SV Ried: Zwischenfazit nach einem Saisondrittel

Ein Drittel der Saison 2017/18 ist seit vergangenem Freitag bereits wieder absolviert. Die SV Ried liegt mit 23 Punkten auf dem zweiten Tabellenplatz. Vor der Saison von Gegnern, Experten und auch sich selber als Aufstiegsfavorit #1 gehandelt, waren vor allem die ersten beiden Monate ziemlich unzufriedenstellend.

Franz Fekete Stadion in Kapfenberg
Rückschläge wie etwa in Kapfenberg kennzeichneten das erste Saisondrittel // Foto: Gerald Emprechtinger

Zuletzt konnte man allerdings durch drei Siege in Folge bei einem Torverhältnis von 10:2 Toren (3-0 bei Wiener Neustadt, 3-1 gegen Austria Lustenau und 4-1 beim FAC) und dem Weiterkommen im ÖFB Cup (durch das 1-0 in Neusiedl/See) eine Trainerdiskussion rund um Lassaad Chabbi verhindern und auch die permanente Kritik eines oberösterreichischen Boulevardblattes (zumindest vorübergehend) verstummen lassen.

16 neue Spieler mussten zu Saisonbeginn in die Mannschaft integriert werden. Eigentlich kann man hier schon gar nicht mehr von Integration sprechen, da aufgrund der langen Verletzungspause von Marcel Ziegl (nach Kreuzbandriss) und der Verletzungsprobleme von Thomas Reifeltshammer zumeist nur zwei bis drei Spieler auf dem Feld standen, welche auch bereits in der Saison 2016/17 dem Abstiegskader aus der Bundesliga angehörten.

Wiederkehrer im Team

Thomas Gebauer ist als Kapitän geblieben und hat zuletzt u.a. mit einem gehaltenen Elfer in Wiener Neustadt bei der Trendwende im September mitgeholfen. Ronny Marcos, im Sommer fix von Greuther Fürth verpflichtet, kam zuletzt gerade offensiv immer besser in Schuss und war beim 4-1 in Floridsdorf einer der Aktivposten in der Mannschaft. Thomas Fröschl konnte bereits fünf Saisontore erzielen (um vier mehr als in der gesamten Saison 16/17) und entschied das Duell der Topkandidaten auf den Aufstieg gegen Wacker Innsbruck mit einem Hattrick quasi im Alleingang.

Clemens Walch ist leider auch heuer wieder Clemens Walch. In Form und frei von Verletzungspech (also quasi nie) einer der besten Spieler der Liga (bzw. eigentlich zu gut für diese Liga), konnte er zuletzt das wichtige 1-0 in Wiener Neustadt sowie das letztendlich entscheidende 2-1 gegen Austria Lustenau erzielen, verletzte sich allerdings postwendend im ÖFB Cup bei der Regenschlacht in Neusiedl am See.

Die Lustenauer Fraktion

Von den Neuzugängen waren die Erwartungen an Julian Wießmeier extrem hoch. Als Spieler des Jahres 2015/16 und Drittplatziertem bei selbiger Wahl in der Vorsaison wurde seine Verpflichtung im Mai als Königstransfer gehandelt. Sein Saisonstart verlief jedoch äußerst schleppend. Bis zum 9. Spieltag war er erstaunlicherweise sogar an keinem einzigen Tor direkt beteiligt. Der Treffer zum letztendlich nicht entscheidenden 1-0 in Kapfenberg war jedoch so etwas wie ein Knackpunkt für den Deutschen. In den letzten vier Runden überzeugte er nämlich mit drei Toren und drei Assists und scheint damit spät aber doch im Innviertel angekommen zu sein.

Bisher die Überraschung der Saison und wohl der überzeugendste Spieler im Rieder Kader ist jedoch Ilkay Durmus. Aufgrund eines Vertragskonflikts mit Lustenau-Präsident Hubert Nagel im Frühjahr nie zum Einsatz gekommen, stellte sich der Deutschtürke ausgerechnet gegen seinen Ex-Verein in der zweiten Runde mit einem Weitschuss-Traumtor bei den Fans seiner neuen Mannschaft vor. Durmus ist extrem dribbelstark und mit einer überragenden Flankentechnik ausgestattet. Derzeit führt er mit vier Toren und fünf Assists sogar die Scorerwertung der sky Go Erste Liga an.

Scorerliste SV Ried nach 12 Runden

Auf Platz 3 der Scorerliste liegt aktuell im Grunde für viele überraschend Seifedin Chabbi. Ich kann mich an keinen Spieler erinnern, der in Ried einen schwereren Start hatte. Sowohl auf dem Feld als auch bei den Fans. Weil der Trainersohn zu Saisonbeginn nicht traf, wie ein Fremdkörper auftrat aber trotzdem regelmäßig spielte bzw. eingewechselt wurde, hagelte es (zum Teil berechtigte) harsche Kritik von allen Seiten – auch von meiner Person im Spielbericht des inferioren 0:4 gegen Liefering. In den letzten 7 Spielen konnte er jedoch 6x anschreiben und außerdem zwei Assists liefern. Auch wenn er keine statistisch spielentscheidenden Tore beitragen konnte, so verhalfen seine Treffer gegen Wacker,  Wattens, Wiener Neustadt, Lustenau und Floridsdorf dennoch jeweils dazu, die angeführten Spiele auf Eis zu legen.

Die Defensivzentrale

Aufgrund der bereits angeführten Verletzungsprobleme von Vizekapitän Thomas Reifeltshammer bilden Peter Haring und Kennedy Boateng seit vielen Runden die Stamminnenverteidigung. Letzterer ist neben Thomas Gebauer sogar der einzige Spieler, der bisher alle Ligaminuten absolvieren durfte. Zu Saisonbeginn durch die offensive Spielweise mit einer extrem hohen Linie noch regelmäßig von schnellen Gegenspielern überrascht und bestraft, agiert man nun bereits seit mehreren Runden größtenteils souverän. Dafür verantwortlich ist nicht nur die leichte Adaption des Spielsystems von 4-4-2 auf ein 4-2-3-1 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, sondern auch die last-minute-Leihe von Lukas Grgic. Der vom LASK ausgeliehene Welser hatte keinerlei Anpassungsprobleme und ist als Abräumer vor der Innenverteidiger ein Hauptgrund für den aktuellen Erfolgslauf der Mannschaft. Man kann nachvollziehen, wieso viele Linzer Fans hoffen, dass man der SVR keine Kaufoption für ihn gegeben hat.

Lukas Grgic und Lassaad Chabbi Spielerpräsentation
Räumt alles ab: der späte Neuzugang Lukas Grgic // Foto via skysportaustria.at

Neben Grgic hat zuletzt in zwei von drei Spielen Pius Grabher agiert. Der Vorarlberger schien – ähnlich wie Wießmeier – nach einigen Runden bei Lassaad Chabbi in Ungnade gefallen zu sein. Aufgrund seiner Spielweise (kein Sechser oder Zehner, sondern eher ein Achter) passte er auch nicht optimal in das Zwischendurch praktizierte flache 4-4-2 System. Diese zwischenzeitlichen Probleme scheinen jedoch aus der Welt geschafft zu sein, denn auch er profitiert von Grgic und agierte zuletzt schräg nach vorne versetzt als Bindeglied zu den vier offensivsten Spielern.

Erfahrung aus der Champions League

Zuletzt war Grabher auch Profiteur der Wadenverletzung von Marko Stankovic. Der steirische Routinier hält bei zwei Toren und einem Assist (darunter zwei direkt verwandelte Freistöße). Besonders wichtig auch sein Eckball zum 1-1 gegen Lustenau kurz vor der Halbzeitpause. Der ehemalige Spieler von Sturm Graz ist vor allem dann wertvoll, wenn sich der Gegner tief in die eigene Hälfte zurückzieht und kein Gegenpressing betreibt. Seine schlechtesten Leistungen hat er im Gegensatz dazu gegen aggressive und offensivstarke Gegner gezeigt, da seine Spielweise weniger dynamisch ist als jene der anderen zentralen Mittelfeldspieler im Kader. Allerdings musste er zu seiner Verteidigung auch oft einen defensiven Part geben, obwohl er in seiner Karriere stets im Sturmzentrum oder hinter den Spitzen aktiv war. Mit seiner Erfahrung und Einstellung ist er im jungen Kader allerdings trotzdem wichtig für die Entwicklung der Mannschaft.

Nachwuchskicker aus der eigenen Akademie

Stefano Surdanovic hält bei 415 Einsatzminuten sowie einem Tor und einem Assist. Das hätten dem jungen Welser vor der Saison wohl nur wenige Insider zugetraut. Primär profitierte der Serbe zu Saisonbeginn von der schlechten Form einiger Offensivkräfte. Beim 1:1 im Derby durfte er sogar die Solospitze mimen, man hatte das Gefühl dass seine Sturmkonkurrenten für die Blamage in Grödig gegen Liefering bestraft wurden. Dabei blieb er jedoch sehr blass, zuletzt wurde er durch die ansteigende Form von Chabbi, Wießmeier und Fröschl auch nur mehr selten eingesetzt. Dennoch ist er ein Versprechen für die Zukunft und ein Kaderspieler, der auch bei Kurzeinsätzen für Offensivgefahr sorgen kann. Arne Ammerer kam zwar erst 71 Minuten zum Einsatz, profitiert jedoch von der Systemumstellung und wurde zuletzt regelmäßig als Absicherung in der Schlussphase eingewechselt. Mit einer guten Physis ausgestattet, kann man sich auch vom 21-jährigen Nachwuchskicker gute Momente im Laufe der Saison erwarten.

Surdanovic und Schiemer bei Vertragsunterzeichnung
Erster Profivertrag bei der SVR: Stefano Surdanovic // Foto via svried.at

Die rechte Mannschaftsseite

Wie Ilkay Durmus hält auch Thomas Mayer bereits bei fünf Saisonassists. Aufgrund der Verletzungsprobleme von Clemens Walch regelmäßig in der Startelf, überzeugte der bissige und dribbelstarke Leihspieler aus Liefering im Grunde bei jedem Saisoneinsatz. Sein einziges Saisontor aus dem Cupspiel gegen den WSC ist wohl auch das zweitschönste Tor, das die SV Ried in dieser Saison erzielen konnte. Und derer gibt es immerhin schon 32. Ebenfalls auf der rechten Seite im Dauereinsatz ist Manuel Kerhe. Ähnlich wie vor einem Jahrzehnt bei Ewald Brenner, wurde der ehemalige Offensivspieler teilweise aus der Not gedrungen zum rechten Außenverteidiger umgeschult und fällt dabei in letzter Zeit kaum auf, was für mich bei einem Defensivakteur ein positives Zeichen ist.

Die Ergänzungsspieler

Einen nicht ganz leichten Stand hat Christian Schilling. Der Defensivallrounder musste in dieser Saison bisher zumeist irgendwelche Lücken füllen. Nämlich als Rechtsverteidiger, rechter Innenverteidiger, Linksverteidiger und linker Mittelfeldspieler. In der Liga kam er in den letzten fünf Spielen jedoch nicht zum Einsatz, was sich gegen Liefering aufgrund der Gelbsperre von Peter Haring jedoch ändern dürfte. Balakiyem Takougnadi, eigentlich als Rechtsverteidiger eingeplant, wirkte beim 3-2 Heimsieg gegen den FAC völlig überfordert, war bei beiden Gegentoren der Hauptbeteiligte und wurde in der Halbzeit ausgewechselt. Seither durfte er nur mehr drei Minuten gegen Hartberg spielen, war dadurch auch beim späten Ausgleich der Oststeirer am Feld und war zuletzt auch sechs Spiele nacheinander nicht im Matchkader. Gabriel Lüchinger konnte in der Vorbereitung durchaus überzeugen, schaffte es während der Meisterschaft jedoch nur selten in den Kader. Seine zuletzt erhaltene Chance in Floridsdorf konnte er jedoch nicht nützen, er wurde in der Halbzeit (für uns Tribünengäste erwartungsgemäß) ausgewechselt.

Fazit und Ausblick

Ich verzichte zum aktuellen Zeitpunkt auf Schulnoten für einzelne Spieler. Vorzugsschüler sind aber auf alle Fälle Ilkay Durmus und Lukas Grgic. Von Marko Stankovic, Clemens Walch und Thomas Reifeltshammer erwarte ich mir aufgrund ihrer individuellen Klasse mehr.

Man liegt trotz des verpatzten Saisonstarts nur einen Punkt hinter Wiener Neustadt, jedoch vier Punkte vor Wacker Innsbruck und sogar elf vor Austria Lustenau. Diese Mannschaften galten vor der Saison als härteste Konkurrenten um den Aufstieg. Liefering spielt außer Konkurrenz und Hartberg traue ich es noch immer nicht zu, die gesamte Saison über im vorderen Tabellendrittel mitzuspielen.

Man konnte aber schon eindrucksvoll feststellen, dass die sky Go Erste Liga kein Selbstläufer ist und an einem guten Tag auch jeder jeden schlagen kann. Wenn man vor der Saison angeboten bekommen hätte, dass man nach einem Saisondrittel auf einem Aufstiegsplatz liegt, hätten dies wohl die meisten wohlwollend unterschrieben. Jedoch darf man keine Minute vom Gas steigen oder mit nur 90% in die Zweikämpfe gehen, da man ansonsten (auch) in dieser Liga umgehend bestraft wird.

Gegen Blau-Weiß Linz, Hartberg und Kapfenberg hat man in den Schlussminuten gleich fünf Punkte verschenkt, welche noch immer weh tun. Dieses mentale Problem hat man zuletzt jedoch scheinbar in den Griff bekommen. Wendepunkt dabei der 3-0 Erfolg bei Wiener Neustadt. Seither hat man es nämlich auch geschafft, Spiele souverän heimzuspielen bzw. bei einem Rückstand (gegen Lustenau) nicht die Nerven zu verlieren.

Fröschl Wießmeier Ried FAC
Immer für Tore gut: Thomas Fröschl und Julian Wießmeier // Foto: GEPA pictures/ Christian Ort

Wenn man den aktuellen Weg konsequent weitergeht, wird man die Favoritenstellung im Endeffekt auch bestätigen können, denn die Offensive ist jederzeit für ein Tor gut und der Ligabestwert von 27 Toren ist über mehrere Schultern (Chabbi, Fröschl, Durmus, Wießmeier) verteilt, was ein Zeichen für eine gute Breite im Offensivkader ist. Zuschauermäßig hat man den mit Abstand höchsten Schnitt der Liga, dieser wird bei regelmäßigen Erfolgen auch weiter nach oben gehen und ein wichtiger Faktor im Aufstiegskampf sein.

Zum Abschluss noch eine Statistik, welche der SV Ried weiteren Mut machen sollte. Betrachtet man die letzten zehn Absteiger aus der Bundesliga, so konnte nach einem Meisterschaftsdrittel nur Altach im Herbst 2009 mehr Punkte aufweisen als die Rieder heuer.

Absteiger Punkte nach 12 Spielen Zwischenrang
2017/18 SV Ried 23 2.
2016/17 SV Grödig n/a n/a
2015/16 SC Wiener Neustadt 11 8.
2014/15 FC Wacker Innsbruck 18 4.
2013/14 SV Mattersburg 16 6.
2012/13 Kapfenberger SV 10 9.
2011/12 LASK Linz 20 3.
2010/11 SK Austria Kärnten n/a n/a
2009/10 SCR Altach 26 2.
2008/09 FC Wacker Innsbruck 23 3.

Heuer reicht im Gegensatz zum damals, als die Admira den Vorarlberger den Aufstieg wegschnappte, auch schon der 2. Tabellenplatz für den Aufstieg. Das klare Ziel ist jedoch der Meistertitel, welcher zum aktuellen Zeitpunkt so realistisch wie überhaupt noch nie in dieser Saison ist.

Denn um die aktuellen 23 Punkte nach zwölf Runden besser einordnen zu können, vielleicht noch ein abschließender Vergleich mit dem letztjährigen Aufsteiger: die im Endeffekt konkurrenzlosen Linzer hatten nach 12 Runden lediglich einen Punkt mehr auf dem Konto und dabei sogar drei Tore weniger erzielt.

Das Debakel von Liefering

Ich hatte vorher knapp 70 Minuten lange Zeit um mir zu überlegen, was ich zu diesem niederschmetternden 0:4 gegen Liefering schreiben würde. Angesichts des heute Erlebten hatte bei der Autofahrt von Grödig nach Ried niemand in unserem Auto große Lust auf Smalltalk. Kollektive Fassungslosigkeit und betretenes Schweigen waren nach einer Götterdämmerung in Sachen zweitklassigem österreichischen Fußball vorherrschend. Einige emotionale Passagen habe ich durch den Abstand von nunmehr zweieinhalb Stunden seit Spielende noch zusätzlich entschärfen oder weglassen können.

Zerknülltes Eintrittsticket von Liefering gegen Ried aus dem August 2017
Das Corpus Delicti, ein Zeitzeugengegenstand direkt aus der Fußballhölle.

Gestern abends habe ich bei einer Twitter-Diskussion noch die bisherigen Leistungen verteidigt und erneut behauptet, dass man aufgrund von Kaderzusammenstellung und Infrastruktur der Favorit auf den Aufstieg bzw. den Meistertitel sei. Diese Meinung revidiere ich nun, viel mehr drehe ich mich um 180° und glaube nun, dass diese Mannschaft nur recht wenig mit den vorderen Plätzen zu tun haben wird.

Das heutige Spiel hat nämlich alle bisherigen Leistungen völlig neu eingeordnet. Die Leistung im Saisonauftakt gegen eine biedere Mannschaft aus Wiener Neustadt war schlecht. Die Leistung in der ersten Halbzeit gegen den FAC, die vermeintlich noch immer schwächte Mannschaft der Liga, war peinlich. Die Leistung bei der heutigen 0:4 Niederlage gegen Liefering war jedoch geradewegs unfassbar. Eine 0:3 Niederlage gegen ein ersatzgeschwächtes Grödig im Dezember 2013 (bei der sogar der Platzwart Pfeilstöcker eingewechselt wurde) hatte ich bis heute für absolut ununterbietbar gehalten. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Die erste Halbzeit war nicht gut, aber das war man heuer bereits gewohnt. Wie kann man jedoch nach der Halbzeitpause aus der Kabine kommen, den eigenen Anstoß fatal zum Gegner spielen, eine große Torchance zulassen, kollektiv weiterschlafen und wenige Sekunden später dann doch noch das Gegentor erhalten? Wie kann man als gestandender Bundesligakicker mit CL-Erfahrung einen Ball nicht einfach wegdreschen, wenn der eigene Tormann nicht im eigenen Tor steht? Wie ist so etwas im Profifußball möglich? In keinster Weise war man dem Gegner RB3 heute ebenbürtig. Weder spielerisch, noch läuferisch, noch kämpferisch und sowieso nicht taktisch.

Denn so langsam ist es an der Zeit sich die Frage zu stellen, ob der größte Feind hinsichtlich der eigenen Aufstiegsambitionen nicht auf der eigenen Trainerbank sitzt. Sein Name ist Lassaad Chabbi und er wurde am Freitag von einem Kollegen relativ treffend als die österreichisch-tunesische Variante von Frenkie Schinkels bezeichnet. Absolut nichtssagenden Interviews vor und nach den Spielen („wenn man gewinnt ist man Favorit, wir haben verloren also sind wir nicht mehr Favorit„) und großen Töne (u.a. „kein Heimspiel mehr verlieren„, „den Code des Gegners geknackt„) steht ein verpatzter Saisonauftakt zu Buche, bei der eine Vielzahl an Spielern völlig ahnungslos über das Feld trabt (u.a. Wießmeier, Chabbi Jun., Kerhe, Marcos) und augenscheinlich keine Ahnung hat, welche Rolle man im Spiel einnehmen soll und wie das allgemeine taktische Konzept aussieht. Daher will ich an diesem Punkt folgende konkreten Fragen aufwerfen:

  • Warum wird gegen die schnellste/dynamischste Truppe der Liga mit einer völlig rigiden (hölzernen) Dreierkette agiert, welche weder im Testspiel gegen Academia Puskas noch in der zweiten Halbzeit gegen Wiener Neustadt auch nur ansatzweise funktioniert hat und dementsprechend heute nach Belieben überlaufen und -spielt wurde?
  • Warum wurde bei der Kaderplanung auf einen natürlichen linken Innenverteidiger  „vergessen“? Haring hat heute als linker Innenverteidiger in der Dreierkette agiert, ein natürlicher Rechtsfuß der nahezu überhaupt keinen präzisen Ball mit seinem linken Fuß hinausspielen kann (oder will) und dem Gegner daher mehr als nur einmal den Ballbesitz zurückgeschenkt hat, die Quittung mit der schnellen Auswechslung nach dem 0:2 kassiert hat.
  • Warum werden Eckbälle gewöhnlich halbhoch, halbscharf an den ersten Pfosten getreten um dort vom ersten Defensivspieler des Gegners aus der Gefahrenzone geköpft oder geschossen zu werden? Generell waren viele eigene Ecken heute der Ausgangspunkt für gefährliche Konterchancen für Liefering. Im Allgemeinen ist die völlig ideenlose Ausführung von Standardaktionen – egal ob jetzt Freistöße oder Ecken – schon länger ein markanter Schwachpunkt im Spiel der Mannschaft. In einer Mannschaft, in der früher klingende Namen wie Lasnik, Drechsel, Lexa, Brenner, R.Zulj, Kragl oder Thomalla an Standards herangelassen wurde, liegt das letzte Tor aus einem direkten Freistoß mittlerweile schon lange zurück, genau gesagt sprechen wir vom Herbst 2015 (Anmerkung 8.8.: Fehler meinerseits, konnte Stankovic doch gegen den FAC einen Freistoß direkt verwandeln, was aber nur wenig am generellen Sachverhalt ändert). Wie viel man mit einstudierten und überraschenden Standardsituationen erreichen kann, sieht man derzeit ausgerechnet beim Aufsteiger in der Bundesliga.

Wir sind der Absteiger aus der Bundesliga und auch wenn es bei einem der schlechtesten Spiele der SVR-Geschichte komisch klingt, so muss ich die Einzelleistung von Seifedin Chabbi heute trotzdem noch gesondert herausheben. Fremdkörper ist nämlich eine Übertreibung für dessen heutige Leistung während der zweiten 45 Minuten. Ein Spieler, der derart verunsichert (?) ist, dass er sich keinen Ball stoppen kann, keinen Pass auf eine Distanz von zwei Metern spielen kann, pausenlos schwarz-grüne Trikots mit rot-weißen Trikots verwechselt und eine Körpersprache und Laufbereitschaft wie auf einer Beerdigung vorzeigt, gehört zumindest temporär aus dem Mannschaftskader genommen. Leider hat man sich mit den beiden Chabbis in der gleichen Mannschaft selbst ein Problem geschaffen, welches mit jedem torlosen Spiel des Filius (derzeit sind es sechs) größer werden wird.

Taktiktafel Seifedin Chabbi beim Spiel Liefering gegen Ried
Die Taktiktafel der Bundesliga (via bundesliga.at) beweist das Gefühlte rot auf grün, dass bei Seifedin Chabbi quasi alles in Tornähe schiefgegangen ist.

Pech für ihn natürlich auch, dass er in der zweiten Halbzeit primär vor den eigenen Fans agieren musste. Der Großteil des mitreisenden Supports ist bei Niederlagen der SVR im Normalfall gnädig. Heute bekam die Truppe jedoch nicht einmal von den Dauerjublern vom FCSG tröstenden Applaus gespendet. Die wenigen Mitreisenden welche noch auf den Rängen waren, schickten die Mannschaft beim Ansatz des Gangs nach Canossa verbal und wild gestikulierend sofort wieder in Richtung Kabine.

Bei einer Niederlage am Freitag im Derby gegen Blau Weiß Linz ist die eine oder andere Eskalation zu befürchten. Der harte Kern hat sich im Laufe der letzten Monate nämlich vieles gefallen lassen und ist bis zum Abstieg und darüber hinaus trotzdem voll mitgegangen. Aber eine zweite Klatsche, noch dazu in einem Derby, würde wohl auch alte Wunden aufreißen. Und dann sehe ich hinsichtlich Stimmungslage schwarz für das Projekt Wiederaufstieg.

Auswärtssektor in Grödig beim Spiel Liefering gegen Ried
Das Highlight an diesem Spiel war das laue Sommerwetter vor Spielbeginn in Grödig, am Fuße des Untersbergs im schönen Salzburgerland.