Der Befreiungsschlag

Der Fußballsport ist kurzlebig. Rechnete man nach dem inferioren 1-3 bei der Admira vielerorts noch mit dem Fixabstieg der SV Ried, so denkt man seit dem gestrigen Spiel gegen Sturm Graz schon wieder an die Qualifikation für die Europa League (natürlich bloß überspitzt formuliert). Doch die Erleichterung nach diesem gestrigen Sieg war und ist noch immer immens. Für mich persönlich war es sogar der wichtigste Sieg seit dem Cupfinale im Jahre 2011 (den man durch die Favoritenstellung gegenüber Austria Lustenau einfach einfahren musste). Auch die knapp 5000 Zuschauer sind eine positive Überraschung und sollten in naher Zukunft wieder zur Norm und nicht zur Ausnahme werden.

Paul Gludovatz hat es binnen fünf Tagen geschafft, einer am Boden liegenden Mannschaft wieder Leben einzuhauchen. Die Stabilisierung der Defensive war dabei Hauptaugenmerk. Ließ man in den bisherigen Saisonspielen immer mindestens fünf Großchancen zu, so kam Sturm trotz Offensivpower durch Avdijaj, Tadic, Schick und Co. gestern nur zu insgesamt zwei gefährlichen Torabschlüssen (wenn man die Volley-Schussflanke von Schick nicht dazurechnet).

Ich bin kein Taktikfreak, diese Analyse überlasse ich daher den Kollegen von ballverliebt, die eine großartige Analyse des Comebacks des berühmt-berüchtigten 3-3-3-1 verfasst haben. An dieser Stelle möchte ich stattdessen Körpersprache und Einstellung der Spieler hervorheben. Gludovatz sprach im sky-Interview nach dem Spiel davon, dass man im Training primär versucht hat, alles mit Kinn und Nase nach oben zu agieren. Dass diese Maßnahme bereits im ersten Spiel gefruchtet hat, war dennoch nicht abzusehen. Erstaunlich ist nämlich, dass einige Spieler wie ausgewechselt spielten, egal ob Gavilan (der den Ball gut abschirmen und verteilten konnte), Janeczek (der als Wingback sogar eine Maßflanke auf Elsneg anbrachte) oder auch Trauner (der gestern endlich wieder den souveränen Abwehrchef mimte) – nur um jetzt einige Beispiele zu nennen. Positiv überrascht konnte man auch über das Comeback von Thomas Reifeltshammer sein, der ohne jegliche Matchpraxis wohl seine beste Leistung seit der Ära Gludovatz I ablieferte und zweifelsohne einer der großen Gewinner des Trainerwechsels ist.

Auch wenn es nur eine Momentaufnahme darstellt, aber mit einer kompakten und aggressiven Spielweise wie gestern sollte diese Mannschaft im Laufe der Saison nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Nicht nur fünf Gelbe Karten, sondern auch die meisten Fouls einer Mannschaft in einem Spiel dieser Saison sind Beweis dafür, dass man gestern eine aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft agieren sah (bei der man gerade in der 1. Halbzeit kaum glauben konnte, dass es sich um die SVR handelte). Der Funke vom Spielfeld sprang gestern auch auf die Tribüne(n) über, denn ich kann mich bei bestem Willen nicht erinnern, wann die Stimmung bei einem Heimspiel zuletzt so gut war (für mich als Rieder in Graz sind die Duelle mit Sturm natürlich auch von besonderer Bedeutung und ich kann morgen ebenso mit erhobenem Kinn durch die Stadt gehen).

Eine (weitere) richtungsweisende Partie wird es allerdings kommende Woche in Grödig geben. Gewinnt man diese Partie, so überholt man einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf und die Tabellensituation bessert sich nochmals. Grödig hat zuletzt dreimal in Folge verloren (und muss auch ohne das ehemalige SVR-Rauhbein und Abwehrstabilisator Hari Pichler antreten) und nimmt nach einem überraschenden Saisonstart so langsam die Position ein, welche ihnen die meisten Experten vor Saisonbeginn eingeräumt hatten. Doch die bisherige Bilanz der SVR am Untersberg ist schlecht, denn nur einem Sieg sowie einem torlosen Unentschieden stehen zwei Niederlagen gegenüber.

Auch ein Rückschlag wäre kein Weltuntergang, denn mit dem gestrigen Sieg hat man sich für’s Erste einiges an überraschender Luft verschafft und anschließend haben Gludovatz/Schweitzer durch die Länderspielpause auch zwei Wochen Zeit, um System und Spielweise weiter voranzutreiben und in die Köpfe der Spieler zu bekommen. Die Lernbereitschaft und den Willen spreche ich den Spielern mittlerweile zu, denn Siege machen Spaß – eine Tatsache, welche die aktuelle Mannschaft bereits größtenteils vergessen hatte. Die SV Ried ist wieder da wurde gestern während der zweiten Halbzeit intoniert. Dies verdankt man primär einem Mann, der als Sir Paul geadelt wurde und kein Messias sein will, aber in diesem Bezug einfach ignoriert wird. Denn Ried und Gludovatz, Gludovatz und Ried – das hat gepasst und passt noch immer.

Paul Gludovatz: Die richtige (Zwischen-)Lösung

Gestern mittags habe ich an dieser Stelle noch davon geschrieben, dass ein Trainerwechsel bei der SV Ried aufgrund der angespannten Lage wohl unausweichlich sein würde. Wie sooft im modernen Fußball haben sich die Ereignisse dann am gestrigen Nachmittag sprichwörtlich überschlagen. Chefcoach Helgi Kolvidsson wurde nach einem langen Gespräch mit Manager Reiter vom Dienst freigestellt. Der erfolglose (aber auch unglückliche) Isländer hatte es während der letzten Wochen nicht geschafft, Stabilität in die Defensive zu bringen oder generell einen erkennbaren Fortschritt am Platz erkennen zu lassen.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass die (vereinzelten) persönlichen Beschimpfungen und Beleidigungen vom Samstagsspiel in der Südstadt in keiner Weise angebracht waren. Kolvidsson mag zwar als Trainer für den zwischenzeitlichen letzten Tabellenplatz verantwortlich gewesen sein, man darf allerdings nicht vergessen, dass er vor allem auch ein (Familien-)Mensch ist, der mit Sicherheit alles nur Erdenkliche für die SV Ried gegeben hat und deswegen wohl mit sich selber am unzufriedensten gewesen ist. Wie man am engagierten Facebook-Statement seiner Tochter Anna erkennen konnte, steht seine Familie zu 100% hinter ihm, was für den ehemaligen Coach von Wiener Neustadt wohl vor allem in den kommenden schwierigen Wochen von großer Wichtigkeit sein wird.

Manager Reiter sprach gestern im Telefonat bei Talk & Tore (#skyTuT) von (s)einer folgenschweren Fehlentscheidung, dass er Kolvidsson von Beginn weg keinen (vereins-)erfahrenen Co-Trainer zur Seite gestellt hatte, der ihm den Start beim neuen Verein hätte erleichtern können. Thomas Sageder ist Sportwissenschaftler, hat allerdings als Co-Trainer mit nur 31 Jahren noch kaum Erfahrung im Profibereich. In der Vergangenheit gab es mit Gerhard Schweitzer, Helmut Kronjäger oder Alfred Tatar stets erfahrene Herrschaften auf dieser Position.

Viele (ich inkludiere mich hierbei selber) hatten mit Gerhard Schweitzer (in seiner fünften Regentschaft) als Interimstrainer (bis zum Jahresende oder gar bis zum Saisonende) gerechnet, nur wenige hatten jedoch ein Comeback der Innviertler Lichtgestalt Paul Gludovatz auf der Rechnung. Durch den Cupsieg 2011, die beiden Herbstmeistertitel 10/11 und 11/12, den Titel des Winterkönigs 10/11 und die vielen wahrhaft fantastischen Leistungen gegen die Topteams der Bundesliga (u.a. 3-0 gegen RB Salzburg, 3-0 gegen Rapid) erreicht der Ehrenbürger der Stadtgemeinde Ried im Innkreis ein Beliebtheitslevel unter den Rieder Fans, welches wohl nicht einmal Kim Jong-il in Nordkorea erreicht.

Der alte Schilfschneider, Winzer, Taktikfuchs und AMS-Trainer (die Auflistung an Spitznamen kann noch beliebig fortgesetzt werden) ist vor allem auch der von mir gestern vehement geforderte Pädagoge. Zum aktuellen Zeitpunkt brauchen die verunsicherten Spieler nämlich vor allem Einzelgespräche mit einer Respektsperson. Außerdem weiß Gludovatz durch seine jahrzehntelange Erfahrung im Jugendbereich auch, wie man mit jungen Spielern richtig umgeht und deren angeschlagene Psychen wieder aufbauen kann.

Wer je eine Trainingseinheit mit dem Duo Gludovatz/Schweitzer beobachtet hat, der weiß, dass der Burgenländer dort mehrheitlich die Rolle des Beobachters übernimmt. Taktische Anweisungen und Trainingsübungen kommen von Gerhard Schweitzer, der vor mittlerweile sieben Jahren auch das vielzitierte 3-3-3-1 System eingeführt hatte, welches der ehemalige Rapid-Coach Peter Pacult vermutlich noch immer nicht ganzheitlich durchschaut hat. Weil die Aufgaben unter dem eingespielten Gespann klipp und klar verteilt sind, gibt es auch keine Auffassungsunterschiede oder Reibereien.

Duo Gludovatz & Schweitzer, (c) nachrichten.at, all rights reserved
Gludovatz & Schweitzer nach dem Cupsieg 2011, (c) nachrichten.at, all rights reserved

Eine Aufbruchsstimmung ist schon jetzt erkennbar. Ich habe seit gestern mit vielen Personen über die Bestellung von Gludovatz gesprochen, die Befürwortung hinsichtlich dieser Entscheidung fällt mit 100% einstimmig aus. Diese Zustimmung, gepaart mit der aktuellen Situation, gibt dem Trainerteam die notwendige Rückendeckung gegenüber Vorstand, Sponsoren und Fans, auch wenn es in den kommenden Wochen nicht schnell nach Wunsch laufen sollte. Bei keiner anderen Konstellation (Heinz Hochhauser mal ausgenommen) wäre eine derartige Rückendeckung vorstellbar. Vor allem sind viele davon überzeugt, dass das wahrgenommen lasche Verhalten der Spieler auf (und auch neben) dem Platz ein baldiges Ende haben wird. Denn Mannschaften von Paul Gludovatz laufen immer mehr als der Gegner.

Morgen wird Paul Gludovatz bereits seine erste Trainingseinheit leiten, anschließend wird der 69-jährige Eberauer als neuer Cheftrainer offiziell präsentiert werden. Bei den OON wird auch ein vormittäglicher Liveticker direkt aus den heiligen Hallen der Keine Sorgen Arena angeboten werden. Übrigens: mit Thomas Gebauer, Thomas Reifeltshammer, Marcel Ziegl und Julian Baumgartner (der damals allerdings zu keinem Einsatz kam) stehen nur mehr vier Spieler im Kader, die bereits zwischen Juli 2008 und März 2012 unter Paul Gludovatz arbeiten durften.

Gepaart mit dem prognostizierten Schönwetter, dem attraktiven Gegner aus Graz-Liebenau und dem Samstagabendtermin erwarte ich mir eine angemessene Zuschauerzahl für das Comeback des früheren U20-Erfolgscoaches. Pikanterweise ist Sturm Graz auch jene Mannschaft, für die Gludovatz im März 2012 das Ruder am Wikingerschiff verlassen hatte, um im schwarzen Graz als Sportdirektor anzuheuern. Der Erfolg blieb ihm damals aus, wohl auch aufgrund der großen Menge an Mitredner und Mitbestimmer in der steirischen Landeshauptstadt. Sollte der Erfolg bei seinem Comeback in Ried nun ebenfalls ausbleiben, kratzt er jedoch an seinem Denkmal. Für das Wohlbefinden aller Anhänger der SV Ried bleibt zu hoffen, dass sich nach Angerschmid und Oliver G. nicht noch eine dritte Vereinsikone innerhalb kürzester Zeit das eigene Andenken demoliert. Aber dazu wird es nicht kommen, denn: in Paul we trust.