Die paradoxe Euphorie rund um die SV Ried

Die Generalprobe für die heute um 20:30 gegen Wiener Neustadt beginnende skyGo Erste Liga Saison wurde erfolgreich absolviert. Mit einem ungefährdeten 4:0 gegen den Wiener Sport-Club zog man souverän in die zweite Runde des ÖFB-Cups ein. Der Pausenstand von 0:0 schmeichelte den Dornbachern ziemlich, der Endstand hätte mit mehr Präzision im Abschluss bereits zur Pause hergestellt sein können (Artikel am 20. Juli upgedated). Doch werfen wir einen Blick zurück auf die Woche nach dem schicksalhaften 28. Mai 2017.

Die erste Woche nach diesem Abstieg härter als erwartet, obwohl man sich aufgrund der Tabellenposition eigentlich monatelang darauf vorbereiten konnte. Jedoch war die Art und Weise dank der sang- und klanglosen Heimniederlage gegen Mattersburg ein entscheidender Faktor für dieses ungute Gefühl. Retrospektiv gesehen hätte nämlich ein Heimsieg gegen St. Pölten in Runde 34 zum Klassenerhalt gereicht. Abgesehen davon kann man aus der Rückserie mindestens zehn Spiele genauer analysieren, in denen man diese zwei Punkte verspielt oder liegen gelassen hat.

Doch lassen wir die Vergangenheit endgültig Vergangenheit sein, die nahe Zukunft heißt Zweitklassigkeit in der skyGo Erste Liga. Geht man durch Ried und spricht man mit fußballaffinen Menschen, so ist der allgemeine Tenor, dass man sich auf die kommende Saison wie schon lange nicht mehr freut. Was auf den ersten Blick paradox klingen mag, hat jedoch einige nachvollziehbare Gründe.

Beginnen wir beim Kader. Alle drei Urgesteine (Gebauer, Reifeltshammer, Ziegl) haben ihrem Verein die Treue gehalten. Mit Julian Wießmeier aus Lustenau hat man (fast schon sensationellerweise) den Spieler der Saison 15/16 sowie den drittbestens Spieler der Saison 16/17 verpflichten können. Mit Marko Stankovic kommt ein Spieler mit Champions-League-Erfahrung ins Innviertel. Die eher unbekannten Kennedy Boateng (vom LASK) sowie Pius Grabher (aus Lustenau) haben in den Testspielen ihr Potential erkennen lassen. Mit Chabbi und Fröschl ist man in der zweiten Liga um nichts schlechter aufgestellt als letztes Jahr in der Bundesliga. Und auch die Vertragsverlängerung von Clemens Walch wurde von den meisten positiv aufgenommen, da er verletzungsfrei einer der besten Spieler dieser Liga sein sollte.

Abgesehen davon ist die Nostalgie des letzten Wiederaufstiegs in der Saison 2004/2005 noch allgegenwärtig. Viele der Helden von damals (u.a. Kuljic, Drechsel, Lasnik oder Trainer Hochhauser) genießen nach wie vor Heldenstatus im Innviertel. Zwei Ausnahmen bestätigen die Regel. An diese Zeit erinnert man sich gerne zurück, weil hier das Fundament für die (größtenteils) erfolgreichen Jahre in der zweiten Bundesliga-Ära geschaffen wurde. Höhepunkte dieser Ära u.a. der Vizemeistertitel 2007, der zweite ÖFB-Cupsieg 2011 und die Herbstmeistertitel in den Jahren 2011 und 2012.

Zum anderen, weil man nach 12 Jahren, welche auswärts in (jedoch nicht nur) Hütteldorf, Graz oder Favoriten von Chancenlosigkeit geprägt war, nun wieder einmal selber den Gejagten bzw. Ligakrösus mimen darf. Auch die Abnutzungseffekte der letzten Jahre (es wird mit der Zeit wirklich langweilig, wenn man jahrelange viermal pro Saison [oder mit Cup sogar fünfmal] gegen die gleichen Teams antreten muss) haben ihre Spuren hinterlassen. Deswegen freuen sich viele Fans auf die Reisen zum OÖ-Derby nach Linz, zum FAC (endlich auswärts Favorit in Wien!), nach Innsbruck/Watttens oder auch ins nostalgische Kapfenberg, wo man 2005 den Wiederaufstieg mit einem 3-2 Sieg gegen den Sportverein fixieren konnte.

Auch die Rieder Fanszene wuchs mit dem letzten Aufstieg, die „zweite Generation“ (die erste Generation für mich jene nach dem ersten Aufstieg 1995, wo sich in Folge u.a. die Supras gegründet haben) sorgte jahrelang für ein volles Heimstadion und gut besuchte Auswärtssektoren. Nun wartet man jedoch bereits seit über einem Jahrzehnt auf die nächste Generation an Fans. Wenn man immer nur im hinteren Tabellendrittel mitspielt, ist es in Zeiten von sky, DAZN und global agierenden Fußballvereinen dementsprechend schwierig, junge Menschen für einen (kleinen/lokalen) Verein zu begeistern.

Das Tabellendrittel sollte sich jedoch in der kommenden Saison grundlegend ändern. Die Buchmacher (u.a. bet-at-home und Tiplix, Stand 14. Juli 2017) geben der SV Ried eine Quote von 1.70 auf den Meistertitel in der skyGo Erste Liga, was umgerechnet bedeutet dass man dem Verein eine 58%ige Meisterchance einberäumt. Bei einer Umfrage im Austrian Soccer Board (n= >25) belegt die SVR im Zwischenwertung einen Durchschnittsplatz von 1.5. Und auch viele anerkannte Journalisten (wie etwa Alexander Huber vom Kurier im aktuellen Ballesterer, S. 12-15) stufen die SVR als Topfavoriten ein.

 

SVR Spieler in Grieskirchen nach dem 2-1 Sieg gegen Akademia Puskas
Nachbesprechung nach dem 2-1 Testspielsieg gegen Akademia Puskas (1. Liga Ungarn) in Grieskirchen

Grund genug, diese Favoriten-These etwas genauer zu beleuchten. Dabei betrachte ich speziell die Erfahrung bzw. die Zusammensetzung des Kaders, die historische Bilanzen von Absteigern der letzten zehn Jahre sowie die Rahmenbedingungen rund um die Aufstiegsplätze, welche in diesem Jahr enorm konträr zu den vergangenen Jahren sind.

Mit einem Durchschnittsalter von 25.1 Jahren verfügt die SV Ried über den ältesten Kader der Ersten Liga. Mit Thomas Gebauer (35), Marko Stankovic (31), Manuel Kerhe (30) und Clemens Walch (kürzlich 30 geworden) verfügt man über vier Ü30-Spieler mit einer Bundesligaerfahrung von 725 Bundesligaspielen. Rechnet man noch die 198 Bundesligaspiele des 29-jährigen Thomas Reifeltshammer dazu, dann kommt man auf respektable 923 Bundesligaspiele welche über fünf Spieler verteilt sind.

Verein, Kader, Alter und Legionäre der Erste Liga 2017/2018
Die Mannschaft der SVR weist den höchsten Marktwert auf, dafür aber auch das höchste Durchschnittsalter – Quelle transfermarkt.de

Insgesamt stehen im 22-Mann-Kader der SV Ried aktuell 1313 Bundesligaspiele zu Buche, wie die folgende Übersicht im Detail darstellt:

Spieler Bundesliga Andere Erstligen
Gebauer Thomas 305
Reifeltshammer Thomas 198
Stankovic Marko (NEU) 192
Ziegl Marcel 175
Walch Clemens 127 19 (DFL)
Fröschl Thomas 121
Kerhe Manuel (NEU) 101
Schilling Christian (NEU) 58
Marcos Ronny 19 9 (DFL)
Chabbi Seifedin (NEU) 7
Durakovic Reuf 6
Lüchinger Gabriel (NEU) 4
Wießmeier Julian (NEU) 9 (DFL)
Durmus Ilkay (NEU) 1 (Süper Lig)
Takougnadi Balakiyem (NEU)
Ammerer Arne (NEU)
Surdanovic Stefano (NEU)
Mayer Thomas (NEU)
Jetzinger Tobias (NEU)
Grabher Pius (NEU)
Haring Peter (NEU)
Boateng Kennedy (NEU)
1313 38

Lediglich 8/22 Spieler verfügen somit über keine Erstligaerfahrung, wobei zwei von diesen acht (Boateng, Mayer) wiederum wissen, wie man aufsteigt, standen sie doch vergangene Saison alle im Kader des LASK. Bleiben nur die Nachwuchskicker Jetzinger, Ammerer und Surdanovic sowie die Lustenauer Haring und Grabher und der ehemalige Fast-Champions-League-Spieler Takougnadi aus Horn.

Jedoch war Erfahrung während der letzten Jahre kaum ein Faktor für einen Aufstieg in die Bundesliga. Der Kader des LASK war im Vorjahr im Schnitt um 2.2 Jahre jünger, jener von St. Pölten im Jahr davor um 1.3 Jahre und jener von Mattersburg wiederum ein Jahr zuvor um 1.8 Jahre. In der Ersten Liga sind die physischen Ansprüche andere als in der Bundesliga, deswegen hat es auch schon seit langer Zeit kein Absteiger geschafft, den direkten Wiederaufstieg zu realisieren. Die nachfolgende Tabelle zeigt, welche Platzierung der jeweilige Bundesligaabsteiger in der kommenden Saison in der Ersten Liga belegen konnte:

 Saison Absteiger Platzierung Erste Liga
2017/18 SV Ried ?
2016/17 Grödig N/A
2015/16 Wiener Neustadt 7.
2014/15 Wacker Innsbruck 6.
2013/14 Mattersburg 6.
2012/13 Kapfenberg 5.
2011/12 LASK 3.
2010/11 Austria Kärnten N/A
2009/10 Altach 3.
2008/09 Wacker Innsbruck 2.
2007/08 GAK N/A

Gemäß Reglement der kommenden Saison gibt es zwei Direktaufsteiger sowie einen Relegationsplatz. Von den vergangenen zehn Absteigern hätte dennoch nur Wacker Innsbruck in der Saison 2008/2009 reüssieren können. Der LASK und Altach hätten es in die Relegation geschafft, die sieben anderen Vereine wären zweitklassig (oder schlechter) geblieben. Übrigens: auch die SV Ried konnte in der ersten Saison nach dem ersten Abstieg 2003/2004 nur Platz 5 belegen, wies dabei am Saisonende einen Respektabstand von 16 Punkten gegenüber dem Meister aus Innsbruck auf.

Warum also schätzen dann viele Experten, Wettbüros und Fans die SVR dennoch so hoch ein, obwohl die historischen Werte klar dagegen sprechen? Dies mag zum einen daran liegen, dass man in die neue Saison – anders als alle Absteiger der letzten Jahre – ohne Unklarheiten im Bezug auf das Trainerteam starten konnte. Lassaad Chabbi und sein Co-Trainer Dieter Alge haben weiterhin das (lautstarke) Kommando über die Mannschaft und ihr neuer Kader besteht vereinfacht gesagt aus zwei großen Blöcken: dem Ried-Block (mit Kapitän Gebauer, Vize-Kapitän Reifeltshammer, dem rekonvaleszenten Ziegl, Marcos, Walch, Fröschl und Durakovic) und dem Lustenau-Block (bestehend aus Haring, Durmus, Grabher, Wießmeier und im engeren Sinn auch S.Chabbi). Acht dieser Spieler werden auch, wenn man die Vorbereitung als Indiz verwendet, zu Saisonbeginn in der Startelf stehen. Ein bestimmtes Grundverständnis sollte demnach gegeben sein.

Dennoch besteht der 22-Mann-Kader aus 15 Neuzugängen. Eingespieltheit ist ein großer Faktor und dank der geringen Anzahl an Testspielen befürchten manche, dass die Mannschaft anfangs wie ein Fremdkörper wirken könnte. Jedoch ist man in Sachen Eingespieltheit nicht alleine: auch bei Austria Lustenau und Wacker Innsbruck gab es viele Kaderveränderungen sodass kein Favorit einen großen Startvorteil haben sollte.

Mit Tamasz Tiefenbach hat man den Wünschen des Trainers entsprochen und einen weiteren Co-Trainer engagiert, der sich akribisch und fachmännisch um Kondition und Menüpläne kümmert (Anm.: Schweinefleisch und Zucker sind passé) und dessen Arbeit bereits jetzt in höchsten Tönen gelobt wird. Ein Spieler hat letztens zu mir gemeint, dass er noch nie zuvor ein derartiges Konditionstraining erlebt hatte. Ich konnte mir gestern beim Nachmittagstraining im alten Rieder Stadion auch selber ein Bild davon machen. Es ist zwar schon ein knappes Jahrzehnt her, dass ich mir zuletzt ein Training angeschaut hatte, aber die Professionalität hat hier eindeutig ein neues Jahrtausend erreicht, egal ob im Bezug auf die GPS-Westen mit Sofortauswertung der Lauf- und Spielerwerte, die Intensität der Übungen oder auch die ausgezeichneten Trainingsbedingungen.

SVR Spieler tragen das Tor zum Training
Teamwork wird unter Chabbi groß geschrieben. Auch wenn es die kleinen Dinge betrifft. (Nachmittagstraining, Stadion der Stadt Ried, 13. Juli 2017)

Denn mit dem kürzlich neu eröffneten Trainingszentrum, dem vollüberdachten Stadion (inkl. Rasenheizung) im Eigenbesitz und den Strukturen im Verein ist man auch besser aufgestellt als jeder einzelne Ligakonkurrent (und auch viele Bundesligisten). Überhaupt sprechen die infrastrukturellen Rahmenbedingen eine eigene Sprache. Neben Ried erfüllt derzeit nur Wacker Innsbruck alle Kriterien (und will ebenfalls aufsteigen). Liefering darf nicht aufsteigen, BW Linz will meines Wissens nach gemäß Jahresplan nicht aufsteigen und bei allen anderen Vereinen, egal ob jetzt Austria Lustenau, Wattens, Wiener Neustadt oder Kapfenberg müssten grobe Investitionen in die Infrastruktur getätigt werden um die Lizenz für die Bundesliga zu erhalten. Damit kann im kuriosesten Fall auch eine 4. oder 5. Endplatzierung dazu reichen, um in die Bundesliga aufzusteigen.

In den vier Testspielen musste man übrigens zu Beginn ein 0:1 gegen Ujpest hinnehmen, schlug anschließend Akademia Puskas mit 2:1 und trennte sich in weiterer Folge von Schalding (Regionalliga Bayern) und Jahn Regensburg (2. Bundesliga) jeweils mit 1:1. Gerade die zweite Halbzeit in Regensburg soll gemäß anwesenden Personen sehr vielversprechend verlaufen sein.

ÖFB-Cup: Wiener Sport-Club (A) – 4:0 (Fila ET, Mayer, Boateng, Surdanovic)
1. Runde: Wiener Neustadt (H)
2. Runde: Austria Lustenau (A)
3. Runde: Floridsdorfer AC (H)
4. Runde: FC Liefering (A)
5. Runde: BW Linz (A)
6. Runde: FC Wacker Innsbruck (H)
7. Runde: TSV Hartberg (A)
8. Runde: WSG Wattens (H)
——- Transferfenster schließt bzw. Länderspielpause —-
9. Runde: Kapfenberger SV (A)

Wenn der Start in die neue Saison positiv ausfällt (mit mindestens sieben von neun Punkten aus den ersten drei Meisterschaftsspielen und einem Weiterkommen im ÖFB-Cup) dann traue ich der SVR durchaus zu, die gesamte Saison über auf einem Aufstiegsplatz zu stehen. Misslingt der Saisonstart jedoch, dann hat man auf Evidenz von maximal neun Pflichtspielen (siehe nachfolgender Spielplan) bis Ende August auch im noch die finanziellen Mittel, um am Kader nachzujustieren – ganz im Gegensatz zur Konkurrenz. Man hört übrigens immer wieder Gerüchte, dass man noch einen Stürmer sowie einen rechten Verteidiger verpflichten will.

Die Stimmung würde wohl grundsätzlich erst dann kippen, wenn man Anfang September fernab der Tabellenspitze anzufinden ist. Der Wiederaufstieg wurde von allen Entscheidungsträgern schriftlich und verbal als klares Saisonziel definiert, dementsprechend wird es auch die Zukunft und das Vermächtnis von Sportdirektor Schiemer und Trainer Chabbi definieren. Man kann also hoffen, dass alle Spieler und Betreuer dem Druck standhalten und sich darüber im Klaren sind, wie die Erwartungshaltung in der Region aussieht. Um dies bildlich aus der Fansicht zu verdeutlichen: der Abstieg war ein teurer Parkschaden. Ein Nichtaufstieg in der kommenden Saison wäre jedoch ein Frontalcrash mit 100 km/h.

Die bitterste Niederlage seit 2003

Die samstägliche 1:2 Niederlage beim SV Mattersburg war ein tabellarischer (und auch moralischer) Genickschlag für die SV Ried. Nach dem überzeugenden 2-0 gegen Altach (dem ersten Sieg seit Anfang Dezember und dem ersten zu-null-Sieg seit dem 2. Spieltag) war die Stimmung unter der Mannschaft (und auch unter den Fans) eigentlich so positiv wie schon lange nicht mehr. Der 2-1 Testspielsieg gegen Dukla Prag in der Länderspielpause war laut Augenzeugen ein weiterer Schritt nach vorne. Dementsprechend motiviert traten wir am Samstag zu fünft den Ausflug nach Mattersburg an (von Graz aus eine ca. 90-minütige Fahrt). Bei herrlichem frühsommerlichen Wetter schmeckte nicht nur das Bier hervorragend, auch das Spielglück schien sich endlich auf unsere Seite zu schlagen.

Choreo der Riedfans vor dem Bundesligaspiel zwischen Mattersburg und Ried
Stimmung und Wetter vor der Partie sommerlich gut. Nachher war’s noch immer sommerlich, aber die Stimmung war nicht mehr gut. 

Nach einer einer Halbzeit, in der man Chancen en masse zugelassen hatte und sich mit einem 0-0 in die Pause zitterte, konnte Orhan Ademi in der 48. Minute sein erstes Tor seit 10. September (beim 3-2 Auswärtssieg in St. Pölten) bejubeln. Ein weiteres positives Zeichen, wie man zu diesem Zeitpunkt denken konnte. Doch nach zwei Aluminiumtreffern des im Abschluss glücklosen Stefan Nutz kam es am Ende so, wie es kommen musste. Dank Brachialgewalt (mit drei Mittelstürmern am Platz) knockte Patrick Bürger die panisch-ungeordnete Rieder Mannschaft mit einem Doppelschlag in der 84. und 86. Minute zurück auf den Boden der Realität.

Anstatt Platz 9 und einem kleinen aber immens wichtigen Schritt in Sachen Klassenerhalt musste man die Heimreise ins Innviertel mit der wohl bittersten Niederlage seit dem historischen 29. Mai 2003 im Gepäck antreten. Unter den über 30-jährigen Männern in unserem Auto herrschte bei der Heimreise zumeist betretenes Schweigen und auch der eine oder andere Schluchzer (auch von meiner Seite) war laut hörbar – zu bitter und brutal die Art der Niederlage und der tabellarische Status.

Vor Beginn des letzten Saisonviertels beträgt der Abstand auf den vorletzten Platz nämlich vier Punkte (aufgrund des schlechten Torverhältnisses effektiv sogar fünf Punkte). In den letzten 25 Jahren ist es keinem Schlusslicht zu diesem Zeitpunkt mehr gelungen, einen derartigen Rückstand noch aufzuholen und den Klassenerhalt zu sichern. Obwohl das Restprogramm den Umständen entsprechend akzeptabel ist, wird es ein kleines (vielzitiertes) Fußballwunder benötigen, um den zweiten Abstieg nach 2003 zu verhindern.

Die Anzeichen stehen freilich schlecht. Neben den Langzeitverletzten Clemens Walch und Matthias Honsak (der Standard-Flügelzange im Frühjahr) fällt auch der Kapitän Thomas Gebauer für weitere zwei bis drei Spiele aus. Sein Ersatz Reuf Durakovic hat am Samstag zwar eine ansprechende Leistung gezeigt, den Gegentreffer zum 1-2 muss er aufgrund seiner Parade nach vorne dennoch auf seine Kappe nehmen. Doch viel schwerer wiegt das Fehlen eines Routiniers und Ruhepols im Tor.

Wenn man davon ausgeht, dass bei den Auswärtsaufgaben in Graz (3.), Salzburg ( 1.), Favoriten (4.) und Altach (2.) nichts zu holen ist (nicht nur aufgrund der katastrophalen Auswärtsform mit neun (!) Niederlagen in Folge), dann müssen in den verbleibenden fünf Heimspielen wohl fünf Siege her, um eine realistische Chance auf den Klassenerhalt zu haben. Zunächst begrüßt man kommenden Samstag den Krisenklub aus Wien-Hütteldorf, gegen den man in den bisherigen 19 Bundesligasaisonen nur einmal (2008/2009) das Heimspieldouble bejubeln konnte. Die Wiener sind ihrerseits unter riesigem Siegzwang und können sich nach einem sieglosen Frühjahr keine weitere Niederlage beim Tabellenletzten erlauben, wenn man selber nicht doch noch in den (zumindest theoretischen) Abstiegskampf rutschen will.

Anschließend geht es gegen den Wolfsberger AC, der im Tabellenmittelfeld nicht mehr viel verlieren kann und deswegen entspannt in die Partie gehen kann. Wie schwierig ein Heimspiel gegen die Admira ist, hat nicht nur die Wiener Austria am Samstag miterleben müssen – auch im Herbst gelang nur ein höchst schmeichelhafter und eigentlich unverdienter 2-1 Sieg durch ein spätes Siegtor von Patrick Möschl. Die letzten beiden Heimspiele der Saison sind dann echte Abstiegsknaller – falls es zu diesem Zeitpunkt noch um etwas geht. Nacheinander begrüßt man am 34. Spieltag die Wölfe aus St. Pölten, bevor man am 36. Spieltag zum Abschluss die Mattersburger empfängt.

Aufgrund des zunehmend schwachen Punktezuwachses im Laufe der Saison (waren es im 1. Saisonviertel noch 11 Punkte, so waren es im 2. Viertel nur mehr 9 und im 3. Viertel gar nur 3 Punkte) kann man jedoch nicht erwarten, dass man im 4. Saisonviertel nun auf einmal 15 Punkte einheimst. Mit 38 Punkte wäre man ziemlich sicher gerettet, es sei denn man wird den eigenen Rekord des besten Absteigers aller Zeiten (38 Punkte in 02/03) einstellen.

Die Spielanlage hat sich unter Lassaad Chabbi zwar zum Positiven verbessert, die Schwächen in der Defensive (vor allem bei Standards und hohen Bällen) sind jedoch weiterhin frappant und kaum zu kaschieren. Aufgrund der Tatsache, dass man gegen Mattersburg kein probates Mittel gegen deren lange Bälle hatte, könnte am kommenden Samstag ein ähnliches Schicksal gegen Rapid drohen. Eine Niederlage in diesem Spiel würde die Chance auf den Klassenerhalt logischerweise noch weiter senken.

War der erste Abstieg der Bundesligageschichte wie ein unerwarteter Schuss ins Genick, so bekommt man als Rieder Fan nun zum ersten Mal die gnadenlose und vor allem deprimierende Negativ-Aura des Abstiegskampfes mit, in der man nach dem einen oder anderen Wackler im Laufe der letzten zwei Jahre nun zum ersten Mal glasklarer Favorit ist. Noch hat man neun Spieltage Zeit, um den Abstieg zu verhindern. Ist der Klassenerhalt noch möglich? Ja. Ist er noch realistisch? Eher nein.