Quo vadis, SV Ried?

Wenn man das 15-0 gegen den inferioren Fünftligisten aus Innsbruck abzieht, dann hält Helgi Kolvidsson zum aktuellen Zeitpunkt bei folgender Bilanz (inkl. Vorbereitungsspiele):

11 Spiele – 0 Siege – 2 Unentschieden – 9 Niederlagen – 6:34 Tore (3,09 Gegentore pro Spiel)

Mit einem Wort: verheerend. Im gesamten Kalenderjahr konnte der Isländer überhaupt nur zwei Spiele gewinnen (ein Match mit Wiener Neustadt sowie das Cupmatch gegen den SV Innsbruck). Gesichtsausdruck und Körpersprache wirkten gestern ratlos und wurden nur mehr durch den Umstand getoppt, dass er während des Spiels mit den aufgebrachten Fans am Zaun zu diskutieren begann.

Die Stehsätze nach einer verlorenen Partie bleiben die gleichen („Fortschritt in der 2. Halbzeit“, „Jeder Fehler wird bestraft“ etc.). Und dennoch hält nach fünf Spielen nur ein Kicker bei zwei Gelben Karten. Man gewinnt nicht zu zu wenige Zweikämpfe, man bestreitet auch zu wenige Zweikämpfe. Ein klassisches Alarmsignal für eine Mannschaft, die nicht realisieren will, dass sie sich im Abstiegskampf befindet bzw. sogar der Topfavorit auf den Abstieg ist.

Das bringt mich zur aktuellen Kaderstruktur, die einfach nicht passt. Mit Gebauer steht der größte Routinier im Tor. Mit Polverino hat der zweite Routinier bislang auf jeder Linie enttäuscht und ist zumeist nur Ergänzungsspieler. Im Sommer wären einige Routiniers auf dem Markt verfügbar gewesen (als Beispiel sei hier Thomas Pichlmann genannt, der bei Wacker voll eingeschlagen hat), man hat allerdings erneut nur Spieler mit Perspektive verpflichtet. Um Jonatan Soriano zu zitieren, in Ried wird Kinderfußball gespielt. Es fehlen Typen am Platz, an dieser Stelle seien Standfest beim WAC oder Aigner in Altach genannt.

In der Vergangenheit war der Mix aus Routiniers und aufstebenden Kickern in Ried immer nahezu optimal (z.B. Angerschmid, Drechsel, Lexa vs. Royer, Ulmer, Reifeltshammer usw.). Seit man von dieser Struktur abgewichen ist, geht es stetig bergab. Es gibt von außen betrachtet keine Leader auf dem Platz, die ordentlich dazwischen gehen oder für die jüngeren Spieler auch abseits des Platzes da sind. Das Geld für Routiniers oder Kicker mit Auslandserfahrung fehlt, wohl auch durch die Infrastrukturoffensive (für mich das Unwort der letzten Jahre). Vielleicht hat man demnächst den tollsten VIP-Club und das beste Trainingsgelände der zweiten Liga. Der rigide Sparkurs der letzten Jahre wurde schon in der vergangenen Saison fast zum Verhängnis, einzig durch die späte Verpflichtung von Thomalla konnte man das Schlimmste hier noch rechtzeitig abwenden. Aus meiner Sicht muss man alle heiligen Jahre auch in den Kader investieren, ansonsten fällt man hier meilenweit hinter Teams wie Wolfsberg oder Altach zurück, die eigentlich teilweise nur das Rieder System erfolgreich kopiert haben.

Doch es fehlen auch jegliche Identifikationsfiguren, zwei Drittel des aktuellen Kaders sind gesichtslose Legionäre (in der ursprünglichen und negativen Bedeutung des Wortes), die überspitzt formuliert den halben Tag nur damit beschäftigt sind, einen neuen Style auszuprobieren oder die Wochenendplanungen (Stichwort Sugarfree, Shisha-Bar et al.) voranzutreiben. Es fehlt schlichtweg die Identifikation mit dem Verein, den Fans und der Region. Ausnahmen wie Thomas Reifeltshammer oder Thomas Gebauer bestätigen die Regel. Kämpfen und siegen war immer ein Qualitätskriterium für die SV Ried, man hatte nie die Möglichkeiten, den Topteams mit spielerischen Qualitäten Paroli zu bieten, dies wurde mit Einsatz und Kampfgeist wettgemacht. Aktuell wird weder gekämpft noch gesiegt und bei einem Abstieg wechselt der halbe Kader sowieso einfach anderswo hin, das moderne Fußballbusiness ist unromantisch.

Miese Leistungen auf dem Platz, negative Schlagzeilen von der Tribüne – eine Abwärtsspirale die sich immer weiter dreht. Man verliert seit den goldenen Zeiten unter Paul Gludovatz immer mehr Zuschauer, was eine Reduzierung des Budgets bedeutet, was eine schlechtere Kaderdichte (in Sachen Qualität) bedeutet, was eine sinkende Kompetitivität zur Folge hat. Wie schon beim ersten Abstieg in der Saison 2002/2003 sinkt das Zuschauerinteresse nahezu ins Bodenlose, die 4600 Zuschauer gegen Salzburg sind um 2000-2500 Zuschauer weniger als dies noch vor 2-3 Jahren der Fall war.

Reicht es, dass man den Trainer entlässt, um diesen Negativtrend zu stoppen? Nein, denn die Spieler sind genau so für die schlechten Leistungen verantwortlich. Allerdings spürt der Trainer die Konsequenzen immer zuerst. Sollte das Spiel gegen Sturm Graz verloren werden, befürchte ich eine ziemlich brenzliche Situation auf der West, die Stimmung unter den Fangruppierungen ist auf dem Siedepunkt und droht jederzeit endgültig zu explodieren (der Platzsturm in der Südstadt war wohl nur ein Vorgeschmack). Sollte Kolvidsson jedoch auch dieses Spiel überleben, dann wird das Duell mit Grödig ganz sicher zu seinem Schicksalsspiel. Aus aktueller Sicht sind die Salzburger der einzige realistische Gegner im Abstiegskampf. Bei einer Niederlage muss der Reset-Knopf gedrückt werden, zudem der neue Trainer dann aufgrund der Länderspielpause auch gleich zwei Wochen Zeit am Trainingsplatz hat.

Beim Nachfolger für den Isländer wünsche ich mir einen Pädagogen, mit diesen ist Ried in der Vergangenheit nämlich immer sehr gut gefahren. Roitinger, Hochhauser, Kraft und Gludovatz waren allesamt Lehrer bevor sie Cheftrainer in der Bundesliga wurden. Man muss wissen, wie man mit jungen Spielern (teilweise noch im Teenageralter) umgeht und bei diesen genannten Personen war das allesamt der Fall. Daher sollte man sich auf alte Tugenden besinnen, auf dem Platz und auch neben dem Platz. Hier sind alle Personen gefragt: Manager, Vorstand, Trainerteam und Spieler. Ziehen alle nicht am gleichen Strang, dann gibt es bei SV Ried in der Saison 16/17 den nächsten Reboot in der #skyGoEL – nur sehe ich die realistische Chance auf einen baldigen Wiederaufstieg diesmal deutlich geringer als vor zehn Jahren.