Toni Polster: From Hero to Zero

Als Anton Polster im Jahre 1993 von Rayo Vallecano zum 1. FC Köln in die Deutsche Bundesliga wechselte, war ich knapp 10 Jahre alt. Damals gab es drei Möglichkeiten, etwas über diese Liga mitzubekommen: über die Radiokonferenz auf Antenne Bayern, über den Teletextticker des ORF (throwback monday: Tore von österreichischen Legionären wurden bläulich und nicht weiß angezeigt) und über die SAT1-Sendungen ran (am Samstag) bzw. ranissimo (am Sonntag).

Ich hatte mir damals eine Art Fußballtagebuch angelegt, in welchem ich minutiös die Leistungen von Polster (und auch von Andi Herzog bei Bremen) und die Ergebnisse vom Effzeh mitdokumentierte. Bei jedem [über Radio oder Teletext mitverfolgten] Treffer wurde die Vorfreude auf die abendliche Fußballsendung noch größer. Selbsterklärend, dass Social Media, YouTube oder gar Internet damals noch in weiter Ferne waren.

Toni Polster
Toni Polster als Kapitän der Österreichischen Nationalmannschaft. (c) FIFA.com

Spätestens als Polster dann 1997 mit seinen zwei Toren beim 4-0 gegen Weißrussland die Qualifikation für die WM in Frankreich 1998 fixierte und dort mit seinem Gewaltschuss aus nächster Nähe ein 1-1 gegen Kamerun in der Nachspielzeit sicherte, genoss er (bei mir persönlich) so etwas wie Heldenstatus. Ein österreichischer Stürmer von internationalem Format, bei Fans und Medien gleichermaßen beliebt, sogar mit einem Hit in den Charts („Toni, lass es polstern“ – mit den Fabulösen Thekenschlampen) und stets gut gelaunt mit einem lockeren Spruch auf den Lippen.

Nach fünf Jahren in Köln folgte ein überraschender und kontroversiell diskutierter Wechsel zum rheinischen Rivalen nach Mönchengladbach, bei denen er jedoch ebenfalls noch (zumindest kurzzeitig) reüssieren konnte, bevor ihn Hans Meyer dann eineinhalb Jahre später (im Alter von 36 Jahren) altersbedingt abmontierte. An dieser Stelle sei noch folgendes Zitat von Meyer erwähnt:

„In Köln haben sie vier Tage lang die Geschäftsstelle abgeschlossen und jede halbe Stunde eine Flasche Sekt entkorkt, als sie den Toni Polster für 1,8 Millionen Mark (= 0,9 Millionen Euro, Anm.) nach Gladbach verkauft hatten.“

Polster ließ seine aktive Karriere dann noch ein halbes Jahr lang per Leihe bei Austria Salzburg ausklingen, wo er jedoch in 12 Spielen nur zwei Tore erzielen konnte. Seine Nationalteamkarriere unter der Ägide von Otto Baric endete im gleichen Jahr, nach insgesamt 95 Spielen und 44 Toren, was ihn nach wie vor zum österreichischen Rekordteamtorschützen macht (Anm.: Marc Janko liegt mit 28 Toren auf Platz vier, seine Torquote ist sogar leicht besser als jene von Polster).

Zwischen 2000 und 2004 wurde es dann ruhig um Polster, er war im Marketingbereich von Mönchengladbach tätig und daher in den heimischen Medien weniger präsent als in den 15-20 Jahren zuvor. Anschließend wurde er Teammanager bei seinem Stammclub, der Austria aus Wien. Dort kam es zum ersten dunklen Kapitel seiner Karriere im Fußballbusiness. Nach nicht einmal einem halben Jahr wurde er nach Differenzen mit Big Spender Frank Stronach fristlos enlassen. Er selber sprach im Nachhinein davon, dass das Dienstverhältnis aufgelöst wurde.

„Von einer fristlosen Entlassung kann keine Rede sein, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen, gute Arbeit geleistet […] Ich hätte weitergemacht. Ich gehe erhobenen Hauptes, habe alles versucht. Unter dem Strich war ich zu wenig biegsam. Wir haben nicht zusammengepasst, aber ich möchte keine Schmutzwäsche waschen.“ 

Während der nachfolgenden vier Jahre wurde es (bis auf regelmäßigen Auftritten als Adabei in den Seitenblicken) erneut ruhig um Polster, bis er 2010 (medienwirksamer) Berater beim LASK aus Linz wurde. Zudem trainierte er die Amateurmannschaft und schaffte mit dieser auch umgehend den Aufstieg von der OÖ Liga (4. Spielklasse) in die Regionalliga Mitte. Um jedoch die Lizenz erhalten zu können, trennten sich die finanziell schwer angeschlagenen Linzer nach dem Aufstieg von (dem wohl nicht so schlecht verdienenden) Polster.

Ein halbes Jahr später übernahm Polster das Traineramt bei der Wiener Viktoria in der Oberliga A (5. Spielklasse). Nur wenige Wochen nach seiner dortigen Bestellung folgte er einen Einladung zu einer Sondersendung (sic) von Sport am Sonntag. Die Creme de la Creme der österreichischen Hawarapartie (u.a. Prohaska, Gregoritsch) diskutierte über die Bestellung von Nobody Marcel Koller zum ÖFB-Teamchef, bei der Polster (augenscheinlich unter der Einwirkung der Nachbesprechung einer Ligapartie der Wiener Viktoria) folgendes Statement von sich gab:

„Ja die Leute halten das für eine total unglückliche Entscheidung, sie sind total enttäuscht und frustriert .. zum Teil .. und ich kann das auch nachvollziehen, denn .. ich glaube nicht, dass es [die Bestellung von Marcel Koller zum Teamchef] eine glückliche Entscheidung war.“ 

Ohne über die Taktik, die Spielanlage oder das langfristige Konzept des Schweizer Trainers Bescheid zu wissen, wurde also ein spontaner hatchet job durchgeführt.

Beinahe fünf Jahre (die Ernennung folge am 1. November 2011), einen Punkteschnitt von 1.67/Partie (zum Vergleich: bei Prohaska lag dieser bei 1.65) und die erstmalige sportliche Qualifikation für eine Europameisterschaft 2016 in Frankreich später wirken diese Worte (und generell diese Sendung) komischer denn je. Marcel Koller hat eine Nationalmannschaft aufgebaut, auf die man wieder stolz sein konnte, die von 35.000 Menschen zum Spiel gegen Island nach Saint Denis begleitet wurde und Ausnahmeleistungen wie etwa beim 4-1 in Stockholm abgeliefert hat. Doch nach diesem kurzen Exkurs nun wieder zurück zu Anton Polster.

Zur Saison 2013/2014 wurde er bei der Admira zum neuen Cheftrainer bestellt. Dort wurde er bereits nach rekordverdächtigen drei Spielen (drei Niederlagen) und einem Torverhältnis von 2:11 entlassen. Das damalige Statement der Admira im Wortlaut:

„Aufgrund des unglücklichen Saisonstarts mit null Punkten in den ersten drei Runden, einer negativen Tordifferenz von 2:11 sowie diverser Auffassungsunterschiede hat der FC Admira Wacker Mödling den Entschluss gefasst Trainer Toni Polster mit sofortiger Wirkung zu beurlauben“

Wenn man als Verein von der Statur der Admira einen Trainer nach nur drei Partien entlässt, muss man zwangsweise das Gefühl haben, einen schweren Fehler gemacht zu haben. Polster seinerseits kommentierte seine Entlassung wie folgt:

„Es wäre schön, wenn ich ein bisschen mehr Zeit gehabt hätte. Hätte ich ein bisschen mehr Zeit gehabt, hätte ich die Admira gerettet [… ] Dass meine Tätigkeit schon nach sieben Wochen wieder zu Ende ist, macht mich traurig. Aber das muss ich akzeptieren. Es bringt nichts, wenn man Schmutzwäsche wäscht, das hilft niemandem weiter“

Detail am Rande – auch hier (wie schon bei der Entlassung bei der Austria) sprach Polster wieder davon, dass er „keine Schmutzwäsche waschen wolle“, als ob dies sonst Usus wäre. Warum er im Bezug auf die Admira schon nach drei von 36 Spieltagen von „Rettung“ sprach, sei an dieser Stelle ebenfalls fragend erwähnt. Seine Karriere als professioneller Trainer in Österreich (und wohl auch sonst wo) ist seit dieser Entlassung gescheitert.

Daraufhin folge eine Rückkehr zur Wiener Viktoria und eine Fokussierung auf seine „Expertenkolumne“ bei einer ÖSTERREICHischen Gratiszeitung. In dieser Rolle zeichnete er sich im Juli 2016 für den nächsten hatchet job verantwortlich. Die Bestellung von Christian Benbennek als Chefcoach bei der SV Ried kommentierte er wie folgt:

„Auf die Idee zu kommen, in der österreichischen Bundesliga einen Trainer zu holen, der in Deutschland in der 4. Liga gefeuert wurde und vorher nicht aufgefallen ist, muss man erst kommen. Was Sportdirektor Stefan Reiter da geritten hat, ist mir ein Rätsel.

Auf alle Fälle ist die Installierung von Christian Benbennek ein Schlag ins Gesicht der heimischen Trainer. Und für Ried ein Rückschritt. In Aachen, wo Benbennek zuletzt gearbeitet hatte, meuterten die Spieler, bis er die Papiere bekam. Und dieser Coach soll Ried auf Vordermann bringen? Ich sage: Reiter wird bald einen Canossa-Gang ins Burgenland antreten müssen, um Paul Gludovatz noch einmal zu überreden, Ried als Trainer zu übernehmen. „

In diesem Fall hatte Polster – wohl im Gegensatz zu Koller, den er aus seiner Zeit in Deutschland zumindest namentlich kannte – wohl nicht mal eine nackte Idee darüber, wer Christian Benbennek denn überhaupt sei. Die Info über Aachen wurde unreflektiert aus dem Internet (oder von einem Redakteur) übernommen – irgendeine ansatzweise Ahnung von Spielkonzept, Taktik oder Kaderplanung müssen an dieser Stelle nicht einmal erwähnt werden.

Benbennek & Reiter
Christian Benbennek (Trainer) und Stefan Reiter (Sportdirektor) im Gespräch. (c) OON/Daniel Scharinger

Die Retourkutsche von Stefan Reiter folgte postwendend, nur einen Tag später kommentierte er Polsters Kolumne in den Oberösterreichischen Nachrichten und sprach damit vielen Fußballfans aus der Seele bzw. brachte auf den Punkt, was die eigentliche Grundaussage dieses Blogartikels ist:

„Polster war ein großer Fußballer, der tolle Leistungen für Österreich erbracht hat, aber auf diesem Niveau macht er sich nur noch lächerlich […] Polster ist fachlich überhaupt nicht auf Augenhöhe, es ist eigentlich schade, dass er das nötig hat. Seine eher bescheidenen Erfolge als Trainer sprechen für sich.“

Nach 10 Spielen hält Ried bei 14 Punkten, einem gesicherten Platz im Mittelfeld, erzielte zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte vier Tore in einem Spiel gegen Rapid und schaffte sogar, die Viererkette im Innviertel wieder salonfähig zu machen. Es ist zwar nur eine Momentaufnahme, aber der Canossa-Gang ins Burgenland wird wohl bis auf Weiteres nicht stattfinden.

Doch zu guter Letzt noch ein Exkurs in Richtung Marcel Koller. Nach dem gestrigen 2-3 des Nationalteams in Serbien war Polster sogleich mit einem Statement zur Stelle, welche ich nachfolgend aus dem Video bei SkySportAustria transskribiert habe:

„Es wäre auf alle Fälle mehr drinnen gewesen, wenn wir .. diese .. äh .. Laufwege zurück gemacht hätten .. das haben sich einige Spieler erspart .. äh, die Mannschaft hat viel zu äh äh offensiv gespielt, viel zu offensiv, auch ihre jeweilige Position interpretiert .. unterm Strich haben wir dann in drei Spielen sechs Gegentore bekommen und das ist einfach zu viel wenn man zur WM fahren möchte.“

Somit wurde also gleich die erste Gelegenheit genutzt, um dem unbeliebten Trainer verbal eins auszuwischen. Toni Polster – der Spieler – wird für mich für immer ein Held bleiben. Vor Toni Polster –  dem Trainer und Menschen – habe ich jedoch schon längst keinen Respekt (mehr).

An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich ihn natürlich nicht persönlich kenne, daher muss ich anhand seiner Medienergüsse urteilen. Aber seine Kolumnen und Kommentare sind primär polemisch und untergriffig. Das macht ihn unsympathisch. Das hätte er nach einer verdienten Karriere als Spieler auch nicht notwendig. Kann man aber wohl nicht mehr ändern. Schade darum.