Abstiegskampf. Bei einer Niederlage muss der Reset-Knopf gedrückt werden, zudem der neue Trainer dann aufgrund der Länderspielpause auch gleich zwei Wochen Zeit am Trainingsplatz hat.

Beim Nachfolger für den Isländer wünsche ich mir einen Pädagogen, mit diesen ist Ried in der Vergangenheit nämlich immer sehr gut gefahren. Roitinger, Hochhauser, Kraft und Gludovatz waren allesamt Lehrer bevor sie Cheftrainer in der Bundesliga wurden. Man muss wissen, wie man mit jungen Spielern (teilweise noch im Teenageralter) umgeht und bei diesen genannten Personen war das allesamt der Fall. Daher sollte man sich auf alte Tugenden besinnen, auf dem Platz und auch neben dem Platz. Hier sind alle Personen gefragt: Manager, Vorstand, Trainerteam und Spieler. Ziehen alle nicht am gleichen Strang, dann gibt es bei SV Ried in der Saison 16/17 den nächsten Reboot in der #skyGoEL – nur sehe ich die realistische Chance auf einen baldigen Wiederaufstieg diesmal deutlich geringer als vor zehn Jahren.

Abstiegskandidat Nummer Eins

Ich bin ein Fußballfan mit realistischen Vorstellungen und Erwartungen. Ich bin mir dessen bewusst, dass die SV Ried nur über ein eng bemessenes Budget verfügt und mit den großen Teams aus den Landeshauptstädten unter Normalbedingungen nicht mithalten kann. Daher ist der Kampf um einen Europapokalplatz für mich eine Ausnahme und positive Begleiterscheinung, kein Muss oder Ziel. Dass Spieler mit Potential (zuletzt Lainer und Thomalla) nach einer guten Saison meist bei einem anderen (größeren) Verein landen, ist ebenfalls bekannt und daher verschmerzbar. Dass der schlafende Riese (der sich allerdings seit einem Vierteljahrhundert im Tiefschlaf befindet) aus Linz bei einem Aufstieg einige Sponsoren und auch Fanpotential aus zentalen Bezirken abgraben könnte und würde, ist ebenfalls eine realistische Bedrohung (auch wenn es die meisten Anhänger aus dem Innviertel nur schwer zugeben würden). Ein gesicherter Platz im Mittelfeld ist durch diese vielen Faktoren kein Beinbruch, sondern ein vernünftiges und realistisches Ziel.

Daher würde ich mich auch mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung von Mannschaft und Verein (inkl. Infrastruktur) und dem regelmäßigen Ärgern der großen Teams (RBS, Rapid, Austria, Sturm) vollauf zufrieden geben. Zweiteres passiert jedoch so gut wie überhaupt nicht mehr (in der letzten Saison wurde von diesen 16 Spielen gegen die big4 gerade einmal EINES gewonnen) und ersteres wird zum immer größeren verbalen Ärgernis. Denn das offizielle Saisonziel, die Spieler weiterzuentwickeln, ist zwar realistisch und pragmatisch formuliert, geht dem gemeinen Fan jedoch komplett am Hinterteil vorbei. Ich verstehe nicht, wieso man die Ziele nicht etwas spannender formuliert, z.B. mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben will oder Fußballfeste in der Keine Sorgen Arena feiern will. Mit solchen Zielen lockt man mit Sicherheit mehr Interessenten ins Stadion, unabhängig davon, wie das echte/interne Saisonziel lautet.

Dazu kommt der Umstand, dass andere Teams der gleichen Größenordnung wie Wolfsberg oder Altach seit wenigen Jahren ebenfalls verstehen, wie man einen Verein intelligent und nachhaltig führt und weiterentwickelt. Zudem betreiben die größeren Vereine seit wenigen Jahren auch ein besseres Scouting im Bezug auf junge österreichische Spieler in den unteren Klassen, als Beispiel sei hier Rapid mit Schobesberger genannt. Durch diese beiden Faktoren geht ein ehemaliger Wettbewerbsvorteil nach und nach verloren. Mittlerweile bekommt man high-potential-Spieler (wie einst Royer oder Ulmer) maximal nur mehr auf Leihbasis. Aus dem eigenen Nachwuchs kommt seit Patrick Möschl ebenfalls nur mehr sehr wenig (bis gar nichts) nach, da auch hier lokale Rivalen wie RBS die Gegend aggressiver abgrasen (pun intended) und der Kampf um echte Nachwuchstalents härter denn je scheint.

Wenn es um den langsamen aber stetigen Abwärtstrend der letzten Jahre geht, dann müssen an diesem Punkt auch einmal die Trainerentscheidungen nach der Ära Gludovatz hinterfragt werden. Mit Fuchsbichler wurde ein No-Name installiert, der sich primär damit einverstanden zeigte, mit dem dominanten Co-Trainer Gerhard Schweitzer zusammenzuarbeiten. Dass dies nicht gut gehen würde, war für alle relativ schnell erkennbar und resultierte mit der frühzeitigen Entlassung nach einer 1-6 Blamage in Favoriten. Mit Michael Angerschmid folgte ihm ein Trainer ohne jegliche Erfahrung in den drei höchsten Spielklassen nach, dessen letztes Saisonviertel durch die öffentliche Diskussion um die im Vertrag verankerten 48 Punkte völlig zur Nebensache geriet. Mit O.G. (Name wird vom Autor weder ausgeschrieben noch ausgesprochen) wurde ein Trainer installiert, der von einer Spielphilosophie des Krösus aus Salzburg träumte, infolgedessen wurde die Spielweise (Dreierkette, Offensivpressing usw.) völlig umgekrempelt und der letzte Tabellenplatz nach dem ersten Saisonviertel war die Folge. Zudem gab auch negative Schlagzeilen außerhalb des Spielfeldes, Stichwort Kamingespräch. Nach dem unrühmlichen Abgang zu Pfingsten wurde mit Kolvidsson ein Trainer verpflichtet, der gerade mit einer Mannschaft abgestiegen war und dessen Frühjahresabsturz mit Austria Lustenau vor drei Jahren geradezu spektakulär abgelaufen war.

Ebenso wurde das Spielsystem erneut umgestellt. Von einem 3-5-2, das zumindest regelmäßig defensiv funktionierte, auf ein flaches 4-4-2, mit welchem zwar vielleicht Manchester United in den 90ern Erfolg hatte, dort jedoch auf etwas anderes Spielermaterial zurückgreifen konnte. Und nebenbei wird dieses leicht zu knackende System nicht zu Unrecht schon seit über einem Jahrzehnt international nicht mehr wirklich gespielt. Die Folge? Eine inferiore Vorbereitung mit Niederlagen gegen Hajduk Split, gegen eine wirklich schwache Mannschaft aus Podbrezová sowie mit einem last-minute-Unentschieden gegen Târgu Mureș.

Das erste große Warnsignal sendete jedoch das Testspiel gegen Mlada Boleslav aus, welchem ich unglücklicherweise live in Hinterstoder beiwohnen durfte. Zur Pause stand es glücklicherweise nur 0-4, man hätte sich über ein 0-6 oder gar 0-7 jedoch auch nicht beschweren dürfen. Hätten die Tschechen nach einer Stunde nicht alle Stammspieler gewechselt und zwei Gänge zurückgeschaltet, die Niederlage wäre deutlich heftiger als mit 0-5 ausgefallen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir noch, ein (zu) starker Gegner am Ende des Konditionstrainings wäre ein logischer Ausrutscher gewesen. Das blamable 1-8 gegen Sparta Prag (ohne sechs Stammspieler) eine Woche später bewies jedoch das genaue Gegenteil. Massiv überforderte Außenverteidiger, ungenügende Unterstützung von den Mittelfeldspielern und absolut keine Abstimmung bei Standards versprachen eine Woche vor dem Saisonbeginn eine ungemütliche Zeit für Trainer und Mannschaft.

Mit dem knappen 2-3 gegen Galatasaray (welches wohl auch dem Fitnesszustand der Türken geschuldet war) und dem 15-0 gegen den SV Innsbruck wurde kurzzeitig der Eindruck geweckt, man hätte die Kurve gekratzt und Selbstvertrauen für den Saisonbeginn getankt. Dass diese beiden Ergebnisse (und auch Gegner) jedoch nur über die Schwächen hinwegtäuschen würden, konnte man im ersten Meisterschaftsspiel gegen Rapid recht schnell erkennen. Das 0-3 schmeichelte am Ende, bei einem nachdrücklicheren Ausnutzen der Chancen wäre hier schon ein Ergebnis irgendwo zwischen Mlada Boleslav und Sparta Prag möglich gewesen. Das 0-0 gegen den WAC, welches kämpferisch sehr okay war, war jedoch durch die glasklaren Chancen der Kärntner (dreimal rettete die Latte, einmal Prada auf der Linie, zweimal Gebauer in extremis) auch nur ein kurzzeitiger Moralschub für den gebeutelten Anhang, weil man den letzten Tabellenplatz verlassen konnte. Der schlechte Nachgeschmack der vielen vergebenen Chancen der Wolfsberger blieb jedoch.

Die heutige (bzw. mittlerweile gestrige) Partie gegen Mattersburg hat mir (und vielen anderen) jedoch nun endgültig den Rest gegeben. Es laufen Spieler in dieser Mannschaft herum, die einfach keinerlei Spielintelligenz besitzen. Dass man einen Ball nicht in die Mitte klärt, dass man einen Ball nicht im Fünfer aufspringen lässt, dass man den Gegner bei Standardsituationen nicht aus den Augen lassen soll, das lernt man alles in frühester Jugend. Dennoch passieren seit zwei Monaten genau diese fundamentalen Fehler. Sobald ein Gegner einen konzentrierten Angriff mit 1-2 schnellen Pässen vorträgt, implodiert die Defensive der SVR in geradezu unheimliche Dimensionen. Konkret waren heute Janeczek und Bergmann mehr als nur überfordert, die beiden hätten sich bei mir für die heutige Antileistung sogar eine kurzzeitige Nachdenkpause verdient, schlechter hätten sich Reifeltshammer und Baumgartner auch nicht anstellen können. Neben der Spielintelligenz fehlt jedoch auch jegliche Abstimmung in der Defensive. Ein Punkt, den Kolvidsson im Interview nach dem Match nicht nur anmerken sollte, sondern für den er seit nun knapp zwei Monaten eigentlich hauptverantwortlich ist.

Auch die andauernde Ausrede, dass man elf neue Spieler im Kader hat, zieht bei mir und auch den meisten anderen Fans, mit denen ich mich während der letzten Wochen unterhalten habe, überhaupt nicht. Mit Lainer und Thomalla wurden lediglich zwei Stammspieler abgegeben. Mit Bergmann, Prada, Sikorski (und heute Gavilan) befinden sich gerade einmal drei bis vier neue Spieler in der Startelf, die restlichen Spieler sind Ergänzungsspieler bzw. Backups und haben keinerlei Einfluss auf die Startelf. Mit Gebauer, Trauner, Janeczek, Filipovic, Ziegl, Kragl, Murg, Elsneg und Walch befindet das gesamte Rückgrat der letzten Saison noch im Verein. Man ziehe den direkten Vergleich mit Grödig, bei denen bis auf zwei bis drei Spieler die ganze Mannschaft ausgetauscht wurde, die nach drei Spielen aus einer gesicherten Defensive heraus jedoch mit fünf Punkten exzellent positioniert sind.  

Wenn der Trainer dann auch ernsthaft der Meinung ist, dass man defensiv wie gegen den WAC und offensiv wie gegen Mattersburg spielen müsste und dann alles besser wird, dann ist das für mich krasse Realitätsverweigerung und ein langfristiges tête-à-tête mit der roten Laterne wäre die logische Folge. Sollte sich nicht schleunigst etwas drastisch ändern (die Konsequenzen von einer Trainerentlassung, einer Änderung im Betreuer- oder Funktionärsstab bis hin zur Verpflichtung neuer Spieler oder einer Denkpause bestehender Spieler), dann wird dies vermutlich die unspannendste Saison aller Zeiten, weil dann steht meine/unsere SVR bereits vor der Winterpause als Absteiger fest. Und das behaupte ich wiederum als Realist.