Das Ende der Ära Lassaad Chabbi in Ried

Am heutigen Ostermontag, knapp vor 11:00 wurde aus der Pressestelle der SV Ried das Unvermeidliche vermeldet. Aus gegebenem Anlass habe ich mich nun doch dazu entschlossen, wieder einige Gedanken zu Papier zu bringen.

Die 0-1 Niederlage in Hartberg am Karfreitag stellte den nächsten Tiefpunkt in einer Reihe von unendlichen Tiefpunkten dar. Zuletzt blieb man acht Mal en suite (das Cupspiel in Hütteldorf mitgerechnet) sieglos. Der Meistertitel ist längst passé, zehn Punkte Rückstand sind zu diesem Zeitpunkt der Saison auf Wacker Innsbruck nicht mehr aufholbar. Nur aufgrund der Schwächephasen anderer Aufstiegskonkurrenten (vor allem Wiener Neustadt, die sich am Freitag zu einem 2:2 gegen Wattens mühten) ist die SVR nach fünf von 21 möglichen Punkten im dritten Saisonviertel überhaupt noch im Kampf um den direkten Aufstiegsplatz.

Und diese Tabelle des 3. Saisonviertels, welche schon vor drei Wochen ein äußerst tristes Bild abgab, wurde mittlerweile zu einem Albtraum für jeden Fußballfan im Innviertel.

Formtabelle des 3. Saisonviertels in der skyGoEL

Nur aufgrund des Torverhältnisses liegt man in dieser Momentaufnahme noch vor den lahmen Falken aus Kapfenberg. Auf Wacker Innsbruck wurden schier unglaubliche 14 Punkte verloren, jeweils fünf auf Wiener Neustadt und Hartberg. Und kurioserweise könnte selbst Austria Lustenau mit einem starken Frühling noch ins Schneckenrennen um den Relegationsplatz noch eingreifen.

Trainerwechsel richtig – aber zu spät

Das Präsidium hätte schon vor zweieinhalb Wochen, nach dem 1:3 gegen Wacker Innsbruck, eingreifen müssen. Schon zu diesem Zeitpunkt war für alle klar ersichtlich, dass diese Mannschaft auf dem Boden liegt. Jegliches Selbstvertrauen und auch jegliches Selbstverständnis aus dem Herbst war vollständig verloren gegangen. Nach dem Doppelschlag der Tiroler lief jeder Spieler mit hängendem Kopf über das Spielfeld, Selbstzweifel und „Warum schon wieder wir“-Gedanken überwogen wohl alle anderen Gefühle. Noch nie war Körpersprache so laut wie in diesem Moment. Die Mannschaft hat nach einem Impuls gelechzt, der allerdings ausblieb.

Der Zeitpunkt für einen Trainerwechsel wäre damals richtig gewesen. Ein neuer Trainer hätte zwei Wochen ununterbrochene Vorbereitung gehabt und somit in dieser Zeit Einzelgespräche mit allen Spielern führen können. Aus verschiedenen Quellen war übrigens immer wieder der Name Didi Kühbauer zu hören, der allerdings gestern beim möglichen Relegationsgegner aus St. Pölten unterschrieben einen Vertrag bis Saisonende unterschrieben hat.

Doch in der Führungsriege der SVR entschloss man sich nach Krisengesprächen zu einem „reinigenden Gewitter“, welches seine Konsequenz in einigen Alibiaktionen beim Spiel gegen Hartberg hatte. Das System wurde von einem 4-4-2 auf ein 4-2-3-1 umgestellt. Dies wurde von mir an dieser Stelle noch vor einigen Wochen gefordert bzw. vorgeschlagen – dagegen habe ich demnach auch nichts einzuwenden. Doch manche personelle Entscheidungen konnte man von außen schlichtweg nicht nachvollziehen.

Christian Schilling (seit Monaten ohne jegliche Spielpraxis) ersetzte Ronny Marcos, Kennedy Boateng (in der 1. Halbzeit) und Peter Haring (in der 2. Halbzeit) rückten ins defensive Mittelfeld vor, vor allem wahrscheinlich um die robusten Hartberger körperlich und bei Standards etwas mehr zu fordern. Konsequenz war allerdings ein spielerisches Loch zwischen Defensive und Offensive, welches von Marcel Ziegl nicht gestopft werden konnte. Die box-to-box Fähigkeiten von Lukas Grgic oder Pius Grabher wurden schmerzlich vermisst. Und auf den Seiten ist die Antiform von Ilkay Durmus und Clemens Walch weiterhin ein Riesenproblem. Dass Seifedin Chabbi (der eine Chance vergab, welche er im Herbst noch blind verwandelt hätte) und Thomas Fröschl seit November ohne Torerfolg sind, wurde im Laufe der vergangenen Wochen schon mehrfach erwähnt.

Kein Händchen bei Transfers

Die so genannten Verstärkungen aus der Winterpause können auch nichts bewirken. Denn hier wurde im Nachhinein gesehen alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Philipp Prosenik passt vom Spielertyp her überhaupt nicht in diese Mannschaft. Auch wenn man in der Winterpause mit einem Abgang von Seifedin Chabbi rechnete (der mittlerweile wohl wieder 50% seines Marktwerts verloren hat), so war Prosenik nicht die logische Lösung für dieses Problem. Mit Ausnahme seiner Topchance gegen Rapid kann ich mich in seinen mickrigen 119 Einsatzminuten in der Liga an keine einzige vernünftige Aktion erinnern. In diesen fünf Spielen holte die SVR dann übrigens auch 0.40 Punkte pro Spiel.

Flavio Dos Santos sitzt nach wie vor auf den Kapverden fest, mehr als vier Monate nach seiner Verpflichtung aus Floridsdorf. Man hört immer wieder etwas von Passproblemen, doch hat die SVR bis heute kein einziges offizielles Statement abgegeben, was genau das Problem ist und wie man versucht dies zu lösen. Auf diese Weise entstehen Gerüchte. In Sachen Kommunikation besteht hier massiver Aufholbedarf.

Nachdem man für diesen Spieler Ablöse bezahlt hat, fehlt dieses Geld zum aktuellen Zeitpunkt an anderer Stelle – wie etwa beim Gehalt für einen möglichen neuen Trainer. Der dritte Neuzugang, Constantin Reiner, wurde von Lassaad Chabbi ohne Mühe und Not gleich im ersten Spiel gegen den FAC von Beginn an eingesetzt, obwohl die Achse Boateng-Haring im Herbst letztendlich nicht so schlecht funktioniert hatte. Nach seinem Fehler, der zum 1-1 führte, wurde der junge Salzburger jedoch nie wieder eingesetzt und musste zuletzt sogar bei den Ried Amateuren (ich weigere mich dagegen, jemals „Junge Wikinger“ zu schreiben) in der 4. Liga spielen.

Franz Schiemer übernimmt

Wer auch immer die vorher erwähnten Transfers entschieden und abgesegnet hat – ab sofort gibt es für Franz Schiemer keinerlei Ausreden mehr. Indem er die Mannschaft (zumindest temporär) selber übernimmt, nimmt er nun den gesamten Druck (der Fans, der Sponsoren, des Vorstands, der Mitglieder, der Medien, der Öffentlichkeit) auf sich.

Und trotzdem war es völlig richtig, dass ein Akzent gesetzt wurde, obwohl noch kein neuer Trainer präsentiert werden konnte. Sollten die Spiele gegen Wattens und Kapfenberg positiv verlaufen, kann ich mir ohne weiteres vorstellen, dass Schiemer auch bis zum Saisonende am Ruder bleiben wird. Dies hat natürlich auch finanzielle Aspekte. Lassaad Chabbi unterschrieb am 1. März 2017 einen Vertrag bis Juni 2019, dies bedeutet demnach, dass man sein Gehalt noch eineinhalb Jahre weiterzahlen muss.

Nun kann Franz Schiemer bei der Realisierung seines Wunschfußballs auch niemand mehr dazwischenreden. Leichte atmosphärische Störungen mit seinem Trainer (wie bei der Auftakt-PK der sky Go Erste Liga, als Chabbi Schiemer mehr oder weniger als unerfahren bezeichnete) gab es bereits zu Beginn der Frühjahrssaison.

Formabfall der Spieler

Der Fokus liegt nun also deutlich auf dem Trainer und Sportdirektor in Personalunion. Was im Bezug auf die Mannschaft auch hilfreich sein könnte. Denn nüchtern betrachtet war schon im November spielerisch nicht mehr alles Gold, was glänzte. Die Spielweise der Mannschaft entwickelte sich im Spätherbst nämlich nicht mehr weiter – im Gegenteil sogar, das Spiel wurde stets unzusammenhängender und immer weniger anschaulich.

Was auch daran lag, dass wichtige Leistungsträger ihre Form verloren hatten und enge Spiele weniger oft durch Einzelaktionen der Spieler mit individueller Klasse entschieden wurden. Wirft man einen genauen Blick zurück auf die Spiele im Herbst, dann war das letzte Spiel, welches aus objektiver Sicht sowohl spielerisch als auch vom Ergebnis her überzeugend gewonnen wurde, am 29. September 2017 gegen Liefering (6-1) – also vor einem halben Jahr.

Was danach folge war ein mühevoller Sieg im Derby, ein aufgrund später Gegentore noch knappes 2-1 in Wattens sowie ein glanzloses 2-0 gegen Kapfenberg. Die anderen neun Spiele in diesem Zeitraum wurden nicht gewonnen. Hatte man sich vor dem Match gegen Wacker noch die Statistik schön zurecht gelegt, dass man von den letzten 14 Spielen nur eines verloren hatte, so hätte man diese Statistik zum gleichen Zeitpunkt auch andersherum interpretieren können: denn nur zwei von neun Spielen wurden gewonnen, was für den selbsternannten Aufstiegskandidaten #1 viel zu wenig ist.

Warum aber verloren so viele Leistungsträger ihre Form? Dies kann ich von außen schwer beurteilen. Mit Ausnahme von Julian Wießmeier (der im Frühjahr so richtig aufblüht) und Manuel Kerhe scheint im Frühjahr jeder andere Spieler seine Normalform verloren zu haben. Während der Leistungsabfall bei einigen Spielern (u.a. Ronny Marcos, Ilkay Durmus, Lukas Grgic) eklatant ist, so hat die Integration von Langzeitverletzten (Thomas Reifeltshammer, Marcel Ziegl, Clemens Walch) die Stabilität der Mannschaft vielleicht mehr negativ beeinflusst als den Konkurrenzkampf um die Stammplätze positiv zu beleben.

Fußball ist Kopfsache

Zählt man Langzeitverletzte und Neuzugänge zusammen, dann mussten im Winter im Grunde sechs neue Spieler in die Mannschaft integriert werden. Der Abgang von Marko Stankovic als Führungsspieler scheint ebenfalls schwerer ins Gewicht gefallen zu sein, als dies von vielen Beobachtern vielleicht im Vorhinein vermutet wurde.

Doch vor allem die psychische Komponente – hier knüpfe ich an das Cupspiel gegen Rapid an – ist wohl der größte Faktor der aktuellen Verunsicherung. In diesem Spiel war man zum ersten und einzigen Mal im Frühjahr (krasser) Außenseiter. Und dennoch war es die mit Abstand beste Leistung im Frühjahr. Diese Rolle scheint der Mannschaft mehr zu liegen als jene des Topfavoriten, der ständig Zählbares liefern muss. Wer das bemerkenswerte Interview mit Per Mertesacker gelesen hat, der weiß, mit welchem Druck moderne Fußballspieler klar kommen müssen. Auch wenn sich die SV Ried sportlich und medial gesehen mehrere Stufen unter Arsenal und der deutschen Nationalmannschaft bewegt, so ist die mentale Komponente im Bezug auf die Leistungsfähigkeit eines Profifußballers für mich doch klar nachvollziehbar.

Jeder fußballinteressierte Mensch in der Region erwartet sich den Aufstieg. Es ist keine Option, heuer nicht aufzusteigen. Dazu wurde zu viel in die Mannschaft und das Umfeld investiert. Angeblich so viel, dass man sich bei einem Nichtaufstieg kein weiteres Jahr im Profifußball leisten könne (auch hierzu hat man noch nie ein klares Statement aus der SVR-Führungsebene gehört). Dieser Druck des „Aufsteigenmüssens“ wiegt in der aktuellen Situation natürlich eine Zentnerlast. Jeder postwendende Ausgleich, jeder verursachte Elfmeter und jeder nicht gegebene Elfmeter steigern die vorherrschende Verzweiflung noch weiter.

Das Vermächtnis von Lassaad Chabbi in Ried

Und genau in dieser Drucksituation ist Lassaad Chabbi einfach nicht (mehr) der richtige Trainer für diese Mannschaft gewesen. Dies beruht natürlich auf Beobachtungen von außen, aber Chabbi ist kein Trainerpädagoge wie früher Roitinger, Hochhauser, Kraft oder auch Gludovatz, unter denen wir unsere größten Erfolge feierten. Ein Trainer, der durch Menschenführung und Empathie gegenüber den Spielern punktet. Einer, der einen niedergeschlagenen Spieler wie z.B. Ilkay Durmus in den Arm nimmt und ihm seine existierenden Stärken vor Augen führt. Liege ich damit falsch, dann lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

Doch abschließend will ich mich noch kurz um das Trainer-Vermächtnis von Lassaad Chabbi in Ried kümmern. Man wird sich in einigen Jahren eventuell an viele Tore im Herbst erinnern. Auch der Titel des Herbstmeisters sowie des Winterkönigs stehen zu Buche. Vor allem aber wird man sich an den überzeugenenden 4-1 Derbysieg im ÖFB Pokal gegen den LASK erinnern, weil dieser zumindest temporär Balsam auf die geschundenen Abstiegswunden war.

(c) APA/Dietmar Stiplovsek
Das Ende der Ära Chabbi – (c) APA/Dietmar Stiplovsek

Mit dem direkten Wiederaufstieg hätte Chabbi seine Amtszeit in Ried (vorerst) krönen können, vergessen wäre auf diese Weise der Abstieg der Vorsaison gewesen. Er hätte sich neben Klaus Roitinger und Heinz Hochhauser in die prominente Riege der Rieder Aufstiegstrainer reihen können. Doch nun reiht er sich traurigerweise nur neben ersterem in die Riege der Rieder Abstiegstrainer ein. Unser Jahrhundertrainer hatte bekannterweise in der Saison 2002/2003 harakiri-mäßig für die letzten drei Saisonspiele von Gerhard Schweitzer übernommen.

Außerdem wird man Lassaad Chabbi im Innviertel auch für seine Interviews im Gedächtnis behalten, weil diese leider öfters nichtssagend waren oder sogar zum Kopfschütteln geführt haben. Beispiele gefällig? Man kann als SVR-Trainer vor einem OÖ-Derby gegen BW Linz nicht davon sprechen, dass das Derby ein Spiel wie jedes andere ist. Ob man sich das insgeheim denkt oder nicht, ist eine völlig andere Sache.

Man kann sich nach einem Grottenkick wie gegen den FAC daheim oder BW Linz auswärts nicht dem Interview von sky stellen und dort behaupten, dass man gut gespielt habe. Dies entspricht einfach nicht der Realität. Ich habe niemals eine Mannschaft trainiert und besitze schon gar keine UEFA Pro-Lizenz. Daher beurteile ich Spiele nach anderen Kriterien. Und wenn ich als Fan den Heimweg mehrmals wutentbrannt und/oder fassungslos antreten muss, dann sind meine Ansprüche entweder zu hoch, oder ich interpretiere das Gesehene einfach nur objektiven Kriterien zufolge: Anzahl der Torchancen, Passgenauigkeit und Spielwitz – alles das war im Frühjahr nicht vorhanden (bzw. wiederum mit Ausnahme des Spiels gegen Rapid).

Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass Lassaad Chabbi in Ried erfolgreich ist. Nach den vielen Trainernieten der letzten Jahre (von Fuchsbichler und Kolvidsson über O.G. bis hin zu Benbennek) wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, nicht mehr ständig an Paul Gludovatz und seine Erfolge denken zu müssen. Der Burgenländer wäre jetzt übrigens genau der richtige Mann für diese kurzfristige Aufgabe. Was aber leider unter Schiemer und Daxl niemals passieren wird.

Nur noch elf Spiele bis zum Supergau?

Noch bleiben elf Spieltage um den totalen sportlichen Supergau zu vermeiden. Ohne ein positives Erlebnis im Ausmaß eines Sieges – und dieser MUSS morgen gegen Wattens passieren – wird diese Mannschaft vermutlich nie wieder aus ihrem mentalen Loch herauskommen – für diese Formulierung dieser Aussage muss man kein Psychologe sein. Der Kredit der Fans ist aufgebraucht, die Stehsätze der letzten Wochen haben einmal zu oft am Nervenkostüm gezerrt. Mit Chabbi hat man nun das schwächste Glied der Kette ausgetauscht. Sollte diese Entscheidung zu keiner Besserung führen, dann werde ich mich in einem meiner nächsten Einträge relativ sicher um die sportlichen Entscheidungsträger kümmern müssen. Doch mehr dazu, wenn die Zeit reif ist.

Und täglich grüßt das SVR-Murmeltier

Freitag, 22:20. Die 1-3 Heimniederlage gegen Wacker Innsbruck ist besiegelt. Die Mannschaft wird von den (verbleibenden) großteils wütenden Fans auf der Westtribüne ziemlich unfreundlich weggeschickt. Vor der Einfahrt zum VIP-Parkplatz kommt es (unter erheblicher Polizeipräsenz) zum Diskurs zwischen verärgerten Fans und später auch einzelnen Spielern sowie Manager Schiemer.

SVR Parkplatz Diskussion
Szenen nach Spielende vor der Einfahrt zm VIP-Parkplatz (c) Gerald Emprechtinger

Sieben Punkte Rückstand auf Wacker Innsbruck und der Rückfall auf den 4. Tabellenplatz machen aus der Ergebniskrise eine veritable Vereinskrise. Die unschöne Tabelle aus dem 3. Saisonviertel ist seit Freitagabend nochmals um ein Stück grauenhafter geworden.

via Formtabelle auf transfermarkt.at

Derzeit belegt man nur aufgrund der Sonderstellung (man kann es auch Sinnlosigkeit nennen) von Liefering noch den Relegationsplatz. Doch auch dieser könnte in zwei Wochen bei einer Niederlage in Hartberg (eine Mannschaft, gegen die man heuer noch sieglos ist) bereits Geschichte sein.

Kein Sieg während der letzten sechs Runden. Sieglos seit sieben Pflichtspielen. Ein negatives Torverhältnis und die drittwenigsten erzielten Tore. In diesem Zeitraum elf Punkte auf Wacker, vier Punkte auf Wiener Neustadt und auch zwei Punkte auf Hartberg verloren. Das ist für den selbsternannten Titelfavoriten einfach nur unwürdig. Durchhalteparolen (wie bereits letzte Saison) sind daher aktuell fehl am Platz. Eine knallharte Analyse der Ist-Situation sollte schon seit Wochen passiert sein.

Nach außen hin kann man dies jedoch nicht feststellen. Daher war es besonders konfus, als sich der Trainer nach dem Spiel gegen BW Linz den Interviewfragen von sky gestellt hat und von einem guten Spiel der Mannschaft gesprochen hat. Pardon my french, aber das ist blanke Realitätsverweigerung. Offenbar traut man dem gemeinen Fußballfan nicht zu, Spiele realistisch bewerten zu können. Denn auf gut innviertlerisch ist das ein totaler Hundskick, was die Jungs in schwarz-grün seit Wochen (bzw. eigentlich Monaten) aufführen.

Waren in der zweiten Halbzeit gegen Liefering sowie in der ersten Halbzeit gegen BW Linz noch Ansätze von Fußball zu erkennnen, so wurde gegen Wacker gleich ab der 1. Minute auf jegliches erkennbares Konzept verzichtet. Ein hoher Ball in die Spitze. Noch ein hoher Ball in die Spitze. Und noch ein hoher Ball in die Spitze. Was ist hier im Winter passiert, dass die Mannschaft offenbar nicht mehr weiß, wie man Fußball spielen kann?

Apropos Mannschaft – auch die Kaderplanung in der Winterpause muss an dieser Stelle kritisiert werden. Gabriel Lüchinger wurde an BW Linz verliehen (der dort ironischerweise aufblüht), obwohl Flavio Dos Santos seit nunmehr knapp vier Monaten in seiner kapverdischen Heimat fest sitzt. 25C° und Sonnenschein sind aber auch ein guter Grund, den österreichischen Boden zu meiden. Constantin Reiner war nach seinem Fehler gegen den FAC gestern erstmals nicht einmal mehr im Matchkader und Philipp Prosenik ähnelt von der Agilität her einer Bahnschranke, bzw. scheint primär eine Prestigeverpflichtung gewesen zu sein („Altach und Wolfsberg wollten den Spieler auch verpflichten“). Fairerweise kam er bislang aber auch nur sporadisch zum Einsatz und die Unform der Mannschaft macht eine Integration aktuell nicht gerade einfach.

Im Grunde entstammen die besten Neuverpflichtungen daher der eigenen Verletztenliste und tragen die Namen Thomas Reifeltshammer und Marcel Ziegl, auch wenn zweiterer bislang nur sporadisch zum Einsatz kam.

Die Verletztenliste ist ein gutes Stichwort, denn bei Verletzten werden Symptome erkannt und dementsprechend behandelt. Dies ist innerhalb der SVR jedoch noch nicht passiert und bringt mich zum derzeit stets wiederkehrenden Motto im Verein: Und täglich grüßt das Murmeltier. Besser gesagt verhalten sich die Spieler der SVR seit geraumer Zeit wie Murmeltiere auf dem Fußballplatz. Nachfolgend aufgelistet findet man alle vergebenen Führungen in der aktuellen Saison der sky Go Erste Liga:

Runde Gegner Führung Endstand Punkte
24. Runde Wacker Innsbruck 1-0 1-3 -3
23. Runde BW Linz 1-0 & 2-1 2-2 -2
22. Runde FC Liefering 1-0 1-1 -2
21. Runde FAC 1-0 1-1 -2
19. Runde Wiener Neustadt 2-0 2-2 -2
9. Runde Kapfenberg 1-0 1-2 -3
7. Runde Hartberg 2-0 2-2 -3
5. Runde BW Linz 1-0 1-1 -2
ÖFB Cup Rapid Wien 1-0 1-2 Out
  -19

Im Gegensatz dazu wurden nach Rückstand nur vier Punkte (3 gegen den FAC sowie 1 gegen Wacker Innsbruck) geholt, was eine Differenz von -15 Punkten (sowie das ÖFB-Cup-Out in Wien-Hütteldorf) ergibt.

Dies scheint erstaunlicherweise eine Spezialität des Trainers zu sein. Nach dem heutigen Spiel zwischen Wolfsburg und Schalke (0-1) wurde ich auf Twitter nämlich an Özgur Özdemir erinnert. Wie im letzten Frühjahr gegen den WAC schaffte es der Werksklub nämlich heute, einen Elfer zu vergeben und dann per Eigentor noch Punkte zu verlieren. Dies hat mich dazu bewogen, nochmals einen kurzen und schmerzhaften Blick zurück auf die vergangene Saison in der tipico Bundesliga zu werfen:

Runde Gegner Führung Endstand Punkte
34. Runde St. Pölten 1-0 1-1 -2
31. Runde RB Salzburg 1-0 1-1 -2
30. Runde WAC 1-0 1-1 -2
27. Runde Mattersburg 1-0 1-2 -3
-9

Mit einer komplett anderen Mannschaft und anderen Gegnern also das gleiche Problem. Die Fahrlässigkeit, vor allem gegen die direkten Gegner im Abstiegskampf, hat letztendlich den Abstieg besiegelt. Der verschossene Elfer von Didi Elsneg beim 0-1 in St. Pölten (beim Stand von 0:0) ist hier nicht einmal eingerechnet, sollte aber zumindest beiläufig erwähnt werden. Ihr stellt euch die Frage, wie viele Punkte unter Chabbi in der Bundesliga nach Rückstand geholt wurden? Zero.

Man sollte sich im Verein somit ganz klar die Frage stellen (bzw. schon lange gestellt haben), wieso man saisonübergreifend in 13 der letzten 37 Spiele (inkl. ÖFB-Pokal) eine Führung verschenkt hat und nur einmal nach Rückstand gewinnen konnte. Wenn sich diese Werte nur einigermaßen ausbalancieren, dann spräche man von Normalität, wenn ein Punkteverlust nach Führung aber in 35% aller Partien (also im Schnitt in jeder dritten Partie) passiert, dann ist dies mehr als bloßer Zufall und ein augenscheinliches Problem.

Ohne Psychologe zu sein, aber diese Mannschaft hat vermutlich ein mentales Problem. Mit einer Führung im Rücken sollte man im Normalfall befreiter und sicherer aufspielen können, aus welchem Grund auch immer passiert bei der SVR aber das exakte Gegenteil. Haarsträubende Konzentrationsfehler, welche unter anderem in dämlichen Elferfouls und last minute Gegentoren resultieren, bringen die Mission Wiederaufstieg in allerhöchste Gefahr. Man sollte dies auch intern mit der Mannschaft ansprechen, wenn notwendig auch mit einem Mentaltrainer. Auch die kolportierte Gruppenbildung und schlechte Grundstimmung im Kader (welche ich aus verschiedenen Quellen vernommen habe) wären ein Fall für einen Mediator, sollten sich diese unbestätigten Gerüchte bewahrheiten.

Nebenbei trägt die Antiform von Leistungsträgern wie Ilkay Durmus (der im Winter durch einen Replikant ohne Fußballfunktion ausgetauscht worden sein dürfte), Seifedin Chabbi (seit 6 Spielen ohne Tor) und  Thomas Fröschl (seit 6 Spielen ohne Tor) auch einen Teil zum Problem bei. In der Herbstsaison konnte man haarsträubende Defensivfehler oft durch die treffsichere Offensive kaschieren, was im Frühjahr nun einfach nicht mehr gelingt. Vielleicht ist der Kader auf manchen Positionen auch zu breit aufstellt (gestern agierte mit Haring und Reifeltshammer die vierte verschiedene Innenverteidigung im Frühjahr) und dieser Konkurrenzkampf scheint so manchen Spieler eher zu hemmen als zu motivieren.

Wie dem auch sei, dies sind nur Vermutungen. Fakt ist allerdings, dass man nur mehr 12 Runden Zeit hat, um das lecke Wikingerschiff wieder flott zu bekommen. Ansonsten könnte die Geschichte des knapp 106 Jahre alten Vereins am 25. Mai 2018 ihr trauriges Ende finden. Ob Lassaad Chabbi dies noch als Steuermann ausüben wird, werden die kommenden Tage zeigen und müssen andere Personen entscheiden.

Wichtig ist, dass permanente Schönrederei und verbale Realitätsfremdheit ihr Ende finden. Wir Fans vertragen die Wahrheit & realistische Einschätzungen von Punkteausbeute und spielerischer Note wären ein erster Weg zur Genesung des Patienten SVR. Doch Realismus ist nur die halbe Miete, auf Worte müssen nun primär Taten folgen. Am besten gleich mit einem überzeugenden Sieg in der Oststeiermark gegen Hartberg.

p.s. Ich wollte nach meinem spätnächtlichen Blogeintrag in der Vorwoche eigentlich so schnell nichts mehr schreiben. Die Entwicklungen der letzten Woche haben dieser Planung jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich würde wirklich viel lieber über Erfolge und Aufstiegseuphorie meines Vereins schreiben.

p.p.s. ist es eine der Lieblingsbeschäftigungen von Murmeltieren, sich Gruben zu graben. Auch deswegen ist die Analogie mit der momentanen Situation bei der SVR leider perfekt.

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SV Ried: Zwischenfazit nach einem Saisondrittel

Ein Drittel der Saison 2017/18 ist seit vergangenem Freitag bereits wieder absolviert. Die SV Ried liegt mit 23 Punkten auf dem zweiten Tabellenplatz. Vor der Saison von Gegnern, Experten und auch sich selber als Aufstiegsfavorit #1 gehandelt, waren vor allem die ersten beiden Monate ziemlich unzufriedenstellend.

Franz Fekete Stadion in Kapfenberg
Rückschläge wie etwa in Kapfenberg kennzeichneten das erste Saisondrittel // Foto: Gerald Emprechtinger

Zuletzt konnte man allerdings durch drei Siege in Folge bei einem Torverhältnis von 10:2 Toren (3-0 bei Wiener Neustadt, 3-1 gegen Austria Lustenau und 4-1 beim FAC) und dem Weiterkommen im ÖFB Cup (durch das 1-0 in Neusiedl/See) eine Trainerdiskussion rund um Lassaad Chabbi verhindern und auch die permanente Kritik eines oberösterreichischen Boulevardblattes (zumindest vorübergehend) verstummen lassen.

16 neue Spieler mussten zu Saisonbeginn in die Mannschaft integriert werden. Eigentlich kann man hier schon gar nicht mehr von Integration sprechen, da aufgrund der langen Verletzungspause von Marcel Ziegl (nach Kreuzbandriss) und der Verletzungsprobleme von Thomas Reifeltshammer zumeist nur zwei bis drei Spieler auf dem Feld standen, welche auch bereits in der Saison 2016/17 dem Abstiegskader aus der Bundesliga angehörten.

Wiederkehrer im Team

Thomas Gebauer ist als Kapitän geblieben und hat zuletzt u.a. mit einem gehaltenen Elfer in Wiener Neustadt bei der Trendwende im September mitgeholfen. Ronny Marcos, im Sommer fix von Greuther Fürth verpflichtet, kam zuletzt gerade offensiv immer besser in Schuss und war beim 4-1 in Floridsdorf einer der Aktivposten in der Mannschaft. Thomas Fröschl konnte bereits fünf Saisontore erzielen (um vier mehr als in der gesamten Saison 16/17) und entschied das Duell der Topkandidaten auf den Aufstieg gegen Wacker Innsbruck mit einem Hattrick quasi im Alleingang.

Clemens Walch ist leider auch heuer wieder Clemens Walch. In Form und frei von Verletzungspech (also quasi nie) einer der besten Spieler der Liga (bzw. eigentlich zu gut für diese Liga), konnte er zuletzt das wichtige 1-0 in Wiener Neustadt sowie das letztendlich entscheidende 2-1 gegen Austria Lustenau erzielen, verletzte sich allerdings postwendend im ÖFB Cup bei der Regenschlacht in Neusiedl am See.

Die Lustenauer Fraktion

Von den Neuzugängen waren die Erwartungen an Julian Wießmeier extrem hoch. Als Spieler des Jahres 2015/16 und Drittplatziertem bei selbiger Wahl in der Vorsaison wurde seine Verpflichtung im Mai als Königstransfer gehandelt. Sein Saisonstart verlief jedoch äußerst schleppend. Bis zum 9. Spieltag war er erstaunlicherweise sogar an keinem einzigen Tor direkt beteiligt. Der Treffer zum letztendlich nicht entscheidenden 1-0 in Kapfenberg war jedoch so etwas wie ein Knackpunkt für den Deutschen. In den letzten vier Runden überzeugte er nämlich mit drei Toren und drei Assists und scheint damit spät aber doch im Innviertel angekommen zu sein.

Bisher die Überraschung der Saison und wohl der überzeugendste Spieler im Rieder Kader ist jedoch Ilkay Durmus. Aufgrund eines Vertragskonflikts mit Lustenau-Präsident Hubert Nagel im Frühjahr nie zum Einsatz gekommen, stellte sich der Deutschtürke ausgerechnet gegen seinen Ex-Verein in der zweiten Runde mit einem Weitschuss-Traumtor bei den Fans seiner neuen Mannschaft vor. Durmus ist extrem dribbelstark und mit einer überragenden Flankentechnik ausgestattet. Derzeit führt er mit vier Toren und fünf Assists sogar die Scorerwertung der sky Go Erste Liga an.

Scorerliste SV Ried nach 12 Runden

Auf Platz 3 der Scorerliste liegt aktuell im Grunde für viele überraschend Seifedin Chabbi. Ich kann mich an keinen Spieler erinnern, der in Ried einen schwereren Start hatte. Sowohl auf dem Feld als auch bei den Fans. Weil der Trainersohn zu Saisonbeginn nicht traf, wie ein Fremdkörper auftrat aber trotzdem regelmäßig spielte bzw. eingewechselt wurde, hagelte es (zum Teil berechtigte) harsche Kritik von allen Seiten – auch von meiner Person im Spielbericht des inferioren 0:4 gegen Liefering. In den letzten 7 Spielen konnte er jedoch 6x anschreiben und außerdem zwei Assists liefern. Auch wenn er keine statistisch spielentscheidenden Tore beitragen konnte, so verhalfen seine Treffer gegen Wacker,  Wattens, Wiener Neustadt, Lustenau und Floridsdorf dennoch jeweils dazu, die angeführten Spiele auf Eis zu legen.

Die Defensivzentrale

Aufgrund der bereits angeführten Verletzungsprobleme von Vizekapitän Thomas Reifeltshammer bilden Peter Haring und Kennedy Boateng seit vielen Runden die Stamminnenverteidigung. Letzterer ist neben Thomas Gebauer sogar der einzige Spieler, der bisher alle Ligaminuten absolvieren durfte. Zu Saisonbeginn durch die offensive Spielweise mit einer extrem hohen Linie noch regelmäßig von schnellen Gegenspielern überrascht und bestraft, agiert man nun bereits seit mehreren Runden größtenteils souverän. Dafür verantwortlich ist nicht nur die leichte Adaption des Spielsystems von 4-4-2 auf ein 4-2-3-1 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, sondern auch die last-minute-Leihe von Lukas Grgic. Der vom LASK ausgeliehene Welser hatte keinerlei Anpassungsprobleme und ist als Abräumer vor der Innenverteidiger ein Hauptgrund für den aktuellen Erfolgslauf der Mannschaft. Man kann nachvollziehen, wieso viele Linzer Fans hoffen, dass man der SVR keine Kaufoption für ihn gegeben hat.

Lukas Grgic und Lassaad Chabbi Spielerpräsentation
Räumt alles ab: der späte Neuzugang Lukas Grgic // Foto via skysportaustria.at

Neben Grgic hat zuletzt in zwei von drei Spielen Pius Grabher agiert. Der Vorarlberger schien – ähnlich wie Wießmeier – nach einigen Runden bei Lassaad Chabbi in Ungnade gefallen zu sein. Aufgrund seiner Spielweise (kein Sechser oder Zehner, sondern eher ein Achter) passte er auch nicht optimal in das Zwischendurch praktizierte flache 4-4-2 System. Diese zwischenzeitlichen Probleme scheinen jedoch aus der Welt geschafft zu sein, denn auch er profitiert von Grgic und agierte zuletzt schräg nach vorne versetzt als Bindeglied zu den vier offensivsten Spielern.

Erfahrung aus der Champions League

Zuletzt war Grabher auch Profiteur der Wadenverletzung von Marko Stankovic. Der steirische Routinier hält bei zwei Toren und einem Assist (darunter zwei direkt verwandelte Freistöße). Besonders wichtig auch sein Eckball zum 1-1 gegen Lustenau kurz vor der Halbzeitpause. Der ehemalige Spieler von Sturm Graz ist vor allem dann wertvoll, wenn sich der Gegner tief in die eigene Hälfte zurückzieht und kein Gegenpressing betreibt. Seine schlechtesten Leistungen hat er im Gegensatz dazu gegen aggressive und offensivstarke Gegner gezeigt, da seine Spielweise weniger dynamisch ist als jene der anderen zentralen Mittelfeldspieler im Kader. Allerdings musste er zu seiner Verteidigung auch oft einen defensiven Part geben, obwohl er in seiner Karriere stets im Sturmzentrum oder hinter den Spitzen aktiv war. Mit seiner Erfahrung und Einstellung ist er im jungen Kader allerdings trotzdem wichtig für die Entwicklung der Mannschaft.

Nachwuchskicker aus der eigenen Akademie

Stefano Surdanovic hält bei 415 Einsatzminuten sowie einem Tor und einem Assist. Das hätten dem jungen Welser vor der Saison wohl nur wenige Insider zugetraut. Primär profitierte der Serbe zu Saisonbeginn von der schlechten Form einiger Offensivkräfte. Beim 1:1 im Derby durfte er sogar die Solospitze mimen, man hatte das Gefühl dass seine Sturmkonkurrenten für die Blamage in Grödig gegen Liefering bestraft wurden. Dabei blieb er jedoch sehr blass, zuletzt wurde er durch die ansteigende Form von Chabbi, Wießmeier und Fröschl auch nur mehr selten eingesetzt. Dennoch ist er ein Versprechen für die Zukunft und ein Kaderspieler, der auch bei Kurzeinsätzen für Offensivgefahr sorgen kann. Arne Ammerer kam zwar erst 71 Minuten zum Einsatz, profitiert jedoch von der Systemumstellung und wurde zuletzt regelmäßig als Absicherung in der Schlussphase eingewechselt. Mit einer guten Physis ausgestattet, kann man sich auch vom 21-jährigen Nachwuchskicker gute Momente im Laufe der Saison erwarten.

Surdanovic und Schiemer bei Vertragsunterzeichnung
Erster Profivertrag bei der SVR: Stefano Surdanovic // Foto via svried.at

Die rechte Mannschaftsseite

Wie Ilkay Durmus hält auch Thomas Mayer bereits bei fünf Saisonassists. Aufgrund der Verletzungsprobleme von Clemens Walch regelmäßig in der Startelf, überzeugte der bissige und dribbelstarke Leihspieler aus Liefering im Grunde bei jedem Saisoneinsatz. Sein einziges Saisontor aus dem Cupspiel gegen den WSC ist wohl auch das zweitschönste Tor, das die SV Ried in dieser Saison erzielen konnte. Und derer gibt es immerhin schon 32. Ebenfalls auf der rechten Seite im Dauereinsatz ist Manuel Kerhe. Ähnlich wie vor einem Jahrzehnt bei Ewald Brenner, wurde der ehemalige Offensivspieler teilweise aus der Not gedrungen zum rechten Außenverteidiger umgeschult und fällt dabei in letzter Zeit kaum auf, was für mich bei einem Defensivakteur ein positives Zeichen ist.

Die Ergänzungsspieler

Einen nicht ganz leichten Stand hat Christian Schilling. Der Defensivallrounder musste in dieser Saison bisher zumeist irgendwelche Lücken füllen. Nämlich als Rechtsverteidiger, rechter Innenverteidiger, Linksverteidiger und linker Mittelfeldspieler. In der Liga kam er in den letzten fünf Spielen jedoch nicht zum Einsatz, was sich gegen Liefering aufgrund der Gelbsperre von Peter Haring jedoch ändern dürfte. Balakiyem Takougnadi, eigentlich als Rechtsverteidiger eingeplant, wirkte beim 3-2 Heimsieg gegen den FAC völlig überfordert, war bei beiden Gegentoren der Hauptbeteiligte und wurde in der Halbzeit ausgewechselt. Seither durfte er nur mehr drei Minuten gegen Hartberg spielen, war dadurch auch beim späten Ausgleich der Oststeirer am Feld und war zuletzt auch sechs Spiele nacheinander nicht im Matchkader. Gabriel Lüchinger konnte in der Vorbereitung durchaus überzeugen, schaffte es während der Meisterschaft jedoch nur selten in den Kader. Seine zuletzt erhaltene Chance in Floridsdorf konnte er jedoch nicht nützen, er wurde in der Halbzeit (für uns Tribünengäste erwartungsgemäß) ausgewechselt.

Fazit und Ausblick

Ich verzichte zum aktuellen Zeitpunkt auf Schulnoten für einzelne Spieler. Vorzugsschüler sind aber auf alle Fälle Ilkay Durmus und Lukas Grgic. Von Marko Stankovic, Clemens Walch und Thomas Reifeltshammer erwarte ich mir aufgrund ihrer individuellen Klasse mehr.

Man liegt trotz des verpatzten Saisonstarts nur einen Punkt hinter Wiener Neustadt, jedoch vier Punkte vor Wacker Innsbruck und sogar elf vor Austria Lustenau. Diese Mannschaften galten vor der Saison als härteste Konkurrenten um den Aufstieg. Liefering spielt außer Konkurrenz und Hartberg traue ich es noch immer nicht zu, die gesamte Saison über im vorderen Tabellendrittel mitzuspielen.

Man konnte aber schon eindrucksvoll feststellen, dass die sky Go Erste Liga kein Selbstläufer ist und an einem guten Tag auch jeder jeden schlagen kann. Wenn man vor der Saison angeboten bekommen hätte, dass man nach einem Saisondrittel auf einem Aufstiegsplatz liegt, hätten dies wohl die meisten wohlwollend unterschrieben. Jedoch darf man keine Minute vom Gas steigen oder mit nur 90% in die Zweikämpfe gehen, da man ansonsten (auch) in dieser Liga umgehend bestraft wird.

Gegen Blau-Weiß Linz, Hartberg und Kapfenberg hat man in den Schlussminuten gleich fünf Punkte verschenkt, welche noch immer weh tun. Dieses mentale Problem hat man zuletzt jedoch scheinbar in den Griff bekommen. Wendepunkt dabei der 3-0 Erfolg bei Wiener Neustadt. Seither hat man es nämlich auch geschafft, Spiele souverän heimzuspielen bzw. bei einem Rückstand (gegen Lustenau) nicht die Nerven zu verlieren.

Fröschl Wießmeier Ried FAC
Immer für Tore gut: Thomas Fröschl und Julian Wießmeier // Foto: GEPA pictures/ Christian Ort

Wenn man den aktuellen Weg konsequent weitergeht, wird man die Favoritenstellung im Endeffekt auch bestätigen können, denn die Offensive ist jederzeit für ein Tor gut und der Ligabestwert von 27 Toren ist über mehrere Schultern (Chabbi, Fröschl, Durmus, Wießmeier) verteilt, was ein Zeichen für eine gute Breite im Offensivkader ist. Zuschauermäßig hat man den mit Abstand höchsten Schnitt der Liga, dieser wird bei regelmäßigen Erfolgen auch weiter nach oben gehen und ein wichtiger Faktor im Aufstiegskampf sein.

Zum Abschluss noch eine Statistik, welche der SV Ried weiteren Mut machen sollte. Betrachtet man die letzten zehn Absteiger aus der Bundesliga, so konnte nach einem Meisterschaftsdrittel nur Altach im Herbst 2009 mehr Punkte aufweisen als die Rieder heuer.

Absteiger Punkte nach 12 Spielen Zwischenrang
2017/18 SV Ried 23 2.
2016/17 SV Grödig n/a n/a
2015/16 SC Wiener Neustadt 11 8.
2014/15 FC Wacker Innsbruck 18 4.
2013/14 SV Mattersburg 16 6.
2012/13 Kapfenberger SV 10 9.
2011/12 LASK Linz 20 3.
2010/11 SK Austria Kärnten n/a n/a
2009/10 SCR Altach 26 2.
2008/09 FC Wacker Innsbruck 23 3.

Heuer reicht im Gegensatz zum damals, als die Admira den Vorarlberger den Aufstieg wegschnappte, auch schon der 2. Tabellenplatz für den Aufstieg. Das klare Ziel ist jedoch der Meistertitel, welcher zum aktuellen Zeitpunkt so realistisch wie überhaupt noch nie in dieser Saison ist.

Denn um die aktuellen 23 Punkte nach zwölf Runden besser einordnen zu können, vielleicht noch ein abschließender Vergleich mit dem letztjährigen Aufsteiger: die im Endeffekt konkurrenzlosen Linzer hatten nach 12 Runden lediglich einen Punkt mehr auf dem Konto und dabei sogar drei Tore weniger erzielt.

SV Ried: Zwischenfazit in der Länderspielpause

Im Laufe der letzten Woche (also nach den Spielen gegen BW Linz, Wacker Innsbruck und Hartberg) wurde ich mehrmals angesprochen (ja, wirklich) wann ich denn wieder etwas schreiben würde. Die Antwort dazu lautet: in der Länderspielpause, also am Wochenende nach dem kommenden Heimspiel gegen die WSG Wattens. Dabei wird es sich um ein Zwischenfazit der bisherigen neun Saisonspiele (acht in der Liga und eins im Cup), eine erste Bewertung aller Kaderspieler (und des Trainerteams) und einen Ausblick auf die restliche Herbstsaison handeln. Unabhängig vom freitäglichen Resultat wird diese Bilanz maximal durchschnittlich ausfallen. Die anfängliche Euphorie ist auf alle Fälle (nicht nur bei mir) bereits verflogen, was auch die Zuschauerentwicklung (3.320 gegen Wiener Neustadt, 3.100 gegen den FAC und zuletzt nur 2.964 gegen Wacker) der letzten Heimspiele untermauert. Doch mehr dazu wie gesagt in circa 10 Tagen.

Das Debakel von Liefering

Ich hatte vorher knapp 70 Minuten lange Zeit um mir zu überlegen, was ich zu diesem niederschmetternden 0:4 gegen Liefering schreiben würde. Angesichts des heute Erlebten hatte bei der Autofahrt von Grödig nach Ried niemand in unserem Auto große Lust auf Smalltalk. Kollektive Fassungslosigkeit und betretenes Schweigen waren nach einer Götterdämmerung in Sachen zweitklassigem österreichischen Fußball vorherrschend. Einige emotionale Passagen habe ich durch den Abstand von nunmehr zweieinhalb Stunden seit Spielende noch zusätzlich entschärfen oder weglassen können.

Zerknülltes Eintrittsticket von Liefering gegen Ried aus dem August 2017
Das Corpus Delicti, ein Zeitzeugengegenstand direkt aus der Fußballhölle.

Gestern abends habe ich bei einer Twitter-Diskussion noch die bisherigen Leistungen verteidigt und erneut behauptet, dass man aufgrund von Kaderzusammenstellung und Infrastruktur der Favorit auf den Aufstieg bzw. den Meistertitel sei. Diese Meinung revidiere ich nun, viel mehr drehe ich mich um 180° und glaube nun, dass diese Mannschaft nur recht wenig mit den vorderen Plätzen zu tun haben wird.

Das heutige Spiel hat nämlich alle bisherigen Leistungen völlig neu eingeordnet. Die Leistung im Saisonauftakt gegen eine biedere Mannschaft aus Wiener Neustadt war schlecht. Die Leistung in der ersten Halbzeit gegen den FAC, die vermeintlich noch immer schwächte Mannschaft der Liga, war peinlich. Die Leistung bei der heutigen 0:4 Niederlage gegen Liefering war jedoch geradewegs unfassbar. Eine 0:3 Niederlage gegen ein ersatzgeschwächtes Grödig im Dezember 2013 (bei der sogar der Platzwart Pfeilstöcker eingewechselt wurde) hatte ich bis heute für absolut ununterbietbar gehalten. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Die erste Halbzeit war nicht gut, aber das war man heuer bereits gewohnt. Wie kann man jedoch nach der Halbzeitpause aus der Kabine kommen, den eigenen Anstoß fatal zum Gegner spielen, eine große Torchance zulassen, kollektiv weiterschlafen und wenige Sekunden später dann doch noch das Gegentor erhalten? Wie kann man als gestandender Bundesligakicker mit CL-Erfahrung einen Ball nicht einfach wegdreschen, wenn der eigene Tormann nicht im eigenen Tor steht? Wie ist so etwas im Profifußball möglich? In keinster Weise war man dem Gegner RB3 heute ebenbürtig. Weder spielerisch, noch läuferisch, noch kämpferisch und sowieso nicht taktisch.

Denn so langsam ist es an der Zeit sich die Frage zu stellen, ob der größte Feind hinsichtlich der eigenen Aufstiegsambitionen nicht auf der eigenen Trainerbank sitzt. Sein Name ist Lassaad Chabbi und er wurde am Freitag von einem Kollegen relativ treffend als die österreichisch-tunesische Variante von Frenkie Schinkels bezeichnet. Absolut nichtssagenden Interviews vor und nach den Spielen („wenn man gewinnt ist man Favorit, wir haben verloren also sind wir nicht mehr Favorit„) und großen Töne (u.a. „kein Heimspiel mehr verlieren„, „den Code des Gegners geknackt„) steht ein verpatzter Saisonauftakt zu Buche, bei der eine Vielzahl an Spielern völlig ahnungslos über das Feld trabt (u.a. Wießmeier, Chabbi Jun., Kerhe, Marcos) und augenscheinlich keine Ahnung hat, welche Rolle man im Spiel einnehmen soll und wie das allgemeine taktische Konzept aussieht. Daher will ich an diesem Punkt folgende konkreten Fragen aufwerfen:

  • Warum wird gegen die schnellste/dynamischste Truppe der Liga mit einer völlig rigiden (hölzernen) Dreierkette agiert, welche weder im Testspiel gegen Academia Puskas noch in der zweiten Halbzeit gegen Wiener Neustadt auch nur ansatzweise funktioniert hat und dementsprechend heute nach Belieben überlaufen und -spielt wurde?
  • Warum wurde bei der Kaderplanung auf einen natürlichen linken Innenverteidiger  „vergessen“? Haring hat heute als linker Innenverteidiger in der Dreierkette agiert, ein natürlicher Rechtsfuß der nahezu überhaupt keinen präzisen Ball mit seinem linken Fuß hinausspielen kann (oder will) und dem Gegner daher mehr als nur einmal den Ballbesitz zurückgeschenkt hat, die Quittung mit der schnellen Auswechslung nach dem 0:2 kassiert hat.
  • Warum werden Eckbälle gewöhnlich halbhoch, halbscharf an den ersten Pfosten getreten um dort vom ersten Defensivspieler des Gegners aus der Gefahrenzone geköpft oder geschossen zu werden? Generell waren viele eigene Ecken heute der Ausgangspunkt für gefährliche Konterchancen für Liefering. Im Allgemeinen ist die völlig ideenlose Ausführung von Standardaktionen – egal ob jetzt Freistöße oder Ecken – schon länger ein markanter Schwachpunkt im Spiel der Mannschaft. In einer Mannschaft, in der früher klingende Namen wie Lasnik, Drechsel, Lexa, Brenner, R.Zulj, Kragl oder Thomalla an Standards herangelassen wurde, liegt das letzte Tor aus einem direkten Freistoß mittlerweile schon lange zurück, genau gesagt sprechen wir vom Herbst 2015 (Anmerkung 8.8.: Fehler meinerseits, konnte Stankovic doch gegen den FAC einen Freistoß direkt verwandeln, was aber nur wenig am generellen Sachverhalt ändert). Wie viel man mit einstudierten und überraschenden Standardsituationen erreichen kann, sieht man derzeit ausgerechnet beim Aufsteiger in der Bundesliga.

Wir sind der Absteiger aus der Bundesliga und auch wenn es bei einem der schlechtesten Spiele der SVR-Geschichte komisch klingt, so muss ich die Einzelleistung von Seifedin Chabbi heute trotzdem noch gesondert herausheben. Fremdkörper ist nämlich eine Übertreibung für dessen heutige Leistung während der zweiten 45 Minuten. Ein Spieler, der derart verunsichert (?) ist, dass er sich keinen Ball stoppen kann, keinen Pass auf eine Distanz von zwei Metern spielen kann, pausenlos schwarz-grüne Trikots mit rot-weißen Trikots verwechselt und eine Körpersprache und Laufbereitschaft wie auf einer Beerdigung vorzeigt, gehört zumindest temporär aus dem Mannschaftskader genommen. Leider hat man sich mit den beiden Chabbis in der gleichen Mannschaft selbst ein Problem geschaffen, welches mit jedem torlosen Spiel des Filius (derzeit sind es sechs) größer werden wird.

Taktiktafel Seifedin Chabbi beim Spiel Liefering gegen Ried
Die Taktiktafel der Bundesliga (via bundesliga.at) beweist das Gefühlte rot auf grün, dass bei Seifedin Chabbi quasi alles in Tornähe schiefgegangen ist.

Pech für ihn natürlich auch, dass er in der zweiten Halbzeit primär vor den eigenen Fans agieren musste. Der Großteil des mitreisenden Supports ist bei Niederlagen der SVR im Normalfall gnädig. Heute bekam die Truppe jedoch nicht einmal von den Dauerjublern vom FCSG tröstenden Applaus gespendet. Die wenigen Mitreisenden welche noch auf den Rängen waren, schickten die Mannschaft beim Ansatz des Gangs nach Canossa verbal und wild gestikulierend sofort wieder in Richtung Kabine.

Bei einer Niederlage am Freitag im Derby gegen Blau Weiß Linz ist die eine oder andere Eskalation zu befürchten. Der harte Kern hat sich im Laufe der letzten Monate nämlich vieles gefallen lassen und ist bis zum Abstieg und darüber hinaus trotzdem voll mitgegangen. Aber eine zweite Klatsche, noch dazu in einem Derby, würde wohl auch alte Wunden aufreißen. Und dann sehe ich hinsichtlich Stimmungslage schwarz für das Projekt Wiederaufstieg.

Auswärtssektor in Grödig beim Spiel Liefering gegen Ried
Das Highlight an diesem Spiel war das laue Sommerwetter vor Spielbeginn in Grödig, am Fuße des Untersbergs im schönen Salzburgerland.

Die paradoxe Euphorie rund um die SV Ried

Die Generalprobe für die heute um 20:30 gegen Wiener Neustadt beginnende skyGo Erste Liga Saison wurde erfolgreich absolviert. Mit einem ungefährdeten 4:0 gegen den Wiener Sport-Club zog man souverän in die zweite Runde des ÖFB-Cups ein. Der Pausenstand von 0:0 schmeichelte den Dornbachern ziemlich, der Endstand hätte mit mehr Präzision im Abschluss bereits zur Pause hergestellt sein können (Artikel am 20. Juli upgedated). Doch werfen wir einen Blick zurück auf die Woche nach dem schicksalhaften 28. Mai 2017.

Die erste Woche nach diesem Abstieg härter als erwartet, obwohl man sich aufgrund der Tabellenposition eigentlich monatelang darauf vorbereiten konnte. Jedoch war die Art und Weise dank der sang- und klanglosen Heimniederlage gegen Mattersburg ein entscheidender Faktor für dieses ungute Gefühl. Retrospektiv gesehen hätte nämlich ein Heimsieg gegen St. Pölten in Runde 34 zum Klassenerhalt gereicht. Abgesehen davon kann man aus der Rückserie mindestens zehn Spiele genauer analysieren, in denen man diese zwei Punkte verspielt oder liegen gelassen hat.

Doch lassen wir die Vergangenheit endgültig Vergangenheit sein, die nahe Zukunft heißt Zweitklassigkeit in der skyGo Erste Liga. Geht man durch Ried und spricht man mit fußballaffinen Menschen, so ist der allgemeine Tenor, dass man sich auf die kommende Saison wie schon lange nicht mehr freut. Was auf den ersten Blick paradox klingen mag, hat jedoch einige nachvollziehbare Gründe.

Beginnen wir beim Kader. Alle drei Urgesteine (Gebauer, Reifeltshammer, Ziegl) haben ihrem Verein die Treue gehalten. Mit Julian Wießmeier aus Lustenau hat man (fast schon sensationellerweise) den Spieler der Saison 15/16 sowie den drittbestens Spieler der Saison 16/17 verpflichten können. Mit Marko Stankovic kommt ein Spieler mit Champions-League-Erfahrung ins Innviertel. Die eher unbekannten Kennedy Boateng (vom LASK) sowie Pius Grabher (aus Lustenau) haben in den Testspielen ihr Potential erkennen lassen. Mit Chabbi und Fröschl ist man in der zweiten Liga um nichts schlechter aufgestellt als letztes Jahr in der Bundesliga. Und auch die Vertragsverlängerung von Clemens Walch wurde von den meisten positiv aufgenommen, da er verletzungsfrei einer der besten Spieler dieser Liga sein sollte.

Abgesehen davon ist die Nostalgie des letzten Wiederaufstiegs in der Saison 2004/2005 noch allgegenwärtig. Viele der Helden von damals (u.a. Kuljic, Drechsel, Lasnik oder Trainer Hochhauser) genießen nach wie vor Heldenstatus im Innviertel. Zwei Ausnahmen bestätigen die Regel. An diese Zeit erinnert man sich gerne zurück, weil hier das Fundament für die (größtenteils) erfolgreichen Jahre in der zweiten Bundesliga-Ära geschaffen wurde. Höhepunkte dieser Ära u.a. der Vizemeistertitel 2007, der zweite ÖFB-Cupsieg 2011 und die Herbstmeistertitel in den Jahren 2011 und 2012.

Zum anderen, weil man nach 12 Jahren, welche auswärts in (jedoch nicht nur) Hütteldorf, Graz oder Favoriten von Chancenlosigkeit geprägt war, nun wieder einmal selber den Gejagten bzw. Ligakrösus mimen darf. Auch die Abnutzungseffekte der letzten Jahre (es wird mit der Zeit wirklich langweilig, wenn man jahrelange viermal pro Saison [oder mit Cup sogar fünfmal] gegen die gleichen Teams antreten muss) haben ihre Spuren hinterlassen. Deswegen freuen sich viele Fans auf die Reisen zum OÖ-Derby nach Linz, zum FAC (endlich auswärts Favorit in Wien!), nach Innsbruck/Watttens oder auch ins nostalgische Kapfenberg, wo man 2005 den Wiederaufstieg mit einem 3-2 Sieg gegen den Sportverein fixieren konnte.

Auch die Rieder Fanszene wuchs mit dem letzten Aufstieg, die „zweite Generation“ (die erste Generation für mich jene nach dem ersten Aufstieg 1995, wo sich in Folge u.a. die Supras gegründet haben) sorgte jahrelang für ein volles Heimstadion und gut besuchte Auswärtssektoren. Nun wartet man jedoch bereits seit über einem Jahrzehnt auf die nächste Generation an Fans. Wenn man immer nur im hinteren Tabellendrittel mitspielt, ist es in Zeiten von sky, DAZN und global agierenden Fußballvereinen dementsprechend schwierig, junge Menschen für einen (kleinen/lokalen) Verein zu begeistern.

Das Tabellendrittel sollte sich jedoch in der kommenden Saison grundlegend ändern. Die Buchmacher (u.a. bet-at-home und Tiplix, Stand 14. Juli 2017) geben der SV Ried eine Quote von 1.70 auf den Meistertitel in der skyGo Erste Liga, was umgerechnet bedeutet dass man dem Verein eine 58%ige Meisterchance einberäumt. Bei einer Umfrage im Austrian Soccer Board (n= >25) belegt die SVR im Zwischenwertung einen Durchschnittsplatz von 1.5. Und auch viele anerkannte Journalisten (wie etwa Alexander Huber vom Kurier im aktuellen Ballesterer, S. 12-15) stufen die SVR als Topfavoriten ein.

 

SVR Spieler in Grieskirchen nach dem 2-1 Sieg gegen Akademia Puskas
Nachbesprechung nach dem 2-1 Testspielsieg gegen Akademia Puskas (1. Liga Ungarn) in Grieskirchen

Grund genug, diese Favoriten-These etwas genauer zu beleuchten. Dabei betrachte ich speziell die Erfahrung bzw. die Zusammensetzung des Kaders, die historische Bilanzen von Absteigern der letzten zehn Jahre sowie die Rahmenbedingungen rund um die Aufstiegsplätze, welche in diesem Jahr enorm konträr zu den vergangenen Jahren sind.

Mit einem Durchschnittsalter von 25.1 Jahren verfügt die SV Ried über den ältesten Kader der Ersten Liga. Mit Thomas Gebauer (35), Marko Stankovic (31), Manuel Kerhe (30) und Clemens Walch (kürzlich 30 geworden) verfügt man über vier Ü30-Spieler mit einer Bundesligaerfahrung von 725 Bundesligaspielen. Rechnet man noch die 198 Bundesligaspiele des 29-jährigen Thomas Reifeltshammer dazu, dann kommt man auf respektable 923 Bundesligaspiele welche über fünf Spieler verteilt sind.

Verein, Kader, Alter und Legionäre der Erste Liga 2017/2018
Die Mannschaft der SVR weist den höchsten Marktwert auf, dafür aber auch das höchste Durchschnittsalter – Quelle transfermarkt.de

Insgesamt stehen im 22-Mann-Kader der SV Ried aktuell 1313 Bundesligaspiele zu Buche, wie die folgende Übersicht im Detail darstellt:

Spieler Bundesliga Andere Erstligen
Gebauer Thomas 305
Reifeltshammer Thomas 198
Stankovic Marko (NEU) 192
Ziegl Marcel 175
Walch Clemens 127 19 (DFL)
Fröschl Thomas 121
Kerhe Manuel (NEU) 101
Schilling Christian (NEU) 58
Marcos Ronny 19 9 (DFL)
Chabbi Seifedin (NEU) 7
Durakovic Reuf 6
Lüchinger Gabriel (NEU) 4
Wießmeier Julian (NEU) 9 (DFL)
Durmus Ilkay (NEU) 1 (Süper Lig)
Takougnadi Balakiyem (NEU)
Ammerer Arne (NEU)
Surdanovic Stefano (NEU)
Mayer Thomas (NEU)
Jetzinger Tobias (NEU)
Grabher Pius (NEU)
Haring Peter (NEU)
Boateng Kennedy (NEU)
1313 38

Lediglich 8/22 Spieler verfügen somit über keine Erstligaerfahrung, wobei zwei von diesen acht (Boateng, Mayer) wiederum wissen, wie man aufsteigt, standen sie doch vergangene Saison alle im Kader des LASK. Bleiben nur die Nachwuchskicker Jetzinger, Ammerer und Surdanovic sowie die Lustenauer Haring und Grabher und der ehemalige Fast-Champions-League-Spieler Takougnadi aus Horn.

Jedoch war Erfahrung während der letzten Jahre kaum ein Faktor für einen Aufstieg in die Bundesliga. Der Kader des LASK war im Vorjahr im Schnitt um 2.2 Jahre jünger, jener von St. Pölten im Jahr davor um 1.3 Jahre und jener von Mattersburg wiederum ein Jahr zuvor um 1.8 Jahre. In der Ersten Liga sind die physischen Ansprüche andere als in der Bundesliga, deswegen hat es auch schon seit langer Zeit kein Absteiger geschafft, den direkten Wiederaufstieg zu realisieren. Die nachfolgende Tabelle zeigt, welche Platzierung der jeweilige Bundesligaabsteiger in der kommenden Saison in der Ersten Liga belegen konnte:

 Saison Absteiger Platzierung Erste Liga
2017/18 SV Ried ?
2016/17 Grödig N/A
2015/16 Wiener Neustadt 7.
2014/15 Wacker Innsbruck 6.
2013/14 Mattersburg 6.
2012/13 Kapfenberg 5.
2011/12 LASK 3.
2010/11 Austria Kärnten N/A
2009/10 Altach 3.
2008/09 Wacker Innsbruck 2.
2007/08 GAK N/A

Gemäß Reglement der kommenden Saison gibt es zwei Direktaufsteiger sowie einen Relegationsplatz. Von den vergangenen zehn Absteigern hätte dennoch nur Wacker Innsbruck in der Saison 2008/2009 reüssieren können. Der LASK und Altach hätten es in die Relegation geschafft, die sieben anderen Vereine wären zweitklassig (oder schlechter) geblieben. Übrigens: auch die SV Ried konnte in der ersten Saison nach dem ersten Abstieg 2003/2004 nur Platz 5 belegen, wies dabei am Saisonende einen Respektabstand von 16 Punkten gegenüber dem Meister aus Innsbruck auf.

Warum also schätzen dann viele Experten, Wettbüros und Fans die SVR dennoch so hoch ein, obwohl die historischen Werte klar dagegen sprechen? Dies mag zum einen daran liegen, dass man in die neue Saison – anders als alle Absteiger der letzten Jahre – ohne Unklarheiten im Bezug auf das Trainerteam starten konnte. Lassaad Chabbi und sein Co-Trainer Dieter Alge haben weiterhin das (lautstarke) Kommando über die Mannschaft und ihr neuer Kader besteht vereinfacht gesagt aus zwei großen Blöcken: dem Ried-Block (mit Kapitän Gebauer, Vize-Kapitän Reifeltshammer, dem rekonvaleszenten Ziegl, Marcos, Walch, Fröschl und Durakovic) und dem Lustenau-Block (bestehend aus Haring, Durmus, Grabher, Wießmeier und im engeren Sinn auch S.Chabbi). Acht dieser Spieler werden auch, wenn man die Vorbereitung als Indiz verwendet, zu Saisonbeginn in der Startelf stehen. Ein bestimmtes Grundverständnis sollte demnach gegeben sein.

Dennoch besteht der 22-Mann-Kader aus 15 Neuzugängen. Eingespieltheit ist ein großer Faktor und dank der geringen Anzahl an Testspielen befürchten manche, dass die Mannschaft anfangs wie ein Fremdkörper wirken könnte. Jedoch ist man in Sachen Eingespieltheit nicht alleine: auch bei Austria Lustenau und Wacker Innsbruck gab es viele Kaderveränderungen sodass kein Favorit einen großen Startvorteil haben sollte.

Mit Tamasz Tiefenbach hat man den Wünschen des Trainers entsprochen und einen weiteren Co-Trainer engagiert, der sich akribisch und fachmännisch um Kondition und Menüpläne kümmert (Anm.: Schweinefleisch und Zucker sind passé) und dessen Arbeit bereits jetzt in höchsten Tönen gelobt wird. Ein Spieler hat letztens zu mir gemeint, dass er noch nie zuvor ein derartiges Konditionstraining erlebt hatte. Ich konnte mir gestern beim Nachmittagstraining im alten Rieder Stadion auch selber ein Bild davon machen. Es ist zwar schon ein knappes Jahrzehnt her, dass ich mir zuletzt ein Training angeschaut hatte, aber die Professionalität hat hier eindeutig ein neues Jahrtausend erreicht, egal ob im Bezug auf die GPS-Westen mit Sofortauswertung der Lauf- und Spielerwerte, die Intensität der Übungen oder auch die ausgezeichneten Trainingsbedingungen.

SVR Spieler tragen das Tor zum Training
Teamwork wird unter Chabbi groß geschrieben. Auch wenn es die kleinen Dinge betrifft. (Nachmittagstraining, Stadion der Stadt Ried, 13. Juli 2017)

Denn mit dem kürzlich neu eröffneten Trainingszentrum, dem vollüberdachten Stadion (inkl. Rasenheizung) im Eigenbesitz und den Strukturen im Verein ist man auch besser aufgestellt als jeder einzelne Ligakonkurrent (und auch viele Bundesligisten). Überhaupt sprechen die infrastrukturellen Rahmenbedingen eine eigene Sprache. Neben Ried erfüllt derzeit nur Wacker Innsbruck alle Kriterien (und will ebenfalls aufsteigen). Liefering darf nicht aufsteigen, BW Linz will meines Wissens nach gemäß Jahresplan nicht aufsteigen und bei allen anderen Vereinen, egal ob jetzt Austria Lustenau, Wattens, Wiener Neustadt oder Kapfenberg müssten grobe Investitionen in die Infrastruktur getätigt werden um die Lizenz für die Bundesliga zu erhalten. Damit kann im kuriosesten Fall auch eine 4. oder 5. Endplatzierung dazu reichen, um in die Bundesliga aufzusteigen.

In den vier Testspielen musste man übrigens zu Beginn ein 0:1 gegen Ujpest hinnehmen, schlug anschließend Akademia Puskas mit 2:1 und trennte sich in weiterer Folge von Schalding (Regionalliga Bayern) und Jahn Regensburg (2. Bundesliga) jeweils mit 1:1. Gerade die zweite Halbzeit in Regensburg soll gemäß anwesenden Personen sehr vielversprechend verlaufen sein.

ÖFB-Cup: Wiener Sport-Club (A) – 4:0 (Fila ET, Mayer, Boateng, Surdanovic)
1. Runde: Wiener Neustadt (H)
2. Runde: Austria Lustenau (A)
3. Runde: Floridsdorfer AC (H)
4. Runde: FC Liefering (A)
5. Runde: BW Linz (A)
6. Runde: FC Wacker Innsbruck (H)
7. Runde: TSV Hartberg (A)
8. Runde: WSG Wattens (H)
——- Transferfenster schließt bzw. Länderspielpause —-
9. Runde: Kapfenberger SV (A)

Wenn der Start in die neue Saison positiv ausfällt (mit mindestens sieben von neun Punkten aus den ersten drei Meisterschaftsspielen und einem Weiterkommen im ÖFB-Cup) dann traue ich der SVR durchaus zu, die gesamte Saison über auf einem Aufstiegsplatz zu stehen. Misslingt der Saisonstart jedoch, dann hat man auf Evidenz von maximal neun Pflichtspielen (siehe nachfolgender Spielplan) bis Ende August auch im noch die finanziellen Mittel, um am Kader nachzujustieren – ganz im Gegensatz zur Konkurrenz. Man hört übrigens immer wieder Gerüchte, dass man noch einen Stürmer sowie einen rechten Verteidiger verpflichten will.

Die Stimmung würde wohl grundsätzlich erst dann kippen, wenn man Anfang September fernab der Tabellenspitze anzufinden ist. Der Wiederaufstieg wurde von allen Entscheidungsträgern schriftlich und verbal als klares Saisonziel definiert, dementsprechend wird es auch die Zukunft und das Vermächtnis von Sportdirektor Schiemer und Trainer Chabbi definieren. Man kann also hoffen, dass alle Spieler und Betreuer dem Druck standhalten und sich darüber im Klaren sind, wie die Erwartungshaltung in der Region aussieht. Um dies bildlich aus der Fansicht zu verdeutlichen: der Abstieg war ein teurer Parkschaden. Ein Nichtaufstieg in der kommenden Saison wäre jedoch ein Frontalcrash mit 100 km/h.

Zweitklassig

Am 11. März habe ich darüber geschrieben, wie sich ein Abstieg anfühlt. Die bittere Realität nach dem gestrigen Tag ist allerdings noch viel schlimmer. Das Gefühl der absoluten Leere ist demoralisierend und niederschmetternd. Beim letzten Abstieg war ich 19 Jahre als. Damals gab’s kein Facebook, kein Twitter, kein Instagram und auch kein WhatsApp – genau über diese Kanäle wird man seit gestern 18:25 ständig daran erinnert, dass die SV Ried nach knapp 12 Jahren nicht mehr Bestandteil der tipico Bundesliga ist.

Ich wurde während der letzten 19 Stunden unzählige Male gefragt, wie es mir geht. Es geht mir scheiße. Wie Bill Shankly einst sagte: „Some people think football is a matter of life and death. I assure you, it’s much more serious than that“. Fußball und mein Verein sind viel mehr als nur ein Hobby, sie sind ein Teil meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und somit meiner Persönlichkeit.

Ein sichtlich niedergeschlagener Thomas Reifeltshammer
Ein sichtlich niedergeschlagener Thomas Reifeltshammer – (c) skysportaustria.at

Eigentlich war gestern alles für das vielzitierte Wunder von Ried angerichtet. Ein ausverkauftes Haus, prächtiges Sommerwetter und sogar die spielerische Unterstützung von Rapid. Nur die eigene Mannschaft konnte dem Druck und den gesteckten Erwartungen in keiner Weise standhalten. Gerade in der ersten Halbzeit wirkte die Partie wie auf schiefer Ebene. Die Rieder agierten zögerlich und überhastet zugleich und hatten keine Ideen um die Mattersburger Defensive zu gefährden.

Mattersburg wiederum hatte nichts mehr zu verlieren und spielte eigentlich unösterreichisch motiviert voll auf Sieg. Weil im Frühjahr sowieso alles schief gegangen ist was schief gehen konnte, ermöglichte die frühe Verletzung von Florian Hart das Gegentor durch Perlak, der auf der zwischenzeitlich vakanten Seite viel zu viel Platz hatte. Das 0:2 muss man Thomas Gebauer anhängen, der in dieser Saison gerade im Herbst mit einigen Patzern nicht sein bestes Jahr hatte.

Nach dem 1:2 kehrte die Hoffnung wieder zurück, welche nach dem 1:3 durch Seidl bei manchen Individuen schlagartig in Aggression umgewandelt wurde. Persönliche Anmerkung: bei einem Spieler wie Stefan Maierhofer ist es nie geschickt, diesen während einer Partie auch noch mit Schmähgesängen heißer zu machen als er ohnehin schon ist. Die Spielunterbrechung durch die hirnverbrannten Bengalenwürfe nahm den letzten Wind aus dem Spiel der Rieder Mannschaft, nach der Wiederaufnahme ergab man sich dem eigenen Schicksal.

Nach Spielende trugen sich dann beschämende Szenen zu. Hooligans mit Sturmhauben (… bei denen aufgrund Körperbau und/oder Tattoos sowieso jeder aus der Fanszene und dem Vereinsumfeld weiß, wer sie sind) attackierten eigene Fans auf der West welche es wagten, der Mannschaft nach Spielende zu applaudieren. Vielen Frauen und Kindern konnte man die Angst in den Augen ansehen. Viele traten auch schlagartig die Flucht aus dem Zentrum der West an. Als Elternteil müsste ich nach dem gestrigen Tage stark überlegen, ob ich mein Kind nochmal auf die Fantribüne lassen würde.

Unterbrechung durch den Wurf von pyrotechnischen Gerät
Szenen einer Eskalation – (c) krone.at

Ich hoffe inständig, dass der Verein hier hart durchgreift und langfristige Stadionverbote erteilt. Der Ruf des Vereins wird durch diese Radaubrüder geschädigt, für die Spielunterbrechung und die mehrfachen Würfe von pyrotechnischem Gerät wird der Verein harte Strafen aufgebrummt bekommen. Ich hoffe ebenfalls stark, dass man sich hier an den Verantwortlichen schadlos halten kann. Einzelne Personen kommen und gehen und sind ersetzbar, aber der Verein bleibt bestehen. „No individual is bigger than the club“ ist hier ein weiteres Zitat, welches ich an dieser Stelle einwerfe.

Um einen Bogen zurück zum sportlichen Aspekt zu spannen: der Abstieg an sich ist hochverdient. Man hat die meisten Niederlagen am Konto, war die längste Zeit Tabellenschlusslicht, hat die wenigsten Tore erzielt, die wenigsten Auswärtspunkte geholt und in entscheidenden Momenten (0-1 in St. Pölten, 1-2 in Mattersburg, 1-1 gegen Wolfsberg, 1-1 gegen St. Pölten, 2-3 gegen Mattersburg) IMMER versagt.

Die Schuld dafür kann man vielen Personen in die Schuhe schieben: Stefan Reiter für seine Kaderplanung ohne einen bundesligatauglichen Stürmer, Christian Benbennek für die konditionellen Versäumnisse und seinen passiv-langweiligen Spielstil, Roland Daxl für seine Imperatorgebärden in der Winterpause, Franz Schiemer für sein aktives Einwirken auf den/die Trainer (welche meinen Quellen nach definitiv und massiv stattgefunden hat), Lassaad Chabbi für einige taktische Fehlgriffe (u.a. Durakovic gegen den WAC, die Einwechslung von Brandner gegen St. Pölten) und schlussendlich der Mannschaft selber.

Wenn man nur einen (oder vereinzelte) Fehler macht, steigt man nicht ab. Dieser Abstieg ist das Produkt einer Verkettung grober Fehler, Nachlässigkeiten und persönlicher Eitelkeiten. Ried hat immer davon gelebt, dass man diese Nebengeräusche den Großclubs und Lokalrivalen überlassen hat. Daher sollte man die Zweitklassigkeit nun dazu nutzen, um eine selbstreinigende Wirkung zu erzielen. Der Kader kann überholt bzw. neu aufgebaut werden, einzelne Vorstandsmitglieder können sich selbst hinterfragen und einige erlebnisorientierte Menschen können ihren Drang zum Radau zukünftig außerhalb der Keine Sorgen Arena (oder wie auch immer dieser aktuell zynische Stadionname kommende Saison lauten mag) ausleben.

Fakt ist: kommende Saison ist man kein Bestandteil der österreichischen Fußballelite. Man muss sich auf den Spieltermin am Freitagabend umgewöhnen. Es gibt keine HD-Spiele oder Einzellivespiele (abgesehen von der wöchentlichen 20:30-Partie) mehr. Man wird die besten Spieler verlieren (wie etwa Möschl an Dynamo Dresden). Die Zuschauerzahlen im Stadion werden wieder nach unten gehen. Es wird finanzielle Einbußen geben – egal ob im Bezug auf Fernsehgelder, Sponsorengelder oder Eintrittsgelder. Der LASK (mitsamt ehemaliger Rieder Vereinslegenden im Trainerstab) ist zum ersten Mal seit 1994 (!) eine Spielklasse über der SV Ried angesiedelt. Auch das wurmt (auch wenn es nicht jeder zugeben wird).

2003 ist das lähmende Gefühl der Ohnmacht erst vergangen, als die neue Saison mit einem 2:1 gegen den FC Lustenau eröffnet wurde. Heuer wird es wohl ebenso lange dauern, bis wieder eine gewisse Normalität einkehrt. Wenn ich mir unsere künftigen Gegner ansehe, dann sind die Auswärtsspiele in Kapfenberg, Hartberg und Wiener Neustadt für mich als Grazer äußerst anreisefreundlich gelegen. Wenn man beim FAC antreten muss, ist man wohl zum ersten Mal überhaupt Favorit bei einem Auswärtsspiel in Wien. Mit BW Linz bekommt man ein Derby in der Landeshauptstadt. Bei den Matches gegen Wacker und Wattens kann ich meine Schwester in Tirol besuchen. Und auch nach Grödig kann man nach einjähriger Pause wieder fahren um gegen die Wettbewerbsverzerrer aus Liefering zu spielen.

Abgesehen davon werde ich mir selbstverständlich auch wieder eine Abokarte sichern. Nächste Saison steigen dank der Ligaaufstockung zwei oder gar drei Vereine in die Bundesliga auf. Es gibt zwar aktuell noch keine Quoten, aber im Normalfall sollten Wacker Innsbruck und die SVR die beiden Topfavoriten auf den Aufstieg sein. Und wenn es wirklich so kommen sollte, dann kann ich in naher Zukunft nach Monaten von Depression und Abstiegsangst auch endlich einmal wieder über positive Dinge schreiben. In der Zwischenzeit trifft man hoffentlich die richtigen Schlüsse und auch wenn man es derzeit noch nicht so recht begreifen kann, beende ich meinen finalen Blogeintrag in dieser Saison mit einem letzten Zitat:

4378 Tage

So lange ist es her, dass am 27. Mai 2005 mit einem 3-2 Auswärtssieg in Kapfenberg der Wiederaufstieg in die Österreichische Bundesliga besiegelt wurde. Der Abstieg zwei Jahre zuvor (am letzten Spieltag, durch ein 0-3 gegen die Admira bei einem gleichzeitigen 2-0 von Bregenz in Favoriten) kam wie ein Schock und es dauerte auch ein mittelmäßiges Jahr in der zweithöchsten Spielklasse, um diesen zu verdauen.

Am kommenden Donnerstag wird die SV Ried nach 14 Jahren aller Voraussicht nach erneut als Absteiger aus der obersten Spielklasse feststehen, sollte man die Auswärtspartie in Altach nicht gewinnen. Selbst mit einem Sieg (welcher aufgrund der inferioren Auswärtsbilanz selbst wie ein kleines Wunder wäre) hätte man daraufhin am letzten Spieltag noch immer die mit Abstand schlechtesten Karten.

Gernot Trauner und Dieter Elsneg am Boden nach dem 1-1 gegen St. Pölten
Gernot Trauner und Dieter Elsneg nach dem 1-1 gegen St. Pölten – (c) nachrichten.at

Diesmal kommt der Abstieg allerdings nicht als Schock, sondern als Quittung für eine Saison mit zu vielen Versäumnissen und Eigenfehlern. Das Theater rund um Stefan Reiter und wenige Wochen später um Christian Benbennek. Die bereits angesprochene Auswärtsbilanz mit nur fünf Punkten aus 17 Spielen. Und auch die Freakshow an verlorenen Punkten im Frühjahr:

  • Die 0-1 Niederlage gegen die Admira durch einen Tausendguldenschuss in der Nachspielzeit (wobei dieser Gefallen später durch Fröschl retourniert wurde)
  • Der verschossene Elsneg-Elfer beim Stand von 0-0 in St. Pölten (Endstand 0-1)
  • Die 1-2 Niederlage nach 1-0 Führung in Mattersburg in der Schlussphase
  • Die 0-1 Niederlage in Graz in der 88. Minute (als bessere Mannschaft)
  • Der verschossene Elfer beim Stand von 1-0 und das anschließende Eigentor von Özdemir gegen den WAC zum 1-1 Endstand.
  • Das 1-1 am vergangenen Wochenende gegen einen eigentlich hilflosen Gegner aus St. Pölten mitsamt 100%iger Torchance von Elsneg beim Stand von 1-0.

Wir sprechen hier von mindestens 10, eher sogar 12 fahrlässig verschenkten Punkten, welche auch gestern bei Talk & Tore in einem grauenhaften Zusammenschnitt präsentiert wurden. Selbst wenn man „nur“ die beiden Spiele gegen Wolfsberg und St. Pölten hernimmt, wären diese vier Punkte mehr zum aktuellen Zeitpunkt ein großer Rettungsanker. Wie Alfred Tatar gestern sagte – wenn sowas einmal oder zweimal passiert, ist es Pech. Wenn es allerdings laufend passiert, mangelt es an Qualität.

Und wenn man von Qualität spricht, dann fehlte es an dieser heuer vor allem im Sturmzentrum an allen Ecken und Enden. Der Mittelfeldakteur Peter Zulj ist mit fünf Toren Toptorschütze, anschließend folgt Innenverteidiger Thomas Reifeltshammer mit vier Toren. Die vier nominellen Stürmer Orhan Ademi, Thomas Fröschl, Dieter Elsneg und Marvin Egho haben heuer zusammen in kumuliert 89 Spielen exakt sieben (7) Tore erzielt. Mit 29 Toren in 34 Spielen hat man die mit Abstand wenigsten Tore der Bundesliga erzielt. In der 20-jährigen Bundesligageschichte hat man nur in der Saison 1998/1998 weniger (25) erzielt. Damals reichten 32 Punkte (wie aktuell) jedoch für den 8. Tabellenplatz vor Austria Lustenau und Vorwärts Steyr.

Abgesehen davon hat man die meisten Spiele verloren, hält beim schlechtesten Torverhältnis, hat am öftesten zu-null verloren und auch ganz einfach gegen die direkten Konkurrenten im Abstiegskampf zu wenig gepunktet. In den vergangenen Jahre konnte man gegen die Gegner aus der hinteren Tabellenhälfte (wie etwa Wiener Neustadt, Altach, Grödig oder die Admira) immer gut anschreiben. Heuer ist dies ausgeblieben:

  • Salzburg: NNNU – 1 Punkt
  • Austria Wien: UNNN – 1 Punkt
  • Sturm Graz: SNNN – 3 Punkte
  • SCR Altach: SNS? – 6 Punkte
  • Admira Wacker: NSNS – 6 Punkte
  • Rapid Wien: NSNS – 6 Punkte
  • Mattersburg: SUN? – 4 Punkte
  • Wolfsberg: NNNU – 1 Punkt
  • SKN St. Pölten: SNNU – 4 Punkte

Man könnte sagen, man hat nur gegen das Tabellenmittelfeld ausreichend gepunktet. Neun Punkte (von möglichen 33) gegen die unmittelbaren Tabellennachbarn sind einfach zu wenig. Nur einer von zwölf möglichen Punkte gegen den WAC ist vermutlich sogar ein Hauptgrund für die aktuelle Tristesse.

All diese Statistiken sprechen gegen die SV Ried. Daher muss man festhalten, dass der Abstieg verdient und vielleicht auch überfällig wäre. Denn bereits im Laufe der beiden vergangenen Saisonen war man immer wieder (zumindest teilweise) in den Abstiegskampf verstrickt und konnte zu keinem Zeitpunkt Kontinuität in den Verein bringen (man denke alleine an die Trainerwechsel Angerschmid -> O.G. -> Kolvidsson -> Gludovatz -> Benbennek -> Chabbi).

Ein Abstieg wäre zwar eine Tragödie, jedoch keine Katastrophe. Wie bereits in meinem letzten Artikel angemerkt, hat man die allerbesten Grundvoraussetzungen für den direkten Wiederaufstieg. Trainer und Manager stehen fest, mit Marcel Ziegl wurde eine Identifikationsfigur langfristig an den Verein gebunden, mit Julian Wießmeier wurde einer der stärksten Spieler der skyGoEL verpflichtet und damit ein Statement gesetzt. Die Infrastruktur mit dem neuen Trainingszentrum, das Stadion im Eigenbesitz und vor allem die sensationellen Fans (6.600 am Samstag und damit mehr als etwa beim Meister in Salzburg) werden alles Faktoren sein, dass der Wiederaufstieg diesmal gleich im ersten Anlauf (und nicht wie damals erst im zweiten Anlauf) geschafft werden kann.

Jedes Ende kann daher als Chance für einen Neubeginn gesehen werden. Das stetig sinkende Zuschauerinteresse und die zuletzt ständige Chancenlosigkeit in Hinblick auf eine Europacupteilnahme haben die Rieder Fans zunehmend fußballmüde gemacht. Erst jetzt in der Krise konnte wieder ein Feuer entfacht werden und das berühmte Innviertler Zusammengehörigkeitsgefühl (abgewandelt vom bayrischen mia san mia) neu für sich entdeckt werden. Zuletzt haben Heimspiele auf einer gut gefüllten Westtribüne wieder Spaß gemacht – das war vorher jahrelang nicht mehr der Fall.

Kapfenberg statt Graz, Floridsdorf statt Hütteldorf und Linz statt Pasching – die Umstellung in der nächsten Saison wird definitiv nicht leicht fallen. Aber man lernt nach über einem Jahrzehnt wieder neue Fußballplätze kennen, fährt als Favorit zu Auswärtsspielen und kann um einen Titel kämpfen. Vor 14 Jahren hat die Aura des Wiederaufstiegs jahrelang nachgewirkt und im Endeffekt zu einem Vizemeistertitel, einem Cupsieg und zwei Herbstmeisterschaften geführt. Auf eine ähnliche Reset-Hoffnung kann man in der kommenden Saison hoffen. „Ob erste oder zweite Liga – wir sind alle treue Rieder“ heißt es in einem regelmäßig gesungenen Fangesang. Jahrelang schien die Botschaft dieses Lieds irrelevant und geradezu wie eine Erinnerung an längst vergessene Zeiten. Kommende Saison kann man jedoch beweisen, dass man auf Worte auch Taten folgen lässt. Auf den Rängen und auch am Platz.

Das Rieder Abstiegsszenario

Seit Anfang März wurde im Innviertel öfters von Endspielen gesprochen. Das erste definitive Endspiel findet allerdings erst kommenden Samstag in der Keine Sorgen Arena statt. Verliert die SV Ried das Heimspiel gegen St. Pölten und der WAC gewinnt zwei Stunden später das Heimspiel gegen Austria Wien, stünde man zwei Spieltage vor Saisonende bereits als Absteiger in die skyGo Erste Liga fest. Man würde ausgerechnet im 20. Jahr der Bundesligazugehörigkeit (1995-2003; 2005-2017) zum zweiten Mal den Gang in die zweithöchste Spielklasse antreten müssen.

Patrick Möschl am Boden nach der 0:3 Niederlage gegen Austria Wien
Patrick Möschl als Sinnbild für die aktuelle Lage (c) skysportaustria bzw. GEPA

Zweigleisige Kaderplanung und Transfers

Aufgrund der Tatsache, dass der Abstieg allerdings auch erst im letzten Moment (konkret gesagt am letzten Mai-Wochenende) entschieden werden könnte, gestaltet sich die Kaderplanung für Franz Schiemer derzeit wohl äußerst schwierig. Er muss zweigleisig planen, einzelne Spielerverträge gelten wohl nur für die Bundesliga. Zwei Spieler haben ihren Abschied bereits bekannt gegeben: Stefan Nutz wechselt nach Altach, Gernot Trauner muss/wird den Verein verlassen. Er wechselt aber nicht zu Sturm Graz, daher erscheint der LASK nun als wahrscheinlichste Variante.

Zudem läuft eine Vielzahl an Verträgen aus – mit Dieter Elsneg, Clemens Walch, Florian Hart, Alberto Prada, Nico Antonitsch, Thomas Bergmann, Orhan Ademi und Patrick Möschl ist die Zukunft von acht weiteren Spielern derzeit (zumindest nach außen hin) noch komplett offen. Allerdings sind hier nicht nur die Spieler am Zug. Schiemer selber muss sich folgende Fragen stellen: Wollen diese Spieler auch in der zweiten Liga spielen? Kann man sich diese Spieler in der zweiten Liga überhaupt leisten? Will der Verein diese Spieler überhaupt im Verein halten?

Die dritte Frage ganz sicher mit „ja“ kann man im Fall von Patrick Möschl beantworten. Er spielt im Frühjahr seine beste Saisonhälfte überhaupt im Dress der SVR und ist daher angeblich konkretes Thema bei der Austria aus Wien. Özgür Özdemir, Dieter Elsneg und Peter Zulj sind drei weitere Spieler, welche von der Qualität und vom Gehalt her in der zweiten Spielklasse wohl kaum zu halten sind.

Vieles spricht also für einen drastischen Kaderumbruch. Ein solcher wirkt sich erfahrungsgemäß gerade während der ersten zwei bis drei Monate einer neuen Saison negativ auf die Homogenität der Mannschaft und eine fluide Spielweise aus. Die Absteiger der letzten Jahre hatten im ersten Jahr in der Erste Liga sogar teilweise mit (erneuten) Abstiegssorgen zu kämpfen weil die Spielweise dort eine andere ist und viele Mechanismen aus der Bundesliga nicht greifen. Zudem sind die Plätze (teilweise viel) schlechter und Zweikämpfe sind ein viel größerer Faktor.

Daher müsste Schiemer bei der Kaderplanung neben Klasse/Ligatauglichkeit auch auf die Komponenten Routine/Erfahrung achten. Ein Joachim Standfest (dessen Vertrag in Wolfsberg nicht verlängert werden soll) wäre für mich ein absolut denkbarer Leithammel für eine Mission Wiederaufstieg. Grandios aber wohl nicht umsetzbar wäre eine Rückkehr von Anel Hadzic aus Ungarn zu seinem Stammverein. Dagegen sprechen aber sein relativ junges Alter von 27 sowie Gehalt – und eben auch die Liga.

Spieler gehen, Spieler kommen – in Sachen Neuverpflichtungen wurde zuletzt über den Namen Thomas Mayer gemunkelt. Der LASK-Spieler, welcher sich beim Spiel gegen die Admira im Rieder VIP-Club befand, ist bei Goodwin Sportmanagement unter Vertrag, jener Agentur welche u.a. auch Marcel Ziegl betreut. Schiemer kennt ihn aus seiner Zeit in Liefering und ist wohl von der Mischung aus Schnelligkeit und Giftigkeit überzeugt.

Laut Vorarlberger Nachrichten ist aber auch Pius Grabher ein heißer Kandidat für eine Reunion mit seinem ehemaligen Trainer. Heute wurde verlautbart, dass er den Verein zu Saisonende auf alle Fälle verlassen wird. Dagegen spricht, dass man ihm auch Interesse von fixen Bundesligamannschaften (u.a. Admira) nachsagt. Der Schweizer Gabriel Lüchinger, welcher derzeit als Spielmacher der Altach Amateure in der Regionalliga West (heuer 15 Tore und 6 Assists in 25 Spielen) agiert, soll ebenfalls ein Thema sein.

Grabher ist übrigens 170 cm, Mayer 171 cm und Lüchinger 172 cm „groß“ – ein Indiz dafür auf welche Art von Fußball Schiemer und Chabbi in der kommende Saison setzen wollen, unabhängig von der Ligazugehörigkeit.

Wiederaufstiegsfaktoren Stürmer, Vereinstreue & Trainer

Das wichtigste Kriterium in einem skyGoEL-Meisterkader ist allerdings ein Topstürmer. Ried hatte vor 12 Jahren den überragenden Sanel Kuljic, welcher mit 34 Toren in 34 Spielen bis heute den Zweitligatorrekord hält. Der LASK konnte heuer auf die Tore von René Gartler bauen, St. Pölten wurde im Vorjahr von Daniel Segovia getragen. Ein Jahr zuvor wurde Markus Pink Torschützenkönig bei Mattersburg und wiederum ein Jahr davor Hannes Aigner in Altach.

Das Toreschießen war heuer auch das Hauptproblem der SV Ried. Orhan Ademi konnte den in ihn gesteckten Erwartungen in keinem Aspekt gerecht werden, Thomas Fröschl erzielte sein erstes Saisontor im Mai und auch Dieter Elsneg (in den letzten beiden Jahren der Topscorer in Ried) erwischte heuer eine Seuchensaison. Hier müsste Schiemer also auf alle Fälle nachlegen um diese Schlüsselposition mit einem geeigneten Mann zu besetzen. Man würde wohl keinen Sanel Kuljic mehr finden, aber ein Überraschungsmann wie heuer Rafael Dwamena in Lustenau erscheint im Bereich des Möglichen.

Ein wichtiges und aus Fansicht sogar beeindruckendes Zeichen war die gestrige Vertragsverlängerung von Marcel Ziegl bis 2020. Dieser Vertrag ist sowohl in der Bundesliga als auch in der Ersten Liga gültig. Kapitän Thomas Gebauer sowie Vize-Kapitän Thomas Reifeltshammer haben beide ebenfalls bereits angedeutet, auch bei einem Abstieg die Treue halten zu wollen. Daher könnte man im Falle des schlimmsten Szenarios auf die wohl drei größten Identifikationsfiguren bauen. Sie stammen nicht nur aus der Region (bzw. gehören schon lange dort hin), sondern sind auch die drei längst dienenden Spieler im Rieder Kader. Thomas Gebauer ist seit 2006 in Ried, Thomas Reifeltshammer und Marcel Ziegl haben ihr Bundesligadebüt für Ried beide im Jahr 2009 gefeiert.

Mit Lassaad Chabbi hat man im Frühjahr einen Trainer verpflichtet, der die Erste Liga bestens kennt und mit Austria Lustenau lange im Aufstiegskampf war, bis der bereits genannte Topstürmer Rafael Dwamena in der Winterpause in die Schweiz verkauft wurde. Seine Akribie und unbändige Leidenschaft für den Fußball (welche man Augenzeugen zufolge in jedem einzelnen Training sieht) sind ein Hauptgrund dafür, dass sich die SV Ried Mitte Mai überhaupt noch im Abstiegskampf befindet. Die aktive, zweikampforientierte Spielweise scheint nicht nur den meisten Spielern besser zu liegen, sie ist auch deutlich attraktiver für die Fans. Kein Vergleich zur langweilig-passiven Spielweise unter Christian Benbennek, bei der die Stärken einiger Spieler (Paradebeispiel: Patrick Möschl) überhaupt nicht zur Geltung kamen.

Infrastruktur und Ticketpreise

In Sachen Infrastruktur wäre die SV Ried in der ersten Liga allen anderen Vereinen haushoch überlegen. Ein Stadion mit 7600 überdachten Plätzen im Eigenbesitz, eine innovative Rasenheizung, ein kürzlich eröffnetes state-of-the-art Trainingszentrum inkl. Kunstrasenplatz und ein für HD-Spiele ausreichendes Flutlicht kann in Kombination keine andere Mannschaft bieten, nicht einmal Wacker Innsbruck.

Aufgrund der Infrastrukturgegebenheiten kommen die meisten Teams, welche kommende Saison in der skyGoEL spielen werden, auch gar nicht für den Aufstieg in Frage. Im Endeffekt würde sich der Aufstiegskampf auf Wacker, Austria Lustenau sowie eventuell BW Linz und Wattens beschränken. Alle anderen Vereine haben finanzielle Probleme oder grobe infrastrukturelle Einschränkungen. Und Liefering darf sowieso seit Jahren nur den großen Wettbewerbsverzerrer mimen.

Hauptsponsor Guntamatic hat laut diverser Insider bereits signalisiert, auch in der 2. Liga auf alle Fälle an Bord bleiben zu wollen. Dennoch müsste die SVR gemäß einem Interview mit Finanzvorstand Daxl das Budget im Falle des Abstiegs um rund 30% reduzieren, was aber noch immer für eines der absoluten Topbudgets in der skyGoEL ausreichen würde. Hauptfaktor hier wohl die markant niedrigeren Bezüge aus den TV-Geldern. Als Rieder Fan müsste man sich zudem daran gewöhnen, nicht jedes Spiel live über 90 Minuten sehen zu können. Aber aufgrund der (zumindest derzeit) abgeschlossenen Infrastrukturoffensive könnte wohl ein Großteil der finanziellen Ressourcen in die dringend nötige Kaderplanung investiert werden.

Die Eintrittspreise müssten zwangsweise nach unten angepasst werden. Derzeit bezahlt man 18€ (17€ im VVK) für einen Stehplatz. Bei Gegnern wie Rapid oder Sturm Graz ist das noch absolut okay, gegen Hartberg oder Wattens wäre es dies jedoch nicht mehr. Daher sollte man alles daran setzen, so viele Abos wie möglich zu verkaufen. Je mehr Abos an den Mann (und die Frau) gebracht werden, desto größere Planungssicherheit würde der SVR beim Kampf um den Wiederaufstieg ermöglicht werden.

Der 12. Mann

Weil ich gerade die Abos angesprochen habe – last but not least könnte die SV Ried auch in der skyGoEL auf einen Fansupport bauen, welcher derzeit in der Bundesliga für den subjektiven fünften Platz hinter den „big4“ reicht. Szenen wie nach dem erkämpften 1-0 Heimsieg gegen die Admira sind mehr als nur bundesligareif. Die absolute Mehrheit der Fans würde auch in der Zweitklassigkeit zu ihrer Mannschaft stehen – gemäß dem Motto „Wir für euch – ihr für uns – wir gegen alle“.

Die Rieder Mannschaft beim Abklatschen mit den Fans nach dem 1:0 Sieg gegen die Admira.
Abklatschen nach dem 1-0 gegen die Admira (c) 90minuten.at via GEPA

Aufgrund der Spieltermine von Unterhauskickern (größtenteils Samstag und Sonntag) könnte sogar der Fall eintreten, dass man am Freitag um 18:30 (oder 20:30) wieder Zuschauer im Stadion begrüßen darf, welche aktuell während der Unterhausligasaison kaum Zeit für den Besuch von Bundesligaspielen haben. Im Gegensatz dazu ist der Freitagstermin natürlich weniger kinder- und familienfreundlich. Und auch für Menschen mit längerer Anreisezeit (Anm.: darunter befinde mich auch ich) wäre der Ankicktermin jedoch ein klarer Nachteil.

Ausblick in eine (un)sichere Zukunft

Zusammenfassend kann man konstatieren: ein Abstieg würde vieles ändern, schwieriger machen und natürlich sehr weh tun. Auch viele Fans anderer Teams sehen die SV Ried als Bereicherung für die Bundesliga und würden den Verein daher (zumindest ein bisschen) vermissen. Der gleichzeitige Aufstieg des LASK (inkl. seinem wirtschaftlichem Potential) würde den Abstiegsschmerz unter den Ried-Fans außerdem potenzieren.

Allerdings müsste man um die SV Ried sicher keine Angst und Sorge haben. Trainer und Manager stehen bereits fest und dienen der Planungssicherheit. Man hat beste infrastrukturelle Ausgangsbedingungen um talentierte Spieler auch in die 2. Liga zu locken. Außerdem würde der Zwischenstopp in der zweiten Spielklasse aufgrund der zuvor genannten Fakten hoffentlich auch nur eine Saison lang andauern, da nächste Saison durch die Aufstockung auf die 12er-Bundesliga zwei (oder aufgrund der Relegation gar drei) Teams in die Bundesliga aufsteigen werden.

Und wenn über alle Teile des Vereins (inkl. Fans) der gleiche selbstreinigende Effekt wie 2003 eintreten würde (die Langzeitfans wissen wovon ich spreche), dann wäre der Abstieg ein lehrreiches Kapitel gewesen, dass man als Dorfverein (im Sinne des Begriffes) im österreichischen Spitzenfußball nichts für gegeben oder dauerhaft beständig erachten darf. Denn auch Prototypen verlieren irgendwann einmal ihren Wettbewerbsvorteil und ihre Magie.

 


Disclaimer: ich bin kein Journalist sondern primär langjähriger Anhänger der SV Ried, der bereits einen schmerzvollen Abstieg miterlebt hat. Sollte mir also jemand Subjektivität vorwerfen wollen, dann wohl weil ich einige Dinge ziemlich subjektiv sehe ;- )

Die bitterste Niederlage seit 2003

Die samstägliche 1:2 Niederlage beim SV Mattersburg war ein tabellarischer (und auch moralischer) Genickschlag für die SV Ried. Nach dem überzeugenden 2-0 gegen Altach (dem ersten Sieg seit Anfang Dezember und dem ersten zu-null-Sieg seit dem 2. Spieltag) war die Stimmung unter der Mannschaft (und auch unter den Fans) eigentlich so positiv wie schon lange nicht mehr. Der 2-1 Testspielsieg gegen Dukla Prag in der Länderspielpause war laut Augenzeugen ein weiterer Schritt nach vorne. Dementsprechend motiviert traten wir am Samstag zu fünft den Ausflug nach Mattersburg an (von Graz aus eine ca. 90-minütige Fahrt). Bei herrlichem frühsommerlichen Wetter schmeckte nicht nur das Bier hervorragend, auch das Spielglück schien sich endlich auf unsere Seite zu schlagen.

Choreo der Riedfans vor dem Bundesligaspiel zwischen Mattersburg und Ried
Stimmung und Wetter vor der Partie sommerlich gut. Nachher war’s noch immer sommerlich, aber die Stimmung war nicht mehr gut. 

Nach einer einer Halbzeit, in der man Chancen en masse zugelassen hatte und sich mit einem 0-0 in die Pause zitterte, konnte Orhan Ademi in der 48. Minute sein erstes Tor seit 10. September (beim 3-2 Auswärtssieg in St. Pölten) bejubeln. Ein weiteres positives Zeichen, wie man zu diesem Zeitpunkt denken konnte. Doch nach zwei Aluminiumtreffern des im Abschluss glücklosen Stefan Nutz kam es am Ende so, wie es kommen musste. Dank Brachialgewalt (mit drei Mittelstürmern am Platz) knockte Patrick Bürger die panisch-ungeordnete Rieder Mannschaft mit einem Doppelschlag in der 84. und 86. Minute zurück auf den Boden der Realität.

Anstatt Platz 9 und einem kleinen aber immens wichtigen Schritt in Sachen Klassenerhalt musste man die Heimreise ins Innviertel mit der wohl bittersten Niederlage seit dem historischen 29. Mai 2003 im Gepäck antreten. Unter den über 30-jährigen Männern in unserem Auto herrschte bei der Heimreise zumeist betretenes Schweigen und auch der eine oder andere Schluchzer (auch von meiner Seite) war laut hörbar – zu bitter und brutal die Art der Niederlage und der tabellarische Status.

Vor Beginn des letzten Saisonviertels beträgt der Abstand auf den vorletzten Platz nämlich vier Punkte (aufgrund des schlechten Torverhältnisses effektiv sogar fünf Punkte). In den letzten 25 Jahren ist es keinem Schlusslicht zu diesem Zeitpunkt mehr gelungen, einen derartigen Rückstand noch aufzuholen und den Klassenerhalt zu sichern. Obwohl das Restprogramm den Umständen entsprechend akzeptabel ist, wird es ein kleines (vielzitiertes) Fußballwunder benötigen, um den zweiten Abstieg nach 2003 zu verhindern.

Die Anzeichen stehen freilich schlecht. Neben den Langzeitverletzten Clemens Walch und Matthias Honsak (der Standard-Flügelzange im Frühjahr) fällt auch der Kapitän Thomas Gebauer für weitere zwei bis drei Spiele aus. Sein Ersatz Reuf Durakovic hat am Samstag zwar eine ansprechende Leistung gezeigt, den Gegentreffer zum 1-2 muss er aufgrund seiner Parade nach vorne dennoch auf seine Kappe nehmen. Doch viel schwerer wiegt das Fehlen eines Routiniers und Ruhepols im Tor.

Wenn man davon ausgeht, dass bei den Auswärtsaufgaben in Graz (3.), Salzburg ( 1.), Favoriten (4.) und Altach (2.) nichts zu holen ist (nicht nur aufgrund der katastrophalen Auswärtsform mit neun (!) Niederlagen in Folge), dann müssen in den verbleibenden fünf Heimspielen wohl fünf Siege her, um eine realistische Chance auf den Klassenerhalt zu haben. Zunächst begrüßt man kommenden Samstag den Krisenklub aus Wien-Hütteldorf, gegen den man in den bisherigen 19 Bundesligasaisonen nur einmal (2008/2009) das Heimspieldouble bejubeln konnte. Die Wiener sind ihrerseits unter riesigem Siegzwang und können sich nach einem sieglosen Frühjahr keine weitere Niederlage beim Tabellenletzten erlauben, wenn man selber nicht doch noch in den (zumindest theoretischen) Abstiegskampf rutschen will.

Anschließend geht es gegen den Wolfsberger AC, der im Tabellenmittelfeld nicht mehr viel verlieren kann und deswegen entspannt in die Partie gehen kann. Wie schwierig ein Heimspiel gegen die Admira ist, hat nicht nur die Wiener Austria am Samstag miterleben müssen – auch im Herbst gelang nur ein höchst schmeichelhafter und eigentlich unverdienter 2-1 Sieg durch ein spätes Siegtor von Patrick Möschl. Die letzten beiden Heimspiele der Saison sind dann echte Abstiegsknaller – falls es zu diesem Zeitpunkt noch um etwas geht. Nacheinander begrüßt man am 34. Spieltag die Wölfe aus St. Pölten, bevor man am 36. Spieltag zum Abschluss die Mattersburger empfängt.

Aufgrund des zunehmend schwachen Punktezuwachses im Laufe der Saison (waren es im 1. Saisonviertel noch 11 Punkte, so waren es im 2. Viertel nur mehr 9 und im 3. Viertel gar nur 3 Punkte) kann man jedoch nicht erwarten, dass man im 4. Saisonviertel nun auf einmal 15 Punkte einheimst. Mit 38 Punkte wäre man ziemlich sicher gerettet, es sei denn man wird den eigenen Rekord des besten Absteigers aller Zeiten (38 Punkte in 02/03) einstellen.

Die Spielanlage hat sich unter Lassaad Chabbi zwar zum Positiven verbessert, die Schwächen in der Defensive (vor allem bei Standards und hohen Bällen) sind jedoch weiterhin frappant und kaum zu kaschieren. Aufgrund der Tatsache, dass man gegen Mattersburg kein probates Mittel gegen deren lange Bälle hatte, könnte am kommenden Samstag ein ähnliches Schicksal gegen Rapid drohen. Eine Niederlage in diesem Spiel würde die Chance auf den Klassenerhalt logischerweise noch weiter senken.

War der erste Abstieg der Bundesligageschichte wie ein unerwarteter Schuss ins Genick, so bekommt man als Rieder Fan nun zum ersten Mal die gnadenlose und vor allem deprimierende Negativ-Aura des Abstiegskampfes mit, in der man nach dem einen oder anderen Wackler im Laufe der letzten zwei Jahre nun zum ersten Mal glasklarer Favorit ist. Noch hat man neun Spieltage Zeit, um den Abstieg zu verhindern. Ist der Klassenerhalt noch möglich? Ja. Ist er noch realistisch? Eher nein.