Dahoam is dahoam

Dahoam is dahoam,
Wannst net fort muaßt, so bleib;
Denn d’Hoamat is ehnter
Der zweit Muaderleib

So die letzte Strophe der oberösterreichischen Landeshymne von Franz Stelzhamer. Der Dichter und Novellist wuchs in Großpiesenham auf, knapp 8 km südwestlich von Ried im Innkreis gelegen. Auf einem der größeren Plätze im Stadtzentrum – dem Stelzhamerplatz – ist ihm auch ein Denkmal gewidmet – nomen est omen.

Um an diese Einleitung anzuknüpfen: nach dem Abschluss meines Studiums an der FH Salzburg mit der Spezialisierung in Marketing und Medienmanagement musste ich eben aus meinem Heimatland weg. Denn zum damaligen Zeitpunkt, vor über zehn Jahren, gab es außerhalb der Landeshauptstädte kaum attraktive Marketingjobs in der Internetbranche. Deswegen fokussierte ich mich bei meiner Jobsuche auf Salzburg, Innsbruck und Graz. Diese drei Städte waren mir nicht zu groß (Wien), nicht zu nah (Linz), nicht zu weit (Klagenfurt) oder zu klein (alles andere in Österreich).

Von Ried nach Graz

Im Endeffekt landete ich dann bei sms.at in Graz, mitten im Herzen der Murmetropole im Palais Saurau (besser bekannt als das Gebäude mit dem „Türken“). Sechs Jahre lang arbeitete ich nicht nur in der Sporgasse, sondern bewohnte auch eine 40m²-Wohnung im Gebäude mit der Hausnummer 7.  Ich nannte das Flann O’Brien in der Murgasse mein Wohnzimmer und den Schloßberg meinen Garten.

Aufgrund der Zentralität der Lage benötigte ich nicht einmal ein Auto oder Fahrrad, 95% der Wege konnte ich zu Fuß oder mit der Straßenbahn zurücklegen. 2013 zog ich dann aus der Inneren Stadt (Graz I) ins nördlich anknüpfende Geidorf (Graz III) um – keine 15 Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt aber dennoch bedeutend ruhiger und grüner. Man wird ja älter.

Knapp ein Jahrzehnt (mathematisch gesehen 28% meines Lebens) habe ich als Einwohner mit Hauptsitz in der Stadt Graz verbracht. Von Dezember 2007 bis August 2017. Denn Anfang Juli dieses Jahres habe ich die Zusage für eine äußerst interessante Stelle bei der N!N pro GmbH in Ried bekommen. Dort beschäftige ich mich primär mit Suchmaschinenoptimierung und dem Projekt- bzw. Produktmanagement einer äußerst spannenden und innovativen SaaS-Lösung namens SyncSpider.

Mein Leben in der Murmetropole

Immer wieder werde ich (nach nur einem Monat) von Freunden und Bekannten jedoch gefragt, ob mir Graz fehlt. Natürlich fehlt mir Graz. In unbestimmter Reihenfolge fehlen mir die lauen Sommernächte im Parkhouse, die wunderbare Kombüse (mit den Stammgästen Stermann & Grissemann), die Nähe zur südsteirischen Weinstraße, die mögliche Auswahl aus unzähligen Pizzerien und Steakhäusern, das internationale Flair der irisch/englischen Pubs wie etwa O’Carolan’s, Flann O’Brien oder Bar28 und das Pubquiz im Office Pub.

Mir fehlen die Konzerte und Konzertmöglichkeiten in Orpheum, p.p.c., Postgarage, Kasematten, Messe und Stadthalle. Mir fehlen meine Laufstrecken entlang der Mur und durch den Hilmteich/Leechwald. In Graz habe ich für den ersten Marathon meines Lebens trainiert und diesen im Oktober 2015 auch erfolgreich absolviert. Ein Moment, den ich niemals vergessen werde. Auch mehrere Länderspiele habe ich in der UPC Arena (nunmehr Merkur Arena) mitverfolgt, u.a. gegen Lettland und Schweden sowie ein U21 Länderspiel zwischen Österreich und Spanien (mit Morata, Carvajal, Saúl und Jesé).

Österreich Lettland UPC Arena
Österreich gegen Lettland. 3-1 und drei Ausschlüsse in einem Freundschaftsspiel in der UPC Arena.

Außerdem fehlt mir das politische Klima (ins Besondere) meines Heimatbezirkes Geidorf, in dem die FPÖ im Februar 2017 nur knapp 10% aller Stimmen erhalten hat. Im Jahr zuvor hat Norbert Hofer auch nur 21.7% der möglichen Stimmen erhalten, Bundespräsident Alexander Van der Bellen die restlichen 78.3%.

Ergebnis Gemeinderatswahl Graz-Geidorf 2016

Und zu guter Letzt fehlen mir natürlich viele langjährige Freunde – und Bekannte bzw. Kollegen, die über die Jahre hinweg ebenfalls zu Freunden geworden sind. Wenn ich darüber sinniere, was mir alles fehlt, dann werde ich sogar kurzzeitig eiwändi, wie man in Oberösterreich sagt und was wohl am besten mit „melancholisch“ zu übersetzen ist.

Von Graz nach Ried

Doch ich habe mich entschieden. Nun bin ich zurück in meiner Heimatstadt, der Stadt in der ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin, der Stadt in der ich meine (bis heute) besten Freunde kennen gelernt habe. Im Gegensatz zu einigen anderen Freunden habe ich Ried bis heute auch nie wirklich vollständig verlassen, war aufgrund meiner akut masochistischen Liebe zur SV Ried an jedem Heimspielwochenende daheim anzutreffen und plante sogar meine Urlaube nach dem Rahmenterminplan. Überschlagsmäßig bin ich die 245km lange Strecke Graz-Ried-Graz 250x gefahren. Das ist keine dieser bewussten Übertreibungen, sondern mit 123.000 Gesamtkilometern eine ziemlich realistische Zahl.

In der ersten Woche zurück wurde dann aber dennoch (scherzhaft) als Steirer bzw. Grazer bezeichnet, was mich sogleich an Robert Heinleins Roman „Stranger in a Strange Land“ erinnert hat. Denn in Graz wurde ich auch nach einem knappen Jahrzehnt teilweise noch immer als Innviertler oder Rieder bezeichnet. In Graz hörte der Steirer den oberösterreichischen Dialekt heraus, in Ried wurde ich vom lebenslangen Innviertler für unbewusst reingerutschte steirische Phrasen belächelt.

Größtenteils fühle ich mich aber trotzdem bereits, als ob ich niemals weg gewesen wäre. Ried mag zwar nur knapp 12.000 Einwohner haben, ist aber das Zentrum des Innviertels und eine der wichtigsten Städte in Oberösterreich. Ried ist eine Sportstadt. Die SV Ried wird kommende Saison wieder in der Bundesliga spielen (daran glaube ich ganz fest), die UVC Ried spielt nun das zweite Jahr in der Volleyball-Bundesliga, die Herren des UTC Fischer Ried waren jahrelang in der Tennis-Staatsliga aktiv, die Damen sind heuer in die Bundesliga aufgestiegen (Anm. Danke, Herr Reiter ;)) und beim Leichtathletik-Meeting im alten Stadion kann man jedes Jahr den besten Leichtathleten Österreichs auf Beine und Hände schauen. Ried ist eine Schulstadt. Bundesgymnasium, BORG, HAK, Handelsschule, HBLA, HTL und viele andere Schulen sind von September bis Juli das unliebsame Zentrum von Tausenden von Schülern aus dem Inn- und Hausruckviertel.

Ried ist eine Innovationsstadt. International bekannte und renommierte Unternehmen wie Fischer, Löffler, FACC, Wintersteiger oder TEAM7 haben von Ried aus ihren Siegeszug in ihrer jeweiligen Branche angetreten. Ried ist eine Messestadt. Übermorgen beginnt die Landwirtschaftsmesse am Rieder Messegelände und feiert dabei heuer obendrauf ihr 150. Jubiläum. Ried ist eine Kulturstadt. Die damals europaweit bekannte Bildhauerfamilie Schwanthaler ist auch sogar eine Antwort in der Trivial Pursuit Genius Edition aus den 90ern, welche zu Weihnachten immer aus dem Kasten hervorgekramt wird.

Ried Schwanthaler Altar Stadtpfarrkirche
Der Schwanthaler-Hochaltar in der Rieder Stadtpfarrkirche – (c) Thomas Ledl via Wikipedia, alle Rechte vorbehalten

Und Ried ist auch ein politisches Zentrum. Sebastian Kurz hat letzte Woche am Hauptplatz in Ried (und nicht etwa in Linz, Wels oder Steyr) seinen Wahlkampfauftakt abgehalten. Die Jahnturnhalle ist jeden Aschermittwoch dank der politischen Auftritte von FPÖ-Chef Heinz Christian Strache (und zuvor Jörg Haider) in aller Munde. Die bereits erwähnte Rieder Messe wird von Bundeskanzler Christian Kern eröffnet werden, abgesehen davon werden sich Politiker aus allen Lagern ein Stelldichein bei Bier und Würstel mit den (potentiellen) Wählern geben. Zu guter Letzt kommen auch einige sehr kluge Köpfe aus der Gegend: der Quantenphysiker Anton Zeilinger und der Genetiker Josef Penninger haben beide das Bundesgymnasium in Ried besucht bevor sie später in ihren jeweiligen Fachgebieten weltbekannt wurden.

Hoamatland

Mit seinen bereits erwähnten 12.000 Einwohnern (der Ballungsraum umfasst etwa 80.000 Menschen) ist Ried natürlich eine Stadt der kurzen Wege. Mit dem Auto bin ich je nach Fahraufkommen in maximal 5-7 Minuten im Büro, zu Fuß sind es je nach Gehgeschwindigkeit 15-20 Minuten. Wenn man dadurch im Vergleich zu meinem letzten Job in Graz täglich 20-30 Minuten an Freizeit gewinnt, dann summiert sich dies nicht nur monatlich, sondern bereits wöchentlich. Ried ist ebenfalls so zentral gelegen, dass man mit dem Auto 40 Minuten nach Passau, 45 Minuten nach Linz, 65 Minuten nach Salzburg und 110 Minuten zum Flughafen nach München benötigt. Via ÖBB ist man zudem auch innerhalb von 150 Minuten am Wiener Hauptbahnhof.

Das Salzkammergut kann an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Attersee, Traunsee, Irrsee, Mondsee und Wolfgangssee sind von Ried aus in knapp einer Autostunde erreichbar. Mit der Schönheit dieser Seen und Landschaften kann es bei aller Liebe kein einziger steirischer See aufnehmen. Kulinarisch gesehen bin ich froh, dass ich wieder ein Mohnflesserl mit Salz bestellen kann. Nicht zu viel Mohn und eben mit Salz. Und bitte nicht aus einem süßlichen Teig. Am besten noch aufgeschnitten und mit einem Stück Leberkäse in der Mitte ergänzt.

Mohnflesserl mit Salz
Kaum zu glauben, aber dieses göttliche Stück Bäckereikunst ist in Graz bzw. der Steiermark fast nicht erhältlich. (c) gutekueche.at, alle Rechte vorbehalten

Das Ried, welches ich vor 15 Jahren für Salzburg verlassen habe, kann man nur mehr bedingt mit dem Ried von heute vergleichen. Denn auch hier hat der technologische Fortschritt schon längst Einzug gehalten. Ried war sogar einer der ersten österreichischen Orte mit einem nahezu flächendeckenden Glasfasernetz. Auch hier gibt es mittlerweile das lange von der Öffentlichkeit herbeigesehnte Einkaufszentrum mit Elektronik- und Textilgroßhändler. Die so genannte Weberzeile wurde im Sommer 2015 mitten in der Innenstadt eröffnet und schmiegt sich angenehm in das Stadtbild.

Und in der Zwischenzeit haben auch viele meiner Freunde und Bekannte von damals – nach ihren Studien in Wien, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck oder sonstwo – ebenfalls wieder ihren Weg in die Heimat zurückgefunden. Deswegen fühle ich mich dann eben noch weniger wie ein stranger in a strange land.

Immer, wenn ich im Laufe der letzten Jahre gefragt worden bin, wo ich mich denn heimisch fühlte, war meine lapidare Antwort folgende: ich bin in Graz zuhause, aber in Ried dahoam. Deswegen soll dieser Eintrag nicht als Vergleich zwischen beiden Städten gesehen werden, sondern vielmehr als Liebenserklärung für jene beiden Städte, in denen ich gelebt habe, aktuell lebe und in der Zukunft leben möchte.

Von Mäusen und Menschen

Kommenden Samstag beginnt die neue Bundesligasaison. Die SV Ried ist zum zwanzigsten Mal mittendrin. In der ewigen Tabelle der österreichischen Bundesliga liegt man auf Platz 9 und hat damit Traditionsvereine wie den Wiener Sportklub, die Vienna oder Voest Linz bereits hinter sich gelassen. Wenn man nur Oberösterreich betrachtet, so wurden mit den beiden Cuptiteln (1998 und 2011) genau so viele landesweite Titel erreicht wie dies die beiden Linzer Großvereine zusammen geschafft haben (Double LASK 1965). 2007 wurde man sogar Vizemeister und insgesamt war man acht Mal europäisch vertreten, unter anderem 1998 im Achtelfinale des Europacup der Cupsieger.

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Der Beginn des „Fußballwunders“ Ried. Teamautogrammkarte der Saison 95/96 (Eigenbesitz).

Ortlechner, Schiemer, Lasnik, Ulmer, Royer, Hadzic und einige weitere Spieler haben über Ried (bzw. über den eigenen Nachwuchs) den Sprung in A-Nationalteams geschafft. Aufgrund der bewegten vergangenen Jahre (mehrere Trainerentlassungen und unfreiwillige Abgänge) wurde das ehemalige Strahlemann-Image des Vereins jedoch etwas beschädigt. Auch dem einst als unfehlbar geltenden Sportdirektor und SVR-Macher Stefan Reiter passierten einige Fehlgriffe. Dennoch ließ man sich zu keinem Zeitpunkt aus dem Konzept bringen.

Als man im vergangenen Jahr länger als erhofft im Kampf um den Abstieg teilnehmen musste, konnten am 34. Spieltag gegen Grödig 5.400 Menschen mobilisiert werden. Ohne Rabatte und ohne Gratistickets. Man verfügt über ein (Zuschauer-)Fundament von ca. 3.000 Menschen, die bei jedem Wind und Wetter im Stadion erscheinen. Als Beispiel dafür gilt das 1-0 gegen den WAC am 12. Dezember des Vorjahres. Bei Topspielen (gegen Salzburg, Rapid und den aktuell nicht in der Bundesliga anwesenden LASK) schafft man es nach wie vor, bis zu 6.500 Zuschauer in die Keine Sorgen Arena zu locken. Andere Bundesligateams würden sich diese Planungssicherheit im Bezug auf den Ticketverkauf wünschen.

Für Menschen, die nach 1990 geboren wurden, ist die SVR sogar eine permanente Fixgröße in Österreichs höchster Spielklasse. Wenn man quer durch die Kommentare auf verschiedenen Plattformen (z.B. AustrianSoccerBoard, derstandard.at/sport oder transfermarkt.at) blickt, so hat die SVR es sogar größtenteils geschafft, als erster „Dorfklub“ das Dorfklubimage abzulegen bzw. als Paradebeispiel für einen funktionierenden oder sogar gern gesehenen Dorfklub zu gelten (dies liegt nicht nur an der schwachen Auswärtsbilanz).

sv-ried-cupfinale-2011
ÖFB-Cupfinale 2011 mit über 10.000 Riedern im Happel Stadion zu Wien.

Und dennoch erscheinen Jahr für Jahr noch immer Artikel, welche glauben alles (vieles) schlecht reden zu müssen. Mein Ausgangspunkt für diesen Blogartikel ist der am 13. Juli erschienene Kommentar von Florian Vetter beim Standard. Dort wird man nicht nur fälschlicherweise als „graue Maus“ bezeichnet (ein Prädikat, welches die Admira seit Jahren und Jahrzehnten einnimmt und welches die eigenen Fans sogar schon lieb gewonnen haben), sondern es wird auch das sinkende Zuschauerinteresse mit „nur mehr 4.032 Zuschauern pro Partie“ bemängelt.

In der Stadt Ried im Innkreis leben aktuell 11.680 Bewohner (Stand: 1. Jänner 2016), der Bezirk Ried im Innkreis umfasst 59.878 Menschen und damit ca. ein Viertel des urbanen Linzer Raums. In der gesamtösterreichischen (Fußball-)Zuschauertabelle lag man dennoch auf dem 7. Rang und damit vor den Traditionsvereinen aus Innsbruck (3.758), Linz (3.453) oder dem Aufsteiger aus der Landeshauptstadt St. Pölten (2.763). Für meinen Geschmack nicht so schlecht und gesamtheitlich gesehen daher keine Schande.

Das Fass zum überlaufen gebracht hat (nicht nur bei mir) jedoch folgender Absatz:

Die Rieder Fußballer werden auch Wikinger genannt. Dass ihre Fans das isländische Anfeuerungsritual „Húh“ so unverschämt fladern wie die Franzosen bei der EURO, sollte nicht passieren. Es würde auch nicht so auffallen. Das stakkatoartige „Húh“ samt synchronem Klatschen wird erst in der Masse richtig laut.

Zum einen wird das synchrone Klatschen in Ried schon seit drei oder vier Jahren durchgeführt. Gefladert wird also gar nichts (abgesehen davon wird im Fußballfantum sowieso alles irgendwann mal gefladert). Wie dem auch sei: das „HÚH“ wird durch ein „ES“ „VAU“ „RIED“ ersetzt und ist für den Durchschnitts-Fan auf der West immer eines der Mitmachhighlights während einer Bundesligapartie. Auf der Rieder Westtribüne finden bis zu 2.500 Menschen Platz, zumindest 1.000 sind immer anwesend. Mitunter schafft man es, dass dieses Klatschen zweimal von der Gegenseite zurückhallt.

Wikinger haben ihren Stolz und auch Menschen aus dem Innviertel haben ihren Stolz. Wenn man also der Meinung ist, einen Artikel mit einer Abrissbirne oder ironischen Note zu garnieren, dann sollte man zumindest seine Fakten richtig zusammen bekommen, denn auch die Nutzerkommentare zu diesem Artikel sprechen eine deutliche Sprache.