Und täglich grüßt das SVR-Murmeltier


Freitag, 22:20. Die 1-3 Heimniederlage gegen Wacker Innsbruck ist besiegelt. Die Mannschaft wird von den (verbleibenden) großteils wütenden Fans auf der Westtribüne ziemlich unfreundlich weggeschickt. Vor der Einfahrt zum VIP-Parkplatz kommt es (unter erheblicher Polizeipräsenz) zum Diskurs zwischen verärgerten Fans und später auch einzelnen Spielern sowie Manager Schiemer.

SVR Parkplatz Diskussion
Szenen nach Spielende vor der Einfahrt zm VIP-Parkplatz (c) Gerald Emprechtinger

Sieben Punkte Rückstand auf Wacker Innsbruck und der Rückfall auf den 4. Tabellenplatz machen aus der Ergebniskrise eine veritable Vereinskrise. Die unschöne Tabelle aus dem 3. Saisonviertel ist seit Freitagabend nochmals um ein Stück grauenhafter geworden.

via Formtabelle auf transfermarkt.at

Derzeit belegt man nur aufgrund der Sonderstellung (man kann es auch Sinnlosigkeit nennen) von Liefering noch den Relegationsplatz. Doch auch dieser könnte in zwei Wochen bei einer Niederlage in Hartberg (eine Mannschaft, gegen die man heuer noch sieglos ist) bereits Geschichte sein.

Kein Sieg während der letzten sechs Runden. Sieglos seit sieben Pflichtspielen. Ein negatives Torverhältnis und die drittwenigsten erzielten Tore. In diesem Zeitraum elf Punkte auf Wacker, vier Punkte auf Wiener Neustadt und auch zwei Punkte auf Hartberg verloren. Das ist für den selbsternannten Titelfavoriten einfach nur unwürdig. Durchhalteparolen (wie bereits letzte Saison) sind daher aktuell fehl am Platz. Eine knallharte Analyse der Ist-Situation sollte schon seit Wochen passiert sein.

Nach außen hin kann man dies jedoch nicht feststellen. Daher war es besonders konfus, als sich der Trainer nach dem Spiel gegen BW Linz den Interviewfragen von sky gestellt hat und von einem guten Spiel der Mannschaft gesprochen hat. Pardon my french, aber das ist blanke Realitätsverweigerung. Offenbar traut man dem gemeinen Fußballfan nicht zu, Spiele realistisch bewerten zu können. Denn auf gut innviertlerisch ist das ein totaler Hundskick, was die Jungs in schwarz-grün seit Wochen (bzw. eigentlich Monaten) aufführen.

Waren in der zweiten Halbzeit gegen Liefering sowie in der ersten Halbzeit gegen BW Linz noch Ansätze von Fußball zu erkennnen, so wurde gegen Wacker gleich ab der 1. Minute auf jegliches erkennbares Konzept verzichtet. Ein hoher Ball in die Spitze. Noch ein hoher Ball in die Spitze. Und noch ein hoher Ball in die Spitze. Was ist hier im Winter passiert, dass die Mannschaft offenbar nicht mehr weiß, wie man Fußball spielen kann?

Apropos Mannschaft – auch die Kaderplanung in der Winterpause muss an dieser Stelle kritisiert werden. Gabriel Lüchinger wurde an BW Linz verliehen (der dort ironischerweise aufblüht), obwohl Flavio Dos Santos seit nunmehr knapp vier Monaten in seiner kapverdischen Heimat fest sitzt. 25C° und Sonnenschein sind aber auch ein guter Grund, den österreichischen Boden zu meiden. Constantin Reiner war nach seinem Fehler gegen den FAC gestern erstmals nicht einmal mehr im Matchkader und Philipp Prosenik ähnelt von der Agilität her einer Bahnschranke, bzw. scheint primär eine Prestigeverpflichtung gewesen zu sein („Altach und Wolfsberg wollten den Spieler auch verpflichten“). Fairerweise kam er bislang aber auch nur sporadisch zum Einsatz und die Unform der Mannschaft macht eine Integration aktuell nicht gerade einfach.

Im Grunde entstammen die besten Neuverpflichtungen daher der eigenen Verletztenliste und tragen die Namen Thomas Reifeltshammer und Marcel Ziegl, auch wenn zweiterer bislang nur sporadisch zum Einsatz kam.

Die Verletztenliste ist ein gutes Stichwort, denn bei Verletzten werden Symptome erkannt und dementsprechend behandelt. Dies ist innerhalb der SVR jedoch noch nicht passiert und bringt mich zum derzeit stets wiederkehrenden Motto im Verein: Und täglich grüßt das Murmeltier. Besser gesagt verhalten sich die Spieler der SVR seit geraumer Zeit wie Murmeltiere auf dem Fußballplatz. Nachfolgend aufgelistet findet man alle vergebenen Führungen in der aktuellen Saison der sky Go Erste Liga:

Runde Gegner Führung Endstand Punkte
24. Runde Wacker Innsbruck 1-0 1-3 -3
23. Runde BW Linz 1-0 & 2-1 2-2 -2
22. Runde FC Liefering 1-0 1-1 -2
21. Runde FAC 1-0 1-1 -2
19. Runde Wiener Neustadt 2-0 2-2 -2
9. Runde Kapfenberg 1-0 1-2 -3
7. Runde Hartberg 2-0 2-2 -3
5. Runde BW Linz 1-0 1-1 -2
ÖFB Cup Rapid Wien 1-0 1-2 Out
  -19

Im Gegensatz dazu wurden nach Rückstand nur vier Punkte (3 gegen den FAC sowie 1 gegen Wacker Innsbruck) geholt, was eine Differenz von -15 Punkten (sowie das ÖFB-Cup-Out in Wien-Hütteldorf) ergibt.

Dies scheint erstaunlicherweise eine Spezialität des Trainers zu sein. Nach dem heutigen Spiel zwischen Wolfsburg und Schalke (0-1) wurde ich auf Twitter nämlich an Özgur Özdemir erinnert. Wie im letzten Frühjahr gegen den WAC schaffte es der Werksklub nämlich heute, einen Elfer zu vergeben und dann per Eigentor noch Punkte zu verlieren. Dies hat mich dazu bewogen, nochmals einen kurzen und schmerzhaften Blick zurück auf die vergangene Saison in der tipico Bundesliga zu werfen:

Runde Gegner Führung Endstand Punkte
34. Runde St. Pölten 1-0 1-1 -2
31. Runde RB Salzburg 1-0 1-1 -2
30. Runde WAC 1-0 1-1 -2
27. Runde Mattersburg 1-0 1-2 -3
-9

Mit einer komplett anderen Mannschaft und anderen Gegnern also das gleiche Problem. Die Fahrlässigkeit, vor allem gegen die direkten Gegner im Abstiegskampf, hat letztendlich den Abstieg besiegelt. Der verschossene Elfer von Didi Elsneg beim 0-1 in St. Pölten (beim Stand von 0:0) ist hier nicht einmal eingerechnet, sollte aber zumindest beiläufig erwähnt werden. Ihr stellt euch die Frage, wie viele Punkte unter Chabbi in der Bundesliga nach Rückstand geholt wurden? Zero.

Man sollte sich im Verein somit ganz klar die Frage stellen (bzw. schon lange gestellt haben), wieso man saisonübergreifend in 13 der letzten 37 Spiele (inkl. ÖFB-Pokal) eine Führung verschenkt hat und nur einmal nach Rückstand gewinnen konnte. Wenn sich diese Werte nur einigermaßen ausbalancieren, dann spräche man von Normalität, wenn ein Punkteverlust nach Führung aber in 35% aller Partien (also im Schnitt in jeder dritten Partie) passiert, dann ist dies mehr als bloßer Zufall und ein augenscheinliches Problem.

Ohne Psychologe zu sein, aber diese Mannschaft hat vermutlich ein mentales Problem. Mit einer Führung im Rücken sollte man im Normalfall befreiter und sicherer aufspielen können, aus welchem Grund auch immer passiert bei der SVR aber das exakte Gegenteil. Haarsträubende Konzentrationsfehler, welche unter anderem in dämlichen Elferfouls und last minute Gegentoren resultieren, bringen die Mission Wiederaufstieg in allerhöchste Gefahr. Man sollte dies auch intern mit der Mannschaft ansprechen, wenn notwendig auch mit einem Mentaltrainer. Auch die kolportierte Gruppenbildung und schlechte Grundstimmung im Kader (welche ich aus verschiedenen Quellen vernommen habe) wären ein Fall für einen Mediator, sollten sich diese unbestätigten Gerüchte bewahrheiten.

Nebenbei trägt die Antiform von Leistungsträgern wie Ilkay Durmus (der im Winter durch einen Replikant ohne Fußballfunktion ausgetauscht worden sein dürfte), Seifedin Chabbi (seit 6 Spielen ohne Tor) und  Thomas Fröschl (seit 6 Spielen ohne Tor) auch einen Teil zum Problem bei. In der Herbstsaison konnte man haarsträubende Defensivfehler oft durch die treffsichere Offensive kaschieren, was im Frühjahr nun einfach nicht mehr gelingt. Vielleicht ist der Kader auf manchen Positionen auch zu breit aufstellt (gestern agierte mit Haring und Reifeltshammer die vierte verschiedene Innenverteidigung im Frühjahr) und dieser Konkurrenzkampf scheint so manchen Spieler eher zu hemmen als zu motivieren.

Wie dem auch sei, dies sind nur Vermutungen. Fakt ist allerdings, dass man nur mehr 12 Runden Zeit hat, um das lecke Wikingerschiff wieder flott zu bekommen. Ansonsten könnte die Geschichte des knapp 106 Jahre alten Vereins am 25. Mai 2018 ihr trauriges Ende finden. Ob Lassaad Chabbi dies noch als Steuermann ausüben wird, werden die kommenden Tage zeigen und müssen andere Personen entscheiden.

Wichtig ist, dass permanente Schönrederei und verbale Realitätsfremdheit ihr Ende finden. Wir Fans vertragen die Wahrheit & realistische Einschätzungen von Punkteausbeute und spielerischer Note wären ein erster Weg zur Genesung des Patienten SVR. Doch Realismus ist nur die halbe Miete, auf Worte müssen nun primär Taten folgen. Am besten gleich mit einem überzeugenden Sieg in der Oststeiermark gegen Hartberg.

p.s. Ich wollte nach meinem spätnächtlichen Blogeintrag in der Vorwoche eigentlich so schnell nichts mehr schreiben. Die Entwicklungen der letzten Woche haben dieser Planung jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich würde wirklich viel lieber über Erfolge und Aufstiegseuphorie meines Vereins schreiben.

p.p.s. ist es eine der Lieblingsbeschäftigungen von Murmeltieren, sich Gruben zu graben. Auch deswegen ist die Analogie mit der momentanen Situation bei der SVR leider perfekt.

(c) martechtoday.com, all rights reserved

Autor: themanwho83

Zwischen Graz und Ried

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