Enemies Of My State

Manchester United hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Dieser lässt sich am besten mit drei statistischen Werten untermauern:

  • 0-0, 0-0, 0-0, 0-0, 0-0, 0-0, 0-1, 0-0, 0-0, 0-0, 0-0.
    Was wie ein seltsamer Binärcode aussieht, sind in Wirklichkeit die letzten elf Halbzeitstände bei Heimspielen im Old Trafford.
  • Von allen 91 Teams der Football League (diese umfasst Premier League, Championship, League 1 und League 2) hat MUFC insgesamt die wenigsten Torschüsse in Heimspielen abgegeben.
  • 37 Punkte nach 23 Spielen stellen den schlechtesten Wert der eigenen Premier League Historie (= seit 1992/1993) dar, welche immerhin bereits 24 Jahre umfasst. Selbst der glücklose David Moyes hatte zum gleichen Zeitpunkt der Saison drei Punkte mehr am Konto.

Das Theater der Träume ist zu einem Theater der Albträume verkommen. MUFC-Supporter gehen mit einem mulmigen Gefühl zu Heimspielen gegen Norwich, Sheffield United, Southampton und Konsorten. Gegner haben keine Angst mehr vor Auswärtsspielen im Old Trafford, weil eine disziplinierte Defensivleistung für mindestens einen Punkt reicht. Gegnerische Torhüter, welche früher ein career game hinlegen mussten um ihrem Team überhaupt eine Chance zu geben, sind im Normalfall unterbeschäftigt.

Wer hat dies zu verantworten? Louis Van Gaal. Mit seiner defensivorientierten, rigiden und tempolosen Spielweise untergräbt er das (Offensiv-)Vermächtnis von Busby und Ferguson und nennt dieses ironischerweise dann auch noch philosophy. Grundlos werden irgendwelche obskuren Systeme gespielt (wie etwa völlig überraschend ein 3-5-2 gestern gegen die Saints), welche augenscheinlich nicht zur Kaderzusammenstellung passen und die eigene Spielweise verunsichern bzw. hemmen. Alles, was Geschwindigkeit hat, darf sowieso nur auf Bank und Tribüne Platz nehmen (u.a. Pereira, Memphis, Januzaj). Auch wenn aktuell einige Spieler verletzt sind (Shaw, Valencia, Rojo, Jones, Young, Schweinsteiger, Carrick), so befanden sich im gestrigen Matchdaykader dennoch 16 Teamspieler und zwei Nachwuchsteamspieler.

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The Wrong One – (c) thesun.co.uk

Der erste Beinschuss wurde schon im Sommer fabriziert. Mit Di Maria (am Weg zum Ligue 1 Spieler des Jahres), Van Persie, Nani und Hernandez (vorgestern zum CONCACAF-Spieler des Jahres gewählt) wurden vier Offensivspieler und potentielle Matchwinner mehr oder weniger grundlos verkauf. Auch der Leihvertrag mit Falcao wurde [Anm.: zurecht] nicht verlängert, dafür mit Martial und Memphis nur zwei neue Offensivspieler geholt. Weil Rooney sich im Spätherbst seiner Karriere befindet und seinen Speed verloren hat (vgl. Entwicklungen von Shevchenko und Fernando Torres) und Martial sowie Memphis noch jung sind und in ihren Leistungen noch ziemlich schwanken, ist die Offensive alles andere als ausgewogen oder ausreichend besetzt. Während der letzten 20 Jahre hatte man immer verschiedene und komplementäre (Weltklasse-)Stürmertypen (z.B. Cole, Yorke, Sheringham und Solskjaer in den 90ern/00ern und dann Rooney, Ronaldo, Tevez, Berbatov in den 00ern/10ern) im Kader, davon ist man aktuell meilenweit entfernt.

Van Gaal bekam im Laufe der letzten drei Transferperioden über 300 Millionen Euro um seinen Kader zu verbessern. Dabei herausgekommen ist ein extrem unbalancierter Kader mit langsamen/trägen Mittelfeldspielern (Carrick, Schweinsteiger, Schneiderlin) und der bereits erwähnten unterbesetzten Offensive. Spieler in Topform werden von Van Gaal nach einem schwachen Spiel grundlos öffentlich kritisiert (z.B. Darmian), deren kreativer Spielstil eingeschränkt (z.B. Martial), dürfen Sonntagsspaziergänge am Platz hinlegen und trotzdem immer von Beginn an auflaufen (Rooney) oder haben mittlerweile verlernt, wie man einen Vorwärtspass spielt (Schweinsteiger).

Doch wieder zurück zum eigentlichen Punkt. Wieso wurde Van Gaal nach Wochen bzw. Monaten des Misserfolgs noch immer nicht entlassen? Dieser Grund hat einen Namen: Ed Woodward. Ein gelernter Investmentbanker, der die Übernahme von MUFC durch die Glazers abgewickelt hat, danach als CFO (Chief Financial Officer) im Verein angestellt war. Nach dem Abgang von David Gill (der noch im Vorstand ist, jedoch auch als FA- und FIFA-Vizepräsident aktiv ist) übernahm Woodward dessen Posten als CEO. Randnotiz: in einem Interview mit BBC Radio Five Live merkte Gill heute an, dass er gestern abends freiwillig auf Match Of The Day verzichtete und stattdessen einen Kinobesuch vorzog.

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Clueless Woody – (c) ITV.com

Durch den gleichzeitigen Abgang von Ferguson musste der Verein also auf den beiden wichtigsten Positionen neu besetzt werden. Louis Van Gaal (der sich damals in Verhandlungen mit den Tottenham Hotspur befand) war die Entscheidung von Woodward, mit welcher er sich damals dem Vernehmen nach im Vorstand gegen Alternativkandidaten durchgesetzt hat. Demnach ist mit der Besetzung des Holländers seither auch zum Teil sein eigenes Schicksal verknüpft. Aktuell spricht und schimpft jeder nur über Van Gaal, würde dieser aber vor Saisonende entlassen werden, käme Woodward unerfreulicherweise ins Tagesgespräch.Hauptproblem: Woodward versteht viel von Finanzen, jedoch sehr wenig von Fußball.

Aufgrund der Tatsache, dass EBITDA und Börsenkurs stimmen, haben die Glazers derzeit keinen akuten Grund, einen Trainerwechsel anzuordnen. Sollte die Champions League Qualifikation jedoch (nach 2014/2015 erneut) verpasst werden, wirkt sich dies direkt auf Börsenkurs, Sponsorenverträge und generell die Erträge (Fernsehgelder, Zuschauereinnahmen) aus und würde definitiv Konsequenzen erfordern. Auch David Moyes wurde 2014 erst entlassen, als die Qualifikation für die Champions League mathematisch unmöglich war. Heuer sehen Experten jedoch eine andere Möglichkeit: bei einem Verpassen der CL-Qualifikation wird Van Gaal am Ende der Saison nahegelegt, seine Karriere aufgrund seines Alters bzw. des Stressfaktors ein Jahr früher zu beenden (sein Vertrag wäre noch bis Juni 2017 gültig). Auf diese Art und Weise könnte Van Gaal seine Trainerkarriere ohne blauen Brief beenden und auch der kurzfristige Fokus würde sich nicht auf Woodward richten.

Die Probleme bei MUFC sind jedoch noch viel tiefer verankert. Seit des Rücktritts des Akademiechefs Derek Langley mit Saisonende aus Gründen der Desillusion ist die ehemals be- und gerühmte Nachwuchsabteilung (Stichwort Busby Babes und Ferguson Fledglings), führungslos. Die U18 musste am Freitag eine 1-5 Heimklatsche gegen Chelsea hinnehmen, welche auch schlimmer hätte ausfallen können und hat generell elf Spiele nacheinander verloren. Das Scoutingsystem (früher u.a. auch mit Verwandten von Ferguson besetzt) ist hoffnungslos überaltert und funktioniert seit Jahren nicht mehr mit der erforderten Präzision und Qualität, verzichtet größtenteils auf Statistik und mathematische Modelle und vertraut noch immer zum Großteil dem eigenen Gefühl.

Diese Probleme bestanden alle auch schon bereits unter der Ägide von Ferguson. Dieser konnte mit seinem 20. und letzten Meistertitel für United jedoch noch erfolgreich davon ablenken. Seit seinem Abgang (und dem Abgang von David Gill) wirkt MUFC wie ein baufälliges Denkmal, welches Stück für Stück abbröckelt und bei dem es nur mehr eine Frage der Zeit ist, bis es völlig in sich zusammensackt. Zwischen 1967 und 1993 blieb MUFC durch eine verpasste Nachfolgeregelung nach dem Abgang von Sir Matt Busby 26 Jahre lang ohne Meisterschaft, musste zwischendurch sogar den kurzfristigen Gang in die zweite Liga antreten. Werden in den kommenden Monaten nicht die richtigen Entscheidungen getroffen, dann könnte sich diese Geschichte tragischerweise wiederholen.

 

Der Mann, der mir die Freude am Fußball nahm

… heißt Aloysius Paulus Maria van Gaal, wurde vor 64 Jahren in Amsterdam geboren und ist seit Juli 2014 der Manager von Manchester United. Bei seinem Amtsantritt (als Nachfolger des erfolglosen David Moyes) von vielen als genau der richtige Mann für eine Übergangsphase von 2-3 Jahren angesehen, hat er in der Zwischenzeit allerdings nur eines geschafft: dass ich derzeit fast kein Interesse an Fußball besitze.

Jahrelang, besser gesagt schon jahrzehntelang hatte ich mein Leben rund um die Matches von MUFC geplant. Beispielsweise an Samstagen um 1600 konnte ich nicht auf einen Kaffee mitgehen, an CL-Dienstagen konnte ich nicht zum Pubquiz kommen, jeder wusste um meine beinahe irrwitzige Leidenschaft für United Bescheid. Doch diese Affinität zum Fußball betraf nicht nur United (und meine andere große Liebe, die SV Ried), sondern beinahe jedes x-beliebige Match. Egal ob brasilianische Liga am Sonntagabend, zweite deutsche Liga am Montagabend oder französischer Ligapokal am Dienstagabend, ich konnte mich für jedes Fußballspiel begeistern welches ich zufällig irgendwo im TV aufschnappte.

Seit einigen Wochen ist dies anders. Ich habe die letzten vier Matches von United gänzlich gemieden, und auch andere Spiele nur peripher mitverfolgt. Ich kann mich derzeit nicht mehr für Fußball im Fernsehen motivieren. Ich lege Termine und Treffen bewusst auf Matchtermine, hebe mir meine Lieblingsserien für Fußballabende auf und verfolge auch bei weitem nicht mehr so viele Fußballmedien wie früher (das ASB sei hier stellvertretend genannt).

Ich bin weiß Gott kein Schönwetter- oder Erfolgsfan. Beweis gefällig? Meine Sportteams, welche ich abseits des Fußballs unterstütze (auch die SV Ried hat mehr schwierige als lustige Zeiten durchgemacht) sind folgende: Chicago Bears (NFL), Buffalo Sabres (NHL) und die Chicago Cubs (MLB). Die letzten zwei dieser drei Teams sind statistisch gesehen die erfolglosesten ihrer Ligahistorie und auch die erstgenannten schaffen es stets, die niedrigen Erwartungen der eigenen Fans nochmals zu untertreffen.

Wenn ich also derart leidensfähig bin, wieso schafft es dann ein kurz vor der Pensionierung stehender Holländer, dass ich meinen Spaß am Fußball verloren habe? Weil die Leidenschaft und Beziehung zu United noch viel tiefer geht. Als 8-jähriger Junge (wir schreiben das Jahr 1991) habe ich wöchentlich die Ergebnisse und Torschützen von Manchester United aus dem Teletext auf einen A2-Karton abgeschrieben. Ein originalunterschriebenes Trikot von Eric Cantona (welches mir meine Freunde zum 30. Geburtstag schenkten) ist mein wohl liebstes Geschenk aller Zeiten. Ich besitze ein Dutzend an Trikots und habe insgesamt sechs Spiele von United live gesehen (da gibt es sicherlich größere Hardcorefans, aber die Anzahl ist dennoch ganz okay). Ich schaffe es, beim Sporcle-Quiz knapp 95% aller United-Spieler mit mehr als 10 Ligatoren aufzuzählen. Ich besitze die Biographien von Alex Ferguson (beide), Gary Neville, Rio Ferdinand, Roy Keane und viele weitere Bücher von United-nahen Journalisten. Ich blute sogar rot (you see what I did there).

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Mein geliebtes 30er-Geschenk  – The King.

United war immer mein Fels in der Brandung, mein Leuchtturm am Horizont. Meine eine Mannschaft, bei der ich mich regelmäßig über Siege und gute Spiele freuen konnte, welche ein schlechtes Wochenende retten konnte. Die Tradition von Busby, von Ferguson fortgesetzt. Viele der besten Offensivspieler aller Zeiten, egal ob Charlton, Busby, Law, Robson, Hughes, Cantona, Scholes, Giggs, Beckham, Cole, Yorke, Van Nistelrooy, Ronaldo, Rooney, Tevez oder Van Persie schmückten jahrzehntelang die Ränge dieser Mannschaft. Attack-attack-attack nicht nur ein Chant des legendären Stretford Ends, sondern als Philosophie des Manchester United Football Clubs. Bei United ging es nicht darum, Spiele einfach zu gewinnen, sondern den Gegner zu demontieren und demolieren, auf das Führungstor sogleich das zweite Tor nachzulegen. Kurzum: United hatte einfach Flair und im Old Trafford schlotterten jedem Gegner die Knie, egal ob Norwich City oder Real Madrid.

Seit Van Gaal im Amt ist, ist dieser Flair fast gänzlich verloren gegangen. Offensivspieler wie Di Maria (letzte Saison) oder Martial (heuer) zerstörten zu Beginn ihrer United-Karrieren die gesamte Liga, wurden jedoch immer mehr in das Korsett von Van Gaal eingezwängt und verloren ihre Spielfreude irgendwann gänzlich. Dies ging so weit, dass Di Maria im Frühjahr Bankdrücker war und ihm ein Ashley Young vorgezogen wurde. Bei PSG sieht man aktuell, wie gut dieser Argentinier mit den richtigen Mannschaftskameraden um sich herum sein kann. Fußball lebt vom Kollektiv, aber wenn man einen Weltklassespieler im Kader hat, dann sollte dieser auch seine Freiheiten bekommen (was derzeit nur bei Halbpensionist Rooney der Fall ist, dies ist aber eine andere Story) und auch manchmal das Unerwartete, Kreative, Geniale zeigen dürfen. Beim holländischen Trainer ist dies unmöglich. Pass, Pass, Pass. Nicht nach vorne, sondern seitwärts oder zurück. In fünf der letzten zehn Spiele erzielte man kein Tor, unter anderem beim genickbrechenden 0-0 im Old Trafford gegen die biedere Truppe aus Eindhoven, welche während der letzten drei Transferzeiten keine 330 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben konnte oder durfte.

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Louis Van Gaal’s Red and White (Salvation?) Army

Was die Fans von MUFC auch immer mehr auf die Palme bringt, ist die beinahe schon moyes’sche Realitätsverweigerung des Aloysius: gestern etwa bezeichnete er die heurige Qualifikation von United für die CL-Gruppenphase als Fortschritt gegenüber dem Vorjahr. Ein Mann, der den FC Barcelona und Bayern München coachte, gibt also von sich, dass eine Teilnahme (!) an der Champions League ein gutes Resultat sei. Wie Medien und/oder Fans in Barcelona oder München auf eine solche Aussage reagieren würden? Außerdem hob er den Fortschritt im League Cup hervor. Erstens interessiert den Carling Cup (falls er noch so heißt) wirklich keinen Menschen, zweitens scheiterte man heuer in der 3. Runde nachdem man letzte Saison in der 2. Runde (= erste aktive Runde) scheiterte. Noch Fragen?

Keine Frage, United befindet sich im Umbruch. Viele Legenden und alteingesessene Spieler haben den Verein verlassen oder mussten den Verein verlassen. Aber am Beispiel von Jürgen Klopp bei Liverpool sieht man, dass man keine pralle Transferschatulle und 18-36 Monate für einen Umbruch braucht, sondern dieser auch in deutlich kürzerer Zeit abgewickelt werden kann.

Bei jedem abgebrochenen Überzahl-Konter in der Nachspielzeit, bei jedem unerzwungenen Rückwärtspass eines Stürmers und bei jedem uninspirierten 1-0 gegen einen Abstiegskandidat stirbt ein Teil des Mythos Manchester United. Ich brauche United allerdings wieder als meinen Fels in der Brandung, als meinen Leuchtturm am Horizont, als meinen Wochenendretter. So lange der Holländer jedoch im Amt ist und dies vermutlich nicht der Fall sein wird, werde ich meine Freude am Fußball nicht wiederfinden. Zumindest temporär.